MODUL GEIST: Das Zentrierende Gebet

Zehntausend Gelegenheiten zu Gott zurückzukehren

Neben dem Jesusgebet (oder auch Herzensgebet) gibt es noch das Zentrierende Gebet oder Gebet der Sammlung als christliche Form der Mediation.

In den 70er-Jahren griffen einige Trappistenmönche der St. Josephs-Abtei in Spencer, Massachusetts, auf verschiedene mystische Schriften, darunter den mittelalterlichen Klassiker aus dem 14. Jahrhundert „Die Wolke des Nichtwissens“, zurück und entwickelten daraus eine Praxis, die sie das „Centering Player“ – Zentrierendes Gebet- nannten. Anschließend hielten sie Vorträge, führten Seminare durch, schrieben Bücher und gründeten ein landesweites Netzwerk, „Contemplative Outreach“, um es unter die Leute zu bringen.

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Thomas Keating, Quelle: Christopher, Commons Wikimedia, Thomas_Keating_discussion_with_the_Dalai_Lama_Boston_2012.jpg

Der bekannteste Gründervater ist der Mönch und Abt Thomas Keating. Er war geistlicher Lehrer und Autor. Mit Ken Wilber stand er in regem Austausch. Anlässlich dessen Tod voriges Jahr im Oktober veröffentlichte Wilber seinen Abschiedsbrief, worin es unter anderem heißt: „You are still the holiest person that I have ever met“.

Für alle, die das Gebet der Sammlung noch überhaupt nicht kennen, lässt sich die ganze Methode mit vier Wörtern beschreiben: Wiederhole schweigend ein Wort. Alles andere ist Kommentar dazu – hilfreich, anregend, aber dennoch eben nur noch Kommentar. (Jens Söring, Wiederhole schweigend ein Wort: Wege zur inneren Freiheit, 2009)

Jens Söring sitzt seit über zwanzig Jahren in den USA im Gefängnis. Er ist angeklagt, einen Doppelmord an den Eltern seiner damaligen Freundin begangen zu haben, streitet das aber bis heute ab. Das Gebet der Sammlung hilft ihm, den Alltag im Gefängnis zu durchstehen. Er schreibt:

Von Antonius in Ägypten bis zu Thomas Keating in Spencer übten die christlichen Kontemplativen das schweigende innere Gebet im Rahmen abgeschirmter Ordensgemeinschaften […] Ich dagegen begann meinen Weg […] im strengeren der beiden Hochsicherheitsgefängnisse von Virginia, wo mir Mörder nachstellten, um mich zu vergewaltigen, und die Wächter fast jeden zweiten Tag Schüsse abgaben. So kann ich aus ureigener Erfahrung etwas bezeugen, was die Mönche und Nonnen in ihren Klöstern und Gemeinschaften in dieser Form nicht erlebt haben dürften: dass das kontemplative Gebet tatsächlich „den Frieden Gottes“ bringt, „der alles Verstehen übersteigt“ (Philipper 4,7)

Auf einem deutschsprachigen Flyer, den ihr von der Seite von „Contemplative Outreach“ (www.contemplativeoutreach.org) herunterladen könnt, findet sich eine Kurzanleitung:

  • 1. Wähle ein Heiliges Wort als Symbol deiner Intention, der Anwesenheit und Aktion Gottes in dir zuzustimmen.
  • 2. Bequem sitzend und mit geschlossen Augen sammle dich kurz und schweigend, führe das Heilige Wort ein als Symbol deiner Bejahung der Anwesenheit und Aktion Gottes in dir.
  • 3. Wenn du von deinen Gedanken abgelenkt wirst, kehre behutsam zum Heiligen Wort zurück.
  • 4. Am Ende der Gebetszeit verweile ein paar Minuten mit geschlossenen Augen in Stille.
  • Unter Gedanken fallen alle „körperliche Empfindungen, Gefühle, Vorstellungen und Reflexionen.“
  • Empfohlen werden zweimal am Tag 20 Minuten

Die Anleitung erinnert stark an die zum Ruhegebet, wie es von Peter Dyckhoff gelehrt wird, vermutlich, weil beide wesentlich durch Johannes Cassian inspiriert wurden.

Der Unterschied zum Beten mit einem Mantra liegt vor allem darin, dass zum Wort nur zurück gekehrt wird, wenn wir merken, dass unsere Aufmerksamkeit sich fokussiert hat (auf eine Idee, eine Erinnerung, ein Gefühl etc.). Die Intervalle zwischen dem heiligen Wort können also recht unterschiedlich lange sein und gehen damit NICHT im Atem- oder einem anderen Rhythmus. Da ich schon eine lange Zeit mit dem Jesusgebet vertraut bin, kann ich definitiv sagen: Es fühlt sich anders an.

Bezüglich des „heiligen Wortes“ gilt: Je kürzer, desto besser. Je weniger emotional, assoziativ besetzt, desto besser. Ich habe einfach Gott darum gebeten, mir ein Wort einzugeben und das, das irgendwann kam, war zweisilbig und völlig sinnfrei. Und genauso ist es perfekt – schließlich dient es nur als Symbol und Werkzeug.

Eine bekannte Lehrerin des Gebets, Cynthia Bourgeault, erzählt immer eine kleine Anekdote, die wunderbar den Kern des Gebets zum Ausdruck bringt. Während einem Seminar von Thomas Keating habe eine Nonne, die das Gebet das erste Mal ausprobiert habe, geklagt: „Oh, Vater Thomas, ich bin so eine Versagerin bei diesem Gebet. In zwanzig Minuten hatte ich zehntausend Gedanken!“ Und  Thomas Keating habe geantwortet:

„Wie wunderbar. Zehntausend Gelegenheiten zu Gott zurückzukehren.“

Und genau das ist der Kern: Gedanken sind kein Hindernis, sondern eine Gelegenheit, ihr Loslassen zu üben und damit Schritt für Schritt weniger an ihnen zu kleben. Immer wieder loslassen und zurückkehren. Loslassen und zurückkehren. Loslassen und zurückkehren. Loslassen… ihr kriegt, worum es geht.

Cynthia Bourgeault ist der Ansicht, dass das Christentum mit dem Gebet der Sammlung über eine Meditationsform verfügt, die wie keine andere dazu geeignet ist, in nonduales Bewusstsein zu führen. Was sie darunter versteht und welche Gründe sie dafür anbringt, erfahrt ihr im nächsten Artikel…

Unser Verständnis und Umgang mit der Bibel – heute, gestern und in Zukunft

Die Bibel als Buch wird immer unwichtiger, während das Leben mit und in Gott immer wichtiger wird

Das Verständnis der Bibel verändert sich: Im Laufe unseres Lebens und in der Geschichte der Menschheit. Das ist ein Fakt, der aus der Kirchengeschichte klar ersichtlich ist als auch bei einem einfachen Blick in unsere eigene Vergangenheit: Wie haben wir als Kind das Gleichnis vom verlorenen Sohn verstanden? Wie als Jugendliche? Wie heute?

Hier eine schematische Übersicht, wie sich der Umgang mit der Bibel im Lauf der Zeit verändert – als Orientierungsrahmen habe ich „Spiral Dynamics“ verwendet, weil dieser Umgang viel mit unseren eigenen Werten zu tun hat. Ich sage bewusst „Schema“. Es ist ein Modell, das hilfreich sein kann, doch wir müssen uns immer in Erinnerung rufen, dass es sich eher um „Wellen“ handelt, dass die Stufen nicht sauber abgrenzbar sind, ineinanderfließen und jeder Mensch je nach Situation zu verschiedenen Stufen tendiert.

Beige: Von einem Buch werde ich nicht satt, wenn ich gerade echten Hunger oder Durst habe. Oder glücklich, wenn mir körperliche Berührung fehlt. Zuerst müssen diese Bedürfnisse erfüllt sein. Doch wenn ich einen Unfall habe, freue ich mich über den Notfallseelsorger, der das „Vater unser“ oder den Psalm 23 mit mir betet.

Purpur: Als ein magisches Buch kann die Bibel mich vor Unheil schützen. Sie darf daher nicht verbrannt, weggeworfen (oder durch andere Bücher verdeckt) werden. Ein Schwur auf sie ist besonders machtvoll. Schlage ich sie spontan auf, werden ihre Sätze wie ein Orakelspruch für mich sein. (z.B. die alte Familien- oder Altarbibel)

Rot: Das Beten der sog. Feindpsalmen hilft dabei, Wut, Aggression und Zorn an Gott zu übergeben nach dem Motto „Vernichte meine Feinde!“ Beispiele vom „gerechten Zorn“ geben Kraft beim Kampf gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Allzu wörtlich genommen dienen ausgewählte Texte allerdings zur Rechtfertigung von Kreuzzügen, dem Kampf gegen Andersgläubige und der Verteidigung von Praktiken wie der Todesstrafe.

Blau: Die Bibel ist ein Gesetzesbuch und ihre Erzählungen historisch wahr. Am wichtigsten sind die Zehn Gebote und Gebote, die Jesus gab wie „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Diese Gesetze sind die Richtschnur für ein gutes und „richtiges“ Leben. Wer sie befolgt, wird im Jenseits (das nach dem Tod gedacht wird) mit dem Himmel belohnt. Wer sich nicht daran hält, den rächt Gott durch eine ewige Verdammnis in der Hölle. Eine leichte Abwandlung davon ist: Du musst das Gesetz nicht mehr erfüllen, sondern nur daran glauben, dass es Jesus für dich erfüllt hat. Glaubst du das nicht (oder weißt du nicht einmal davon) gleiche Konsequenz: ewige Höllenstrafe. Die Bibel wurde wortwörtlich von Gott diktiert oder zumindest in wesentlichen Teilen göttlich inspiriert. Es gibt nur eine richtige Interpretation, die es zu finden gilt (und der Pfarrer hilft dabei, wenn er rechtgläubig ist ;-)) Wer etwas nicht versteht, dann nur deshalb, weil Gott – und damit sein Wort – eben unbegreiflich ist.

Orange: Historisch-kritische Exegese. Die Bibel ist eine Sammlung zahlreicher religiöser Schriften von verschiedenen Autoren verschiedener Zeiten und Kontexte, die alle mit bedacht und erforscht werden müssen, wenn wir verstehen wollen, wie sie ursprünglich wohl einmal gemeint sind. Die biblischen Originalsprachen sind dabei wichtig, aber auch archäologisches Fachwissen, literarische Kenntnis von verschiedenen Genres etc. Im Extremfall verstehen wir alles als Legende oder bildhaft: Jesus ist nur auf dem Wasser gewandelt, weil… die Jünger einer optischen Täuschung unterlagen oder sie damit sagen wollten: Jesus konnte Dinge, die nur ein (Halb)Gott kann. Der Mythos wird nicht mehr wörtlich, sondern symbolisch verstanden. Doch Vorsicht! Wer es dabei übertreibt, schüttet das Kind mit dem Bad aus und es bleibt nur noch oberflächliches Blablabla übrig, das wir auch ohne Bibelgeschichte gewusst hätten.

Grün: Befreiungstheologische, kontextuelle, feministische, tiefenpsychologische Ansätze sind hier zu finden: Es gibt immer mehr verschiedene Methoden und Zugänge. Der eine sagt: In der Bibel ist wesentlich von Gerechtigkeit die Rede. Der andere: Es geht vor allem um Psychologie in Bildern. Und noch einer: Es geht primär um die Frage der eigenen Existenz. Während hier viele Wahrheiten entdeckt werden, wächst auch die Gefahr der Vereinnahmung von Texten für ein bestimmtes Thema. Der Text wird lebendig, indem er in Handlung überführt wird: Für den Kampf für die Menschenrechte. Für den Einsatz für Minderheiten, für Arme und Kranke. Für die Behandlung psychisch Kranker. Aber auch für die Bekräftigung vermeintlicher Wahrheiten in der Esoterik. Oder die sozialistische Revolution und und und.

Gelb: Habe ich hier versucht, in Ansätzen zu beschreiben. Der integral denkende Menschen ist zudem jederzeit frei, die Bibel von einer der vorhergehenden Stufen aus zu deuten – der einzige Unterschied liegt darin, dass er es bewusst statt unbewusst tut, weil er die verschiedenen Zugänge kennt und ihnen jeweils eine begrenzte Berechtigung zusprechen kann.

Türkis: Viele tiefen spirituellen Wahrheiten der Bibel haben sich durch eigene Gebetspraxis erschlossen und wurden immer wieder in der Begegnung mit Mitmenschen vertieft. Jetzt können eigene Visionen, geistliche Wahrheiten und Weisungen zu Papier gebracht werden: Die Bibel als Buch wird immer unwichtiger, während das Leben mit und in Gott immer wichtiger wird. Der sich seines Ursprungs und seiner Bestimmung vollbewusste Mystiker braucht keine Bibel mehr, er ist selbst zu einer wandelnden Bibel geworden, die mehr Menschen zum Glauben bringt als es das reine Lesen der Bibel je vermocht hätte.

 

Integral die Bibel lesen

Zeugnis und Beschleunigung der Entwicklung menschlichen Bewusstseins

Wie liest ein integraler Christ vermutlich die Bibel?

  • Zunächst wohl historisch-kritisch, der Aufklärung verpflichtet: Als eine Sammlung zahlreicher religiöser Schriften von verschiedenen Autoren verschiedener Zeiten und Kontexte. Dem Gedanken der menschlichen Freiheit verpflichtet, gehen wir davon aus, dass die Texte durchaus durch direkte Gotteserfahrungen oder -begegnungen inspiriert wurden, doch kein wortwörtliches Diktat eines höheren Wesens darstellen, dass dem Schreiber keine Wahl gelassen hätte, diese Erfahrungen auf ganz eigene, persönliche Weise zu verstehen und auszudrücken.
  • Weiter mit dem Bewusstsein, dass es viele mögliche angemessene und nicht die eine richtige Deutung für die Texte gibt.
  • Und schließlich: Mit dem Wissen um die Bewusstseinsstufen von Menschen und Kulturen, die diese Schriften beeinflusst haben. Mit Spiral Dynamics oder ähnlichen Modellen kommt – meinem Eindruck nach – eine völlig neue Dimension hinzu, die bisher in der Bibelauslegung zu wenig berücksichtigt wird.

Natürlich ist jedem, auch dem, der nicht mit der integralen Theorie oder der Bewusstseinsentwicklung des Menschen nicht vertraut ist, klar, dass es immer zwei Filter gibt, die unser Verstehen (jeglicher Texte) beeinflussen:

  1. Den Wahrnehmungsfilter derjenigen, die den Text ursprünglich verfasst haben
  2. Den Wahrnehmungsfilter derjenigen, die den Text heute lesen und zu verstehen suchen

Mit Wahrnehmungsfilter meine ich, dass jeder Mensch bewusst oder unbewusst ununterbrochen auswählt, was er wahrnimmt und wie er es wahrnimmt.

Jede Erfahrung wird durch das Vorverständnis desjenigen, der sie macht, wesentlich geprägt: Seine Persönlichkeit, seine Kultur, seine Vorerfahrungen, seine Art zu denken. Doch erst durch die moderne Entwicklungspsychologie sind wir uns über das Ausmaß bewusst geworden, in welchem sich das Denken verschiedener Menschen voneinander unterscheiden kann. Ein Mensch auf der Stufe Purpur (Code von Spiral Dynamics) kann die Erfahrung eines auf der Stufe Orange (auch bei bestem Willen!) nicht verstehen, nachvollziehen oder gar teilen, genauso umgekehrt. Nicht unbedingt, weil das eine komplexer oder simpler ist als das andere, sondern einfach, weil die Umgebungen und die Umstände, mit denen die Menschen zu tun haben, gänzlich andere sind. Unser Gehirn ist derart anders strukturiert, dass wir es nicht begreifen können, wie ein anderer Mensch so denken, fühlen und handeln kann.

Schauen wir uns das einmal konkret an einigen Beispielen aus der Bibel an:

Es ist völlig natürlich, wenn wir es befremdlich finden, dass Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollte, ein ganzes Volk um einen goldenen Stier tanzt oder einen Sündenbock in die Wüste schickt. So etwas macht hier einfach niemand mehr: Unsere Werte und unser Gottesverständnis ist im Allgemeinen ein anderes. Zwischen dieser Art der Religiosität und der unseren liegen einfach zu viele Stufen.

Wenn wir etwas als primitiv, anstößig oder problematisch empfinden, ist das ein Zeichen dafür, dass unsere eigene Religiosität den Schwerpunkt auf einer anderen Bewusstseinsstufe (Mem) hat. Und wenn uns etwas unglaubwürdig, abgefahren oder unerreichbar erscheint, (oder auch, wie im Falle von Jesus meistens geschehen, als unwiederholbar und einzigartig) könnte das also ein Hinweis darauf sein, dass wir es mit einer höheren Bewusstseinsstufe zu tun haben, die sich uns noch nicht erschlossen hat. Zum Beispiel fand und finde ich die Pfingstgeschichte immer noch seltsam: Wie können die Jünger in fremden Sprachen sprechen, die sie nie gelernt haben? Warum hören sie ein Sausen, warum sind sie wie betrunken – was passiert da? Den meisten Menschen, mit denen ich darüber gesprochen habe, geht es ähnlich. Doch Menschen, die bereits selbst ähnliches erlebt haben, z.B. in einer charismatischen Gemeinde, verstehen solche Texte plötzlich gänzlich neu. Andere Beispiele wären die Verklärung Jesu, die Auferweckung des Lazarus oder Jesu Worte am Ende des Markusevangeliums (Mk 16,17f.):

In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben; sie werden in neuen Sprachen sprechen; wenn sie Schlangen anfassen oder ein tödliches Gift trinken, wird ihnen das nicht schaden; Kranke, denen sie die Hände auflegen, werden gesund werden.

Ein Mystiker oder Heiler, der über eine oder mehrere dieser Gaben verfügt, wird den Text anders lesen als jemand, der keinen Zugang zu derlei Fähigkeiten hat. Und ein Mensch, der bereits eine Erfahrung des Einsseins mit Gott gemacht hat, versteht die Worte: „Ich und der Vater sind eins“ ebenfalls anders und neu.

Ohne eigene spirituelle Praxis und persönliche Kenntnis tieferer Bewusstseinszustände verlieren viele hochprofessionelle Bibelübersetzer und Exegeten das Gespür für die entscheidende mystische Tiefendimension der biblischen Texte.

(Marion Küstenmacher, Integrales Christentum, S. 279)

Wie gehen wir mit diesen Erkenntnissen um?

Zunächst lassen sie uns die Texte mit anderen Augen lesen:

  • Wir finden überall Stufen verschiedener Bewusstseinsstufen. Ja, jeder Text enthält verschiedene Schichten und Anknüpfungspunkte für jede Stufe: Deshalb können ein kleines Kind und eine alte Oma demselben Text jeweils etwas unterschiedliches abgewinnen. Und das ist doch toll so!
  • Wir werden sensibler gegenüber den Reaktionen, die ein Text in uns auslöst: Widerstand, Abscheu, Staunen oder Wut. Aus: „Wie kann so ein Satz nur in der Bibel stehen?“ wird zunächst neutral zu: „Dieser Satz zeugt von dieser oder jenen Stufe, die in diesem oder jenem Kontext angemessen war.“
  • Wir können fragen: Welche Sehnsucht steht hinter diesem Satz, dieser Erzählung? Welches Weltbild? Welche Werte? Gibt es dennoch eine Erkenntnis, die mir der Text vermitteln kann?
  • Ohne eigene authentische Gotteserfahrungen bleibt die Bibel ein durch und durch unverständliches und anstößiges Buch. Aus unsrer Erfahrung in Kontemplation und Aktion lesen wir die Bibel dagegen mit immer tiefer gehendem Verständnis.

Manchmal kann die Erkenntnis einfach sein: „Wie gut, dass ich heute anders denken kann und mir einige Worte Jesu dabei geholfen haben, das zu tun. Z.B. Jesus hat mir die Idee der Feindesliebe eingegeben und deshalb sind mir Erzählungen von Krieg und Gemetzel zuwider. Aber ich verstehe, dass der Autor in Umständen gelebt hat, in denen es primär um das Überleben des Stärkeren ging und dabei waren ihm seine Vorstellungen (zeitlich begrenzt) hilfreich.“

Wir können heute einfach nicht mehr annehmen, dass jedes Wort der Bibel von „Gott“ inspiriert worden ist. Im Buch Josua lesen wir, dass Gott befahl alle Menschen, auch alle Kinder, umzubringen. Die Autoren, die das schrieben, dachten sich von „Gott“ inspiriert, wir aber nicht mehr.

Wir müssen verstehen, dass die Geschichte der hebräischen Schriften, die Geschichte der Nachkommen Abrams, die Geschichte eines sich entwickelten Bewusstseins ist. Hier entwickelte sich etwas über viele Stufen. Manchmal gab es große Sprünge, meistens aber ging es sehr langsam voran.

(Markus Roll, deutscher integraler Theologe aus Berlin, https://www.santablacksheep.com/shop/)

Meine These ist:

Die Bibel ist eines der faszinierendsten Zeugnisse menschlicher Bewusstseinsentwicklung überhaupt – und gleichzeitig beschleunigte sie bei denen, die sie lasen, deren Bewusstseinsentwicklung.

Was meint ihr?

„Ihr seid Götter!“

Die uns eigene zeitlose und raumlose Innerlichkeit ist niemand anderer als Gott.

Allen Lesern meines Blogs wünsche ich ein gesegnetes frohes neues Jahr! Es freut mich, dass der Blog im vergangenen Jahr gut angelaufen ist und ich bin gespannt, wie er sich in diesem Jahr weiter entwickeln wird – allen, die meine Artikel lesen und fleißig teilen, herzlichen Dank dafür!

Heute möchte ich euch zu Beginn des Jahres etwas mitgeben, was für den einen oder anderen ein alter Hut sein mag, sich für mich aber vor kurzem noch einmal in gänzlich neuer Tiefe und Intensität erschlossen hat: In einem abendlichen Adventgottesdienst, während dem Singen in der von Kerzen erleuchteten Dunkelheit, da war sie plötzlich da, eine neue, unerschütterliche Gewissheit, eine Art Mini-Erleuchtung, die mich nie wieder ganz verlassen wird.

Iсh erinnerte mich an einen Satz, den ich neulich bei Jim Marion gelesen und auf Anhieb geliebt habe. Jim Marion knüpft darin zunächst an eine Erfahrung an, die wir Menschen alle mehr oder weniger gut kennen: Dass ein Teil von uns, während wir aufwachsen und älter werden und unsere Erfahrungen machen, immer gleich zu bleiben scheint. Dieser Teil bleibt völlig unabhängig davon, was wir im Spiegel sehen, er bleibt auch eigentümlich unberührt davon, wenn wir auf einer anderen Ebene heftige Emotionen erleben wie Wut, Angst oder Schmerz, ja er scheint geradezu unfähig dazu, diese zu empfinden.

Dieser Teil von uns scheint zeitlos (und es ist auch tatsächlich). Er scheint auch raumlos (und ist es auch tatsächlich), da er sich nicht im Geringsten verändert hat, auch wenn wir jetzt in Kalifornien leben, unsere Kindheit dagegen in Illinois verbracht haben. Diese uns eigene zeitlose und raumlose Innerlichkeit (die der zeit- und raumlosen Innerlichkeit in allen anderen Menschen entspricht), ist niemand anderer als Gott.

(Jim Marion, Der Weg zum Christusbewusstsein, S. 192)

Und plötzlich – bang! – war Gott überall, in mir, in den anderen, im Fenster, in der Musik. Es ist so einfach und taucht doch alles in neues Licht, wenn es tief einsickert in uns.

Ich und viele andere integrale Christen glauben, dass Jesus aus einem tiefen Bewusstsein heraus gelebt hat, dass sein Wesenskern und Gott identisch sind.

Jesus sollte mit dem Tode bestraft werden, weil er sich selbst göttlich nannte:

Da hoben die Anwesenden wieder Steine auf, um ihn zu steinigen. Jesus hielt ihnen entgegen: »Ich habe im Auftrag des Vaters vor euren Augen viele gute Taten vollbracht. Für welche dieser Taten wollt ihr mich steinigen?« Die Juden antworteten ihm: »Wir steinigen dich nicht wegen einer guten Tat, sondern wegen Gotteslästerung: Du bist ein Mensch und gibst dich selbst als Gott aus.«

Jesus antwortete ihnen: »Steht nicht sogar in eurem Gesetz: ›Ich habe gesagt: Ihr seid Götter‹? (zitiert wörtlich Psalm 82,6)

Das Gesetz nennt also diejenigen Götter, an die Gott sein Wort richtete. Und die Heilige Schrift darf man ja nicht aufheben! Der Vater hat mich zu seinem Vertreter gemacht und in diese Welt geschickt. Wie könnt ihr mir Gotteslästerung vorwerfen, wenn ich sage: ›Ich bin der Sohn Gottes? Wenn das, was ich tue, nicht das Werk meines Vaters ist, dann braucht ihr mir nicht zu glauben. Wenn ich aber solche Taten vollbringe, dann glaubt wenigstens ihnen, wenn ihr mir schon nicht glauben wollt. An diesen Taten sollt ihr erkennen und immer sicherer werden: Der Vater ist in mir gegenwärtig und ich bin im Vater gegenwärtig.« Da versuchten die Anwesenden erneut, ihn festzunehmen. Aber er konnte ihnen entkommen.

(Johannes 10, Basis Bibel, www.die-bibel.de)

Jesus wusste: Ich bin Gottes Sohn. Doch er behauptete an keiner Stelle, dass er der einzige Sohn Gottes war. Indem kirchliche Lehre Jesus zum einzigen Sohn Gottes erklärt, verhindert sie bis heute erfolgreich, dass andere ihre Sohn- und Tochterschaft im vollen Sinne erkennen können. Auch wenn Menschen es ahnen, spüren, glauben – es darf ja nicht sein! Jesus ist immer irgendwie „mehr Gott“ als andere, der „einzig geborene Sohn“. Das geht so weit, dass manche bis heute an der Idee festhalten, Gott sei „männlich“, da er sich ja in einem Mann geoffenbart hat – wie wenn Gott da irgendwo hoch droben ein eindeutiges biologisches Geschlechtsmerkmal hätte 😉

Wir glauben irrtümlicherweise, dass Jesus – und nur Jesus – Gottes Sohn war und dass alle anderen Menschen darum geringer als Jesu sind. (Jim Marion, S.202)

Dem ist nicht so! Ja, als Persönlichkeit ist Jesus einzigartig: Nur er konnte das tun, was er getan hat und nur er hat es getan. Doch wir alle haben dieselbe menschlich-göttliche Natur, denselben Wesenskern, diese raum- und zeitlose Innerlichkeit. Durch JEDEN MENSCHEN FLIESST GOTTES ATEM GLEICHERMASSEN. Und jeder hat darin seinen Platz, seine Berufung, seine Funktion, seinen Sinn. Nur weil wir außerhalb von Raum und Zeit so untrennbar miteinander verbunden sind, kann Jesus überhaupt auf unsere Seele, unseren Wesenskern, Einfluss haben und uns erlösen – von den zahlreichen Verstrickungen in der Raumzeit. Und nur indem wir diese Verbundenheit erkennen, werden wir fähig dazu, jeden Menschen bedingungslos zu lieben.

In den orthodoxen Kirchen ist dieser Irrtum übrigens weit weniger ausgeprägt, da die „Vergöttlichung (Theosis)“ direkt angestrebt wird. Mir scheint bis heute, dass sie da irgendwie wesentlich mehr verstanden oder bewahrt haben…

Ich glaube nicht, dass Jesus uns klein machen wollte oder uns minderwertig fühlen lassen. Er hätte vermutlich kein Problem damit gehabt, wenn Petrus genauso auf dem Wasser gewandelt wäre wie er oder seine Jünger so viele Kranken geheilt hätten wie er – ganz im Gegenteil, er hätte sich gefreut. Sonst hätte er doch nicht folgendes gesagt:

Der Vater ist immer in mir gegenwärtig. Er vollbringt seine Taten durch mich. Glaubt mir: Ich bin im Vater gegenwärtig und der Vater ist in mir gegenwärtig. Wenn ihr das so nicht glauben könnt, dann glaubt es wenigstens wegen der Taten. Amen, amen, das sage ich euch: Wer mir (Änderung d.Verf.) glaubt, wird genau solche Taten vollbringen, wie ich sie vollbringe. Ja, er wird sogar noch größere Taten vollbringen, als ich sie vollbracht habe.

(Johannes 14, Basis Bibel, http://www.die-bibel.de)

Es ist unsere schöne und herausfordernde Aufgabe, die Göttlichkeit in uns und anderen Menschen zu erkennen und zu feiern. Aus welchem Grund sonst hätte Jesus sagen können: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25), wenn nicht aus diesem, dass wir im tiefsten Inneren eins sind, dass in unserer Innerlichkeit wir alle mit Gott selbst zusammenfallen.

Jim Marion – Christusbewusstsein

„Das erste Buch, das in aller Klarheit den gesamten spirituellen Weg des Christentums beschreibt“

Heute will ich euch das Buch „Der Weg zum Christusbewusstsein. Eine Landkarte für spirituelles Wachstum in die Tiefe der Seele“ von Jim Marion vorstellen.

Auf dem Buchrücken heißt es:

Gestützt auf das Werk des bekannten Bewusstseinsforschers Ken Wilber – der das Vorwort zu diesem Buch geschrieben hat – und auf das Modell der stufenweisen Bewusstseinsentwicklung, zeichnet der Verfasser unter Berücksichtigung der neuesten Erkenntnisse auf dem Gebiet der Psychologie, der auch des Neuen Testaments und so bedeutender christlicher Mystiker wie Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz eine Karte, die uns Schritt für Schritt zu dem Bewusstsein hinführt, das Jesus als das Reich Gottes bezeichnete – zur höchsten Stufe der spirituellen Entwicklung des Menschen.

Er selbst bezeichnet es in der Einführung als

das erste Buch, das in aller Klarheit den gesamten spirituellen Weg des Christentums beschreibt. (S. 15)

Ken Wilber stimmt dem in seinem Vorwort zu und erklärt, was es damit auf sich hat:

Das klingt zunächst recht grandios […] ist […] jedoch weit weniger grandios, als [es] klingt. Denn mit dem „gesamten Weg“ meint Jim Marion einen Weg, der nicht nur die grundlegenden Stufen spiritueller Entwicklung umfasst, die von den großen Weisen und Heiligen so unübertrefflich beschrieben wurden, sondern auch die psychologischen Entwicklungsstufen, die erst kürzlich von modernen Entwicklungspsychologen {wie Jean Piaget, Jane Loevinger, Robert Kenan, Lawrence Kohlberg und Carol Giligan) entdeckt wurden. Ein wirklich vollständiger Weg würde [diese Stufen, Erg.] miteinander verbinden. (S. 13)

Die Verknüpfung der Stufen und deren Bezeichnung übernimmt Jim Marion eins zu eins von Ken Wilber. Was sein Buch eigentlich erst originell macht, ist die Verknüpfung mit seiner extrem offen geschilderten Erzählung seiner eigenen spirituellen Biografie.

Jim Marion trat mit fünfzehn Jahren in ein katholisches Kloster ein, das er siebeneinhalb Jahre später wieder verließ. Danach machte er Karriere als Jurist. Lange Zeit rang er mit seiner Homosexualität, bis er schließlich seinen Frieden damit fand.

Die Kern-Thesen seines Buches sind:

  1. Jesus habe mit seiner Rede vom „Reich Gottes“ die höchste Stufe der spirituellen Entwicklung des Menschen gemeint – keinen Ort. Das Ziel eines jeden Menschen sei es, dieses Bewusstsein zu erlangen und so im Reich Gottes zu leben. In diesem wird keine Trennung mehr zwischen Gott und Mensch und zwischen Mensch und Mensch wahrgenommen.

Für Jesus und Mutter Teresa war die nicht-duale Schau dieser Welt keine Frage der Phantasie. Sie taten nicht nur so, als ob es zwischen ihnen und Gott oder zwischen ihnen und anderen Menschen keinerlei Trennung gäbe. […] In Wahrheit war es ihnen nicht möglich, auf andere Weise zu sehen

2. Die Kirche oder vielmehr die Menschen, aus der diese besteht, haben das bis heute häufig falsch gelehrt, weil sie noch nicht die Entwicklungsstufe erreicht haben, auf der sie fähig sind, diese Wahrheit zu erkennen. Jede Religion neige deshalb nach dem Tod ihrer Gründer zu einem Rückschritt.

Sie verstehen und interpretieren diese Mystiker immerzu falsch, weil die Stufe ihres eigenen spirituellen Bewusstseins noch nicht hoch genug ist, um erkennen zu können, wovon die Mystiker sprechen.

3. Jesus selbst habe vor zwei Problemen gestanden: Erstens übersteige das nonduale Bewusstsein den Verstand des Menschen und lasse sich deshalb mit Worten nicht hinreichend ausdrücken. Zweitens konnte nur derjenige Jesus richtig verstehen, der sich bereits selbst auf einer höheren Bewusstseinsstufe befand.

Selbst wenn die Schau des Reiches Gottes durch eine poetische oder metaphorische Sprache klar zum Ausdruck gebracht wird, können die Zuhörer oder Leser sie dennoch nur dann wirklich verstehen, wenn auch sie dieses nicht-duale Bewusstsein bereits verwirklicht haben.

4. Auf dem Weg zu diesem Ziel durchlaufe jeder Mensch einen Entwicklungspfad mit insgesamt neun Bewusstseinsstufen:

  1.  Archaisch
  2. Magisch
  3. Mythisch
  4. Rational
  5. Schau-Logik
  6. Medial
  7. Subtil
  8. Kausal
  9.  Non-Dual

5. In der Beschreibung dieser Stufen lehnt er sich eng an die Terminologie von Ken Wilber in dessen Eros, Logos, Kosmos an. Die ersten fünf Stufen stammen u.a. aus der Forschung zur kognitiven Entwicklung von Jean Piaget und den Kulturstudien von Jean Gebser. Die darauf folgenden noch höheren Stufen werden von Mystikern aller Traditionen beschrieben. Wenn euch das näher interessiert, werde ich sie hier demnächst ausführlich schildern.

6. Um den Übergang zum subtilen und schließlich kausalen Bewusstsein (auch Christusbewusstsein) zu beschreiben, bedient er sich Schilderungen aus der christlichen Tradition. Die „Dunkle Nacht der Sinne“ führt in das subtile Bewusstsein hinein, die „Dunklen Nacht der Seele“ schließlich in das Christusbewusstsein, die kausale Stufe. Diese bezeichnen äußerst schwierige Lebensphasen im Anschluss an eine intensive Meditation- und Gebetspraxis, in denen alte negative Emotionen und Neurosen frei werden.

Für mich war es das traumatischste Ereignis in meinem Leben. Das Entsetzen ist unbeschreiblich. 

7. Weil nicht jeder/kein Mensch in der Lage ist, innerhalb eines Lebens die neun Stufen des Bewusstseins zu durchlaufen, gäbe es die Reinkarnation.

Wer in diesem Leben die nicht-duale Bewusstseinsstufe nicht erreicht, muss in der Regel auf diesen oder auf einen anderen stofflichen Planeten zurückkehren, bis es ihm gelingt.

8. Jesus Christus sei als einziger Mensch bereits mit dem nondualen Bewusstsein zur Welt gekommen. Durch seinen Tod und seine Auferstehung habe er ein Sinnbild geliefert für den spirituellen Weg durch die dunkle Nacht der Seele hin zum nondualen Bewusstsein.

9. Für unseren eigenen Weg empfiehlt er eine konsequente, regelmäßige Praxis wie es die integrale Lebenspraxis sei.

10. Religion habe nur eine wesentliche Aufgabe, auf die sie sich zurück besinnen solle.

Die einzig grundlegende Aufgabe der Religion besteht darin, die Entwicklung des Bewusstseins zu beschleunigen.

Fragen, die mir bei der Lektüre spontan kamen, waren unter anderem:

  1. Der Autor scheint von der Praxis/Übungen christlicher Mystik (Jesus-Gebet, Herzensgebet, Sammlungsgebet etc.) äußerst wenig Kenntnisse zu besitzen und das im Jahr 2000. Sind diese immer noch derart unbekannt?
  2. Der Autor fügt im Anschluss an Ken Wilber die ersten fünf der kognitiven Entwicklung mit den letzteren vier der spirituellen Entwicklung zu neun Stufen zusammen. Diese Zusammenfügung ist eine spannende Idee und offensichtlich mit den Erfahrungen von Jim Marion kompatibel, aber derzeit wissenschaftlich nicht belegbar. Für den Bewusstseinsforscher Graves waren die Bewusstseinsstufen nach oben hin offen, da in der Zukunft liegend. Ist also des Rätsels Lösung, dass wir Jesus und andere Mystiker als Menschen der Zukunft verstehen, die uns vorgelebt haben, wie es mit der Menschheit als Ganzem weitergeht?
  3. Themen der heutigen Esoterik-Literatur, sind offenbar Themen der medialen Bewusstseinsstufe: Aura lesen, Channeling, Klarfühligkeit, Klarhörigkeit, Klarsichtigkeit etc. Ist das starke Interesse an Esoterik also eher als ein positives Zeichen zu werten, das davon zeugt, dass bereits viele Menschen sich dieser Ebene annähern (wollen)? Wie verhält sich das dann aber zu der Einschätzung von Spiral Dynamics, dass derzeit nur wenige Prozent der Menschheit die integrale Bewusstseinsstufe erklommen haben?
  4. Bei der Rede von der medialen Bewusstseinsstufe tauchen plötzlich wieder Engel, Luzifer, Dämonen etc. auf – wie lässt sich diese Rede von der auf einer prärationalen Stufe unterscheiden?

Ein wunderbares Interview von Janet Conner mit Jim Marion über sein Buch „Der Weg zum Christusbewusstsein“ und die Rolle, die Ken Wilber dabei gespielt hat, könnt ihr euch hier (auf Englisch) anhören:

https://www.unityonlineradio.org/soul-directed-life/jim-marion-author-putting-mind-christ-and-death-mythic-god

Evolutionäre Spiritualität

Die menschliche Geschichte ist die Fortsetzung der biologischen Evolution. In und durch uns entwickelt sich das Universum weiter: Diese Richtung hängt von uns ab.

Die sog. evolutionäre Spiritualität führt zwei Dinge zusammen, die viele für unvereinbar halten.

In Umfragen stimmen viele der Aussage „Wissenschaft macht Religion in meinem Leben überflüssig“ zu. Gleichzeitig bestreitet mehr als ein Drittel der Deutschen die Evolutionstheorie. (Daten von http://www.fowid.de)

In meinem Leben haben beide Themen immer eine große Rolle gespielt. Und auch ich glaubte lange, dass ich eines von beidem zugunsten des anderen aufgeben müsste.

Als ich zehn war, hatte ich mir während einer Exkursion ins Naturkundemuseum von meinem Taschengeld eine Broschüre zum Thema „Entstehung der Arten“ gekauft, anschließend deren Inhalte verinnerlicht und beschlossen: Ich wollte Biologin und Evolutionsforscherin werden.

In der neunten Klasse machte ich mich zur Außenseiterin, indem ich die These vertrat, dass wir, da wir von den Affen abstammen, biologisch gesehen Tiere sind. Einstimmige Meinung der Klasse (naturwissenschaftlicher Zug) war damals, dass Menschen keine Tiere seien und wir von Adam und Eva abstammen. Mich nannten sie natürlich – wie auch sonst – „Affe.“ (Und ausgerechnet ich habe dann Theologie studiert 😉 🙂

Ich liebe die Evolutionstheorie immer noch. Ich finde es immer noch spannend, dass auf dieser Erde früher einmal riesige und winzige Dinosaurier herum hüpften und es noch keine Menschen gab, die all das hätten beobachten können.

„Evolution“ ist ein grundlegender Begriff innerhalb der integralen Theorie. Ken Wilbers bahnbrechendes Werk „Sex, Ecology, Spirituality“ von 1995 verbindet bereits im Titel beide Themen.

Der wohl wichtigste Begriff bei Ken Wilber ist Evolution bzw. Entwicklung. Vom Urknall ausgehend, hat sich unser Universum zu immer komplexeren und gleichzeitig bewußteren Strukturen entwickelt. Die Zunahme von Komplexität und Bewusstheit scheint – unabhängig von einigen Sackgassen – ein Gesetz der Evolution zu sein. Diese Entwicklung erfolgt Wilber zufolge nicht ungerichtet und quantitativ, sondern gerichtet und über qualitativ deutlich voneinander unterscheidbaren „Entwicklungsebenen.“

(Weinreich, Integrale Psychotherapie, S. 2)

Der Gedanke, dass die Welt und der Geist sich in einem gigantischen Entwicklungsprozess befindet, wurde bereits von den idealistischen Philosophen Hegel und Schelling vertreten und ausführlich beschrieben, bevor die Biologen Lamarck und Darwin ihre Theorien zur Entwicklung des Lebens auf unserer Erde vorlegten und damit einer materialistischen Weltanschauung den Weg bereiteten.

Denn es gab einen kleinen, aber feinen Unterschied, der sich auswirkte:

Die Philosophien der Idealisten nahmen an, dass die Entwicklung des Lebens und des menschlichen Geistes eine Richtung hat und ein Ziel anstrebt. Die Thesen Darwins zur natürlichen Auslese (und die heutige Weiterentwicklung davon) erwecken jedoch den Anschein, als gäbe es gerade das nicht: Ein bestimmtes Ziel. Alles scheint dem puren Zufall anheim gegeben, auch das menschliche Bewusstsein.

Gerade deshalb kam es zu einer starken Ablehnung der biologischen Evolutionstheorie, die bis heute reicht. Für manche traditionellen oder fundamentalistischen Christen reicht allein die Erwähnung des Begriffs „Evolution“, um Aggression und Gegenangriffe zu ernten. Weltweit sind der Kreatonismus (Gott hat alles genauso geschaffen, wie es heute ist) und Intelligent Design (Ein Schöpfer ist bei der Evolution beständig mit am Werk) die bekannten Alternativen.

Die Alternativen tendieren dazu, die Biologie und ihre Forschung nicht ernst zu nehmen oder völlig auszublenden.

Auf der anderen Seite stehen die Biologen, die damit ringen, ihr altes Gottesbild gehen zu lassen. Berühmtes Beispiel ist Jaques Monod, der in Zufall und Notwendigkeit folgendes Fazit aus seinen Forschungen in der Biologie zieht:

Wenn er [der Mensch] diese Botschaft in ihrer Bedeutung aufnimmt, dann muß [er] endlich aus seinem tausendjährigen Traum erwachen und seine totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit erkennen. Er weiß nun, daß er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.

Jaques Monod

Wenn wir nun aber das feste Bestreben haben, die Ergebnisse der Naturwissenschaft ernst zu nehmen und gleichzeitig unsere Spiritualität nicht preisgeben wollen, was dann?

Dann müssen wir zunächst die Theorie einer genaueren und völlig unvoreingenommenen Betrachtung unterziehen. Genau das haben Ken Wilber und Steve McIntosh und viele andere Denker bereits gemacht.

Muss die Akzeptanz der Evolutionslehre wirklich bedeuten, dass wir in einer sinnentleerten, absurden Welt leben?

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:McIntosh72Wiki.jpg

Steve McIntosh betont, dass es bei der integralen Theorie nicht darum ginge, den Erkenntnissen der Naturwissenschaft zu widersprechen, sondern auf deren Wissen aufzubauen. Wenn einige Wissenschaftler aus ihrer Forschung den Schluss zögen, dass die Evolution völlig sinnlos und richtungslos sei, und es keinerlei Fortschritt gäbe, überschreite die Wissenschaft ihren Bereich: Sie kann diese Sinnlosigkeit nicht mit ihren Methoden beweisen.

Was durch die Evolutionsforschung erkennbar wird:

  • Alles wird zunehmend komplexer.
  • Alles strebt, während es sich ausdifferenziert, nach einer immer größer werdenden Einheit. Der Mensch stellt so eine komplexe große Einheit dar, die wiederum viele komplexe Systeme als Untereinheiten (z.B. Organe, Zellen) in sich beherbergt.
  • Alles strebt zu immer größerer Bewusstheit. Der Mensch stellt durch seine Selbstbewusstwerdung eine weitere wichtige Etappe der Evolution dar: Von der „Biosphäre“ zur „Noosphäre“.

Im Anschluss an Teilhard de Chardin unterscheiden Ken Wilber und Steve McIntosh zwischen der Physiosphäre, der Biosphäre und der Noosphäre: Unbelebte Materie, Leben, bewusstes Leben.

Dadurch, dass der Mensch zur Selbstreflexion fähig wurde, also über sich selbst und sein Denken nachzudenken, wurde eine neue Art und Weise der Evolution möglich. Das menschliche Gehirn hat sich kaum mehr verändert, während sich das menschliche Bewusstsein und mit ihm die menschliche Kultur in rasantem Tempo weiterentwickelt hat. Heute sind wir maßgebliche Mitgestalter der Evolution, indem wir unseren Grad an Bewusstheit erhöhen und uns, anstatt uns rein an unsere Umgebung anzupassen, diese aktiv so gestalten, dass sie unsere jeweiligen Idealen nahe kommt. Spätestens jetzt ist sie kein Zufall mehr, sondern wesentlich durch uns Menschen mitbestimmt.

Doch auch davor erfolgte die Evolution für Steve McIntosh nicht blind und richtungslos, sondern wurde bereits durch eine Art Eros von der Zukunft her mitbestimmt. Nicht im Sinne einer bereits im Vorhinein festgelegten Ordnung, sondern durch die Anziehungskraft der absoluten Idee des Guten, Wahren und Schönen. Für ihn ist

universe is not a purposeless accident and […] evolution is definitely going somewhere. (das Universum kein sinnloser Unfall und geht definitiv in eine bestimmte Richtung.) 

Steve McIntosh, Integral Consciousness, S. 214
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Alfred_North_Whitehead._Photograph._Wellcome_V0027330_(cropped).jpg

Er knüpft damit an die Gedanken von Alfred North Whitehead, dem Gründer der Prozessphilosophie, an. Dieser war ein maßgeblicher Vordenker der integralen Theologie. Sein Gott ist sowohl außerhalb als auch innerhalb der Welt. Und als Gott innerhalb der Welt ist er wie alles am Werden, im Prozess. Er wirkt nicht durch Gewalt auf die Welt ein, sondern durch sanfte Überredung durch Liebe (gentle persuasion through love). Durch die Annäherung an das Gute, das Wahre und das Schöne strebt die Welt immer größerer Perfektion entgegen.

Auch bei Ken Wilber ist das Weltganze als eine beständige dialektisch fortschreitende Entwicklung und Integration zu einer immer größer werdenden Einheit gedacht: Eine Spirale, die immer größere konzentrische Kreise formt. Diese Entwicklung kommt – da sie sich in Raum und Zeit ereignet – nie an ein Ziel. Die Himmelsleiter zum Göttlichen, zur endgültigen Perfektion und Vollendung, reicht über eine unendlich große Anzahl Stufen in den Himmel. Sie nähert sich dem Göttlichen an, doch sie kommt nie an ein Ende.

(Hier widerspricht er Teilhard de Chardin, der noch einen Omega-Punkt, ein bestimmbares Endziel für die Geschichte annahm)

Wir haben Gott bereits in unserem traditionellen Glauben als unendlich, unbegrenzt bekannt – aber haben wir ihn auch wirklich so geglaubt? Oder wurde es uns schwindelig bei der Vorstellung, ja unheimlich, ängstlich? Und so haben wir ihm zwei Aufgaben zugewiesen: Die Schöpfung und das jüngste Gericht. Dieser Gott war zwar unendlich, aber irgendwo jenseits, nicht inmitten dieser Welt, nicht inmitten ihrer Tiefe, Vielfältigkeit und Möglichkeiten.

Im Anschluss an Teilhard de Chardin unterscheidet die integrale Theorie bei jeder Sache eine Innen- und eine Außenperspektive oder – dimension. Ideen und Materie, das Unsichtbare und das Sichtbare sind zwei Seiten der einen Wirklichkeit.

Sehr lange entsprach der Entwicklung der Außenseite eine dazugehörige Innenseite: So z.B. (vereinfacht) bei unserem Gehirnwachstum: dem Reptiliengehirn unsere Instinkte und Reflexe, dem Säugetiergehirn eine zunehmend komplexe Gefühlswelt, dem Großhirn unsere Sprachentwicklung und Reflexionsfähigkeit. Doch seit langem gibt es keine großen Veränderungen mehr in unserer Biologie.

Was sich weiter entwickelte, war und ist unser Bewusstsein und damit unsere Kultur und unsere Geschichte. Die menschliche Geschichte ist die Fortsetzung der biologischen Evolution. In und durch uns entwickelt sich das Universum weiter: Diese Richtung hängt von uns ab. Lassen wir uns zur Liebe – zum Guten, Wahren und Schönen – überreden. Gott reicht uns von der Zukunft her die Hand. In was für einer Welt willst du leben? Lebe sie!

 

Modul GEIST: Wie erfahre ich Nondualität?

Der Begriff „Nondualität“ (im Englischen „Nonduality“) ist bisher im Deutschen kaum geläufig. Innerhalb der integralen Szene findet er jedoch ständig Verwendung, wenn es um spirituelle Erfahrung geht. Am tiefsten ist der Begriff in der Advaita-Tradition im Hinduismus verwurzelt.

Mit „Nondualität“ ist eine spezifische spirituelle Erfahrung gemeint, die jeder Mensch machen kann. Es ist keine außergewöhnliche, sondern alltägliche Erfahrung, der wir allerdings normalerweise keinerlei Bedeutung zumessen. Es ist die natürlichste und zugleich die tiefste Form der Mystik. Durch diese Erfahrungen kann uns klar werden, dass es nur eine Göttliche Realität gibt und dass keine fundamentale, wesenhaften Trennung zwischen Gott und Welt, Gott und Seele, Seele und Welt, oder Seele und Seele existiert.

Jeder Mensch macht die Erfahrung ständig, auch wenn er sich ihr nicht bewusst ist. Es ist die erste Erfahrung überhaupt, die Ur-Erfahrung, die Erfahrung, die aller anderer Erfahrung voraus geht. Bei dieser Erfahrung nehme ich wahr, ohne zu bewerten oder einzuordnen, was ich sehe: Ich bin eins mit dem, was ich wahrnehme.

Alles wird mir durch mein Bewusstsein vermittelt, kommt an diesem nicht vorbei: Ach die sogenannte objektive Realität. Alles, was ist, ist in mir, spielt sich in mir ab, taucht in mir auf. Die ganze Welt, die Bäume, die Straße, die Menschen sind zunächst nämlich nicht außen, sondern innen. Für den einen oder anderen mag das falsch klingen. Wir sind es gewohnt, uns und die Außenwelt als getrennt zu betrachten. Als zwei Dinge. Es ist ein tiefer Glaube, der allem, was wir tun, üblicherweise zugrunde liegt.

Beobachtet euch einmal dabei, wie ihr zum Beispiel einen Baum, eine Blume oder ein Haus anschaut, egal, was, sucht euch raus, was gerade vor eurer Nase ist.

Schon während ihr das tut, spaltet ihr euch auf in jemand, das wahrnimmt, und jemand der euch, den Wahrnehmenden, der den Gegenstand wahrnimmt. Als ob ihr zwei wärt.

Und jetzt fragt euch, wer ihr von den beiden seid. Die eine Erfahrung davon: „Der Beobachter“ ist primär, die zweite – ihr beobachtet euch quasi wie von außen – ist bereits ein Konstrukt des Gehirns. Weitere Konstrukte wären Kategorisierungen, Bewertungen, Überlegungen.

Der Konstruktivisten haben darauf aufmerksam gemacht, dass sich die Wirklichkeit und der Beobachter dieser nicht trennen lassen. Indem wir etwas wahrnehmen, verändern wir es bereits in unserem Kopf. Wir interpretieren ständig, bewusst oder unbewusst, was wir sehen, hören, riechen, schmecken etc.

Interpretieren in diesem Sinn heißt jedoch „trennen“: Die Welt und ich, der andere Mensch und ich, das Göttliche und ich. Ich und meine Gefühle. Wir sind das Subjekt und das/der/die andere ist das Objekt. Ich sehe meine Oma. Ich spüre den Regen. Da steht ein Baum. Das ist die dualistische Wahrnehmung.

Das Gegenteil davon ist die nondualistische. Wir nehmen einfach nur wahr, dass wir wahrnehmen. Es gibt kein außen und innen. Subjekt und Objekt fallen in eins. Die Gedanken stehen still. Ich bin einfach nur und alles ist in mir. Die nondualistische Wahrnehmung ist eine Einheitserfahrung. Wir „haben“ nicht Bewusstsein, wir sind bewusst. Das Bewusstsein selbst kann kein objektiver Gegenstand meiner Wahrnehmung werden. Sobald ich versuche, es dazu zu machen, erfahre ich, wer ich im tiefsten eigentlich bin: nämlich dieses Bewusstsein, das wahrnimmt. Diese Erfahrung kann das Ergebnis einer Selbsterforschung sein, was wir im tiefsten unter „Ich“ verstehen: Was ist dieses „Ich“, das bei jeder Erfahrung, die wir machen, gleich bleibt? Bin ich bewusst? (Siehe auch: Übung zur Erleuchtung).

Die Erfahrung kann uns aber auch geschenkt werden: In dem Erlebnis von Schönheit oder Liebe oder wenn eine Tätigkeit uns in einen tiefen Flow versetzt. Subjekt und Objekt verschmelzen.

Niemand erklärt so verständlich und einleuchtend, was mit dem Begriff „Nondualität“ gemeint ist wie Rupert Spira. Er hält weltweit Seminare, in denen er die nichtdualistische Weltsicht vermittelt.

Das passende Buch dazu: Rupert Spira, Bewusstsein ist alles: Über die Natur unserer Erfahrung, 2011.

Ergänzung: Für den deutschsprachigen Raum wurde ich auf Vincenzo aufmerksam gemacht, der es ebenfalls wunderbar versteht, zu erklären, um was es geht. Danke, Regina!

Aus einer nondualistischen Weltsicht folgt eine entsprechende Ethik: Wenn du und ich nicht getrennt sind, sondern eigentlich eins, weil jeder gleichermaßen diese Erfahrung macht, pures Bewusstsein zu sein, ist Jesu Regel: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ nicht mehr ein Gebot, dem ich Folge leisten sollte, sondern ein Verhalten, dass ganz natürlich der neuen Wahrnehmung der Wirklichkeit entspringt: Rassenideologie, ethnisches Denken, ja jede Form von herablassender Arroganz lassen sich nicht mehr aufrechterhalten, wenn ich im Anderen mich selbst sehe, wenn durch die Augen des anderen das selbe Bewusstsein scheint, durch das auch ich wahrnehme.

Hauptquelle: https://www.enlightened-spirituality.org/nondual-spirituality.html