Warum ich heute gelb denke

An dieser Stelle möchte ich, ausnahmsweise etwas persönlicher als das sonst der Fall sein wird, davon berichten, wie ich zu dem integralen Ansatz fand beziehungsweise dieser mich. Noch einmal vielen Dank an die Person, die mir diese Frage in der Facebookgruppe zu Gott 9.0 gestellt hat.

Gelb, blau, rot, purpur:

Im Folgenden begegnen euch viele Farben. Es handelt sich um den Code von Spiral Dynamics. Dazu siehe auch meinen und andere Artikel dazu.

Vorneweg: Auch ich denke bei starkem Hunger nahezu ausschließlich beige daran, wo und wie ich am schnellsten an etwas essbares herankomme. Und als ich mich in akuter Lebensgefahr wähnte, war ich purpur froh, von meinen orthodoxen Glaubensbrüdern und -schwestern gelernt zu haben, wie man sich durch eine Ikonen und das Bekreuzigen vor dem Teuflischen schützt. Und an schlechten Tagen kann ich ganz schön rot trotzig und zornig sein. Und … ich glaube, ihr habt den Punkt?

Ich glaube nicht, dass ein Mensch es schafft, immer gelb zu denken. Oder dass das überhaupt ein anzustrebendes Ziel wäre. Genauso wenig wie ein Mensch nur blau, nur grün, nur purpur denkt.

Doch weiter: Vielleicht kennt auch ihr das Phänomen, das ihr etwas sucht, und stattdessen etwas gänzlich anderes findet?

Jesus soll gesagt haben: „Wer sucht, der findet“. Meiner Erfahrung nach finden uns die Ideen und Inhalte, wenn wir bereit für sie sind und nicht unbedingt dann, wenn wir bewusst danach Ausschau halten.

In meinem Theologiestudium herrschte vorwiegend orangenes Denken vor. Jeder wusste es besser als der andere und um das zu zeigen, bediente man sich der wissenschaftlichen Methode. Wer anders dachte als man selbst, war einfach ein bisschen dümmer. Um voranzukommen, bewies man Anpassungsfähigkeit, selbstgewisse Dominanz in Diskussionen und Pragmatismus.

Einige Mitstudenten steckten allerdings so tief im blauen Mem, das es mir zunächst so schien, als müssten alle Kräfte eingesetzt werden, auch diesen Menschen den Sprung ins orangene Mem zu ermöglichen. Damit meine ich, dass die einfachsten Annahmen der Aufklärung nicht wirklich akzeptiert wurden. Das „WORT“ hatte immer Recht. Auch wenn man gar nicht verstand, wie man verstand und was man da nicht verstand. Punkt. Aus.

Erst später habe ich festgestellt, dass diese Grabenkämpfe zwischen liberal und evangelikal eine gute Vorbereitung auf weitere Grabenkämpfe in den Gemeinden war.

Nach meinem Studienaufenthalt in Weißrussland mit dem Flair der Sowjetunion war mir klar, dass ich – entgegen meinen früheren Überzeugungen – nicht mehr links sein kann. Weder links, noch rechts, noch Mitte. Ich hatte all diese Kategorien als Heimat verloren. Dafür hatte ich das purpurne und blaue Mem aus einer ganz anderen Perspektive kennen und verstehen gelernt: Weihung von Studentenzimmern durch Geistliche, Vorlesungen über Dämonologie mit eigenen Erfahrungsberichten, die Verehrung von Patriarchen und Ikonen, das Auswendiglernen von Kirchenväterzitaten u.v.m. Und ich lernte das Herzensgebet kennen, das Mantraartige Wiederholen von Jesus Namen.

Durch die großen russische Religionsphilosophen hatte ich gleichzeitig den ersten Hauch von gelb geschnuppert: Ich fing an, paradoxes, multidimensionales Denken zu lieben.

Und da fand mich ein Artikel von Wulf Mirko Weinreich, „Eine kurze Sicht des Marxismus aus integraler Sicht“. Ihr findet ihn und vieles andere lesenswerte unter folgender Adresse:

http://www.integrale-psychotherapie.de/ticker.html

Allerdings machte die Theorie von Wilber zunächst auf mich den Eindruck einer seltsamen esoterischen Sonderlehre und ich hörte auf, mich weiter damit zu befassen.

Schließlich fand ich in der ökumenischen Bewegung Menschen, die vorwiegend grün dachten. Das machte sie zu wesentlich angenehmeren Zeitgenossen als viele meiner Kommilitionen oder Professoren es waren. Sie suchten nach Harmonie, trugen Fair Trade Kleidung, sprachen kollektive Schuldbekenntnisse und setzten sich für das ein, was Christen über die Konfessionen hinweg verbindet: Der Kampf für Menschenrechte, für die Umwelt, für den Frieden weltweit. Auch mein Veganismus stieß auf mehr Verständnis. (Heute bin ich übrigens Flexitarierin, vielleicht auch ein Resultat gelber Anpassungsfähigkeit 😉)

Jahre später stieß ich – an Zufall glaube ich nicht, wenn alles mit allem zusammenhängt – auf die Live Coaching Plattform Human Trust, die von Veit Lindau gegründet wurde. Da ich etwas in meinem Leben verändern wollte, meldete ich mich trotz anfänglichem Misstrauen an. Dort erfuhr ich, dass sein Coaching Ansatz auf der integralen Theorie von Ken Wilber basiert. Und wenn ich einen Namen mehr als einmal höre, überkommt mich eben die Neugierde 😉

Seitdem ich Ken Wilber und Spiral Dynamics selbst gelesen habe, hat mich etwas gepackt. Ich genieße die neuen Wege und Räume im Denken, die ich durch diesen Ansatz dazu gewonnen habe.

Ein gelb denkender Mensch darf und kann immer auf die anderen Ebenen zurückgreifen, wenn es die äußeren Umstände angemessen oder gar notwendig erscheinen lassen und muss nichts abwerten.

Deshalb entspannt nichts tiefgreifender als gelbes Denken. Ich muss nicht mehr alles wissen. Ich muss nicht Recht haben. Ich muss gar nichts.

Ich darf. Und deshalb tue ich es. Ganz bewusst.

Mehr dazu und warum das nichts mit Beliebigkeit zu tun hat, an anderer Stelle.

Vielleicht wollt ihr auch kurz berichten, was ihr am gelben Denken schätzt oder wie ihr auf den integralen Ansatz gestoßen seid?

 

 

Spiral Dynamics – in aller Kürze

EADB1F58-71E7-4B05-99BD-04BEFDE15617Spiral Dynamics ist ein Modell für die Bewusstseinsentwicklung der Menschheit, dass sich auf eine breite empirische Grundlage stützt. Die Theorie wurde erstmals von einem Psychologieprofessor namens Clare W. Graves formuliert und später von Don Edward Beck und Christopher C. Cowan ergänzt und fortgeführt.

Im Mittelpunkt stehen die sog. „Meme“. Mit Memen sind eine Art „psychologische DNA“ gemeint, also geistige Informationseinheiten, die sich durch das Denken fortpflanzen. Diese Meme treten in größeren Organisationseinheiten auf, die sog. „Werte-Mems.“ Wenn von Spiral Dynamic die Rede ist, sind häufiger diese übergeordneten Mems gemeint.

Sie werden dabei der Einfachkeit halber mit einer Farbe bezeichnet. Diese dient sozusagen als Code. Diese Mems teilen sich gemeinsame Grundannahmen, Schwerpunkte, Werte und dementsprechende Entscheidungs- und Handlungsmuster. Sie sind an sich weder schlecht noch gut, sondern bestimmen die Art und Weise, wie ein Mensch denkt, nicht was er denkt.

Die Theorie geht davon aus, dass sich Bewusstsein – bestimmte Gedanken, Werthaltungen und dazu passende Verhaltensweisen – im Lauf der Menschheitsgeschichte in verschiedenen Etappen weiterentwickelt hat. Dabei wird die Entwicklung in der Form einer Spirale gedacht: Eine nächsthöhere Ebene schließt alle darunter liegenden Ebenen mit ein und integriert sie. Jede Ebene hat dabei ihre bleibende Berechtigung, auf die jeder Zeit wieder zurückgegriffen werden kann, soweit es die Umgebung nötig erscheinen lässt.

Die Entwicklung der Meme ist nach oben hin offen und verläuft von weniger komplexen zu komplexeren Systemen. Sowohl der einzelne als auch ganze Gesellschaften durchlaufen die Entwicklung von Mem zu Mem. Sie sind das Ergebnis der Wechselwirkung des Nervensystems und der Umgebung, an die sich das Denken anpasst. Deshalb können Menschen, die zur gleichen Zeit, aber an einem anderen Ort oder in gänzlich anderer Gesellschaft leben, ihren Schwerpunkt in ganz unterschiedlichen Memen haben. Neue Meme entstehen wellenförmig: Ein Mem steigt ab, das andere steigt auf.

Den wissenschaftlichen Hintergrund für diese Stufentheorie lieferte die Entwicklungspsychologie, die beobachtet hat, dass sich das Denken, die Wahrnehmung, die Wert, aber eben auch die Spiritualität eines Menschen im Laufe seines Lebens in typischen Mustern verändert und weiterentwickelt, wobei bei einer idealtypischen, gesund verlaufenden Entwicklung jeweils die nächsthöhere Stufe alle niedrigeren mit integriert – oder aber, gelingt das an einem Punkt nicht, Pathologien entstehen. Hierzu an anderer Stelle mehr.
Die bisherigen Meme pendeln auf der Spirale von einer starken Innenorientierung und Konzentration auf das „Ich“ zu einer starken Außenorierntierung und Komzentration auf das „Wir“, die Gemeinschaft, hin und her.
Sechs Meme zusammen bilden eine Gruppe. Die Autoren sprechen hier von First Tier für die ersten sechs Meme und von Second Tiers für die folgenden. Das gelbe Mem, die erste Stufe von Second Tier, ist das erste Mem, das den Wert und Sinn der anderen Meme erkennt und für sich stehen lässt, ohne diese abzulehnen oder zu bekämpfen.

Doch hier meine (äußerst) kompakte und grobe Kurzfassung der Meme:

Beige: das instiktive Mem. Es geht ums nackte Überleben und die Erfüllung der existentiellen Bedürfnisse. Säuglinge, Alte, Kranke, Hungernde etc.

Purpur: das Clan Mem. Es geht um Sicherheit und Verbundenheit durch die Gemeinschaft. Magisches Denken. Kleinkind, Ureinwohner etc. Steinzeit.

Rot: das egozentrische Mem. Es geht um Durchsetzung, Herrschaft und Macht. Pubertät, Krieger, Diktator etc.

Blau: das Sinn betonende Mem. Es geht um Wahrheit, Ordnung, Schuld und Aufopferung. Traditionalisten, Fundamentalisten etc. Mittelalter.

Orange: das strategische Mem. Es geht um Leistung, Fortschritt und Wohlstand. Unternehmer, Manager, Banker, Wissenschaftler etc. Zeitalter der Aufklärung.

Grün: das relativistische Mem. Es geht um Harmonie, Gleichheit und Toleranz. Ökos, Ehrenamtliche, Idealisten etc. Postmoderne.

Gelb: das systemische Mem. Es geht um eine stete Entwicklung und Streben nach Ganzheitlichkeit. 21. Jahrhundert.

Türkis: das holistische Mem. Es geht um Verbundenheit mit dem, was ist.

Für eine ausführliche Erklärung empfehle ich:
http://one-mind.net/spiral-dynamics/

sowie das Buch „Don Edward Beck, Christopher C. Cowan: Spiral Dynamics. Eine Landkarte für Business und Gesellschaft im 21. Jahrhundert.“

Dieser Rahmen bringt einige Vorteile mit sich, die zugleich mit Problematiken verbunden sind: Es wird klar, warum Menschen, die auf verschiedenen Bewusstseinsstufen stehen, Schwierigkeiten haben, sich gegenseitig zu verstehen oder auch zu akzeptieren. Das Wissen um diese Stufen kann dazu führen, dass man Gedanken oder Glaubenssätze eines anderen einordnen und verstehen kann, ohne dass man diese teilen muss. Gleichzeitig ist es gefährlich, insofern es Schubladendenken fördern kann oder gar dazu führen, dass sich jemand, der sich auf einer höheren Bewusstseinsstufe wähnt, über andere erhebt bzw. diese das Gefühl bekommen, in ihrem Denken abgewertet zu werden.

 

 

 

War Jesus selbst integral?

85758AE2-BB1B-400B-8A54-7D9FAACD3381

Der Autor Jonas wirft in seinem Artikel

http://one-mind.net/second-tier-thinking-war-jesus-integral/

die spannende Frage auf, ob Jesus selbst integral war. Diese wirft zwei Folgefragen auf, nämlich, wie wir das integrale Modell verstehen, linear oder zyklisch, und daraus folgend ob es überhaupt möglich ist, dass jemand in der Zeit von Jesus bereits integral dachte, da ja die Bewusstseinsentwicklung der Umgebung auf einem ganz anderen Level stand. Schlussendlich bleibt es Glaubenssache, muss auch der Autor zugeben.

Für mich ist die Frage, ob Jesus integral gewesen sein könnte, eindeutig mit ja zu beantworten. Wenn Jesus in sehr engem Austausch mit dem Göttlichen stand, in dem die Zeiten Vergangenheit. Gegenwart und Zukunft, zusammenfallen, konnte er selbstverständlich auch integrale Gedanken empfangen, vermutlich sogar noch darüber hinausgehend aus einer Ebene menschlicher Entwicklung, die wir noch gar nicht kennen. Und es gab schließlich immer Menschen, die ihren Mitmenschen gedanklich weit voraus waren. Dass er sie auch anderen weitervermitteln konnte, bleibt dabei äußerst fraglich. Die allermeisten werden dann so gut wie nichts von dem, was er lehrte, verstanden haben.

Die Frage, ob er es denn wirklich war, hingegen muss wohl offen bleiben.
Denn auch ein „professioneller“ Blick in die Bibel hilft dabei leider auch nicht weiter. Wir wissen nicht, was Jesus wirklich gesagt hat und was ihm im Nachhinein angedichtet wurde. Wir können Vermutungen und Thesen dazu aufstellen und mutmaßen, was mehr oder weniger wahrscheinlich ist. Durch eine Rückübersetzung ins Aramäische kommen wir dem Wortsinn möglicherweise näher, wie es von Franz Alt in „Was Jesus wirklich gesagt hat. Eine Auferweckung“ versucht wurde. Aber auch dieses Buch ist nur ein weiterer deutlicher Beweis dafür, dass alles an unserem ganz persönlichen Jesus-Bild liegt, der Hermeneutik, der Brille, durch die wir die Worte lesen. Oft genug eine Projektionsfläche für all das, was wir verehren, für gut und richtig halten. Das ist das ernüchternde, wenn auch abzusehende Ergebnis jahrzehntelanger Forschung, man vergleiche nur einmal die vielen sich widersprechenden Hypothesen dazu.

Ein Beispiel: Für manche ist der Gedanke an ein jüngstes Gericht DER zentrale Inhalt von Jesu Botschaft, dann läge sein Wertesystem eher in blau, für andere sind eben jene Passagen ihm im Nachhinein angedichtet worden, für diese wäre er eher dem grünen Mem zuzuordnen. Und. Und. Und. In all diesen Aussagen spiegelt sich viel mehr das Mem desjenigen, der die Texte liest.

Das einzige, worin sich alle einig sind, ist, dass er Menschen heilen konnte und dafür – im Gegensatz zu vielen anderen – kein Geld verlangt hat. Ob das ging, weil er integral dachte und handelte? Möglicherweise. Mit der integralen Brille sage ich, ja, er konnte es deshalb so gut, weil er immer das Große Ganze im Blick hatte, alle vier Quadranten, die spirituelle Entwicklung des einzelnen als auch der Gesellschaft.

Schlussendlich ändert es für uns Christen auch gar nichts, ob Jesus als „integral“ gelten kann oder nicht. „Integral“ ist ein heute aktuelles Konzept, das heute und jetzt von uns verwendet werden kann, um Dinge besser zu verstehen, einzuordnen und dementsprechend zu handeln. Und der himmlische Jesus – seine zeitlose Seele – liegt ohnehin jenseits jeder Definition.

Was meint ihr dazu?

Was bedeutet eigentlich „integral“?

Die Gründer des Integralen Forums definieren es so: „Integral“ bedeutet […] eine umfassende, ausgewogene und ganzheitliche Weltsicht.

Es gibt verschiedene denkerische Ansätze, die als „integral“ bezeichnet werden, die eben dieses Streben nach Ganzheitlichkeit auszeichnet. Dazu gehören u.a. Ken Wilber und die Autoren von „Spiral Dynamics“ Don Edward Beck und Christopher C. Cowan. Als weitere Denker werden oft Pierre Teilhard de Chardin, Sri Aurobindo und Jean Gebser genannt. (Kein Anspruch auf Vollständigkeit!)

Wenn ich auf diesem Blog von „integral“ spreche, meine ich diese Ansätze und die damit verbundene spirituelle (Meta-)Weltanschauung.

Warum die Wahrheit widersprüchlich sein muss

Die zentrale Erkenntnis, die spiritueller Praxis folgt, ist, das alles eins ist, alles unntrennbar miteinander verbunden ist und Gott in uns und wir in Gott sind.
Ken Wilber nennt das „Nondualität“. Im Kern der Welt sind Form und Leere eins. Damit muss auch die Wahrheit widersprüchlich sein, damit sie alles umfasst.

Schon der Kirchenvater Niklaus Kues hat das erkannt und in Gott das „Zusammenfallen der Gegensätze (coincidentia oppositorum)“ gesehen.

Besonders eindrücklich geht der russische Religionsphilosoph Pavel Florenskij diesem Phänomen nach.
Er schreibt in seinem Werk „die Säulen …“ :„Die Wahrheit ist eine unbewegliche Bewegung und eine bewegliche Unbewegtheit. Einheit des Entgegengesetzten. Sie ist – coincidentia oppositorum.“ (Zweiter Brief, Übersetzung Nikolai von Bubnoff)
Durch die Anwendung der klassischen Logik auf die Philosophie und Theologie geraten wir zwangsweise entweder in eine Sackgasse oder verfallen in Fanatismus.
Statt „Entweder dieses oder jenes andere ist wahr“ oder „Weder dieses noch jenes andere ist nicht wahr“ gilt: „Sowohl dieses als auch jenes andere ist wahr, jedes auf
seine Art“. Das erinnert an das Lob des „und“ durch den zeitgenössischen katholischen Theologen Richard Rohr.

Das Dogma selbst hat diese Form. Deshalb lässt es sich nicht denken, wie sich ein wissenschaftlicher Satz denken lässt, sondern nur glauben. Nicht weil es irrational wäre, sondern weil es über die gewohnte Logik hinausgeht:

Auf dem Konzil von Chalkedon wird bekannt:
„[…] Christus, Sohn, Herr, Einziggeborener in zwei Naturen unvermischt, unverändert, ungeteilt und ungetrennt zu erkennen, in keiner Weise unter Aufhebung des Unterschieds der Naturen aufgrund der Einigung, sondern vielmehr unter Wahrung der Eigentümlichkeit jeder der beiden Naturen und im Zusammenkommen zu einer Person und einer Hypostase, nicht durch Teilung oder Trennung in zwei Personen, sondern ein und derselbe einziggeborene Sohn, Gott, Logos, Herr, Jesus Christus“

Die Häresie ist eine einseitige Behauptung, die sich deshalb irrtümlich für das Ganze hält.
„Die Orthodoxie ist universal, die Häresie ist ihrem Wesen nach parteiisch.“ (Florenskij, Sechstes Kapitel)
Für ihn muss deshalb die Wahrheit eine Behauptung sein, die sich selbst widerspricht. Das passt zu der Aussage des Physikers Niels Bohr: „Die Wahrheit setzt sich zusammen aus Thesis und Antithesis.“

„Es ist längst an der Zeit, die kraftlose Anstrengung des menschlichen Verstandes, die Widersprüche auszugleichen, […] durch ein freimütiges Bekenntnis der Widersprüchlichkeit abzuwehren.“ Pavel Florenskij.

„Die Menschen streiten miteinander und widerlegen einander; die Wahrheit aber soll unwiderlegbar und über alle Widerlegungen erhaben sein. Die menschlichen Meinungen wechseln von Land zu Land und von Jahr zu Jahr; die Wahrheit aber ist überall und immer die eine, sich selbst gleiche. […] Die Wahrheit ist gerade darum Wahrheit, weil sie keinerlei Widerlegung fürchtet; sie fürchtet sie aber darum nicht, weil sie sich selber stärker widerspricht, als jede denkbare Verneinung tun könnte; aber diese ihre Selbst-Verneinung verbindet die Wahrheit mit der Behauptung. Für den Verstand ist die Wahrheit ein Widerspruch, und dieser Widerspruch wird offenbar, sobald die Wahrheit eine Formulierung in Worten erhält.“ (Florenskij, Sechster Brief)

Gott 9.0 in Kürze

In Gott 9.0 greifen die Autoren Marion Küstenmacher, Tilmann Haberer und  Werner Tiki Küstenmacher die integrale Theorie auf und wenden sie auf die christliche Spiritualität und die damit einhergehenden Gottesvorstellungen an. Dabei wird von ihnen sowohl Spiral Dynamics von Don Edward Beck und Christopher C. Cowan aufgegriffen als auch Ken Wilber rezipiert. Zu diesen Denkern und ihren Theorien findet ihr an anderer Stelle mehr auf meinem Blog.

Die Autoren von Gott 9.0 unterscheiden in enge Anlehnung an Spiral Dynamics ingesamt neun verschiedene Bewusstseinsstufen, die zu einer bestimmten Zeit das erste Mal entstanden sind und nun alle nebeneinander koexistieren. Diesen ordnen sie jeweils ein bestimmtes Gottesbild und Jesusbild zu. Dabei kommt jeder dieser Stufen eine jeweils eigene wichtige Bedeutung zu. Keine ist besser oder richtiger als die andere, doch während es zwischen den ersten Stufen zu Missverständnissen und gegenseitiger Ablehnung kommt, wird ab der siebten Stufe eben diese Vielfalt und das Nebeneinander erkannt, unterschieden und schätzen gelernt.

Eine grob zusammengefasste Übersicht meinerseits:

Beige: Gott als Mutterbrust, große Hand. Jesus als Säugling, nackt am Kreuz.

Purpur: Stammesgötter, Geister, Dämonen, Ahnenkult. Jesus als Wundertäter und Heiler.

Rot: Kriegsgott Jahwe. Jesus als Kämpfer gegen den Satan.

Blau: Gott als allmächtiger Schöpfer und Richter. Jesus als Retter, Weltenrichter und Sühneopfer.

Orange: Verlorener oder toter Gott, verborgener Gott, persönlicher Gott, apersonaler Gott. Jesus als provozierender Kritiker und Vorbild.

Grün: Gott als Liebe. Gott aller Religionen. Jesus als Lehrer der Liebe.

Gelb: Gott als der dreieinige. Jesus als wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich. Jesus als Mystiker.

Türkis: Gott als Geist/Bewusstsein. Kosmischer Jesus.

Koralle: Noch offen.

Ich weiß nicht, wie es euch damit geht, aber ich habe als Pfarrerin schon alle diese verschiedenen Gottes- und Jesusbilder bei mir und anderen Menschen kennen gelernt. Mit einher gehen leidliche und sich immer nach demselben Muster wiederholende Auseinandersetzungen zwischen (eigentlich sonst ganz netten!) Menschen, die sich gezwungen sehen, ihr jeweiliges Bild (samt dem dazu gehörigen Glauben und Lebensstil) zu verteidigen. Wer stark blau glaubt, also an den einzigen Erlöser Herrn Jesus, will von dem grünen Gott, der von allen Religionen verehrt wird, nichts wissen und so weiter… (doch dazu gerne mehr an anderer Stelle)

Mit dem Buch ist m.E. den Autoren eine geniale Anwendung der integralen Theorie auf das Christentum gelungen, weswegen ich nur empfehlen kann, es zu lesen.

Spannend ist auch der darin enthaltene Selbsttest, durch den der Leser sich einer der Stufen zuordnen kann. (Ob diese Selbsteinschätzung gelingen kann, stelle ich allerdings ein wenig in Frage…)

Mehr zu dem Buch auf der dazugehörigen Homepage:

http://gott90.de

Über die Seite könnt ihr kostenlos Lesezeichen bestellen, auf denen die neun Bewusstseinstufen in einer Übersicht zusammengefasst sind.

Zu dem Buch gibt es außerdem eine Facebookgruppe: https://www.facebook.com/groups/gott90/about/

Im April erscheint ein Nachfolgeband dazu: Integrales Christentum. Das Praxisbuch zu Gott 9.0

Über dieses werde ich zu gegebener Zeit berichten.

Die integrale Theorie nach Ken Wilber

Die integrale Theorie von Ken Wilber versucht umfassende Zusammenhänge aufzudecken und eine Zusammenschau von Erkenntnissen sämtlicher Disziplinen in einem Modell. Es ist ein Versuch, die Entwicklungen in unserer Welt beschreibbar zu machen.

Ken Wilber ist ein amerikanischer Philosoph. Seine Theorie hat weltweit Diskussionen ausgelöst und zahlreiche Interessenten und Anhänger gefunden.

Die Verwendung des Wortes „Integral“ kommt inhaltlich den Begriffen „allumfassend, alles einschließend, ausgewogen“ nahe.

Die Theorie ist eine Art System, eine übergreifende Ordnung in Modelle zu bringen, die jeweils einen Teil der Wirklichkeit beschreiben. Abgekürzt wird diese Ordnung mit den Buchstaben AQAL. Sie stehen für „Alle Quadranten, Ebenen, Linien, Zustände und Typen (all quadrants, all levels, all lines, all states, all types)“.

1. Quadranten

Sie ergeben sich aus zwei Unterscheidungen: innen/außen und individuell/kollektiv und entsprechen den vier Pronomen: Ich, Wir, Es und Sie. Bezogen auf einen Menschen wären das einmal sein Innenleben (Ich), sein Verhalten (Es), die Menschen, mit denen er in Beziehung tritt (Wir) und die Gesellschaft, innerhalb derer das stattfindet (Sie).

2. Ebenen

Hier werden verschiedene Stufen innerhalb einer hierarchischen Entwicklung unterschieden, wie z.B. primitiv, archaisch, historisch, frühmodern, modern, postmodern.

3. Linien

Sie stehen für die verschiedenen Bereiche, innerhalb derer Entwicklung stattfindet, zB. physisch,  kognitiv, moralisch. Der Körper, das Denken und die Wertvorstellungen eines Menschen entwickeln sich nebeneinander, so dass ein Mensch in einem Bereich bereits weit fortgeschritten sein mag, in einem anderen jedoch zurückbleibt.

4. Zustände

Damit sind vorübergehende Erfahrungen gemeint wie Lachen oder Wut. Grundzustände sind Wachen, Träumen und traumloser Tiefschlaf. Diese entsprechen in der Spiritualität verschiedenen Bewusstseinserfahrungen.

5. Typen

Damit unterscheidet man gleichwertige, d.h. nicht hierarchisch stehende, stehende Erscheinungsformen, wie männlich-weiblich oder bestimmte Persönlichkeitstypen etc.

Wer tiefer einsteigen möchte, dem lege ich diese Seite ans Herzen:

http://www.integralesforum.org