Spirituelle Entwicklung

Wilber zeigt, dass sich die Grundidee von „Stufen des Glaubens“ (gleichnamiges Werk von Fowler) oder des Bewusstseins bei zahlreichen Mystikern unterschiedlicher Traditionen findet, im Yoga ebenso wie bei christlichen Kirchenvätern.

Gerade in der Mystik kommen sich Menschen und ihre Vorstellungen wieder nahe, die in gänzlich anderen Ländern, Konfessionen und Zeiten leben.

Immer wird eine Entwicklung vorausgesetzt, von der vermeintlichen Gottesferne hin zu der Vereinigung mit dem Göttlichen.

In der Bibel sind kleine als auch umfassende Entwicklungsbögen enthalten, sowohl in den Geschichten von Menschen, die sich entwickeln (man denke nur an Abrahams Glaube, an die Entfremdung und Versöhnung von Jakob und Esau, oder Josef und seine Brüder), als auch auf der Metaebene, der großen Geschichte von der Entfremdung von Gott durch den sogenannten Sündenfall und die erneute Annährung und Erlösung durch Jesu. Selbst Gott bzw. die jeweiligen Bilder, Beschreibungen und Geschichten con ihm entwickeln sich in der Bibel.

In dem Buch „Mormon“, das sich als Ergänzung oder Bestätigung der biblischen Botschaft versteht, wird der Sündenfall positiv als Anstoß zur Weiterentwicklung gedeutet. In 2. Nephi 2 wird erklärt, dass Schöpfung nur Sinn mache, wenn sie Erfahrung ermöglicht, Erfahrung geschehe aber in Gegensätzen. Alles sei aus Teilen zu einem Ganzen zusammengesetzt. Deshalb musste es beide Bäume im Garten geben. (Das heißt: Die Wahlfreiheit zwischen zweien). Ohne die Übertretung (den Fehler) hätte es keinerlei Weiterentwicklung gegeben. Die Menschen hätten nie die wahre Freude empfunden, für die sie geschaffen wurden.

Diese positive Deutung geht völlig konform mit der negativen, dass der Mensch erst durch die Gottesferne zu unsäglichem Leiden gekommen ist. Zu einer vollständigen, umfassenden Erfahrung gehören Freude und Leid dazu, da eben weder das eine noch das andere andernfalls „erfahrbar“ wäre.

Wunderbar beschrieben finde ich diesen Gedanken bei Neale Donald Walsch (ganz ungeachtet, was man von seinen Werken im Ganzen halten mag). Auf S. 45 der Gesamtausgabe von „Gespräche mit Gott“ (Arkana Verlag) schreibt er: „Ihr könnt nicht den Teil von euch, den ihr dick nennt, erfahren, solange ihr nicht auch das Dünne kennt. Daraus ergibt sich die logische Schlußfolgerung, dass ihr euch nicht als die, die ihr seid, erfahren könnt, solange ihr nicht dem begegnet seid, was ihr nicht seid.“

Zur spirituellen Entwicklung gehört die Erfahrung der Gottesferne ebenso dazu wie die Erfahrung der Verschmelzung mit dem Göttlichen.

Doch diese Entwicklung verläuft keineswegs nur linear, das heißt von einer Stufe zur nächsthöheren. Um sie zu beschreiben, ist Wilbers Theorie äußerst hilfreich. Denn er unterscheidet zwischen Zuständen und Strukturen.
Dabei gehört eine sogenannte „Gipfelerfahrung“, also die Erfahrung des Eins-Seins oder der Verschmelzung mit dem Göttlichen zunächst in den Bereich eines Zustandes und wird erst dann zu einer Struktur, wenn diese Erfahrung dauerhaft gemacht wird, was bei den wenigsten Menschen der Fall ist und meist nur durch langjährige meditative Praxis erreicht wird.

Er unterscheidet zwischen den Zuständen Wachen, Träumen und traumlosem Tiefschlaf und ordnet diesen bestimmte spirituelle Erfahrungen zu. DSCN4736
Die meisten Menschen erleben nur den Wachzustand bewusst, den Rest unbewusst. Aber jeder, der einmal einen sogenannten luciden Traum hatte, in dem er plötzlich sich bewusst wurde, dass er träumt, weiß aus Erfahrung, dass die Bewusstheit auf den Traum ausgedehnt werden kann, zumindest temporär. Wer viel meditiert, wird ebenfalls die Erfahrung machen, dass er in versenktem Zustand sehr bewusst innere Bilder wahrnehmen kann. Wer nun seine Bewusstheit über alle diese Zustände hinaus dauerhaft ausdehnen kann, erlebt die einst einmalige „Gipfelerfahrung“, das Eins-Sein mit dem Göttlichen, ständig. Aus einem Zustand wird eine Struktur. Er hat keine Erleuchtung, er ist erleuchtet. Jesus sagt: „Ich und der Vater sind eins.“

Gott 9.0 in Kürze

In Gott 9.0 greifen die Autoren Marion Küstenmacher, Tilmann Haberer und  Werner Tiki Küstenmacher die integrale Theorie auf und wenden sie auf die christliche Spiritualität und die damit einhergehenden Gottesvorstellungen an. Dabei wird von ihnen sowohl Spiral Dynamics von Don Edward Beck und Christopher C. Cowan aufgegriffen als auch Ken Wilber rezipiert. Zu diesen Denkern und ihren Theorien findet ihr an anderer Stelle mehr auf meinem Blog.

Die Autoren von Gott 9.0 unterscheiden in enge Anlehnung an Spiral Dynamics ingesamt neun verschiedene Bewusstseinsstufen, die zu einer bestimmten Zeit das erste Mal entstanden sind und nun alle nebeneinander koexistieren. Diesen ordnen sie jeweils ein bestimmtes Gottesbild und Jesusbild zu. Dabei kommt jeder dieser Stufen eine jeweils eigene wichtige Bedeutung zu. Keine ist besser oder richtiger als die andere, doch während es zwischen den ersten Stufen zu Missverständnissen und gegenseitiger Ablehnung kommt, wird ab der siebten Stufe eben diese Vielfalt und das Nebeneinander erkannt, unterschieden und schätzen gelernt.

Eine grob zusammengefasste Übersicht meinerseits:

Beige: Gott als Mutterbrust, große Hand. Jesus als Säugling, nackt am Kreuz.

Purpur: Stammesgötter, Geister, Dämonen, Ahnenkult. Jesus als Wundertäter und Heiler.

Rot: Kriegsgott Jahwe. Jesus als Kämpfer gegen den Satan.

Blau: Gott als allmächtiger Schöpfer und Richter. Jesus als Retter, Weltenrichter und Sühneopfer.

Orange: Verlorener oder toter Gott, verborgener Gott, persönlicher Gott, apersonaler Gott. Jesus als provozierender Kritiker und Vorbild.

Grün: Gott als Liebe. Gott aller Religionen. Jesus als Lehrer der Liebe.

Gelb: Gott als der dreieinige. Jesus als wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich. Jesus als Mystiker.

Türkis: Gott als Geist/Bewusstsein. Kosmischer Jesus.

Koralle: Noch offen.

Ich weiß nicht, wie es euch damit geht, aber ich habe als Pfarrerin schon alle diese verschiedenen Gottes- und Jesusbilder bei mir und anderen Menschen kennen gelernt. Mit einher gehen leidliche und sich immer nach demselben Muster wiederholende Auseinandersetzungen zwischen (eigentlich sonst ganz netten!) Menschen, die sich gezwungen sehen, ihr jeweiliges Bild (samt dem dazu gehörigen Glauben und Lebensstil) zu verteidigen. Wer stark blau glaubt, also an den einzigen Erlöser Herrn Jesus, will von dem grünen Gott, der von allen Religionen verehrt wird, nichts wissen und so weiter… (doch dazu gerne mehr an anderer Stelle)

Mit dem Buch ist m.E. den Autoren eine geniale Anwendung der integralen Theorie auf das Christentum gelungen, weswegen ich nur empfehlen kann, es zu lesen.

Spannend ist auch der darin enthaltene Selbsttest, durch den der Leser sich einer der Stufen zuordnen kann. (Ob diese Selbsteinschätzung gelingen kann, stelle ich allerdings ein wenig in Frage…)

Mehr zu dem Buch auf der dazugehörigen Homepage:

http://gott90.de

Über die Seite könnt ihr kostenlos Lesezeichen bestellen, auf denen die neun Bewusstseinstufen in einer Übersicht zusammengefasst sind.

Zu dem Buch gibt es außerdem eine Facebookgruppe: https://www.facebook.com/groups/gott90/about/

Im April erscheint ein Nachfolgeband dazu: Integrales Christentum. Das Praxisbuch zu Gott 9.0

Über dieses werde ich zu gegebener Zeit berichten.

Eine integrale christliche Lebenspraxis?

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIntegrale Lebenspraxis (ILP) bedeutet, sich einen individuell auf einen selbst abgestimmten Trainingsplan zusammenzustellen. Den Kern bilden dabei vier Module, die sich jeweils einem Thema widmen: Körper, Verstand, GEIST und Schatten. Dazu kommen andere ergänzende Module je nach Interesse, Lebensphase und Neigung hinzu. Wer in jedem Modul mindestens regelmäßig eine Übung macht, pflegt eine Integrale Lebenspraxis.

Ich könnte also für das Modul Körper regelmäßig einer bestimmten Sportart nachgehen oder meine Ernährung umstellen, für das Modul Verstand ein Buch lesen oder eine Fortbildung besuchen, für das GEIST-Modul sonntags in den Gottesdienst gehen oder jeden Abend beten und mich durch eine Therapie oder das Tagebuchschreiben mit den dunklen Seiten meiner Psyche, dem Schatten, konfrontieren.

Ich höre, besonders die Lutheraner, skeptisch fragen, wozu es denn diese Praxis überhaupt braucht. Wir seien doch gerechtfertigt etc.pp. Allzu schnell wird jemand verdächtig, der das Wort „Meisterschaft“ in den Wort nimmt, als glaube da einer, er könne sich vor Gott „selbst rechtfertigen.“ Die Orthodoxen hingegen werden wesentlich schneller verstehen, um was es geht, da sie die Beziehung zwischen einem Starzen oder Beichtvaters als Mentor und seinem Schüler aus ihrer Tradition her kennen.

Sinn der Praxis ist es, das eigene Leben bewusster zu leben, mehr und tiefer wahrzunehmen und das eigene Potential, die Gaben, die Gott uns geschenkt hat, auszuschöpfen. Um schon zeitlebens mehr zu uns selbst und zu Gott zu finden. Vielleicht einfach, um hinterher weniger zu bereuen. Vielleicht auch einfach, weil es Freude macht, zu innerer Fülle und Liebe führt.

Die Autoren von „Integrale Lebenspraxis“ schreiben, ILP könne mit jeder spirituellen Tradition koexistieren. Wir müssen also nicht Buddhist werden, um zu meditieren bzw. uns in Gott zu versenken.

Es ist sogar äußerst sinnvoll, die Techniken zu verwenden, die uns die eigene Tradition, in der wir groß geworden sind, zur Verfügung stellt, wenn es um spirituelle Praxis geht. Schon allein deshalb, weil sie uns bereits vertraut ist und der Einstieg leichter fallen dürfte.

Die ILP erkennt den unbedingten Wert von verschiedenen Praktiken wie Meditation und Gebet. Diese sind sogar notwendig, wollen wir bestimmte „Erfahrungen, Wahrnehmungen und Dimensionen des Gewahrseins […] bekommen“ (S. 241)Zitat:

„Menschen könnten sich auf eine integrale Spiritualität einlassen und weiterhin praktizierende Christen, meditierende Buddhisten, New-Age-Anhänger oder neuzeitliche Schamaninnen sein. Diese Spiritualität würde die eigene Religion ergänzen, ohne ihr etwas zu nehmen. Das einzige, was sie ihr nehmen würde, wäre der Glaube (und darum führt kein Weg herum), dass der eigene Weg der einzig wahre Weg zu Gott ist.“ (S. 243)

Letzteres hängt eng mit der Mehrperspektivität der integralen Philosophie zusammen, über die ich an anderer Stelle mehr schreibe.

Die integrale Theorie nach Ken Wilber

Die integrale Theorie von Ken Wilber versucht umfassende Zusammenhänge aufzudecken und eine Zusammenschau von Erkenntnissen sämtlicher Disziplinen in einem Modell. Es ist ein Versuch, die Entwicklungen in unserer Welt beschreibbar zu machen.

Ken Wilber ist ein amerikanischer Philosoph. Seine Theorie hat weltweit Diskussionen ausgelöst und zahlreiche Interessenten und Anhänger gefunden.

Die Verwendung des Wortes „Integral“ kommt inhaltlich den Begriffen „allumfassend, alles einschließend, ausgewogen“ nahe.

Die Theorie ist eine Art System, eine übergreifende Ordnung in Modelle zu bringen, die jeweils einen Teil der Wirklichkeit beschreiben. Abgekürzt wird diese Ordnung mit den Buchstaben AQAL. Sie stehen für „Alle Quadranten, Ebenen, Linien, Zustände und Typen (all quadrants, all levels, all lines, all states, all types)“.

1. Quadranten

Sie ergeben sich aus zwei Unterscheidungen: innen/außen und individuell/kollektiv und entsprechen den vier Pronomen: Ich, Wir, Es und Sie. Bezogen auf einen Menschen wären das einmal sein Innenleben (Ich), sein Verhalten (Es), die Menschen, mit denen er in Beziehung tritt (Wir) und die Gesellschaft, innerhalb derer das stattfindet (Sie).

2. Ebenen

Hier werden verschiedene Stufen innerhalb einer hierarchischen Entwicklung unterschieden, wie z.B. primitiv, archaisch, historisch, frühmodern, modern, postmodern.

3. Linien

Sie stehen für die verschiedenen Bereiche, innerhalb derer Entwicklung stattfindet, zB. physisch,  kognitiv, moralisch. Der Körper, das Denken und die Wertvorstellungen eines Menschen entwickeln sich nebeneinander, so dass ein Mensch in einem Bereich bereits weit fortgeschritten sein mag, in einem anderen jedoch zurückbleibt.

4. Zustände

Damit sind vorübergehende Erfahrungen gemeint wie Lachen oder Wut. Grundzustände sind Wachen, Träumen und traumloser Tiefschlaf. Diese entsprechen in der Spiritualität verschiedenen Bewusstseinserfahrungen.

5. Typen

Damit unterscheidet man gleichwertige, d.h. nicht hierarchisch stehende, stehende Erscheinungsformen, wie männlich-weiblich oder bestimmte Persönlichkeitstypen etc.

Wer tiefer einsteigen möchte, dem lege ich diese Seite ans Herzen:

http://www.integralesforum.org

Warum dieser Blog?

Warum dieser Blog? Ganz einfach: Aus Begeisterung! Seitdem ich über die integrale Theorie gestoßen bin, hat sich mein Denken verändert, ich würde fast sagen, es hat eine Art neue (vermutlich vorübergehende) Heimat gefunden. Gleichzeitig bin ich Christin und will das auch gerne bleiben. Also habe ich mich gefragt: Geht das? Und wenn ja, wie? Was kann ich gerade als Christin von der integralen Theorie lernen – und umgekehrt, wie kann christliches Denken und Philosophieren diese bereichern und in sie einfließen?

Und dann folgt aus jeder Theorie notwendigerweise eine dazugehörende Praxis. Was könnte es bedeuten als Christin integral zu leben?

So werde ich in diesem Blog bemüht sein, beides miteinander zu verbinden. Dabei verstehe ich jeden Satz, jeden Gedanken als vorläufig, unabgeschlossen und freue mich über Kommentare und Denkanstöße, denn ich erlebe es immer wieder als erhebend, im gemeinsamen Gespräch über mich selbst hinauszuwachsen.