Kurze Einführung ins Integrale Christentum

Christian Schmill gibt auf seinem Blog eine kurze Einführung zum Thema und weist auf die wachsende Bedeutung der Bewegung hin:

Kirchentag auf dem Weg in Leipzig Im letzten Jahr war ich als Pressevertreter für das Online-Magazin „theologiestudierende.de“ auf dem „Kirchentag auf dem Weg“ in Leipzig. Dort veranstaltete das „Forum für Gemeinschaft und Theologie“ eine Podiumsdiskussion, an der u.a. Marion Küstenmacher teilnahm (ecclesia semper reformanda). Marion Küstenmacher erzählte wie sie und ihr Mann, […]

über Integrales Christentum — schmillblog

Die Entwicklungspsychologie als wissenschaftliche Grundlage der integralen Theorie

Die Entwicklungspsychologie ist ein Zweig der Psychologie. Es geht um die Erforschung der Entwicklung menschlichen Verhaltens und Erlebens über die gesamte Lebensspanne des Menschen.
Bei Kindern ist es am offensichtlichsten, dass diese sich entwickeln, denn die dadurch auftretenden Veränderungen im Verhalten und Aussehen sind vergleichsweise groß und schnell. Eben war sie noch ein Baby, konnte nur liegen und weinte viel, schon ist sie ein Kleinkind, kann gehen und die ersten Worte sprechen. Zwischen beiden Zuständen liegt nur ein Jahr.
Doch auch bei älteren Menschen erleben wir, dass sie noch neue Fähigkeiten, neues Wissen erlangen, oder anders zu denken lernen. Im Coaching ist der Begriff „Neuroplastizität“ beliebt – meint er doch die Entdeckung der Forscher, dass sich unser Gehirn ein Leben lang verändert und neu formt.
Um diese Entwicklung und von dieser einzelne Aspekte beschreiben zu können, entwarfen verschiedene Forscher Stufenmodelle. Die Entwicklung erfolgt dabei von einer niedrigen zu einer höheren Stufe oder Ebene.

Erik Erikson entwarf ein Modell der psychosozialen Entwicklung, Jean Piaget und Kurt W. Fischer untersuchten die kognitive Entwicklung, also die Art und Weise, wie ein Mensch denkt. Jane Loevinger untersuchte, wie sich das „Ich“, also die Identität eines Menschen, entwickelt. Lawrence Kohlberg untersuchte die Entwicklung der Moral, Fritz Oder und Paul Gmünder die religiöse Entwicklung und James William Fowler die des Glaubens. Clare W. Graves, ein amerikanischer Psychologieprofessor, dessen Forschungen die Grundlage zu Spiral Dynamics bilden, untersuchte die Entwicklung der Persönlichkeit. Und viele, viele mehr..

Was Ken Wilber vor allem gemacht hat bzw. macht, ist, dass er versucht, möglichst alle ihm bekannten Forschungsergebnisse miteinander zu vergleichen, auf Gemeinsamkeiten hin zu untersuchen und in einem Raster zueinander in Beziehung zu setzen. Sein Buch „Integrale Psychologie“ endet dementsprechend mit zahlreichen Tabellen, die eine knappe Übersicht und direkte Vergleichbarkeit ermöglichen.
Eine Besonderheit ist, dass er dabei auch religiöse Denker wie Sri Aurobindo, einen hinduistischen Mystiker, östliche Kirchenväter wie den Hl. Palamas oder Hl. Dionysius oder auch Hazrat Inayat Khan, den Gründer der internationalen Sufi-Bewegung, mit einbezieht. Außerdem entwirft er selbst ein eigenes Stufenmodell der „Weltsichten“, das Ähnlichkeiten mit Spiral Dynamics aufweist, der Moralentwicklung, der Entwicklung der Spiritualität sowie der Kunst. Denn nicht nur der einzelne Mensch entwickelt sich, sondern auch die Kultur, in die er jeweils eingebunden ist, Stichwort „soziokulturelle Evolution“, von dem Jäger-Sammler-Dasein zur Informationsgesellschaft.
Um alle Erkenntnisse und Forschungsbereiche in ein größeres Ganzes einzuordnen, unterscheidet Ken Wilber Ebenen der Entwicklung, Linien der Entwicklung und Zustände.
Dabei sind Ebenen hierarchisch aufgebaut, während Linien parallel zueinander verlaufen. Bsp.: Die kognitive Entwicklung durchläuft bei jedem Menschen ähnliche Ebenen (Vertikale, von unten nach oben), doch neben dieser gibt es zahlreiche andere Bereiche (Horizontale), in denen Entwicklung stattfindet: Moral, Spiritualität, Gefühle, Bedürfnisse, Sexualität usw. Vollkommen offensichtlich ist, dass ein Mensch sich innerhalb dieser Linien unterschiedlich schnell entwickeln kann: Jemand kann kognitiv sehr weit sein, moralisch oder emotional dagegen noch in den „Kinderschuhen“ stecken.
Zustände sind zeitlich begrenzt, wohingegen veränderte Strukturen Entwicklung anzeigen. Im Hinblick auf Spiritualität heißt das: Jede/r kann einmal ein außergewöhnliches Erlebnis des Göttlichen haben, doch die wenigsten haben dieses dauerhaft. Und: Je nachdem auf welcher Stufe/Ebene ein Mensch steht, wird er diese außergewöhnliche Erlebnis unterschiedlich interpretieren: Beispielsweise hört ein Mensch eine Stimme. Er denkt je nachdem: Das war eine Halluzination/ein Engel/Gott/mein höheres Selbst.
Bedeutsam zum Verständnis von Ken Wilber erscheint mir noch eine Erkenntnis der Entwicklungspsychologie: Dass Entwicklung nur dann gelingt, wenn frühere Ebenen „integriert“ werden.
Ein Beispiel aus der Forschung von E. Erikson: Bei ihm ist jede Ebene durch den Widerstreit zweier Grundstimmungen gekennzeichnet, die sogenannten „psychosozialen Krisen“. Am Anfang Grundvertrauen gegen Grundmisstrauen, dann Autonomie gegen Scham und Zweifel, dann Initiative gegen Schuldgefühl und so fort. (Ich verzichte an dieser Stelle auf das Detail, weil es mir auf etwas anderes ankommt) Es versteht sich nahezu von selbst, dass ein Mensch, um vorwärts zu kommen, jeweils beides braucht: Vertrauen wie Misstrauen. „Von jedem das richtige Maß“ würde man sagen oder „gesundes Vertrauen/Misstrauen“.
Ken Wilber spricht von einer „Differenzierung“ und „Integrierung“. Ein Kind muss zuerst lernen, sich und seine Außenwelt zu unterscheiden, um später zu einem „gesunden“ Körpergefühl zu gelangen.
Jede Stufe schließt ihre Vorläufer ein und fügt dann ihre eigenen definierenden und auftauchenden Qualitäten hinzu: Sie transzendiert und umfasst.
(S. 173)
Pathologien oder Störungen in der Entwicklung entstehen immer dann, wenn ein Mensch auf einer Ebene stehen bleibt, d.h. etwas nicht gelingt zu „integrieren“. Das Ganze gilt selbstverständlich auch in Bezug auf die Entwicklung eines „gesunden“ und reifen Glaubens. Jede Stufe hat darin ihr gutes Recht, ihren Platz und Sinn. Probleme entstehen immer dann, wenn der Inhalt der Stufen als Ganzes verworfen wird oder eine Auseinandersetzung erst gar nicht für nötig befunden wird.
Beispiel Wunderglaube: der Unterschied zwischen den Aussagen „es gibt keine Wunder“ und „ich halte Wunder durchaus für möglich, verstehe sie aber anders als früher“ ist gigantisch. In einem späteren Artikel will ich mich damit noch eingehender in Bezug auf das Verhältnis der gegenwärtigen Konfessionen befassen.
Literatur: Ken Wilber, Integrale Psychologie, 2016 (5. Auflage)

Steckt die integrale Theorie Menschen in Schubladen?

Manche lehnen die integrale Theorie ab, weil sie meinen, diese stecke Menschen in Schubladen. Nun, das kann man tun. Allerdings sollte man sich dabei bewusst sein, dass man damit die Sinnhaftigkeit und Existenzgrundlage der Entwicklungspsychologie als solches ablehnt

Manche lehnen die integrale Theorie ab, weil sie meinen, diese stecke Menschen in Schubladen. Nun, das kann man tun. Allerdings sollte man sich dabei bewusst sein, dass man damit die Sinnhaftigkeit und Existenzgrundlage der Entwicklungspsychologie als solches ablehnt, also einen empirisch belegten Wissenschaftszweig. Denn schließlich handelt es sich in beiden Fällen um Modelle. Und ich wüsste nicht, wie man Modelle aufstellen können sollte, wenn nicht durch “Schubladen“, d.h. Kategorisierung. Klar kann man auch den Menschen überhaupt als Forschungsobjekt ablehnen, mit dem Argument, dass eine Verobjektivierung dem Subjekt Mensch nie gerecht werden kann, dass es eine Subjekt-Subjekt Begegnung auf Augenhöhe braucht…

Doch aus meiner Sicht sind die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie viel zu spannend und aufschlussreich, als dass ich auf diese verzichten wollte. Schon allein wenn ich daran denke, wie viel diese Erkenntnisse dazu beigetragen können, unseren Erziehungsstil zu verändern. Wenn wir ein bisschen mehr darüber wissen, wie sich ein kleines Kind entwickelt, gehen wir gänzlich anders mit ihm um. (Vgl. dazu den Bestseller „Oje, ich wachse! Von den acht „Sprüngen“ in der mentalen Entwicklung Ihres Kindes während der ersten 14 Monate und wie Sie damit umgehen können.“ von Hetty  van de Rijt und Frans X. Plooji, 1998).

Wer selbst Kinder hat, kennt vermutlich die Erfahrung, dass das Denken des Kindes mitunter durch seine Andersartgkeit befremden kann (z.B. „wenn ich niemanden sehe, sieht mich auch niemand“ oder „wenn die Mama das Zimmer verlässt, ist sie weg“). Eine Konsequenz daraus könnte sein, dass ich das Kind nach Möglichkeit nicht mehr alleine lasse, solange es kognitiv noch nicht in der Lage ist, zu verstehen, dass die andere Person auch noch existent ist, wenn sie sich im anderen Raum befindet.

Auch aus den offiziellen Lehrplänen der Schulen, Kindergärten und Kindertagesstätten sind die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie nicht mehr wegzudenken, weswegen jeder angehende Lehrer oder Erzieher Kenntnisse in diesem Bereich nachweisen muss.

Und: Heute wissen wir, dass sich ein Mensch und seine Art zu denken nicht nur im Kindesalter entwickelt, sondern ein Leben lang. Sich dessen ständig bewusst zu sein, kann so manches zwischenmenschliche Missverständnis verhindern oder im Nachhinein aufhellen. Gerade wenn es um Glaubensinhalte oder Weltanschauungen  geht, können wir im Gespräch unschwer feststellen, dass sich hier nicht nur die Inhalte, sondern auch die Art und Weise zu denken mitunter drastisch unterscheiden kann. Einfachstes Beispiel ist ein Mensch, der  tief in einem „Schwarz-Weiß-Denken“ gefangen ist. „Entweder du liebst mich und heiratest mich sofort oder ich bin dir sch…egal.“ oder „Entweder kommt ein Mensch in den Himmel oder in die Hölle.“

Wenn ich meinen Mitmenschen ein bisschen einordnen kann, verstehe, wie er „tickt“, gehe ich anders – und ich würde sagen „verständnisvoller“, auch wenn dieses Verstehen häufig erst wachsen muss – mit ihm um. Das gilt selbstverständlich auch in Bezug auf den Umgang mit mir selbst, wobei wir hier mit vielen blinde Flecken rechnen dürfen. Fast jeder wähnt sich gerne reif, weise und lebenserfahren. Das sagt jedoch nichts über den tatsächlichen Reifegrad oder die Entwicklungsstufe aus.

Gefährlich wähnt mir lediglich, wenn wir einen Menschen dergestalt in Schubladen stecken, dass wir ihm  sein Entwicklungspotential absprechen und uns nicht weiter mit ihm auseinandersetzen wollen, ihn also „festnageln“. Doch da sagt die Entwicklungspsychologie  und im Anschluss die integrale Theorie genau das Gegenteil: Sie behauptet ja gerade oder stellt fest, dass der Mensch wesentlich auf Entwicklung angelegt ist und das lebenslang.

Im Übrigen ist es wesentlich leichter zu sagen: „Menschen sind viel zu verschieden und zu komplex, um sie einteilen zu können“ als sich um das Verständnis der dahinterstehenden Erkenntnisse zu bemühen und uns bei jedem Menschen, den wir treffen, erneut zu fragen, in welcher Phase sich dieser wohl gerade befindet, welche Bedürfnisse daraus erwachsen und wie möglichst angemessen mit ihm kommuniziert werden sollte etc. Aus meiner Sicht führt die Auseinandersetzung mit Modellen nicht zu primitiver Vereinfachung, sondern im Gegenteil zu einer vertieften Wahrnehmung von bestehender Komplexität.

Über einzelne Vertreter der Entwicklungspsychologie und deren Forschungen werde ich bald mehr schreiben.

Was meint ihr?

 

 

 

Spirituelle Intelligenz

Howard Gardner ist dafür bekannt, in den 80er Jahren eine neue Intelligenztheorie aufgestellt zu haben, da ihm die klassische IQ-Test zu einseitig war.

Bist du intelligent? Und wenn ja, worin? Sprachlich-linguistisch, mathematisch-logisch, musikalisch-rhythmisch, körperlich-kinästhetisch, bildlich-räumlich, inter- oder intrapersonell, naturalistisch… oder spirituell-existenziell?
Howard Gardner ist dafür bekannt, in den 80er Jahren eine neue Intelligenztheorie aufgestellt zu haben, da ihm die klassische IQ-Test zu einseitig war. Er stellte eine Theorie der „multiplen Intelligenzen“ auf. Jemand ist also nicht einfach nur „intelligent“, sondern er ist intelligent in einem bestimmten Bereich, auf einem bestimmten Gebiet. Er unterschied deshalb neun verschiedene Arten von Intelligenz. Die neunte ist die „existenzielle“ oder „spirituelle Intelligenz“.
Dabei handelt es sich um die Fähigkeit, grundlegende Fragen der Existenz zu erfassen und zu durchdenken. Herausragende Vertreter wären große Denker, religiöse und geistige Führungspersonen.
Die Bestsellerautorin und Wirtschaftsberaterin Danah Zohar hält Seminare zu der Spirituellen Intelligenz bei globalen Unternehmen und hat zusammen mit Ian Marshall ein Buch verfasst: „IQ? EQ? SQ!: Spirituelle Intelligenz – das unentdeckte Potenzial.“
Sie schreibt auf ihrer Homepage, dass die Spirituelle Intelligenz leider häufig beim Coaching oder der Persönlichkeitsentwicklung übersehen werde. Es gehe nicht um Religion, sondern um den Teil des Gehirns, der es uns erlaube, zu hoffen, zu träumen, zu visualisieren und uns mit unserem Sinn im Leben zu verbinden. Sie treibe uns dazu an, nach Bedeutung und nach einem größeren Gut zu streben, indem wir gut und böse unterschieden. Es sei die Intelligenz, die uns ganz mache, die uns Integrität verleihe. Es sei die Intelligenz unseren wahren Selbst, die uns fundamentale Fragen stellen lasse und uns zu verwandeln imstande sei.

Indikatoren dafür, in welchem Maße jemand über diese Intelligenz verfügt, seien Sinn für Moral, die Werte einer Person, ein offener Geist, das Potential zu einem visionären Führungsstil, kritisches Denken, Reflektion, Intuition. Dazu gehöre auch die Fähigkeit, sich selbst zunehmend der eigenen niederen Motivationsgründe (z.B. Angst, Gier, Macht, Ego), bewusst zu werden und diese in höhere umzuwandeln (Kreativität, Dienen).

Mehr dazu auf: http://danahzohar.com

In diesem kurzen Video, einem Ausschnitt einer Rede von Ken Wilber, spricht dieser über die spirituelle Intelligenz.
Er unterscheidet dabei zwischen spiritueller Intelligenz und spiritueller Erfahrung. Ein Mensch könne eine hohe spirituelle Intelligenz besitzen, aber wenig spirituelle Erfahrung und umgekehrt. Für die spirituelle Intelligenz verwendet er den Ausdruck „growing up/ aufwachsen“, für die Erfahrung den Begriff „waking up/ erwachen“. So kann ein Mensch eine Erleuchtungserfahrung erleben, ohne dass er das Reflektionsvermögen besitzt, diese im Anschluss in einen größeren Kontext einzuordnen oder in geeignete Worte zu kleiden, um diese Erfahrung mit anderen zu teilen oder diesen zugänglich zu machen.
Laut Ken Wilber befindet sich die Menschheit, was ihre Spirituelle Intelligenz betrifft, noch auf einem sehr niedrigen Level. Wäre diese allgemein höher, könnten wir Menschen ganz anders miteinander umgehen und miteinander leben.
Das trifft selbstverständlich ebenso auf unsere christlichen Gemeinschaften zu. Während diese dazu dienen könnten, spirituelle Erlebnisse zu teilen und gemeinsam in unserer spirituellen Intelligenz zu wachsen, tun sie nicht selten das Gegenteil. Das hängt damit zusammen, dass wir es in unseren Kirchen viel mit blau und orange zu tun haben. In mehrheitlich blau werden kritische Fragen gern ganz ausgeblendet, da sie für Irritation und Zweifel sorgen und im „schlechtesten“ Fall gar zu dem Verlust des (bisherigen) Glaubens führen oder gegen Formulierungen der Glaubensbekenntnisse verstoßen. Der Pfarrer wird es schon „wissen, wie es richtig ist“. Schattenarbeit findet – wenn überhaupt – ganz im privaten statt.
Oder die Zweifel dienen in orange als Mittel und Zweck, ausführlich und intellektuell miteinander zu diskutieren und über das Göttliche zu referieren, von einer unmittelbaren Begegnung gibt es aber wenig zu erzählen. Das persönliche tritt in den Hintergrund.
Das durch Lehrsätze, traditionelle Handlungen und Verhaltensweisen oder gemeinsame „Schulen“ (Lutheraner, Pietismus, Barth-Anhänger etc.) hergestellte Zusammengehörigkeitsgefühl scheint stärker zu binden als das Streben nach Wahrheit und die Sehnsucht nach einer echten Gotteserfahrung. Doch gerade der Zweifel, die Unzufriedenheit und der Widerspruch gehören zu einem Glauben dazu, der sich weiterentwickelt.
Was meint ihr dazu?

Ken Wilber über integrales Christsein

Im Folgenden fasse ich einen Vortrag für euch zusammen, den Ken Wilber 2015 auf einer christlich integralen Versammlung gehalten hat.

Im Folgenden fasse ich einen Vortrag für euch zusammen, den Ken Wilber 2015 auf einer christlich integralen Versammlung gehalten hat. Ich habe ihn in der Facebook Gruppe „Integral Christianity“ gefunden.

Ken Wilber unterscheidet drei Gesichter Gottes:

Jesus Christus redete ÜBER Gott; er redete ZU Gott; und er redete ALS Gott.

Diese entsprechen einer abgekürzten Version der vier Quadranten: Ich, Du, ER/SIE/ES, Sie, bei der die zwei letzteren in eins fallen und gemeinsam die „objektive“ Seite bilden – als Gegenüber zur subjektiven Seite aus „ich“ und „du“.

Die Quadranten stehen bekanntlich für verschiedene Perspektiven, die eingenommen werden können und alle gleichermaßen wichtig und wahr sind.

Der Punkt ist nun, dass jede und jeder von uns genau dieselben Perspektiven in Bezug auf den GEIST, also das Göttliche, einnehmen können wie Jesus. Wir können über Gott reden wie über eine objektive Realität, wir können zu ihm reden wie zu einem engen Vertrauten, und wir können das Göttliche tief in uns als unser wahres SELBST, die ultimative Realität, entdecken.

Wenn wir zu dem Christusbewusstsein erwecken, reden wir ebenso wie Jesus aus all diesen Perspektiven. Nicht eine der Perspektiven ist richtig und die andere falsch, sondern alle sind zugleich richtig, wahr und untrennbar miteinander verflochten.

Die Trinitätslehre, Vater, Sohn und Heiliger Geist, enthält diese drei Gesichter Gottes. Sie zeigt, dass alles in dieser Welt aus Beziehung besteht, aus verschiedenen Dimensionen und Perspektiven. Sobald durch die Schöpfung das Formlose Gestalt annimmt, entsteht Beziehung zwischen verschiedenen Formen. Alles kann aus den vier Perspektiven des Quadranten wahrgenommen werden.

Die zahlreichen Theorien und Modelle zur Bewusstseinsentwicklung der Menschheit sind sich in wenigen Punkten erstaunlich einig: Spiritualität entwickelt sich in Stufen weiter. (Ganz genauso wie kognitive Fähigkeiten sich entwickeln, moralische Werte oder emotionale Intelligenz sich entwickelt.)

Auf jeder Stufe – der archaischen, mythischen, der modernen, der postmodernen, der integralen, wird die Welt völlig anders wahrgenommen. Das gilt für jede Religion gleichermaßen: Bei den Hinduisten, Buddhisten, Christen, Muslimen, Juden usw. durchlaufen alle Menschen gleichermaßen nacheinander die verschiedenen Stufen.

Allerdings wurden diese Stufen erst vor kurzem durch die Wissenschaft entdeckt. Denn ein Problem dabei ist, dass diese wie die Grammatik einer Sprache funktionieren: Der Mensch bewegt sich darin, ohne sich der dahinter stehenden Regeln bewusst zu sein, und hält sie für die einzig wahre Weltsicht.

Ken Wilber unterscheidet zwei Wege der spirituellen Entwicklung: „Growing Up/Aufwachsen“ und „Waking Up/Aufwachen“. Ersteres bezeichnet die spirituelle Entwicklung eines Menschen von einer Stufe zur nächsten. Letzteres bezieht sich auf Erfahrungen von Erleuchtung und Wandlung. Diese Erfahrungen von Einssein, diese besonderen Bewusstseinszustände werden jeweils abhängig von der Stufe, auf der sich der Mensch befindet, und der dazu passenden Denkstruktur, völlig anders gedeutet.

Ein Christ auf der magischen Stufe sieht Jesus als den Superstar, der auf dem Wasser geht. Auf der mythischen Stufe wird die Bibel wortwörtlich ausgelegt und zwischen denen, die gerettet werden und denen, die verloren gehen, strikt unterschieden usw.

Insgesamt bewegt sich das menschliche Bewusstsein von einer ethnozentrischen Identität zu einer weltzentrischen Identität, was bedeutet, dass ein Mensch sich nicht mehr primär über die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, Clan, Dorf etc. versteht, sondern über seine Zugehörigkeit zur Welt als Ganzes. Aus dem Drang zur Abgrenzung wird ein Drang zur Integration und Versöhnung. Doch Forschungen haben gezeigt, dass momentan noch 60-70 % der Menschheit sich auf dem ethnozentrischen Level oder gar darunter (also nur mit dem Überleben beschäftigt)befinden.

Doch es gibt bereits das integrale Christentum, das weltzentrisch denkt, zu einer kritischen Bibellektüre fähig ist und Jesus als Inspiration dazu annimmt, ähnliche Erfahrungen wie dieser zu suchen und zu machen. Diese Menschen können andere Religionen als gleichwertige Partner annehmen, auch neue Praktiken von diesen mit übernehmen, und sich gleichzeitig noch immer als Christen verstehen. Obwohl sie noch in der Minderheit sind, finden sie schon heute immer wieder auf der Suche nach Gleichgesinnten zusammen.

Homepage zu den  regelmäßig stattfindenden Versammlungen: http://returntotheheartevent.com/

Wir alle sind ein Mensch

Die Idee, dass wir nicht viele, voneinander getrennte Wesen sind, sondern dass wir über alle Zeiten hinweg eine Einheit bilden, ein Mensch sind.

Ja, auch wenn sich der Satz „wir alle sind ein“ grammatikalisch falsch anhört, soll es im Folgenden um genau das gehen: Die Idee, dass wir nicht viele, voneinander getrennte Wesen sind, sondern dass wir über alle Zeiten hinweg eine Einheit bilden, ein Mensch sind.

Habt ihr euch schon einmal die Frage gestellt, warum ein Mensch, Jesus, es geschafft haben soll, alle Menschen durch seinen Tod von der Macht der Sünde, dem Getrenntsein von Gott zu befreien?

Oder andersherum: Warum angeblich alle Menschen unter den Folgen von etwas leiden sollen, was ein Mensch, Adam, irgendwann einmal getan hat?

Oder wie der Ausspruch Jesu: „Und was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan“, richtig verstanden werden kann?

Der Kirchenvater Gregor von Nyssa hat das dadurch erklärt, dass es in Wirklichkeit nicht viele, sondern nur einen Menschen oder nur eine Menschennatur gäbe, an der alle teilnehmen. Erst dadurch wird verständlich, warum durch einen sündlosen, perfekten Menschen alle frei von Sünde werden können.  Und im unserem Mitmenschen haben wir das allen Menschen gemeinsame Selbst, die gemeinsame Menschennatur, bekleidet und besucht.

Es hat mich überhaupt nicht gewundert, dass es meinen Grundschülern während meiner Lehrprobe schwer fiel, diesen Spruch Jesu zu begreifen – mir scheint, selbst die meisten Theologen nehmen ihn nicht wirklich ernst, denn – seien wir doch ehrlich, er hat etwas zutiefst beunruhigendes.

Ich und dieser zottelige, ungewaschene Berufsbettler, der den halben Tag an der Ampel sitzt, sollen in Wirklichkeit irgendwie eins sein? Oder gar ich und diese völlig inkompetente und saudoofe Frau in der Behörde, in der ich zuletzt Papiere abgeben musste?

Dennoch beantwortet diese Idee des Kirchenvaters eine Frage, die ich schon immer in Bezug auf das Christentum hatte, nämlich, wie das Leben und der Tod Jesu eine existentielle Bedeutung für mein jetziges Leben haben können. Ich könnte ja auch denken: Toll, dass Jesus so perfekt war und es gut mit der Menschheit meinte – aber was ändert das an dem Mist, in dem ich heute stecke.

Hans Ulrich von Balthasar schreibt dazu:

Christus hat, indem er individueller Mensch wurde, zugleich diese allgemeine Menschennatur angenommen und vergöttlicht, und durch sie stehen alle Menschen gleichsam in unmittelbarer, seinshafter Kommunion mit ihm. So zerbrechen die geschlossenen Monaden und werden von innen geöffnet für den Strom der vergöttlichenden Gnade. Die Menschwerdung wird also erst völlig vollzogen sein, wenn die gesamte Menschennatur, in all ihren Gliedern, durchlässig geworden ist für die Gnade der Menschwerdung, wenn aus dem Leibe ‚Adams‘ der mystische Leib Christi geworden ist.

Am stärksten wurde dieser Gedanke in der russischen Philosophie aufgegriffen. Allen voran von W.S.Solowjow mit seiner Idee von der Alleinheit. Mehr dazu findet ihr zu einem späteren Zeitpunkt hier auf diesem Blog. Versprochen!

Wie aber lässt sich nun diese Verbundenheit der gesamten Menschheit denken?

In einer Erzählung von F.M. Dostojewskij mit dem Titel „Der Traum eines lächerlichen Menschen“ stößt die Hauptperson aus Gleichgültigkeit ein kleines Mädchen in Not von sich und erkennt plötzlich in einem Traum, wie diese seine Sünde mit der Sünde aller Menschen zusammenhängt. Der eine stößt den anderen von sich weg und so geht es immer fort und fort vom einem zum anderen… und der „lächerliche Mensch“ beginnt zu verstehen, dass er  nicht nur die Schuld für sein eigenes Vergehen, sondern die Schuld für alle Vergehen der Menschen, alles Leid der Welt trägt– er ist sich plötzlich sicher, dass er allein, durch seine Tat, nicht nur eine Sünde begangen hatte, sondern überhaupt er, als ein Mensch, der einen anderen Menschen abgewiesen hatte, verantwortlich war für den Sündenfall und für alles, was danach kam. Und der „lächerliche Mensch“ zieht aus, um zu predigen und die Schuld aller auf sich zu nehmen und eben diese alle halten ihn für verrückt und belächeln ihn milde– sie nehmen ihn nicht ernst, er aber liebt sie dafür nur um so mehr!…

Dostojewskij versucht hier zu beschreiben, dass alle Menschen zwangsläufig aufeinander einwirken, nicht nur unmittelbar, sondern über Kontinente, über Generationen hinweg. Alles wird weitergegeben, jedes Verhalten, jeder Gedanke. Die integrale Theorie geht davon aus, dass geistige Inhalte, Informationen, sich ebenso wie Organismen oder wie die DNA fortpflanzen. Es gäbe demnach also eine doppelte Verbundenheit: Die über die Biologie und die über den Geist.

So ist meiner Meinung nach auch Paulus Bild von dem einen Leib zu verstehen. Paulus schreibt in seinem Brief an die Römer im 5. Kapitel:

Genauso, wie eine einzige Verfehlung allen Menschen die Verdammnis brachte, bringt eine einzige Tat, die erfüllt hat, was Gottes Gerechtigkeit fordert, allen Menschen den Freispruch und damit das Leben. Genauso, wie durch den Ungehorsam eines Einzigen alle zu Sündern wurden, werden durch den Gehorsam eines Einzigen alle zu Gerechten.

Doch kommen wir mit all dem selbstverständlich an unsere denkerischen Grenzen. Auch das Ego wehrt sich mit voller Macht: Ich will nicht mit dieser/diesem schrecklichen/blöden/grausamen etc. Mann/Frau verbunden, gar noch eins sein!

Voll und ganz wird diese Einheit wohl nur in der mystischen Erfahrung erlebt und als wahr erkannt werden können, in der wir nichts als Liebe und Frieden spüren.

Was meint ihr dazu? Ein ganz abwegiger Gedanke oder tiefe Wahrheit?

 

Integral Christianity. The Spirit’s Call to Evolve

Es beginnt mit den Worten: „Ich liebe Gott. Ich liebe Jesus. Ich liebe die Kirche. Dies ist ein Buch über diese drei Lieben.

Heute stelle ich euch ein Buch vor, auf das mich ein Kollege aufmerksam gemacht hat. (Dafür an dieser Stelle ausdrücklich herzlichen Dank, Christian Schmill!)

Kaum hatte ich die ersten Seiten gelesen, konnte ich es schon kaum erwarten, euch dieses wunderbare Buch vorzustellen und habe erst mal viel Zeit mit Lesen verbracht. Es geht um „Integral Christianity. The Spirit’s Call to Evolve“ von Paul Smith.

Es erschien 2011 und ist bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt worden – ich denke aber, es ist nur eine Frage der Zeit, bis dies passiert.

Das Buch hat sich für mich auf jeden Fall gelohnt. Es ist eines der wenigen Bücher, die mich richtig glücklich gemacht haben, ich hatte viele Aha Effekte, viel Lächeln auf den Lippen beim Lesen.

Der Autor ist Pastor und Gründer einer integralen Gemeinde – vermutlich der ersten dieser Sorte weltweit.

Nun der Versuch einer – selbstverständlich subjektiven – Zusammenfassung der zentralen Gedanken des Buches. Es beginnt mit den Worten: „Ich liebe Gott. Ich liebe Jesus. Ich liebe die Kirche. Dies ist ein Buch über diese drei Lieben.

Ein Leben lang habe er einen Kampf mit der bestehenden Kirche geführt. In seinem Buch versuche er, ein neues Modell des Christ- und Kirche-seins vorzustellen

„Ich will Gott sehen und erfahren, wie es Jesus getan hat. Das ist die Seele dieses Buches.

In Anlehnung an das Navigationssystem GPS nennt er seinen Ansatz SNS (spirituelles Verortungssystem). Dieses gliedert er – inspiriert durch Ken Wilbers Philosophie – in fünf Punkte, die er Satelliten nennt. Diese sind: 1. Ebenen der Bewusstseinsentwicklung, 2. Bewusstseinszustände, 3. Die drei Gesichter Gottes, 4. Schattenarbeit, und 5. Schritte zur Weiterentwicklung. (Im Englischen heißen sie stages, states, standpoints, shadow work, steps und beginnen damit alle mit dem buchstaben S). Diese sollen helfen, sich spirituell zu verorten und zu wachsen

Eine ideale Kirche ist für ihn nun diejenige, in der sich Menschen in allen diesem Punkten gemeinsam weiterentwickeln können.

Wenn Smith von Ebenen der Bewusstseinsstufen spricht, bezieht er sich weder auf Spiral Dynamics noch auf Ken Wilber, sondern das Buch „Integrales Bewusstsein“ von Steve McInthosh (das ich noch nicht kenne). Doch die beschriebenen Stadien sind in all diesen Fällen ähnlich. Es gibt die übergeordnete Bewegung von einem egozentrischen über einen ethnozentrischen zu einem weltzentrischen Standpunkt. Darüber hinaus unterscheidet er sechs Ebenen: Stamm, Krieger, traditionell, modern, postmodern und integral.

Ausgehend von diesen unterscheidet und beschreibt er die jeweils einer Ebene entsprechenden Kirchen, Gottesvorstellungen, Jesusbilder, das Verständnis von Sünde, Gebetsweisen. Anschließend weist er auf deren jeweilige Stärken und Schwächen hin. Die Schwächen sind dabei ausschlaggebend zur Weiterentwicklung, die Stärken dagegen werden auf der nächsthöheren Ebene integriert.

Warum Menschen von einer Ebene zur anderen übergehen, erklärt er beispielsweise so:

„Der Tornado fegte durch unser Gebiet und tötete dabei fünf Menschen. Aber Gott hat uns verschont.“ Das ist ein komfortabler Gedanke für jeden mit Ausnahme der Familien derer, die dabei ums Leben kamen.

Das nenne ich: Genial und kurz erklärt. Herrlich!

Der Glaube entwickle sich zunächst 1. von dem an einen Stammesgott, der bestraft, belohne und beschütze, über den 2. an einen Kriegsgott, der zornige Rache übe und über seine Feinde richte hin zu dem 3. an den traditionellen Gott als gerechter Richter und Regent und persönliches Gegenüber. Der Mystik gegenüber herrscht Misstrauen.

Die traditionelle Kirche denkt solange hoch von Mystikern, solange sie tot sind. Je länger sie bereits tot sind, desto besser. Vielleicht sind die einzig wirklich gesicherten die, die in der Bibel vorkommen, wo man sie als einmalig ansehen kann.

Darauf komme der 4. moderne und liberale Glaube, der ein neues Gottesverständnis fordert, wissenschaftliche Bibelauslegung betreibt, die Bibel als eine Sammlung von Mythen und Legenden ansieht und Jesus „nur noch“ als besonderen Menschen und Vorbild verehrt. Auf der 5. postmodernen Stufe werde erkannt, dass alles durch das Bewusstsein vermittelt sei und es keine absoluten Werte mehr gäbe, alles also relativ und andere Religionen gleichwertig seien. Werden mystische Erfahrungen davor noch als Halluzinationen angesehen, werden sie nun neu gesucht. Eine Schwäche sei hier jedoch die völlige Ablehnung jeglicher hierarchischen Ordnung. An vorerst letzter Stelle steht 6. die integrale Stufe, die als erste den Entwicklungsweg erkennt und jede darin enthaltene Etappe wertschätzt.

Von einem integralen Standpunkt aus läse sich die Bibel als ein einzigartiges Zeugnis von spiritueller Entwicklung der Menschheit. Jesus offenbare sich als einen integralen Denker, der um die verschiedenen Ebenen spiritueller Entwicklung weiß.

Viele Begebenheiten mit Jesus lassen sich anders verstehen, wenn wir ausgehen, dass er sich aufgrund dauerhafter spiritueller Praxis und Erleuchtung dauerhaft in anderem Bewusstseinszustand befand, einem tiefen Wissen um die Verbundenheit mit Gott. Deshalb konnte er beispielsweise heilen, Gedanken lesen oder mit Toten sprechen.

Auch seine Jünger und die Christen seien bis heute fähig, solche besonderen Bewusstseinszustände selbst zu erleben. Die Selbstdefinition der frühen Christen erfolgte über gemeinsame Erfahrungen dieser Art, nicht über Lehrsätze. Erst später wurde die Kirche als Verbündete des Staates selbst der größte Feind von individuellen spirituellen Erfahrungen. Sie begann Dogmen zu lehren statt zu Gebetstechniken anzuleiten.

Der Autor berichtet an dieser Stelle über seine eigenen spirituellen Erfahrungen, die über die Jahre immer reicher und tiefer wurden und ermutigt uns, eigene Praktiken auszuprobieren.

Der Autor unterscheidet die drei Gesichter Gottes:

Jesus spoke about God, to God, and as God. Jesus redete über Gott, zu Gott und als Gott.

Diese Gesichter Gottes seien auch für uns ein Modell für eine ideale Gottesbeziehung. Im Westen sei man es gewohnt, über oder zu Gott zu reden, doch das dritte Gesicht bereite vielen große Schwierigkeiten. Es ginge darum in seinem tiefsten Inneren auf das Göttliche, das wahre Selbst, zu treffen, durch das wir alle eins sind. Das bedeute aber auch, dass wir den Glauben, dass Jesus der einmalige und einzige Sohn Gottes sei, aufgeben müssten. Anstatt Jesus als Mensch zu sehen, der seine Göttlichkeit entdeckt habe, sähe man Jesus häufig als Gott, der zu den Menschen hinabgestiegen sei, um den Zorn Gottes über die Sünden der Menschheit auszutilgen. Die Lehre der Ostkirche, die Theosislehre, entspräche eher der biblischen Botschaft, wonach Gott Mensch geworden sei, damit der Mensch vergöttlicht (vereint mit Gott) werde.

Schließlich beschreibt er jeden Menschen als ein Fraktal Gottes, also als einen Teil, der gleichzeitig immer auch das Ganze in sich trage. Das Reich Gottes sei das Leben auf dieser höchstmöglichsten Bewusstseinsstufe, die diese Wahrheit, ein Teil Gottes zu sein, tief verinnerlicht habe.

Um spirituelles Wachstum zu beschreiben, bedient er sich des Bildes einer Rolltreppe: Jeder kann in seiner Religion Stockwerk für Stockwerk nach oben reisen. Ein Religionswechsel sei dazu unnötig, wenn nicht sogar kontraproduktiv, da die Gefahr bestehe, dass man sich nur die Rosinen rauspicke, an den eigentlichen Herausforderungen aber vorbeigehe. Viel sinnvoller sei es, die eigene Tradition nach und nach immer besser verstehen und kennen zu lernen.

Weiter entwirft er eine Vision für die integrale Kirche und zählt derzeit existente Trends in und außerhalb der Kirche auf. Dabei setzt er sich intensiv mit der New Age Bewegung – von ihm „Spirituell, aber nicht religiös“-Bewegung genannt – auseinander. Als Modell für eine integrale Kirche beschriebt er seine eigene Kirche, die Broadway Church.

Auf vielfache Anfrage möchte ich noch folgendes ergänzen:

Die markantesten Unterschiede des Buches zu Gott 9.0 aus meiner Sicht:

Zwar werden jeweils verschiedene Ebenen voneinander unterschieden, doch beschreibt Smith lediglich sechs Ebenen, und damit weniger als bei Graves/SD und folglich auch bei Gott 9.0, es fehlt sowohl nach unten hin das Äquivalent zu beige als auch nach oben zu Türkis und Koralle. Während in Gott 9.0 noch jeweils die Beschreibung der beigen, purpurnen etc. Gesellschaft erfolgt, konzentriert sich Smith voll und ganz auf die religiösen Inhalte. Besonders aufschlussreich und äußerst treffend fand ich hier die beschriebene Entwicklung davon, was jeweils unter „Sünde“ und jeweils unter „Mystik“ verstanden wird.

Die große Stärke des Buches sehe ich in noch einem anderen Punkt: Es ist das sehr persönliche Zeugnis eines Leiters einer Gemeinschaft, die sich unter seiner Leitung zu einer integralen Gemeinde entwickelt hat. Deshalb bekommen die wichtigsten Fragen, die sich dabei unweigerlich stellen, Raum: 1. Die der Hermeneutik. Wie können integrale Christen die Bibel neu lesen? Und 2. die der Ekklesiologie. Wie kann eine integrale spirituelle Praxis konkret in der Gemeinde und im Gottesdienst gelebt werden?

Mein Fazit: Dem Autor ist eine hervorragende Übertragung von integralem Gedankengut auf das Christentum gelungen. Er stellt sich – als ein authentisches Gegenüber – allen diesbezüglich bedeutsamen Fragen und Zweifeln. Dadurch gelingt ihm eine Art einzigartige Versöhnung von Christentum und New Age. Wem diese Art Vermischung allerdings zu synkretistisch ist, sei von dem Buch abgeraten.

Ein Kritikpunkt meinerseits ist momentan:

Der Autor erklärt, dass man beim Übergang von einer Bewusstseinsebene zur nächsten einiges an Ballast loswerden müsse. Das mag sein, doch was genau da jeweils ist, darüber wird man sich streiten müssen. Für ihn gehört dazu vor allem die traditionelle Trinitätslehre und Soteriologie. Hier fehlt mir eine gelungene Integration der wichtigen Wahrheiten und Erkenntnisse, die diese Lehren mit sich bringen. Mit einem „einfach über Bord werfen“ macht man es sich m.E. zu leicht.

Der Autor hat große Probleme damit, Jesus als einmalig zu bekennen, weil es uns angeblich die Chance raube, unsere eigene Göttlichkeit zu erkennen und auszuleben. Das mag sich in der Realität häufig so auswirken. Gleichzeitig geht es mir so, dass ich (und andere scheinbar auch, der Autor eingeschlossen) (vielleicht auch deshalb) wirklich noch keinen anderen Menschen getroffen hätten, der wie Jesus voll und ganz vergöttlicht gewesen wäre. Deshalb bleibt er für mich der einzigartige und erste Sohn Gottes. Auch die klassische Trinitätslehre enthält für mich in ihrer Tiefe zu viel Weisheit, als dass ich sie durch die vergleichsweise primitive Redeweise von den drei Gesichtern Gottes ersetzen lassen wollte.

 

Was meint ihr dazu?

 

Ihr findet die Homepage der Gemeinde hier:

https://www.broadwaychurchkc.org/beliefs

Und über den Autor erfahrt ihr hier etwas:

http://www.revpaulsmith.com