Die Eine Welt – das Eine Christentum!? Teil I

Das integrale Modell könnte uns an dieser Stelle helfen, die Dinge tiefer zu verstehen. Zum Beispiel durch die möglicherweise zunächst provokante Annahme, dass verschiedene kirchliche Gemeinschaften sich vor allem und zunächst dadurch unterscheiden, dass ihr Schwerpunkt in unterschiedlichen Memen liegt.

„Wir haben das Problem, dass wir viele Kirchen haben statt einer. Wir sind zersplittert in verschiedene Konfessionen und Denominationen. Ist es möglich, ein Lied zu singen, das alle verschiedenen Denominationen der ganzen Welt vereint? Das wäre ein neues Lied! Die alten Lieder trennen uns.“

Kisuba Kateghe [in: Aufmachen. Wie wir heute Kirche von morgen werden. Christina Brudereck, Kisuba Kateghe, Endri Sulaksono, Claudia Währisch-Oblau 2013

Jesus selbst hat dafür gebetet, dass die Kirchen eins würden. Warum eigentlich?

Weil wir dann glaubwürdiger wären, mehr Liebe ausstrahlen würden, mehr bewirken könnten und damit anziehender wären – und mehr Menschen die Chance bekämen, darin die Liebe und den Auftrag Gottes zu erkennen

„Ich bete darum, dass sie alle eins sind – sie in uns, so wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin. Dann wird die Welt glauben, dass du mich gesandt hast. Die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, habe ich nun auch ihnen gegeben, damit sie eins sind, so wie wir eins sind. Ich in ihnen und du in mir – so sollen sie zur völligen Einheit gelangen, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und dass sie von dir geliebt sind, wie ich von dir geliebt bin.“

Jesus, in: Johannes 17,21-23 Neue Genfer Übersetzung

Eine Unzahl an Kirchen, die alle an Unterschiedliches glauben und ihren Glauben unterschiedlich leben, steht in der Gefahr, Verwirrung und Unsicherheit für Außenstehende zu stiften – und sie sorgt für Konflikte und Auseinandersetzungen in den eigenen Reihen.
Warum aber sind wir dann nicht eins? Gehören nicht alle, die an Jesus Christus glauben und ihm nachfolgen, zu einer einzigen Gemeinschaft, dem Christentum?

Tatsächlich scheint es gar nicht leicht, zu erklären, warum die Kirchen nicht eins sind. Die Ursachen für die Spaltungen und Trennungen sind zahllos und komplex und nur mit viel Mühe und Aneignung von speziellen Kenntnissen nachvollziehbar. Kulturelle und sprachliche Barrieren lösen zunehmende Entfremdung aus, politische und zwischenmenschliche Faktoren tragen ihr Übriges dazu bei. Zu den ursprünglichen Ursachen und Gründen kommen nachträgliche Begründungen dazu, warum die Trennung nicht wieder aufgehoben werden kann.
Durch die Trennungen ist allerdings auch gleichzeitig eine ungeheure Vielfalt an Ideen, Ausdrucksformen und Traditionen entstanden. Und wenn wir uns sonst in der Schöpfung Gottes umsehen, macht diese nicht den Eindruck, als würde Gott diese Vielfalt, die nur durch Trennung möglich wird, nur verabscheuen – er liebt sie auch und ist trotz und in ihr gegenwärtig.
Das integrale Modell könnte uns an dieser Stelle helfen, die Dinge tiefer zu verstehen. Zum Beispiel durch die möglicherweise zunächst provokante Annahme, dass verschiedene kirchliche Gemeinschaften sich vor allem und zunächst dadurch unterscheiden, dass ihr Schwerpunkt in unterschiedlichen Memen liegt. Die Autoren von Spiral Dynamics schreiben nicht umsonst, dass es gerade in den Übergangsphasen von einem Mem zum nächsten zu Kirchenspaltungen kommt:

„Kirchen geraten in Aufruhr und spalten sich, wenn neue WMeme in einem Teil ihrer Mitglieder erwachen.“ (Spiral Dynamics, Beck/Cowan S. 66)

Die Reformation ist beispielsweise ein solches Ereignis, das zugleich Auslöser als auch Folge der Entstehung des orangenen Mems ist.

Wieder ist dabei wichtig zu betonen, dass mit dem Mem nicht automatisch eine Wertung verbunden ist. Ein nachfolgendes Mem ist nicht per se besser, doch eine angemessene Antwort auf die veränderte Umgebung, in diesem Fall die heraufbrechende Moderne.
Meme bauen jedoch aufeinander auf und ergänzen sich gegenseitig. Die Kirchen der Reformation haben jedoch häufig einen Großteil dessen, was sich innerhalb des purpurnen Mem verorten lässt, völlig über Bord geworfen. Reliquien-, Bilder- und Heiligenverehrung, heilige Orte, Weihehandlungen, Exorzismen etc., da sie meinten, es ginge darum, diese Dinge grundsätzlich zu überwinden, statt sie auf eine gesunde Weise zu integrieren. Das hat auch zu einer tiefgehenden Verarmung geführt.

Ein solches Verständnis von gegenseitiger Abhängigkeit und Verwandtschaft könnte die Ökumene stärken und zu einer Wiederannäherung der Kirchen verhelfen.

Hier findet ihr die Fortsetzung: „Die Eine Welt – das Eine Christentum!? Teil II“

Warum ich heute gelb denke

An dieser Stelle möchte ich, ausnahmsweise etwas persönlicher als das sonst der Fall sein wird, davon berichten, wie ich zu dem integralen Ansatz fand beziehungsweise dieser mich. Noch einmal vielen Dank an die Person, die mir diese Frage in der Facebookgruppe zu Gott 9.0 gestellt hat.

Gelb, blau, rot, purpur:

Im Folgenden begegnen euch viele Farben. Es handelt sich um den Code von Spiral Dynamics. Dazu siehe auch meinen und andere Artikel dazu.

Vorneweg: Auch ich denke bei starkem Hunger nahezu ausschließlich beige daran, wo und wie ich am schnellsten an etwas essbares herankomme. Und als ich mich in akuter Lebensgefahr wähnte, war ich purpur froh, von meinen orthodoxen Glaubensbrüdern und -schwestern gelernt zu haben, wie man sich durch eine Ikonen und das Bekreuzigen vor dem Teuflischen schützt. Und an schlechten Tagen kann ich ganz schön rot trotzig und zornig sein. Und … ich glaube, ihr habt den Punkt?

Ich glaube nicht, dass ein Mensch es schafft, immer gelb zu denken. Oder dass das überhaupt ein anzustrebendes Ziel wäre. Genauso wenig wie ein Mensch nur blau, nur grün, nur purpur denkt.

Doch weiter: Vielleicht kennt auch ihr das Phänomen, das ihr etwas sucht, und stattdessen etwas gänzlich anderes findet?

Jesus soll gesagt haben: „Wer sucht, der findet“. Meiner Erfahrung nach finden uns die Ideen und Inhalte, wenn wir bereit für sie sind und nicht unbedingt dann, wenn wir bewusst danach Ausschau halten.

In meinem Theologiestudium herrschte vorwiegend orangenes Denken vor. Jeder wusste es besser als der andere und um das zu zeigen, bediente man sich der wissenschaftlichen Methode. Wer anders dachte als man selbst, war einfach ein bisschen dümmer. Um voranzukommen, bewies man Anpassungsfähigkeit, selbstgewisse Dominanz in Diskussionen und Pragmatismus.

Einige Mitstudenten steckten allerdings so tief im blauen Mem, das es mir zunächst so schien, als müssten alle Kräfte eingesetzt werden, auch diesen Menschen den Sprung ins orangene Mem zu ermöglichen. Damit meine ich, dass die einfachsten Annahmen der Aufklärung nicht wirklich akzeptiert wurden. Das „WORT“ hatte immer Recht. Auch wenn man gar nicht verstand, wie man verstand und was man da nicht verstand. Punkt. Aus.

Erst später habe ich festgestellt, dass diese Grabenkämpfe zwischen liberal und evangelikal eine gute Vorbereitung auf weitere Grabenkämpfe in den Gemeinden war.

Nach meinem Studienaufenthalt in Weißrussland mit dem Flair der Sowjetunion war mir klar, dass ich – entgegen meinen früheren Überzeugungen – nicht mehr links sein kann. Weder links, noch rechts, noch Mitte. Ich hatte all diese Kategorien als Heimat verloren. Dafür hatte ich das purpurne und blaue Mem aus einer ganz anderen Perspektive kennen und verstehen gelernt: Weihung von Studentenzimmern durch Geistliche, Vorlesungen über Dämonologie mit eigenen Erfahrungsberichten, die Verehrung von Patriarchen und Ikonen, das Auswendiglernen von Kirchenväterzitaten u.v.m. Und ich lernte das Herzensgebet kennen, das Mantraartige Wiederholen von Jesus Namen.

Durch die großen russische Religionsphilosophen hatte ich gleichzeitig den ersten Hauch von gelb geschnuppert: Ich fing an, paradoxes, multidimensionales Denken zu lieben.

Und da fand mich ein Artikel von Wulf Mirko Weinreich, „Eine kurze Sicht des Marxismus aus integraler Sicht“. Ihr findet ihn und vieles andere lesenswerte unter folgender Adresse:

http://www.integrale-psychotherapie.de/ticker.html

Allerdings machte die Theorie von Wilber zunächst auf mich den Eindruck einer seltsamen esoterischen Sonderlehre und ich hörte auf, mich weiter damit zu befassen.

Schließlich fand ich in der ökumenischen Bewegung Menschen, die vorwiegend grün dachten. Das machte sie zu wesentlich angenehmeren Zeitgenossen als viele meiner Kommilitionen oder Professoren es waren. Sie suchten nach Harmonie, trugen Fair Trade Kleidung, sprachen kollektive Schuldbekenntnisse und setzten sich für das ein, was Christen über die Konfessionen hinweg verbindet: Der Kampf für Menschenrechte, für die Umwelt, für den Frieden weltweit. Auch mein Veganismus stieß auf mehr Verständnis. (Heute bin ich übrigens Flexitarierin, vielleicht auch ein Resultat gelber Anpassungsfähigkeit 😉)

Jahre später stieß ich – an Zufall glaube ich nicht, wenn alles mit allem zusammenhängt – auf die Live Coaching Plattform Human Trust, die von Veit Lindau gegründet wurde. Da ich etwas in meinem Leben verändern wollte, meldete ich mich trotz anfänglichem Misstrauen an. Dort erfuhr ich, dass sein Coaching Ansatz auf der integralen Theorie von Ken Wilber basiert. Und wenn ich einen Namen mehr als einmal höre, überkommt mich eben die Neugierde 😉

Seitdem ich Ken Wilber und Spiral Dynamics selbst gelesen habe, hat mich etwas gepackt. Ich genieße die neuen Wege und Räume im Denken, die ich durch diesen Ansatz dazu gewonnen habe.

Ein gelb denkender Mensch darf und kann immer auf die anderen Ebenen zurückgreifen, wenn es die äußeren Umstände angemessen oder gar notwendig erscheinen lassen und muss nichts abwerten.

Deshalb entspannt nichts tiefgreifender als gelbes Denken. Ich muss nicht mehr alles wissen. Ich muss nicht Recht haben. Ich muss gar nichts.

Ich darf. Und deshalb tue ich es. Ganz bewusst.

Mehr dazu und warum das nichts mit Beliebigkeit zu tun hat, an anderer Stelle.

Vielleicht wollt ihr auch kurz berichten, was ihr am gelben Denken schätzt oder wie ihr auf den integralen Ansatz gestoßen seid?

 

 

Spiral Dynamics – in aller Kürze

Spiral Dynamics ist ein Modell für die Bewusstseinsentwicklung der Menschheit, dass sich auf eine breite empirische Grundlage stützt

EADB1F58-71E7-4B05-99BD-04BEFDE15617Spiral Dynamics ist ein Modell für die Bewusstseinsentwicklung der Menschheit, dass sich auf eine breite empirische Grundlage stützt. Die Theorie wurde erstmals von einem Psychologieprofessor namens Clare W. Graves formuliert und später von Don Edward Beck und Christopher C. Cowan ergänzt und fortgeführt.

Im Mittelpunkt stehen die sog. „Meme“. Mit Memen sind eine Art „psychologische DNA“ gemeint, also geistige Informationseinheiten, die sich durch das Denken fortpflanzen. Diese Meme treten in größeren Organisationseinheiten auf, die sog. „Werte-Mems.“ Wenn von Spiral Dynamic die Rede ist, sind häufiger diese übergeordneten Mems gemeint.

Sie werden dabei der Einfachkeit halber mit einer Farbe bezeichnet. Diese dient sozusagen als Code. Diese Mems teilen sich gemeinsame Grundannahmen, Schwerpunkte, Werte und dementsprechende Entscheidungs- und Handlungsmuster. Sie sind an sich weder schlecht noch gut, sondern bestimmen die Art und Weise, wie ein Mensch denkt, nicht was er denkt.

Die Theorie geht davon aus, dass sich Bewusstsein – bestimmte Gedanken, Werthaltungen und dazu passende Verhaltensweisen – im Lauf der Menschheitsgeschichte in verschiedenen Etappen weiterentwickelt hat. Dabei wird die Entwicklung in der Form einer Spirale gedacht: Eine nächsthöhere Ebene schließt alle darunter liegenden Ebenen mit ein und integriert sie. Jede Ebene hat dabei ihre bleibende Berechtigung, auf die jeder Zeit wieder zurückgegriffen werden kann, soweit es die Umgebung nötig erscheinen lässt.

Die Entwicklung der Meme ist nach oben hin offen und verläuft von weniger komplexen zu komplexeren Systemen. Sowohl der einzelne als auch ganze Gesellschaften durchlaufen die Entwicklung von Mem zu Mem. Sie sind das Ergebnis der Wechselwirkung des Nervensystems und der Umgebung, an die sich das Denken anpasst. Deshalb können Menschen, die zur gleichen Zeit, aber an einem anderen Ort oder in gänzlich anderer Gesellschaft leben, ihren Schwerpunkt in ganz unterschiedlichen Memen haben. Neue Meme entstehen wellenförmig: Ein Mem steigt ab, das andere steigt auf.

Den wissenschaftlichen Hintergrund für diese Stufentheorie lieferte die Entwicklungspsychologie, die beobachtet hat, dass sich das Denken, die Wahrnehmung, die Wert, aber eben auch die Spiritualität eines Menschen im Laufe seines Lebens in typischen Mustern verändert und weiterentwickelt, wobei bei einer idealtypischen, gesund verlaufenden Entwicklung jeweils die nächsthöhere Stufe alle niedrigeren mit integriert – oder aber, gelingt das an einem Punkt nicht, Pathologien entstehen. Hierzu an anderer Stelle mehr.
Die bisherigen Meme pendeln auf der Spirale von einer starken Innenorientierung und Konzentration auf das „Ich“ zu einer starken Außenorierntierung und Komzentration auf das „Wir“, die Gemeinschaft, hin und her.
Sechs Meme zusammen bilden eine Gruppe. Die Autoren sprechen hier von First Tier für die ersten sechs Meme und von Second Tiers für die folgenden. Das gelbe Mem, die erste Stufe von Second Tier, ist das erste Mem, das den Wert und Sinn der anderen Meme erkennt und für sich stehen lässt, ohne diese abzulehnen oder zu bekämpfen.

Doch hier meine (äußerst) kompakte und grobe Kurzfassung der Meme:

Beige: das instiktive Mem. Es geht ums nackte Überleben und die Erfüllung der existentiellen Bedürfnisse. Säuglinge, Alte, Kranke, Hungernde etc.

Purpur: das Clan Mem. Es geht um Sicherheit und Verbundenheit durch die Gemeinschaft. Magisches Denken. Kleinkind, Ureinwohner etc. Steinzeit.

Rot: das egozentrische Mem. Es geht um Durchsetzung, Herrschaft und Macht. Pubertät, Krieger, Diktator etc.

Blau: das Sinn betonende Mem. Es geht um Wahrheit, Ordnung, Schuld und Aufopferung. Traditionalisten, Fundamentalisten etc. Mittelalter.

Orange: das strategische Mem. Es geht um Leistung, Fortschritt und Wohlstand. Unternehmer, Manager, Banker, Wissenschaftler etc. Zeitalter der Aufklärung.

Grün: das relativistische Mem. Es geht um Harmonie, Gleichheit und Toleranz. Ökos, Ehrenamtliche, Idealisten etc. Postmoderne.

Gelb: das systemische Mem. Es geht um eine stete Entwicklung und Streben nach Ganzheitlichkeit. 21. Jahrhundert.

Türkis: das holistische Mem. Es geht um Verbundenheit mit dem, was ist.

Für eine ausführliche Erklärung empfehle ich:
http://one-mind.net/spiral-dynamics/

sowie das Buch „Don Edward Beck, Christopher C. Cowan: Spiral Dynamics. Eine Landkarte für Business und Gesellschaft im 21. Jahrhundert.“

Dieser Rahmen bringt einige Vorteile mit sich, die zugleich mit Problematiken verbunden sind: Es wird klar, warum Menschen, die auf verschiedenen Bewusstseinsstufen stehen, Schwierigkeiten haben, sich gegenseitig zu verstehen oder auch zu akzeptieren. Das Wissen um diese Stufen kann dazu führen, dass man Gedanken oder Glaubenssätze eines anderen einordnen und verstehen kann, ohne dass man diese teilen muss. Gleichzeitig ist es gefährlich, insofern es Schubladendenken fördern kann oder gar dazu führen, dass sich jemand, der sich auf einer höheren Bewusstseinsstufe wähnt, über andere erhebt bzw. diese das Gefühl bekommen, in ihrem Denken abgewertet zu werden.

Anwendungen von Spiral Dynamics auf die Beschreibung der Entwicklung des Glaubens oder der Spiritualität findet ihr hier: Die spirituelle Rolltreppe und Gott 9.0.

 

 

 

War Jesus selbst integral?

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Der Autor Jonas wirft in seinem Artikel

http://one-mind.net/second-tier-thinking-war-jesus-integral/

die spannende Frage auf, ob Jesus selbst integral war. Diese wirft zwei Folgefragen auf, nämlich, wie wir das integrale Modell verstehen, linear oder zyklisch, und daraus folgend ob es überhaupt möglich ist, dass jemand in der Zeit von Jesus bereits integral dachte, da ja die Bewusstseinsentwicklung der Umgebung auf einem ganz anderen Level stand. Schlussendlich bleibt es Glaubenssache, muss auch der Autor zugeben.

Für mich ist die Frage, ob Jesus integral gewesen sein könnte, eindeutig mit ja zu beantworten. Wenn Jesus in sehr engem Austausch mit dem Göttlichen stand, in dem die Zeiten Vergangenheit. Gegenwart und Zukunft, zusammenfallen, konnte er selbstverständlich auch integrale Gedanken empfangen, vermutlich sogar noch darüber hinausgehend aus einer Ebene menschlicher Entwicklung, die wir noch gar nicht kennen. Und es gab schließlich immer Menschen, die ihren Mitmenschen gedanklich weit voraus waren. Dass er sie auch anderen weitervermitteln konnte, bleibt dabei äußerst fraglich. Die allermeisten werden dann so gut wie nichts von dem, was er lehrte, verstanden haben.

Die Frage, ob er es denn wirklich war, hingegen muss wohl offen bleiben.
Denn auch ein „professioneller“ Blick in die Bibel hilft dabei leider auch nicht weiter. Wir wissen nicht, was Jesus wirklich gesagt hat und was ihm im Nachhinein angedichtet wurde. Wir können Vermutungen und Thesen dazu aufstellen und mutmaßen, was mehr oder weniger wahrscheinlich ist. Durch eine Rückübersetzung ins Aramäische kommen wir dem Wortsinn möglicherweise näher, wie es von Franz Alt in „Was Jesus wirklich gesagt hat. Eine Auferweckung“ versucht wurde. Aber auch dieses Buch ist nur ein weiterer deutlicher Beweis dafür, dass alles an unserem ganz persönlichen Jesus-Bild liegt, der Hermeneutik, der Brille, durch die wir die Worte lesen. Oft genug eine Projektionsfläche für all das, was wir verehren, für gut und richtig halten. Das ist das ernüchternde, wenn auch abzusehende Ergebnis jahrzehntelanger Forschung, man vergleiche nur einmal die vielen sich widersprechenden Hypothesen dazu.

Ein Beispiel: Für manche ist der Gedanke an ein jüngstes Gericht DER zentrale Inhalt von Jesu Botschaft, dann läge sein Wertesystem eher in blau, für andere sind eben jene Passagen ihm im Nachhinein angedichtet worden, für diese wäre er eher dem grünen Mem zuzuordnen. Und. Und. Und. In all diesen Aussagen spiegelt sich viel mehr das Mem desjenigen, der die Texte liest.

Das einzige, worin sich alle einig sind, ist, dass er Menschen heilen konnte und dafür – im Gegensatz zu vielen anderen – kein Geld verlangt hat. Ob das ging, weil er integral dachte und handelte? Möglicherweise. Mit der integralen Brille sage ich, ja, er konnte es deshalb so gut, weil er immer das Große Ganze im Blick hatte, alle vier Quadranten, die spirituelle Entwicklung des einzelnen als auch der Gesellschaft.

Schlussendlich ändert es für uns Christen auch gar nichts, ob Jesus als „integral“ gelten kann oder nicht. „Integral“ ist ein heute aktuelles Konzept, das heute und jetzt von uns verwendet werden kann, um Dinge besser zu verstehen, einzuordnen und dementsprechend zu handeln. Und der himmlische Jesus – seine zeitlose Seele – liegt ohnehin jenseits jeder Definition.

Was meint ihr dazu?

Was ist die integrale Theorie?

Was bedeutet „integral“? Was ist die integrale Theorie?

Was bedeutet „integral“?

Die Gründer des Integralen Forums definieren den Begriff so:

„Integral“ bedeutet „einschließend, ausgewogen, umfassend.

Quelle: https://www.integralesforum.org/medien/integrale-bibliothek/theorie-grundlagen/2822-der-integrale-ansatz

Eine vierteilige und damit wesentlich präzisere Definition von Ken Wilber findet ihr hier: https://www.integralesforum.org/medien/integrale-bibliothek/theorie-grundlagen/4376-definitionen-von-integral

Was ist die integrale Theorie?

Wenn von „DER“ integralen Theorie in Einzahl die Rede ist, ist meist die Theorie von Ken Wilber, einem amerikanischen zeitgenössischen Autor, gemeint. Doch neben Ken Wilber gibt es weitere denkerische Ansätze, die als „integral“ bezeichnet werden, die dasselbe Streben nach Ganzheitlichkeit auszeichnet. Dazu gehören neben Ken Wilber auch Steve McIntosh und die Autoren von „Spiral Dynamics“ Don Edward Beck und Christopher C. Cowan. Als weitere Denker werden oft Pierre Teilhard de Chardin, Sri Aurobindo und Jean Gebser genannt.

Wenn ich auf diesem Blog von „integral“ spreche, meine ich all diese Ansätze und die damit verbundene spirituelle (Meta-)Weltanschauung.

Es handelt sich dabei um den

[Versuch eine möglichst ganzheitliche Weltsicht zu entwickeln], die natur-, human- und geisteswissenschaftliche Erkenntnisse und Theorien, prämoderne, moderne und postmoderne, östliche und westliche Weltsichten, sowie wissenschaftliches Denken und spirituelle Einsichten vereint.“ (Wikipedia)

Heraus kam dabei eine Art System, das eine übergreifende Ordnung in Modelle bringt, die jeweils einen Teil der Wirklichkeit beschreiben. Abgekürzt wird diese Ordnung mit den Buchstaben AQAL. Sie stehen für die insgesamt fünf Elemente

Quadranten, Ebenen, Linien, Zustände und Typen (quadrants, levels, lines, states, types)

Mehr dazu hier: AQAL

Da sich die Vertreter integraler Theorie(n) bei ihren Bemühungen auf die Erkenntnisse der jeweiligen Disziplinen stützen, deren Inhalte sie versuchen, miteinander in Beziehung zu setzen, hängt die Theorie nicht im luftleeren Raum, sondern ist das Ergebnis einer gigantischen Aktion, vorhandenes Wissen zu sammeln, zu sortieren und zu strukturieren. 

Dass die integrale Theorie von manchen als esoterische Sonderlehre angesehen wird, hängt damit zusammen, dass deren Vertreter um der Idee der Ganzheitlichkeit willen auch prämoderne, spirituelle und religiöse Inhalte nicht ausklammern, sondern als wesentliches Element des Menschseins mit einbeziehen. Das führt bis heute dazu, dass ihr, trotz ihres gigantischen Einflusses, den sie bereits auf zahlreiche Menschen weltweit hat, in akademischen Kreisen wenig Aufmerksamkeit entgegen gebracht wird.

Die Integrale Theorie wurde dazu geschaffen, um sie universell auf alle Bereiche anwenden zu können. Wilber bezeichnet sie „oft als „Landkarte der Wirklichkeit“ oder ein „neues Betriebssystem“.

Die Theorie findet bereits Anwendung in verschiedenen Bereichen wie der Kunst, Medizin, Psychotherapie, Unternehmensführung, Wirtschaft, Politik u.a. Außerdem wird die Integrale Theorie im Coaching und der Persönlichkeitsentwicklung dazu verwendet, einen ganzheitlichen Lebensstil, der Integrale Lebens-Praxis (ILP) genannt wird, zu pflegen. Ein Beispiel dafür ist im deutschsprachigen Raum die Plattform von Veit Lindau, https://humantrust.com.

Viele Menschen haben bereits, von Ken Wilber unterstützt, damit begonnen, die Theorie auf ihre eigene Tradition und ihren Glauben anzuwenden, darunter zahlreiche Buddhisten und Christen.

 

Warum die Wahrheit widersprüchlich sein muss

Die zentrale Erkenntnis, die spiritueller Praxis folgt, ist, das alles eins ist, alles unntrennbar miteinander verbunden ist und Gott in uns und wir in Gott sind.
Ken Wilber nennt das „Nondualität“. Im Kern der Welt sind Form und Leere eins. Damit muss auch die Wahrheit widersprüchlich sein, damit sie alles umfasst.

Schon der Kirchenvater Niklaus Kues hat das erkannt und in Gott das „Zusammenfallen der Gegensätze (coincidentia oppositorum)“ gesehen.

Besonders eindrücklich geht der russische Religionsphilosoph Pavel Florenskij diesem Phänomen nach.
Er schreibt in seinem Werk „die Säulen …“ :„Die Wahrheit ist eine unbewegliche Bewegung und eine bewegliche Unbewegtheit. Einheit des Entgegengesetzten. Sie ist – coincidentia oppositorum.“ (Zweiter Brief, Übersetzung Nikolai von Bubnoff)
Durch die Anwendung der klassischen Logik auf die Philosophie und Theologie geraten wir zwangsweise entweder in eine Sackgasse oder verfallen in Fanatismus.
Statt „Entweder dieses oder jenes andere ist wahr“ oder „Weder dieses noch jenes andere ist nicht wahr“ gilt: „Sowohl dieses als auch jenes andere ist wahr, jedes auf
seine Art“. Das erinnert an das Lob des „und“ durch den zeitgenössischen katholischen Theologen Richard Rohr.

Das Dogma selbst hat diese Form. Deshalb lässt es sich nicht denken, wie sich ein wissenschaftlicher Satz denken lässt, sondern nur glauben. Nicht weil es irrational wäre, sondern weil es über die gewohnte Logik hinausgeht:

Auf dem Konzil von Chalkedon wird bekannt:
„[…] Christus, Sohn, Herr, Einziggeborener in zwei Naturen unvermischt, unverändert, ungeteilt und ungetrennt zu erkennen, in keiner Weise unter Aufhebung des Unterschieds der Naturen aufgrund der Einigung, sondern vielmehr unter Wahrung der Eigentümlichkeit jeder der beiden Naturen und im Zusammenkommen zu einer Person und einer Hypostase, nicht durch Teilung oder Trennung in zwei Personen, sondern ein und derselbe einziggeborene Sohn, Gott, Logos, Herr, Jesus Christus“

Die Häresie ist eine einseitige Behauptung, die sich deshalb irrtümlich für das Ganze hält.
„Die Orthodoxie ist universal, die Häresie ist ihrem Wesen nach parteiisch.“ (Florenskij, Sechstes Kapitel)
Für ihn muss deshalb die Wahrheit eine Behauptung sein, die sich selbst widerspricht. Das passt zu der Aussage des Physikers Niels Bohr: „Die Wahrheit setzt sich zusammen aus Thesis und Antithesis.“

„Es ist längst an der Zeit, die kraftlose Anstrengung des menschlichen Verstandes, die Widersprüche auszugleichen, […] durch ein freimütiges Bekenntnis der Widersprüchlichkeit abzuwehren.“ Pavel Florenskij.

„Die Menschen streiten miteinander und widerlegen einander; die Wahrheit aber soll unwiderlegbar und über alle Widerlegungen erhaben sein. Die menschlichen Meinungen wechseln von Land zu Land und von Jahr zu Jahr; die Wahrheit aber ist überall und immer die eine, sich selbst gleiche. […] Die Wahrheit ist gerade darum Wahrheit, weil sie keinerlei Widerlegung fürchtet; sie fürchtet sie aber darum nicht, weil sie sich selber stärker widerspricht, als jede denkbare Verneinung tun könnte; aber diese ihre Selbst-Verneinung verbindet die Wahrheit mit der Behauptung. Für den Verstand ist die Wahrheit ein Widerspruch, und dieser Widerspruch wird offenbar, sobald die Wahrheit eine Formulierung in Worten erhält.“ (Florenskij, Sechster Brief)

Spirituelle Entwicklung

Wilber zeigt, dass sich die Grundidee von „Stufen des Glaubens“ (gleichnamiges Werk von Fowler) oder des Bewusstseins bei zahlreichen Mystikern unterschiedlicher Traditionen findet, im Yoga ebenso wie bei christlichen Kirchenvätern.

Gerade in der Mystik kommen sich Menschen und ihre Vorstellungen wieder nahe, die in gänzlich anderen Ländern, Konfessionen und Zeiten leben.

Immer wird eine Entwicklung vorausgesetzt, von der vermeintlichen Gottesferne hin zu der Vereinigung mit dem Göttlichen.

In der Bibel sind kleine als auch umfassende Entwicklungsbögen enthalten, sowohl in den Geschichten von Menschen, die sich entwickeln (man denke nur an Abrahams Glaube, an die Entfremdung und Versöhnung von Jakob und Esau, oder Josef und seine Brüder), als auch auf der Metaebene, der großen Geschichte von der Entfremdung von Gott durch den sogenannten Sündenfall und die erneute Annährung und Erlösung durch Jesu. Selbst Gott bzw. die jeweiligen Bilder, Beschreibungen und Geschichten con ihm entwickeln sich in der Bibel.

In dem Buch „Mormon“, das sich als Ergänzung oder Bestätigung der biblischen Botschaft versteht, wird der Sündenfall positiv als Anstoß zur Weiterentwicklung gedeutet. In 2. Nephi 2 wird erklärt, dass Schöpfung nur Sinn mache, wenn sie Erfahrung ermöglicht, Erfahrung geschehe aber in Gegensätzen. Alles sei aus Teilen zu einem Ganzen zusammengesetzt. Deshalb musste es beide Bäume im Garten geben. (Das heißt: Die Wahlfreiheit zwischen zweien). Ohne die Übertretung (den Fehler) hätte es keinerlei Weiterentwicklung gegeben. Die Menschen hätten nie die wahre Freude empfunden, für die sie geschaffen wurden.

Diese positive Deutung geht völlig konform mit der negativen, dass der Mensch erst durch die Gottesferne zu unsäglichem Leiden gekommen ist. Zu einer vollständigen, umfassenden Erfahrung gehören Freude und Leid dazu, da eben weder das eine noch das andere andernfalls „erfahrbar“ wäre.

Wunderbar beschrieben finde ich diesen Gedanken bei Neale Donald Walsch (ganz ungeachtet, was man von seinen Werken im Ganzen halten mag). Auf S. 45 der Gesamtausgabe von „Gespräche mit Gott“ (Arkana Verlag) schreibt er: „Ihr könnt nicht den Teil von euch, den ihr dick nennt, erfahren, solange ihr nicht auch das Dünne kennt. Daraus ergibt sich die logische Schlußfolgerung, dass ihr euch nicht als die, die ihr seid, erfahren könnt, solange ihr nicht dem begegnet seid, was ihr nicht seid.“

Zur spirituellen Entwicklung gehört die Erfahrung der Gottesferne ebenso dazu wie die Erfahrung der Verschmelzung mit dem Göttlichen.

Doch diese Entwicklung verläuft keineswegs nur linear, das heißt von einer Stufe zur nächsthöheren. Um sie zu beschreiben, ist Wilbers Theorie äußerst hilfreich. Denn er unterscheidet zwischen Zuständen und Strukturen.
Dabei gehört eine sogenannte „Gipfelerfahrung“, also die Erfahrung des Eins-Seins oder der Verschmelzung mit dem Göttlichen zunächst in den Bereich eines Zustandes und wird erst dann zu einer Struktur, wenn diese Erfahrung dauerhaft gemacht wird, was bei den wenigsten Menschen der Fall ist und meist nur durch langjährige meditative Praxis erreicht wird.

Er unterscheidet zwischen den Zuständen Wachen, Träumen und traumlosem Tiefschlaf und ordnet diesen bestimmte spirituelle Erfahrungen zu. DSCN4736
Die meisten Menschen erleben nur den Wachzustand bewusst, den Rest unbewusst. Aber jeder, der einmal einen sogenannten luciden Traum hatte, in dem er plötzlich sich bewusst wurde, dass er träumt, weiß aus Erfahrung, dass die Bewusstheit auf den Traum ausgedehnt werden kann, zumindest temporär. Wer viel meditiert, wird ebenfalls die Erfahrung machen, dass er in versenktem Zustand sehr bewusst innere Bilder wahrnehmen kann. Wer nun seine Bewusstheit über alle diese Zustände hinaus dauerhaft ausdehnen kann, erlebt die einst einmalige „Gipfelerfahrung“, das Eins-Sein mit dem Göttlichen, ständig. Aus einem Zustand wird eine Struktur. Er hat keine Erleuchtung, er ist erleuchtet. Jesus sagt: „Ich und der Vater sind eins.“