Eine Idee, die hilft, Rätsel zu lösen

Das Wilber-Combs-Raster

Das „Wilber-Combs-Raster“ ist benannt nach seinen Erfindern: Ken Wilber und dem Bewussstseinsforscher Allan Combs.

„Ein paar Jahre, nachdem ich eine erste Lösung vorgeschlagen hatte, stieß mein Freund Allan Combs, der unabhängig von mir arbeitete, auf eine grundlegend ähnliche Idee.“

Ken Wilber, Integrale Spiritualität

Ein Dank an dieser Stelle an Regina Laube, die mich dazu inspiriert hat, diesen Artikel endlich anzupacken 😉

Eigentlich ist es einfach eine Tabelle: Mit y-Achse und x-Achse.

Die y-Achse bilden die die Stufen, durch die hindurch sich das Bewusstsein hindurch weiter entwickelt: „Archaisch, Magisch, Mythisch usw“. Diese Stufen, Ebenen oder Strukturen können nicht übersprungen werden, sondern werden der Reihe nach durchlaufen. Der Einfachheit halber konzentrieren wir uns an dieser Stelle auf die spirituelle Entwicklung, wie sie zum Beispiel von dem Forscher James Fowler (Stufen des Glaubens) beschrieben wurde (auch wenn dieser andere Begriffe verwendet als Wilber). Dass diese Stufen existieren, wissen wir erst, seit Entwicklungspsychologen sie durch ihre Forschung entdeckt haben. Wir können sie nicht von innen „sehen“: Ich sehe nicht den archaischen, magischen oder integralen Filter vor meinen Augen, sondern nur das, was übrig bleibt, wenn der Filter aktiv war 🙂

Die x-Achse meint verschiedene Bewusstseinszustände „grobstofflich, subtil, kausal und nondual“. Zustände sind zeitlich begrenzt und schließen sich in der Regel gegenseitig aus. Wir alle kennen verschiedene Zustände aus der unmittelbaren Erfahrung, weil wir alle mal wach sind, mal schlafen und träumen oder uns mal im Tiefschlaf befinden.

  • Mit „Grobstofflich“ ist einfach unser normales Wachbewusstsein gemeint, in dem du dich höchstwahrscheinlich befindest, wenn du diesen Artikel liest.
  • „Subtil“ meint den Zustand, in dem du im Schlaf bunte Träume siehst, tagsüber vor dich hin träumst oder visualisierst oder in der Meditation Bilder oder Visionen empfängst.
  • „Kausal“ meint den Zustand, den du aus dem Tiefschlaf kennst oder, wenn du bereits erfahren im Meditieren bist, aus der tiefen Versenkung: Da ist Leere, Formlosigkeit, eine Art warmes Dunkel. Ein ewiger, grenzenloser Raum tut sich auf.
  • „Nondual“ könnten wir Einheitsbewusstsein nennen oder erleuchtetes Bewusstsein, in dem die Objekt-Subjekt-Trennung sich auflöst und alles – innen und außen – gleichermaßen als Teil des eigenen Bewusstseins erkannt wird. Eigentlich ist es der Zustand, der allen anderen zugrunde liegt, deshalb aber selten bewusst wahrgenommen wird. Mehr über Nondualität erfährst du hier.

Das Wilber-Combs-Raster in Kürze:

Jede Person interpretiert eine Gipfelerfahrung, religiöse oder spirituelle Erlebnisse von der Stufe ihrer spirituellen Entwicklung aus, auf der sie sich derzeit befindet.

Sie kann gar nicht anders. Ein Kind in der magischen Phase kann seine Erfahrung gar nicht rational deuten, weil es diese Stufe in seiner Entwicklung noch nicht erreicht hat. Und die Wahrscheinlichkeit, dass jemand eine Erfahrung rein magisch deutet, ist ebenfalls gering, wenn jemand bereits gelernt hat, pluralistisch zu denken.

(Anmerkung für Fortgeschrittene: Noch präziser wäre es, so Wilber, zu sagen, dass bei jeder Interpretation jeglicher Erfahrung – und damit auch bei spirituellen Erfahrungen – immer die gesamte AQAL-Matrix wirksam ist, d.h. nicht nur die Wachstumsstufen und Intelligenzen des Individuums (oben links im Quadranten), sondern auch intersubjektive Kontexte wie Kultur und Zwischenmenschliches (unten links), Neurophysiologie (oben rechts) und soziale Systeme (unten rechts) gleichermaßen beteiligt sind.)

  • Diese Idee hilft uns zu verstehen, dass wir in der Bibel bei Jesu oder auch Worten von Paulus es möglicherweise mit Erkenntnissen zu tun haben, die einem Bewusstsein entspringen, dass dem unseren noch überlegen ist. Wir versuchen dann dennoch, sie so zu verstehen, dass sie zu dem Rest unseres Weltbildes passen. Und vielleicht geht uns Jahre später ein Licht auf und wir sehen den Sinn einer Stelle auf einmal ganz neu. Ein offensichtliches Problem dabei sind Leute, (wir eingeschlossen!), die meinen, einen Text verstanden zu haben, obwohl sie ihn nur soweit verstanden haben, wie ihr Verständnis gereicht hat. Das hinzuzufügen, wenn wir unsere vermeintlichen Erkenntnisse mit anderen teilen, wäre zumindest redlich 🙂
  • Das Raster erklärt auch, dass wir nicht zuerst alle Stufen der spirituellen Entwicklung durchlaufen müssen, um eine Gipfelerfahrung, ein Einheitsbewusstsein oder eine Erleuchtungserfahrung zu machen. Denn jeder Zustand ist prinzipiell von jeder Stufe aus zugänglich: Als Kind hatte ich z.B. ein Erlebnis intensiver Gottesnähe, hätte es aber damals nie so beschrieben oder gedeutet. Wilber unterscheidet hier gerne zwischen „Aufwachsen (growing up)“ und „Aufwachen (waking up)“.
  • Anhand des Wilber-Combs-Rasters findet Wilber zu seiner eigenen Definition von „Erleuchtung“: (ich persönlich empfinde es als ein wenig erzwungen und gekünstelt, weil Erleuchtung sich m.E. als etwas trans-rationales unseren rationalen Definitionen gerne entzieht, aber bitte)

„ERLEUCHTUNG ist die Verwirklichung von Einsseins mit allen Zuständen und allen Stufen, die sich bis zu diesem Punkt entwickelt haben und in Erscheinung getreten sind.“ 

  • Das Wilber-Combs-Raster hilft auch dabei, zu verstehen, weshalb kontemplative Meister nicht zwangsweise in ihrer spirituellen Entwicklung reifer sind als andere Menschen. Jemand kann viel Erfahrung mit bestimmten meditativen Zuständen, Einheitserfahrungen, Erfahrung der Erleuchtung, der dunklen Nacht etc. sammeln, diese aber von einer magischen oder egozentrischen Stufe aus interpretieren.
  • Marion Küstenmacher schreibt in einem Artikel in dem Sammelband „Mystische Wege. Christlich, integral, interreligiös (Rutishauser/Hasenauer (Hg.), 2016“, dass das Raster uns bei der Frage helfe, warum sich Mystiker, Gurus und Erleuchtete nicht unbedingt immer moralisch integer, altruistisch und liebevoll verhalten. Als Beispiele nennt sie Schamanen, die aufgrund ihres Stammesdenkens kein Problem damit haben „Angehörige eines anderen Stammes auszurotten“, Elia im Alten Testament, der gleichzeitig Prophet und Massenmörder war, den heiligen Bernard von Clairvaux, zugleich Theologe und Befürworter der Kreuzzüge und die Athos Mönche, die gleichzeitig im Gebet Gott schauen und doch bis heute in einem „mythisch-patriarchalen Denken gefangen“ sind, dass sie „auf ihrem heiligen Berg das Weibliche noch nicht einmal in Form von Hühnern integrieren können.“

Ich empfinde dieses Raster als ebenso einfach wie genial und erhellend. Wie geht es euch damit?

Der integrale Coach Stefan Schoch hat zum Thema ein sehr gut verständliches Video gedreht:

Integrales Glaubensbekenntnis gesucht

Zwei Fundstücke

In der Gemeinde, in die mein Mann und ich zum Gottesdienst gehen, wird fast jedes Mal das Apostolische Glaubensbekenntnis gesprochen. Ich werde immer zögerlicher, es mitzusprechen, denn es ist schon lange nicht mehr Ausdruck meines Glaubens: „aufgefahren in den Himmel, sitzt zur Rechten Gottes“ klingt mythologisch, „geboren von einer Jungfrau“ dogmatisch und warum Pontius Pilatus die Ehre zuteil werden soll, jeden Sonntag erwähnt zu werden, erschließt sich mir auch nicht. Das Nizänische Glaubensbekenntnis ist aufgrund seiner starken Ähnlichkeit keine wirkliche Alternative. Allein die Art und Weise, wie monoton das Bekenntnis von anderen heruntergeleiert wird, zeigt mir, dass ich nicht die einzige bin, der es so geht. Wer mich, weil ich diese ganz offensichtliche Wahrheit ausspreche, in die Häretiker-Ecke stellen will, darf das gerne tun – und sich anschließend selbst fragen, wie denn sein ganz persönliches Glaubensbekenntnis ausfallen würde, wenn er sich einmal erlauben würde, uneingeschränkt ehrlich gegenüber sich selbst zu sein. Auch ich habe in einer Ecke meines Herzens nicht aufgehört, diese(s) Glaubensbekenntnis(se) zu lieben – schon allein aufgrund ihrer unvergleichlich eingängigen Sprache und weil sie immerhin den Willen zum Ausdruck bringen, eine Gemeinschaft „im Glauben“ zu sein.

Dennoch bin ich auf der Suche nach einem Bekenntnis, das ein integraler Christ aus vollem Herzen mitsprechen könnte. Dabei habe ich mitunter diese zwei gefunden:

Das erste stammt von einer integralen Unity Church Gemeinde in den USA in Suquamish, Washington. Ich habe es für euch ins Deutsche übersetzt.

Wir glauben an den Gott, der wahrgenommen, aber niemals vom Verstand begriffen werden kann. Wir beteiligen uns an diesem Heiligen Mysterium durch die essenzielle Natur unseres Seins und unsere Beziehungen. Wir glauben, dass Gott sich offenbart hat und weiterhin im Lauf der Geschichte die Kraft des Lebens in Schöpfung, in Heilung und Beziehungen der Liebe offenbaren wird.

Wir glauben, dass das Göttliche uns lebt, atmet, denkt, wir ist. Wir verstehen unter „Sünde“, dass wir über unsere essenzielle göttliche Natur im Unwissen sind. Wir glauben, dass Jesus seine wahre Natur als der Christus, Sohn Gottes, verwirklicht hat. Wenn wir uns auf die Erkenntnis unserer wahren Natur zu bewegen, bewegen wir uns auf den Christus in uns selbst zu.

Wir wenden uns den heiligen Texten zu, darunter der Bibel, und erlauben der Schrift uns zu treffen und zu inspirieren, indem sie mit uns in Resonanz geht und unsere eigene Spiritualität herausfordert.

Wir glauben an den teilnahmsvollen Dienst an unserer Gemeinschaft und an der Welt und an die Vertiefung unserer inneren Verbindung mit dem Göttlichen als Richtschnur für unser Handeln.

Wir respektieren die Kraft des Heiligen Geistes, der in jeder Person unterschiedlich wirkt. Wir glauben, dass es innerhalb der christlichen Tradition viele Wege gibt, zu verstehen, zu leben und zu lobpreisen. Wir pflegen eine Kirchengemeinschaft, die Individuen auf jeder Etappe ihrer Glaubensreise willkommen heißt.

https://suquamishucc.org/about

Das zweite stammt von der Unity Church in Deutschland:

Gott ist Quelle und Schöpfer alles Seienden. Es gibt keine andere immerwährende Kraft. Gott ist gut und allgegenwärtig.

Wir sind geistige Wesen, nach Gottes Vorstellung geschaffen. Der Geist Gottes lebt in jedem Menschen, weshalb alle Menschen von Natur aus gut sind.

Wir erschaffen unsere Lebenserfahrung durch die Art und Weise unseres Denkens und Fühlens.

Bejahendes Gebet besitzt Kraft. Wir glauben daran, dass diese Kraft unsere Verbindung mit Gott stärkt.

Das Wissen um diese geistigen Prinzipien ist nicht ausreichend. Wir müssen sie leben.

UNITY-Akademie für
angewandtes Christentum e.V. (https://unitydeutschland.de)

Zu der Unity Church gerne ein anderes Mal mehr…

Was haltet ihr von diesen? Was wären eure Glaubensbekenntnisse?

Die negativen Folgen von Meditation

Begleiterscheinung spirituelle Krise

Ja, ihr habt richtig gelesen!

Eine Freundin von mir hat vor einiger Zeit eine Ausbildung zur Yogalehrerin gemacht. Wenn von Meditation oder Yoga die Rede ist, dann wird häufig von den positiven Folgen gesprochen für die Gesundheit, die Fitness und für die Konzentrationsfähigkeit. Das Meditation aber eigentlich immer auch noch andere Folgen nach sich zieht, darüber wird weniger gesprochen. Und deshalb überraschte es meine Freundin, wie müde und anstrengend die Ausbildung sie manchmal machte. Manchmal kamen auch starke Gefühle hoch…

Durch regelmäßige Praxis können Themen aus dem Unbewussten nach oben kommen oder neue Ängste und Krisen entstehen. Das ist nicht nur unerwartet anstrengend, ermüdend, sondern kann mitunter sogar gefährlich für unsere psychische Gesundheit werden.

Extrembeispiel ist die „dunkle Nacht der Seele.“ Das ist der Titel einer Schrift von Johannes vom Kreuz, einem spanischen Mystiker im 16. Jahrhundert. Wikipedia schreibt: „In der psychologischen und populärpsychologischen Literatur wird „die dunkle Nacht der Seele“ auch als Metapher für die Depression verwendet.“ Und das kommt nicht von ungefähr.

Der Psychoanalytiker Roberto Assagioli thematisiert für den sehr weit fortgeschrittenen mystischen Verwandlungsprozess einen „mystischen Tod“, den er ähnlich charakterisiert wie Johannes vom Kreuz die „dunkle Nacht des Geistes“ und auf den er sich auch direkt in seinen Beschreibungen bezieht. Diese Phase ist durch intensive Leiden und durch Symptome gekennzeichnet, die einer starken Depression ähneln. Es handle sich um eine „seltsame und schreckliche Erfahrung“, die „allem Anschein zum Trotz kein pathologischer Zustand [ist]; sie hat spirituelle Hintergründe und einen großen spirituellen Wert“.

(Sabine Bobert, Transformierte Sicht auf Mystik)

Roberto Assagioli verglich den Transformationsprozess, dem ein Mensch sich auf dem spirituellen Weg unterwirft, mit den Erfahrungen des Reisenden in Dante Alighieris „Göttliche Komödie.“

Wenn ihr dieses Werk kennt, so wisst ihr, dass Dante darin zuerst eine Reise in die Hölle beschreibt, bevor er allmählich in das Paradies aufsteigt. Es geht also zuerst runter – und nicht hoch! Ganz anders also, als man naiv erwarten könnte: „Jetzt meditiere ich viel, dann geht es mir stetig besser…“

Spirituelle Krisen sind normale Begleiterscheinungen einer ernsthaften Praxis. Die „dunkle Nacht der Seele“ ist dabei nur das Extrembeispiel.

„Vor der dunklen Nacht der Seele […] ist man nichts anderes als ein Klumpen Eisen, der während des Tranformationsprozesses ins Feuer geworfen wird, wieder und wieder erhitzt, wieder und wieder beschlagen, jahrelang, mit größter Wucht und größter Sorgfalt, sodass am Ende, wenn alles gut geht, ein scharfes, glänzendes Schwert entsteht.“

Tanja Braid auf ihrem Blog neoterisches-bewusstsein.com

Der transpersonale Psychologe Stanislav Grof, der u.a. auch ein Buch über spirituelle Krisen geschrieben hat, wies als einer der ersten darauf hin, dass es sich bei einigen Erfahrungen und ungewöhnlichen Bewusstseinszuständen, die von der klassischen Psychiatrie als eine Geisteskrankheit diagnostiziert und behandelt wurden, in Wirklichkeit um Krisen handelt, die mit der persönlichen Transformation auf einem spirituellen Pfad zusammenhängen – die Psychose müsse also von einem mystischen Zustand unterschieden werden.

Zu den möglichen Symptomen einer spirituellen Krise gehören alle möglichen körperlichen Symptome, innere Unruhe, die Unfähigkeit, Erlebnisse mit dem bisherigen Weltbild in Einklang zu bringen, Ängste, depressive Zustände, aber auch parapsychologische Phänomene, Probleme, Spiritualität und Alltagsleben unter einen Hut zu bringen u.v.m.

„Spirituellen Krisen können zum einen in der spirituellen Praxis selbst auftauchen (unsachgemäße Anleitung oder ungenügende innere Vorbereitung und psychische Stabilität des Betroffenen), zum anderen können sie auch durch spontane spirituelle Erlebnisse entstehen (z.B. paranormale Erlebnisse, Nahtodeserfahrungen oder plötzliches Erwachen der „Kundalinienergie“, die die Betroffenen in ihr Weltbild nicht einordnen können.)

(Netzwerk für spirituelle Entwicklung und Krisen, http://www.senev.de)

Ken Wilber weist nachdrücklich und mehrfach darauf hin, dass zu einer integralen Lebenspraxis unbedingt auch Schattenarbeit gehört. Meditation könne den Schatten sogar noch verstärken. Deshalb hätte auch fortgeschrittene Meditierende oft viele Schattenanteile, die nicht verschwänden. (z.B. Integrale Spiritualität, S. 182)

Zwei Gründe, den Weg nicht allein zu gehen, sondern in Begleitung.

In der orthodoxen Kirche ist der Brauch, sich einen geistlichen Vater zu suchen, wesentlich weiter verbreitet als in der evangelischen oder katholischen Kirche – so jedenfalls mein Eindruck. Ich glaube jedoch, dass, je mehr Christen sich auf den Weg der Mystik begeben und eine ernsthafte Transformation ihres Lebens anstreben, der Bedarf nach professioneller geistlicher Begleitung zunehmen wird. Nicht nach Seelsorge im klassischen Sinn, sondern nach Begleitung durch eine Person, die dazu fähig ist, spirituelle Krisen zu erkennen, einzuordnen und ggf. rechtzeitig an einen geeigneten Therapeuten zu verweisen.

Eine Idee, die ich deshalb vor kurzem hatte, war, hier auch Menschen vorzustellen, die ihr kontaktieren könnt, wenn ihr euch eine geistliche Begleitung oder einen spirituellen Coach wünscht. Was haltet ihr davon?

Hier noch ein paar interessante Quellen für euch:

Die Bloggerin Tanja Braid über die „dunkle Nacht“ und Kundalini und hilfreichen Literaturtipps:

https://www.neoterisches-bewusstsein.com/dunkle-nacht-der-seele-kundalini/

Die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross teilt in ihrem Buch „Über den Tod und das Leben danach“ ihre persönliche Erfahrungen der „Dunklen Nacht der Seele“ und in Folge darauf des Einheitsbewusstseins mit dem Göttlichen, die sie nach der Teilnahme an einem wissenschaftlichen Experiment über außenkörperliche Erfahrungen hatte. Ihr könnt sie euch auf YouTube anhören. Sie beginnt ab 2 h 15 Min.

Wenn ihr Hilfe braucht:

Netzwerk für spirituelle Entwicklung und Krisen, http://www.senev.de

Verein zur Förderung und Entwicklung ambulanter Krisenbegleitung: http://www.frei-raum-berlin.de/index.php

Christlich integrale Lebenspraxis – ganz konkret

Ein übergreifendes Training auf unserer Lebensmatte

Viele von euch haben Interesse an der integralen Lebenspraxis und fragen sich, was das ist, wie das konkret aussehen könnte. In meinem Artikel Integrale Lebenspraxis habe ich darüber geschrieben, was der Sinn einer solchen Praxis sein könnte. Heute möchte ich mit euch ganz praktisch in das Thema einsteigen.

Das Prinzip ist ganz einfach: Es gibt vier Kernmodule, fünf Hilfsmodule und zig frei wählbare weitere Module. Du wählst aus jedem Modul mindestens eine Übung, die du ab da regelmäßig durchführst. Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Viel, von dem, das wirst du gleich merken, machst du ohnehin schon jeden Tag oder jede Woche, nur dass du bis jetzt nicht auf die Idee gekommen wärst, es als „Praxis“ zu bezeichnen.

Der Sinn der integralen Lebenspraxis besteht nicht darin, dass du dein Leben von einem Tag auf den anderen völlig umkrempelst und versuchst, alles ganz anders zu machen – sondern darin, deinen Lebensstil nach und nach etwas integraler, also ganzheitlicher, zu machen – zu einem übergreifenden Training deines Körpers, deines Geists, deiner Spiritualität und Persönlichkeit. Deshalb darf sie sich auch immer wieder ändern und deinen Bedürfnissen und Lebensumständen anpassen.

Die vier Kernmodule (Bereiche, in denen Übungen gemacht werden) sind:

  • KÖRPER-MODUL (da geht es um Übungen für deine drei Körper – den grobstofflichen (Sport, Ernährung), den subtilen (Yoga, Qi Gong), und den kausalen (Meditation, Gewahrsein)
  • SCHATTEN-MODUL (Arbeit mit deinem unterdrückten Unbewussten, z.B. im Rahmen einer Therapie oder Traumarbeit)
  • VERSTAND-MODUL (da beschäftigst du dich mit der integralen Theorie und treibst sonstige intellektuelle Studien, liest z.B. Fachbücher)
  • GEIST-MODUL (da gehst du einer spirituellen, meditativen Praxis nach)

Die fünf Hilfsmodule sind

  • Ethik (Reflexion über, Engagement)
  • Sexualität (in Verbindung mit Spiritualität, z.B. tantrischer Sex)
  • Arbeit (unser[e] Beruf[ung])
  • Emotionen (negative umwandeln in positive, Umgang damit lernen)
  • Beziehungen (z.B. bewusste Partnerschaft, bewusste Elternschaft)

Frei wählbare Module könnten z.B. sein

  • Geld (Beschäftigung mit unserem Verhältnis zu, Umgang damit)
  • Kreativität
  • Dienen
  • Natur
  • Willenskraft (Selbstdisziplin)

Jetzt wählst du aus jedem MODUL mindestens eine oder auch zwei Übungen (je nach deiner Zeit, deinen Lebensumständen und Schwerpunkten, die du setzen willst). Das, was du ohnehin schon machst, kommt natürlich auch rein. Du merkst dann recht schnell, welches Gebiet du bisher in deinem Leben etwas vernachlässigt hast und wo du bereits gut aufgestellt bist.

Im Folgenden stelle ich euch einfach mal meine derzeitige ILP vor.MODUL Körper

Wie ihr seht, bin ich (kindheitsbedingt) kein Fan von „richtigem Sport“ und versuche die Bewegung möglichst in das zu integrieren, was ich ohnehin tun muss.

MODUL Schatten

Hier seht ihr, dass ich durch die ILP erkannt habe, dass ich gerne mal freiwillig eine Therapie oder ein längeres Seminar machen würde. Im Moment ist leider kein Geld dafür da, bleibt aber im Hinterkopf.

MODUL Verstand

Hier seht ihr, dass ich – wie es manche nennen – etwas „verkopft“ bin. Zum Glück sieht man auch so etwas durch das Aufstellen einer ILP sehr gut und kann dann gegensteuern, wenn etwas zu extrem wird. Und hier noch das GEIST-MODUL:

MODUL Geist

Jetzt könnt ihr bei euch schauen:

  • Geht ihr einer Sportart nach? Ernährt ihr euch bewusst? usw.
  • Schreibt ihr Tagebuch, arbeitet mit eurem inneren Kind oder macht eine Maltherapie? usw.
  • Lest ihr Bücher von Ken Wilber oder andere Fachbücher zu Themen, die euer Denken weiten? usw.
  • Pflegt ihr eine christliche Meditation oder betet ihr regelmäßig, allein oder gemeinsam mit anderen? usw.
  • Und dann ergänzt bei jedem MODUL, wo ihr noch gar nichts macht, eine Übung und versucht, sie in euren Alltag einzubauen. Und: Fertig ist eure ILP!

Hier könnt ihr ein PDF herunterladen, mit dessen Hilfe ihr eure ganz persönliche Integrale Lebenspraxis planen könnt. Ich wünsche euch viel Spaß damit und würde mich total freuen, von euren Erfahrungen damit zu hören!

Der ILP-Planer für euch:

ILP Planer

Cynthia Bourgeault: Das Herz des Zentrierenden Gebets

Eine völlig andere Art der Wahrnehmung

Die spirituelle Lehrerin und Autorin Cynthia Bourgeault stellt in ihrem Buch die These auf, dass das Christentum mit dem Gebet der Sammlung (Zentrierendes Gebet) über eine kontemplative Praxis verfüge, die wie keine andere direkt in das nonduale Bewusstsein führe. Sie unterscheidet es von einer anderen Form christlicher Mediation – dem Mantrabeten.

Wenn ihr noch nicht wisst, was der Begriff „Nondualität“ meint, empfehle ich euch zuerst meinen Artikel dazu: Wie erfahre ich Nondualität? 

Wenn ihr mehr darüber wissen wollt, wie das Gebet der Sammlung praktisch geht, hier entlang.

Ihre Thesen sind in Kurzform:

  • Das Gebet der Sammlung trainiert das „Loslassen“ – unserer Gedanken, Gefühle, Erinnerungen etc. „Loslassen“ ist keine Einstellung, sondern eine Übung mit konkreten physiologischen Auswirkungen. Das Gebet sei kenosis in Reinform – Leerwerden, Entäußerung. Vorbild hierfür ist Jesus.

„Er entäußerte/erniedrigte (hier das Verb kenosein im Griechen, Leerwerden im Englischen) sich selbst“, Brief an die Philipper 2,8

  • „Nondualität“ ist eine andere Art der Wahrnehmung und Reaktion auf äußere Reize, die uns Menschen über unseren Körper zur Verfügung steht. Das Gehirn nehme war, indem es trenne und abstrahiere, das Herz dagegen empfände die Wirklichkeit mittels „holographischer Resonanz“. Vermutlich hätten das die östlichen christlichen Mystiker gemeint, die dazu rieten, das Denken vom Kopf in das Herz zu führen.
  • Der Autor der „Wolke des Nichtwissens“ behaupte sogar, es hebe den Ursprung der Sünde – die trennende Wahrnehmung – wieder auf.
  • Unsere Reaktion auf äußere Reize bestimmt, ob unser Reptiliengehirn (Kämpfe oder Fliehe-Modus) aktiviert wird oder unser Körper aus einem Zustand der Herz-Hirnkohärenz antwortet

Sie bezieht sich dabei besonders auf die neuesten Forschungen zum Herzen durch das Harth Math Institut in Boulder, Kalifornien. Dieses Institut wurde gegründet, um Menschen durch Übungen, Kurse und Geräte mit der Intelligenz ihres Herzens in Verbindung zu bringen. Ziel dabei sind u.a. Ausgeglichenheit, Gesundheit, Widerstandskraft und Kontakt mit der eigenen Intuition.

[Herzkohärenz] ist ein optimierter Zustand, in dem Herz, Geist und Emotionen geordnet und im Gleichklang sind. Auf Körperebene agieren Immun-, Hormon- und Nervensystem in einem Zustand energetischer Koordination.“

pixabay13Bei seinen Forschungen ist es zu einigen spannenden Ergebnissen gekommen:

  • Es gibt ein vom Kopfgehirn unabhängiges Herzgehirn (- so wie auch im Darm), das über ausgeprägte sensorische Fähigkeiten verfügt.
  • Die Herzfrequenz ist Schwankungen im Millisekundenbereich unterworfen – Herzfrequenzvariabilität (HFV) oder auch Herzratenvariabilität (HRV) genannt
  • Wer eine höhere HFV/HRV aufweist, kann besser mit belastenden Situationen umgehen, gibt nicht so schnell auf und hat eine größere Willenskraft
  • Das Herz ist das größte elektromagnetische Energiefeld des Menschen
  • Das Herz wertet extrem viel mehr Informationen aus als das Gehirn: Das Ergebnis erhalten wir als „Impuls“
  • Das Herz sendet mehr Informationen an das Gehirn weiter als umgekehrt

Mit dem von innen entwickelten Inner Balance Trainer kann jeder über sein Smartphone sein Herzschlagmuster beobachten. (Kostet 189 € )

Im Mittelpunkt der Übungen, die das Institut entwickelt hat, liegt die herzfokussierte Atmung (Atmung in das Herz hinein). Dies ist ein spannender Punkt, den diese Übung ist auch in der christlichen Spiritualität als äußerst wirkungsvoll bekannt (Name „Herzensgebet“!) weswegen häufig Anfängern sogar davon abgeraten (!) wird. (z.B. Sabine Bobert in „Mystik und Coaching, S. 135)

Cynthia Bourgeault verbindet diese Erkenntnisse über die Bedeutung des Herzens mit einer Kritik an der integralen Theorie. Ihrer Ansicht nach braucht es für die höheren Level- oder zustände der Spiritualität (3rdTier) das Zusammenwirken von Gehirn und Herz. Das Herz (auch als Organ!) sei bisher nicht genügend berücksichtigt worden – auch in der Meditationsforschung nicht. Eine interessante Erklärung hat sie ebenfalls: Die meisten Forschungen werden derzeit von Buddhisten durchgeführt, auf Initiative des Dalai Lama. Doch es seien bereits vielversprechende Forschungen im Gange, angeführt durch den Neurowissenschaftler und Psychologieprofessor Michael Spezio.

Hier könnt ihr mehr über die Autorin erfahren:

http://cynthiabourgeault.org

Ein Interview zu ihrem Buch findet ihr hier:

https://cac.org/heart-centering-prayer/

Auf YouTube gibt es eine Reihe Vorträge, in denen sie die Gebetspraxis und die Thesen ihres Buches vorstellt. Hier eines davon:

 

MODUL GEIST: Das Zentrierende Gebet

Zehntausend Gelegenheiten zu Gott zurückzukehren

Neben dem Jesusgebet (oder auch Herzensgebet) gibt es noch das Zentrierende Gebet oder Gebet der Sammlung als christliche Form der Mediation.

In den 70er-Jahren griffen einige Trappistenmönche der St. Josephs-Abtei in Spencer, Massachusetts, auf verschiedene mystische Schriften, darunter den mittelalterlichen Klassiker aus dem 14. Jahrhundert „Die Wolke des Nichtwissens“, zurück und entwickelten daraus eine Praxis, die sie das „Centering Player“ – Zentrierendes Gebet- nannten. Anschließend hielten sie Vorträge, führten Seminare durch, schrieben Bücher und gründeten ein landesweites Netzwerk, „Contemplative Outreach“, um es unter die Leute zu bringen.

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Thomas Keating, Quelle: Christopher, Commons Wikimedia, Thomas_Keating_discussion_with_the_Dalai_Lama_Boston_2012.jpg

Der bekannteste Gründervater ist der Mönch und Abt Thomas Keating. Er war geistlicher Lehrer und Autor. Mit Ken Wilber stand er in regem Austausch. Anlässlich dessen Tod voriges Jahr im Oktober veröffentlichte Wilber seinen Abschiedsbrief, worin es unter anderem heißt: „You are still the holiest person that I have ever met“.

Für alle, die das Gebet der Sammlung noch überhaupt nicht kennen, lässt sich die ganze Methode mit vier Wörtern beschreiben: Wiederhole schweigend ein Wort. Alles andere ist Kommentar dazu – hilfreich, anregend, aber dennoch eben nur noch Kommentar. (Jens Söring, Wiederhole schweigend ein Wort: Wege zur inneren Freiheit, 2009)

Jens Söring sitzt seit über zwanzig Jahren in den USA im Gefängnis. Er ist angeklagt, einen Doppelmord an den Eltern seiner damaligen Freundin begangen zu haben, streitet das aber bis heute ab. Das Gebet der Sammlung hilft ihm, den Alltag im Gefängnis zu durchstehen. Er schreibt:

Von Antonius in Ägypten bis zu Thomas Keating in Spencer übten die christlichen Kontemplativen das schweigende innere Gebet im Rahmen abgeschirmter Ordensgemeinschaften […] Ich dagegen begann meinen Weg […] im strengeren der beiden Hochsicherheitsgefängnisse von Virginia, wo mir Mörder nachstellten, um mich zu vergewaltigen, und die Wächter fast jeden zweiten Tag Schüsse abgaben. So kann ich aus ureigener Erfahrung etwas bezeugen, was die Mönche und Nonnen in ihren Klöstern und Gemeinschaften in dieser Form nicht erlebt haben dürften: dass das kontemplative Gebet tatsächlich „den Frieden Gottes“ bringt, „der alles Verstehen übersteigt“ (Philipper 4,7)

Auf einem deutschsprachigen Flyer, den ihr von der Seite von „Contemplative Outreach“ (www.contemplativeoutreach.org) herunterladen könnt, findet sich eine Kurzanleitung:

  • 1. Wähle ein Heiliges Wort als Symbol deiner Intention, der Anwesenheit und Aktion Gottes in dir zuzustimmen.
  • 2. Bequem sitzend und mit geschlossen Augen sammle dich kurz und schweigend, führe das Heilige Wort ein als Symbol deiner Bejahung der Anwesenheit und Aktion Gottes in dir.
  • 3. Wenn du von deinen Gedanken abgelenkt wirst, kehre behutsam zum Heiligen Wort zurück.
  • 4. Am Ende der Gebetszeit verweile ein paar Minuten mit geschlossenen Augen in Stille.
  • Unter Gedanken fallen alle „körperliche Empfindungen, Gefühle, Vorstellungen und Reflexionen.“
  • Empfohlen werden zweimal am Tag 20 Minuten

Die Anleitung erinnert stark an die zum Ruhegebet, wie es von Peter Dyckhoff gelehrt wird, vermutlich, weil beide wesentlich durch Johannes Cassian inspiriert wurden.

Der Unterschied zum Beten mit einem Mantra liegt vor allem darin, dass zum Wort nur zurück gekehrt wird, wenn wir merken, dass unsere Aufmerksamkeit sich fokussiert hat (auf eine Idee, eine Erinnerung, ein Gefühl etc.). Die Intervalle zwischen dem heiligen Wort können also recht unterschiedlich lange sein und gehen damit NICHT im Atem- oder einem anderen Rhythmus. Da ich schon eine lange Zeit mit dem Jesusgebet vertraut bin, kann ich definitiv sagen: Es fühlt sich anders an.

Bezüglich des „heiligen Wortes“ gilt: Je kürzer, desto besser. Je weniger emotional, assoziativ besetzt, desto besser. Ich habe einfach Gott darum gebeten, mir ein Wort einzugeben und das, das irgendwann kam, war zweisilbig und völlig sinnfrei. Und genauso ist es perfekt – schließlich dient es nur als Symbol und Werkzeug.

Eine bekannte Lehrerin des Gebets, Cynthia Bourgeault, erzählt immer eine kleine Anekdote, die wunderbar den Kern des Gebets zum Ausdruck bringt. Während einem Seminar von Thomas Keating habe eine Nonne, die das Gebet das erste Mal ausprobiert habe, geklagt: „Oh, Vater Thomas, ich bin so eine Versagerin bei diesem Gebet. In zwanzig Minuten hatte ich zehntausend Gedanken!“ Und  Thomas Keating habe geantwortet:

„Wie wunderbar. Zehntausend Gelegenheiten zu Gott zurückzukehren.“

Und genau das ist der Kern: Gedanken sind kein Hindernis, sondern eine Gelegenheit, ihr Loslassen zu üben und damit Schritt für Schritt weniger an ihnen zu kleben. Immer wieder loslassen und zurückkehren. Loslassen und zurückkehren. Loslassen und zurückkehren. Loslassen… ihr kriegt, worum es geht.

Cynthia Bourgeault ist der Ansicht, dass das Christentum mit dem Gebet der Sammlung über eine Meditationsform verfügt, die wie keine andere dazu geeignet ist, in nonduales Bewusstsein zu führen. Was sie darunter versteht und welche Gründe sie dafür anbringt, erfahrt ihr im nächsten Artikel…

PORTRAIT: Sven Kosnick

Sven Kosnick ist Zen-Lehrer. Seine eigene Kirche kann damit nichts anfangen.

Es ist kurz vor halb acht und schon dunkel. Im Gemeindezentrum brennt noch Licht. Zwei Frauen warten vor einer Tür. In dem Raum findet heute wieder eine Zen-Einheit statt, so wie jeden Donnerstagabend seit 1995 auf der Diezenhalde in Böblingen. In diesem Jahr hat Sven Kosnick den Kurs ins Leben gerufen, als er dort Pfarrer war.

Sven Kosnick ist ein hochgewachsener, kräftiger Mann mit kurzen, dunkelblonden Haaren und einem strahlenden Lächeln. Er geht zielstrebig auf den Raum zu, begrüßt die Frauen vor der Tür, schließt auf und betritt hinter ihnen den Raum. Er legt eine Matte und ein Kissen auf den Boden und zündet ein Räucherstäbchen an. Die Teilnehmer, zwei Männer und vier Frauen, haben eine Decke und ein Kissen dabei und legen diese in einem Kreis auf den Boden. Der Raum hat hohe Wände und vermittelt ein Gefühl von Weite. Alle begrüßen sich mit „Namaste“, indem sie die Handinnenflächen zu einer Grußgeste zusammenlegen und sich voreinander verbeugen. Dann nehmen alle Platz, die meisten offenbar geübt im Lotus-Sitz. Es stehen an: Drei Sitzeinheiten von 25 Minuten und dazwischen eine Gehmeditation. Sven Kosnick hält einen kurzen Vortrag zur Meditation, dann fragt er die Teilnehmer reihum, wer Interesse an einem „Dokusan“ habe – damit ist ein Gespräch mit ihm unter vier Augen gemeint. Vier Leute melden sich. Während die anderen meditieren, verlässt er den Raum und wartet in der Kirche nebenan auf seine Schüler, die ihn der Reihe nach aufsuchen.

Sven Kosnick wurde 1963 in Bad Schwartau an der Ostsee geboren und wuchs auf der schwäbischen Alb auf. Kurz vor dem Abitur machte er seine erste spirituelle Erfahrung und durchlebt daraufhin eine intensive Such- und Lesephase. Schon damals stieß er auf das Thema „Zen-Meditation“. Viele Sätze hätten ihn direkt ins Mark getroffen. Im Herzen habe er erkannt: Das ist es.

Bei der Bundeswehr fiel seine Entscheidung, Theologie zu studieren. Sein Studium absolvierte er in Tübingen, eine Weile studierte er außerdem Sport. Doch die Theologie, die er an der Universität erlebte, ließ jedes Interesse an spiritueller Erfahrung vermissen. Was er fand war pure Rationalität.

Nach dem Vikariat 1991 arbeitet er weitere 9 Jahre als Pfarrer. Schnell stellt er fest: „Ich bin gerne Pfarrer, aber das, was ich als Pfarrer machen soll, reicht mir nicht.“ 2002 habe er an die Schule gewechselt, zuerst nach Nagold, dann nach Stuttgart, wo er heute lebt. Seine spirituelle Erfahrung präge auch seinen Religionsunterricht. Er unterrichte „gelb“, deute „türkis“ manchmal an. Damit bezieht er sich auf den Farbencode von „Spiral Dynamics“. Auf die Frage seiner Schüler, welche Religion die richtige sei, gebe er als Antwort: Die richtige sei die, die liebt.

„Manche wollen dann auch anfangen, zu meditieren.“

Wenn Sven Kosnick beginnt, frei zu reden, merkt man, dass er in Welten Zuhause ist, die vielen gänzlich fremd erscheinen. Er verwendet Worte wie „Satori“ (Erleuchtung), „Koan“ (Fragen eines Zen-Meisters, die zur Erleuchtung führen) oder den Farbencode von Spiral Dynamics mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der andere „Butterdose“ oder „Schlafen“ sagen.

„Du kannst nicht beschließen, Zen-Lehrer zu werden“

china-1177009Erste Erfahrungen mit Meditation machte Sven Kosnick während seines Studiums bei einem Kurs im Evangelischen Stift. Doch das Sitzen in der Stille war ihm nicht genug. Er sehnte sich nach einem erleuchteten Meister, einem Menschen, dem er abspürte, dass dieser ihm die Erfahrung vermitteln könne, weil er sie selbst gemacht habe.

Als er das erste Mal den katholischen Zen-Meister Pater Johannes Kopp traf, war für ihn sofort klar: „Wir gehören zusammen.“

Diesem sei es damals ähnlich ergangen. Sven Kosnick wurde sein Schüler und belegte einen Kurs nach dem anderen. Dadurch bewies er, dass es ihm ernst war, mit der Suche nach der Wahrheit. Denn Zen sei mehr als Sitzen in der Stille und die Beobachtung des eigenen Atems. Es gehe vielmehr darum, das eigene Wesen und das Wesen der Wirklichkeit selbst zu erkennen.

Dazu werde jedem Schüler von seinem Meister bestimmte Fragen oder Aufgaben aufgetragen, die ihm auf seinem Weg zum Erwachen helfen sollen. Diese seien häufig absichtlich widersinnig oder paradox formuliert, um die Grenzen der Rationalität zu sprengen. Als ein Beispiel hierfür nennt er die berühmte Aufforderung eines Zen-Meisters: „Zeig mir den Klang einer klatschenden Hand“. Durch Gespür erkenne der Meister, ob der Schüler die Antwort erkannt habe. Wenn ein Schüler auf diesem Weg die Erfahrung der Erleuchtung macht, liegt noch ein weiter Weg vor ihm, bis er reif genug sei, andere ebenfalls zu dieser Erfahrung zu führen. Im Fall von Sven Kosnick musste diese noch Jahrzehnte ausreifen, bis sein Lehrer sagte: Ich ernenne dich zum Zen-Lehrer. Das war bei ihm 2013 der Fall.

Seitdem gibt er selbst Kurse in Zen, darunter auch sogenannte „Sesshins“. Dabei handelt es sich um Trainingseinheiten in der Zen-Meditation, deren Länge über einige Tage hinweg allmählich gesteigert wird.

Sein Traum ist es, Leiter eines geistlichen Zentrums zu werden. Als Vorbild nennt er das Programm „Leben aus der Mitte“, das von Johannes Kopp gegründet wurde. Es ist in der katholischen Kirche angesiedelt. Es frustriert ihn, dass seine Kirche keinen Bedarf an einer solchen Einrichtung sieht. „Die katholische Kirche ist der evangelischen da weit voraus.“ Bezeichnend sei, dass ihn der katholische Bischof kenne, sein eigener, der evangelische, Frank Otfried July, aber nicht. Denn das Programm „Leben aus der Mitte“ ist im Bistum Essen beheimatet. Es ist weltweit das einzige seiner Art, das direkt von einem Bistum getragen wird.

Als ich ihn während der Meditation im Kirchenraum aufsuche, ist seine erste Frage: „Wie ist es dir ergangen?“ Im darauffolgenden Gespräch, das ein wenig einer Befragung ähnelt, bleibt er liebevoll, aber hartnäckig. Ich merke, dass seine Weise von „Buddha“ zu reden, mich zunächst irritiert, denn für ihn scheint „Christus“ und „Buddha“ relativ austauschbar: Beide erleuchtet, beide Menschen wie er und ich, reines Bewusstsein. Dann gibt er auch mir ein „Koan“ auf.