Spiral Dynamics – in aller Kürze

Spiral Dynamics ist ein Modell für die Bewusstseinsentwicklung der Menschheit, dass sich auf eine breite empirische Grundlage stützt

EADB1F58-71E7-4B05-99BD-04BEFDE15617Spiral Dynamics ist ein Modell für die Bewusstseinsentwicklung der Menschheit, dass sich auf eine breite empirische Grundlage stützt. Die Theorie wurde erstmals von einem Psychologieprofessor namens Clare W. Graves formuliert und später von Don Edward Beck und Christopher C. Cowan ergänzt und fortgeführt.

Im Mittelpunkt stehen die sog. „Meme“. Mit Memen sind eine Art „psychologische DNA“ gemeint, also geistige Informationseinheiten, die sich durch das Denken fortpflanzen. Diese Meme treten in größeren Organisationseinheiten auf, die sog. „Werte-Mems.“ Wenn von Spiral Dynamic die Rede ist, sind häufiger diese übergeordneten Mems gemeint.

Sie werden dabei der Einfachkeit halber mit einer Farbe bezeichnet. Diese dient sozusagen als Code. Diese Mems teilen sich gemeinsame Grundannahmen, Schwerpunkte, Werte und dementsprechende Entscheidungs- und Handlungsmuster. Sie sind an sich weder schlecht noch gut, sondern bestimmen die Art und Weise, wie ein Mensch denkt, nicht was er denkt.

Die Theorie geht davon aus, dass sich Bewusstsein – bestimmte Gedanken, Werthaltungen und dazu passende Verhaltensweisen – im Lauf der Menschheitsgeschichte in verschiedenen Etappen weiterentwickelt hat. Dabei wird die Entwicklung in der Form einer Spirale gedacht: Eine nächsthöhere Ebene schließt alle darunter liegenden Ebenen mit ein und integriert sie. Jede Ebene hat dabei ihre bleibende Berechtigung, auf die jeder Zeit wieder zurückgegriffen werden kann, soweit es die Umgebung nötig erscheinen lässt.

Die Entwicklung der Meme ist nach oben hin offen und verläuft von weniger komplexen zu komplexeren Systemen. Sowohl der einzelne als auch ganze Gesellschaften durchlaufen die Entwicklung von Mem zu Mem. Sie sind das Ergebnis der Wechselwirkung des Nervensystems und der Umgebung, an die sich das Denken anpasst. Deshalb können Menschen, die zur gleichen Zeit, aber an einem anderen Ort oder in gänzlich anderer Gesellschaft leben, ihren Schwerpunkt in ganz unterschiedlichen Memen haben. Neue Meme entstehen wellenförmig: Ein Mem steigt ab, das andere steigt auf.

Den wissenschaftlichen Hintergrund für diese Stufentheorie lieferte die Entwicklungspsychologie, die beobachtet hat, dass sich das Denken, die Wahrnehmung, die Wert, aber eben auch die Spiritualität eines Menschen im Laufe seines Lebens in typischen Mustern verändert und weiterentwickelt, wobei bei einer idealtypischen, gesund verlaufenden Entwicklung jeweils die nächsthöhere Stufe alle niedrigeren mit integriert – oder aber, gelingt das an einem Punkt nicht, Pathologien entstehen. Hierzu an anderer Stelle mehr.
Die bisherigen Meme pendeln auf der Spirale von einer starken Innenorientierung und Konzentration auf das „Ich“ zu einer starken Außenorierntierung und Komzentration auf das „Wir“, die Gemeinschaft, hin und her.
Sechs Meme zusammen bilden eine Gruppe. Die Autoren sprechen hier von First Tier für die ersten sechs Meme und von Second Tiers für die folgenden. Das gelbe Mem, die erste Stufe von Second Tier, ist das erste Mem, das den Wert und Sinn der anderen Meme erkennt und für sich stehen lässt, ohne diese abzulehnen oder zu bekämpfen.

Doch hier meine (äußerst) kompakte und grobe Kurzfassung der Meme:

Beige: das instiktive Mem. Es geht ums nackte Überleben und die Erfüllung der existentiellen Bedürfnisse. Säuglinge, Alte, Kranke, Hungernde etc.

Purpur: das Clan Mem. Es geht um Sicherheit und Verbundenheit durch die Gemeinschaft. Magisches Denken. Kleinkind, Ureinwohner etc. Steinzeit.

Rot: das egozentrische Mem. Es geht um Durchsetzung, Herrschaft und Macht. Pubertät, Krieger, Diktator etc.

Blau: das Sinn betonende Mem. Es geht um Wahrheit, Ordnung, Schuld und Aufopferung. Traditionalisten, Fundamentalisten etc. Mittelalter.

Orange: das strategische Mem. Es geht um Leistung, Fortschritt und Wohlstand. Unternehmer, Manager, Banker, Wissenschaftler etc. Zeitalter der Aufklärung.

Grün: das relativistische Mem. Es geht um Harmonie, Gleichheit und Toleranz. Ökos, Ehrenamtliche, Idealisten etc. Postmoderne.

Gelb: das systemische Mem. Es geht um eine stete Entwicklung und Streben nach Ganzheitlichkeit. 21. Jahrhundert.

Türkis: das holistische Mem. Es geht um Verbundenheit mit dem, was ist.

Für eine ausführliche Erklärung empfehle ich:
http://one-mind.net/spiral-dynamics/

sowie das Buch „Don Edward Beck, Christopher C. Cowan: Spiral Dynamics. Eine Landkarte für Business und Gesellschaft im 21. Jahrhundert.“

Dieser Rahmen bringt einige Vorteile mit sich, die zugleich mit Problematiken verbunden sind: Es wird klar, warum Menschen, die auf verschiedenen Bewusstseinsstufen stehen, Schwierigkeiten haben, sich gegenseitig zu verstehen oder auch zu akzeptieren. Das Wissen um diese Stufen kann dazu führen, dass man Gedanken oder Glaubenssätze eines anderen einordnen und verstehen kann, ohne dass man diese teilen muss. Gleichzeitig ist es gefährlich, insofern es Schubladendenken fördern kann oder gar dazu führen, dass sich jemand, der sich auf einer höheren Bewusstseinsstufe wähnt, über andere erhebt bzw. diese das Gefühl bekommen, in ihrem Denken abgewertet zu werden.

Anwendungen von Spiral Dynamics auf die Beschreibung der Entwicklung des Glaubens oder der Spiritualität findet ihr hier: Die spirituelle Rolltreppe und Gott 9.0.

 

 

 

War Jesus selbst integral?

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Der Autor Jonas wirft in seinem Artikel

http://one-mind.net/second-tier-thinking-war-jesus-integral/

die spannende Frage auf, ob Jesus selbst integral war. Diese wirft zwei Folgefragen auf, nämlich, wie wir das integrale Modell verstehen, linear oder zyklisch, und daraus folgend ob es überhaupt möglich ist, dass jemand in der Zeit von Jesus bereits integral dachte, da ja die Bewusstseinsentwicklung der Umgebung auf einem ganz anderen Level stand. Schlussendlich bleibt es Glaubenssache, muss auch der Autor zugeben.

Für mich ist die Frage, ob Jesus integral gewesen sein könnte, eindeutig mit ja zu beantworten. Wenn Jesus in sehr engem Austausch mit dem Göttlichen stand, in dem die Zeiten Vergangenheit. Gegenwart und Zukunft, zusammenfallen, konnte er selbstverständlich auch integrale Gedanken empfangen, vermutlich sogar noch darüber hinausgehend aus einer Ebene menschlicher Entwicklung, die wir noch gar nicht kennen. Und es gab schließlich immer Menschen, die ihren Mitmenschen gedanklich weit voraus waren. Dass er sie auch anderen weitervermitteln konnte, bleibt dabei äußerst fraglich. Die allermeisten werden dann so gut wie nichts von dem, was er lehrte, verstanden haben.

Die Frage, ob er es denn wirklich war, hingegen muss wohl offen bleiben.
Denn auch ein „professioneller“ Blick in die Bibel hilft dabei leider auch nicht weiter. Wir wissen nicht, was Jesus wirklich gesagt hat und was ihm im Nachhinein angedichtet wurde. Wir können Vermutungen und Thesen dazu aufstellen und mutmaßen, was mehr oder weniger wahrscheinlich ist. Durch eine Rückübersetzung ins Aramäische kommen wir dem Wortsinn möglicherweise näher, wie es von Franz Alt in „Was Jesus wirklich gesagt hat. Eine Auferweckung“ versucht wurde. Aber auch dieses Buch ist nur ein weiterer deutlicher Beweis dafür, dass alles an unserem ganz persönlichen Jesus-Bild liegt, der Hermeneutik, der Brille, durch die wir die Worte lesen. Oft genug eine Projektionsfläche für all das, was wir verehren, für gut und richtig halten. Das ist das ernüchternde, wenn auch abzusehende Ergebnis jahrzehntelanger Forschung, man vergleiche nur einmal die vielen sich widersprechenden Hypothesen dazu.

Ein Beispiel: Für manche ist der Gedanke an ein jüngstes Gericht DER zentrale Inhalt von Jesu Botschaft, dann läge sein Wertesystem eher in blau, für andere sind eben jene Passagen ihm im Nachhinein angedichtet worden, für diese wäre er eher dem grünen Mem zuzuordnen. Und. Und. Und. In all diesen Aussagen spiegelt sich viel mehr das Mem desjenigen, der die Texte liest.

Das einzige, worin sich alle einig sind, ist, dass er Menschen heilen konnte und dafür – im Gegensatz zu vielen anderen – kein Geld verlangt hat. Ob das ging, weil er integral dachte und handelte? Möglicherweise. Mit der integralen Brille sage ich, ja, er konnte es deshalb so gut, weil er immer das Große Ganze im Blick hatte, alle vier Quadranten, die spirituelle Entwicklung des einzelnen als auch der Gesellschaft.

Schlussendlich ändert es für uns Christen auch gar nichts, ob Jesus als „integral“ gelten kann oder nicht. „Integral“ ist ein heute aktuelles Konzept, das heute und jetzt von uns verwendet werden kann, um Dinge besser zu verstehen, einzuordnen und dementsprechend zu handeln. Und der himmlische Jesus – seine zeitlose Seele – liegt ohnehin jenseits jeder Definition.

Was meint ihr dazu?

Was ist die integrale Theorie?

Was bedeutet „integral“? Was ist die integrale Theorie?

Was bedeutet „integral“?

Die Gründer des Integralen Forums definieren den Begriff so:

„Integral“ bedeutet „einschließend, ausgewogen, umfassend.

Quelle: https://www.integralesforum.org/medien/integrale-bibliothek/theorie-grundlagen/2822-der-integrale-ansatz

Eine vierteilige und damit wesentlich präzisere Definition von Ken Wilber findet ihr hier: https://www.integralesforum.org/medien/integrale-bibliothek/theorie-grundlagen/4376-definitionen-von-integral

Was ist die integrale Theorie?

Wenn von „DER“ integralen Theorie in Einzahl die Rede ist, ist meist die Theorie von Ken Wilber, einem amerikanischen zeitgenössischen Autor, gemeint. Doch neben Ken Wilber gibt es weitere denkerische Ansätze, die als „integral“ bezeichnet werden, die dasselbe Streben nach Ganzheitlichkeit auszeichnet. Dazu gehören neben Ken Wilber auch Steve McIntosh und die Autoren von „Spiral Dynamics“ Don Edward Beck und Christopher C. Cowan. Als weitere Denker werden oft Pierre Teilhard de Chardin, Sri Aurobindo und Jean Gebser genannt.

Wenn ich auf diesem Blog von „integral“ spreche, meine ich all diese Ansätze und die damit verbundene spirituelle (Meta-)Weltanschauung.

Es handelt sich dabei um den

[Versuch eine möglichst ganzheitliche Weltsicht zu entwickeln], die natur-, human- und geisteswissenschaftliche Erkenntnisse und Theorien, prämoderne, moderne und postmoderne, östliche und westliche Weltsichten, sowie wissenschaftliches Denken und spirituelle Einsichten vereint.“ (Wikipedia)

Heraus kam dabei eine Art System, das eine übergreifende Ordnung in Modelle bringt, die jeweils einen Teil der Wirklichkeit beschreiben. Abgekürzt wird diese Ordnung mit den Buchstaben AQAL. Sie stehen für die insgesamt fünf Elemente

Quadranten, Ebenen, Linien, Zustände und Typen (quadrants, levels, lines, states, types)

Mehr dazu hier: AQAL

Da sich die Vertreter integraler Theorie(n) bei ihren Bemühungen auf die Erkenntnisse der jeweiligen Disziplinen stützen, deren Inhalte sie versuchen, miteinander in Beziehung zu setzen, hängt die Theorie nicht im luftleeren Raum, sondern ist das Ergebnis einer gigantischen Aktion, vorhandenes Wissen zu sammeln, zu sortieren und zu strukturieren. 

Dass die integrale Theorie von manchen als esoterische Sonderlehre angesehen wird, hängt damit zusammen, dass deren Vertreter um der Idee der Ganzheitlichkeit willen auch prämoderne, spirituelle und religiöse Inhalte nicht ausklammern, sondern als wesentliches Element des Menschseins mit einbeziehen. Das führt bis heute dazu, dass ihr, trotz ihres gigantischen Einflusses, den sie bereits auf zahlreiche Menschen weltweit hat, in akademischen Kreisen wenig Aufmerksamkeit entgegen gebracht wird.

Die Integrale Theorie wurde dazu geschaffen, um sie universell auf alle Bereiche anwenden zu können. Wilber bezeichnet sie „oft als „Landkarte der Wirklichkeit“ oder ein „neues Betriebssystem“.

Die Theorie findet bereits Anwendung in verschiedenen Bereichen wie der Kunst, Medizin, Psychotherapie, Unternehmensführung, Wirtschaft, Politik u.a. Außerdem wird die Integrale Theorie im Coaching und der Persönlichkeitsentwicklung dazu verwendet, einen ganzheitlichen Lebensstil, der Integrale Lebens-Praxis (ILP) genannt wird, zu pflegen. Ein Beispiel dafür ist im deutschsprachigen Raum die Plattform von Veit Lindau, https://humantrust.com.

Viele Menschen haben bereits, von Ken Wilber unterstützt, damit begonnen, die Theorie auf ihre eigene Tradition und ihren Glauben anzuwenden, darunter zahlreiche Buddhisten und Christen.

 

Warum die Wahrheit widersprüchlich sein muss

Die zentrale Erkenntnis, die spiritueller Praxis folgt, ist, das alles eins ist, alles unntrennbar miteinander verbunden ist und Gott in uns und wir in Gott sind.
Ken Wilber nennt das „Nondualität“. Im Kern der Welt sind Form und Leere eins. Damit muss auch die Wahrheit widersprüchlich sein, damit sie alles umfasst.

Schon der Kirchenvater Niklaus Kues hat das erkannt und in Gott das „Zusammenfallen der Gegensätze (coincidentia oppositorum)“ gesehen.

Besonders eindrücklich geht der russische Religionsphilosoph Pavel Florenskij diesem Phänomen nach.
Er schreibt in seinem Werk „die Säulen …“ :„Die Wahrheit ist eine unbewegliche Bewegung und eine bewegliche Unbewegtheit. Einheit des Entgegengesetzten. Sie ist – coincidentia oppositorum.“ (Zweiter Brief, Übersetzung Nikolai von Bubnoff)
Durch die Anwendung der klassischen Logik auf die Philosophie und Theologie geraten wir zwangsweise entweder in eine Sackgasse oder verfallen in Fanatismus.
Statt „Entweder dieses oder jenes andere ist wahr“ oder „Weder dieses noch jenes andere ist nicht wahr“ gilt: „Sowohl dieses als auch jenes andere ist wahr, jedes auf
seine Art“. Das erinnert an das Lob des „und“ durch den zeitgenössischen katholischen Theologen Richard Rohr.

Das Dogma selbst hat diese Form. Deshalb lässt es sich nicht denken, wie sich ein wissenschaftlicher Satz denken lässt, sondern nur glauben. Nicht weil es irrational wäre, sondern weil es über die gewohnte Logik hinausgeht:

Auf dem Konzil von Chalkedon wird bekannt:
„[…] Christus, Sohn, Herr, Einziggeborener in zwei Naturen unvermischt, unverändert, ungeteilt und ungetrennt zu erkennen, in keiner Weise unter Aufhebung des Unterschieds der Naturen aufgrund der Einigung, sondern vielmehr unter Wahrung der Eigentümlichkeit jeder der beiden Naturen und im Zusammenkommen zu einer Person und einer Hypostase, nicht durch Teilung oder Trennung in zwei Personen, sondern ein und derselbe einziggeborene Sohn, Gott, Logos, Herr, Jesus Christus“

Die Häresie ist eine einseitige Behauptung, die sich deshalb irrtümlich für das Ganze hält.
„Die Orthodoxie ist universal, die Häresie ist ihrem Wesen nach parteiisch.“ (Florenskij, Sechstes Kapitel)
Für ihn muss deshalb die Wahrheit eine Behauptung sein, die sich selbst widerspricht. Das passt zu der Aussage des Physikers Niels Bohr: „Die Wahrheit setzt sich zusammen aus Thesis und Antithesis.“

„Es ist längst an der Zeit, die kraftlose Anstrengung des menschlichen Verstandes, die Widersprüche auszugleichen, […] durch ein freimütiges Bekenntnis der Widersprüchlichkeit abzuwehren.“ Pavel Florenskij.

„Die Menschen streiten miteinander und widerlegen einander; die Wahrheit aber soll unwiderlegbar und über alle Widerlegungen erhaben sein. Die menschlichen Meinungen wechseln von Land zu Land und von Jahr zu Jahr; die Wahrheit aber ist überall und immer die eine, sich selbst gleiche. […] Die Wahrheit ist gerade darum Wahrheit, weil sie keinerlei Widerlegung fürchtet; sie fürchtet sie aber darum nicht, weil sie sich selber stärker widerspricht, als jede denkbare Verneinung tun könnte; aber diese ihre Selbst-Verneinung verbindet die Wahrheit mit der Behauptung. Für den Verstand ist die Wahrheit ein Widerspruch, und dieser Widerspruch wird offenbar, sobald die Wahrheit eine Formulierung in Worten erhält.“ (Florenskij, Sechster Brief)

Spirituelle Entwicklung

Wilber zeigt, dass sich die Grundidee von „Stufen des Glaubens“ (gleichnamiges Werk von Fowler) oder des Bewusstseins bei zahlreichen Mystikern unterschiedlicher Traditionen findet, im Yoga ebenso wie bei christlichen Kirchenvätern.

Gerade in der Mystik kommen sich Menschen und ihre Vorstellungen wieder nahe, die in gänzlich anderen Ländern, Konfessionen und Zeiten leben.

Immer wird eine Entwicklung vorausgesetzt, von der vermeintlichen Gottesferne hin zu der Vereinigung mit dem Göttlichen.

In der Bibel sind kleine als auch umfassende Entwicklungsbögen enthalten, sowohl in den Geschichten von Menschen, die sich entwickeln (man denke nur an Abrahams Glaube, an die Entfremdung und Versöhnung von Jakob und Esau, oder Josef und seine Brüder), als auch auf der Metaebene, der großen Geschichte von der Entfremdung von Gott durch den sogenannten Sündenfall und die erneute Annährung und Erlösung durch Jesu. Selbst Gott bzw. die jeweiligen Bilder, Beschreibungen und Geschichten con ihm entwickeln sich in der Bibel.

In dem Buch „Mormon“, das sich als Ergänzung oder Bestätigung der biblischen Botschaft versteht, wird der Sündenfall positiv als Anstoß zur Weiterentwicklung gedeutet. In 2. Nephi 2 wird erklärt, dass Schöpfung nur Sinn mache, wenn sie Erfahrung ermöglicht, Erfahrung geschehe aber in Gegensätzen. Alles sei aus Teilen zu einem Ganzen zusammengesetzt. Deshalb musste es beide Bäume im Garten geben. (Das heißt: Die Wahlfreiheit zwischen zweien). Ohne die Übertretung (den Fehler) hätte es keinerlei Weiterentwicklung gegeben. Die Menschen hätten nie die wahre Freude empfunden, für die sie geschaffen wurden.

Diese positive Deutung geht völlig konform mit der negativen, dass der Mensch erst durch die Gottesferne zu unsäglichem Leiden gekommen ist. Zu einer vollständigen, umfassenden Erfahrung gehören Freude und Leid dazu, da eben weder das eine noch das andere andernfalls „erfahrbar“ wäre.

Wunderbar beschrieben finde ich diesen Gedanken bei Neale Donald Walsch (ganz ungeachtet, was man von seinen Werken im Ganzen halten mag). Auf S. 45 der Gesamtausgabe von „Gespräche mit Gott“ (Arkana Verlag) schreibt er: „Ihr könnt nicht den Teil von euch, den ihr dick nennt, erfahren, solange ihr nicht auch das Dünne kennt. Daraus ergibt sich die logische Schlußfolgerung, dass ihr euch nicht als die, die ihr seid, erfahren könnt, solange ihr nicht dem begegnet seid, was ihr nicht seid.“

Zur spirituellen Entwicklung gehört die Erfahrung der Gottesferne ebenso dazu wie die Erfahrung der Verschmelzung mit dem Göttlichen.

Doch diese Entwicklung verläuft keineswegs nur linear, das heißt von einer Stufe zur nächsthöheren. Um sie zu beschreiben, ist Wilbers Theorie äußerst hilfreich. Denn er unterscheidet zwischen Zuständen und Strukturen.
Dabei gehört eine sogenannte „Gipfelerfahrung“, also die Erfahrung des Eins-Seins oder der Verschmelzung mit dem Göttlichen zunächst in den Bereich eines Zustandes und wird erst dann zu einer Struktur, wenn diese Erfahrung dauerhaft gemacht wird, was bei den wenigsten Menschen der Fall ist und meist nur durch langjährige meditative Praxis erreicht wird.

Er unterscheidet zwischen den Zuständen Wachen, Träumen und traumlosem Tiefschlaf und ordnet diesen bestimmte spirituelle Erfahrungen zu. DSCN4736
Die meisten Menschen erleben nur den Wachzustand bewusst, den Rest unbewusst. Aber jeder, der einmal einen sogenannten luciden Traum hatte, in dem er plötzlich sich bewusst wurde, dass er träumt, weiß aus Erfahrung, dass die Bewusstheit auf den Traum ausgedehnt werden kann, zumindest temporär. Wer viel meditiert, wird ebenfalls die Erfahrung machen, dass er in versenktem Zustand sehr bewusst innere Bilder wahrnehmen kann. Wer nun seine Bewusstheit über alle diese Zustände hinaus dauerhaft ausdehnen kann, erlebt die einst einmalige „Gipfelerfahrung“, das Eins-Sein mit dem Göttlichen, ständig. Aus einem Zustand wird eine Struktur. Er hat keine Erleuchtung, er ist erleuchtet. Jesus sagt: „Ich und der Vater sind eins.“

Gott 9.0 in Kürze

In Gott 9.0 greifen die Autoren Marion Küstenmacher, Tilmann Haberer und  Werner Tiki Küstenmacher die integrale Theorie auf und wenden sie auf die christliche Spiritualität und die damit einhergehenden Gottesvorstellungen an. Dabei wird von ihnen sowohl Spiral Dynamics von Don Edward Beck und Christopher C. Cowan aufgegriffen als auch Ken Wilber rezipiert. Zu diesen Denkern und ihren Theorien findet ihr an anderer Stelle mehr auf meinem Blog.

Die Autoren von Gott 9.0 unterscheiden in enge Anlehnung an Spiral Dynamics ingesamt neun verschiedene Bewusstseinsstufen, die zu einer bestimmten Zeit das erste Mal entstanden sind und nun alle nebeneinander koexistieren. Diesen ordnen sie jeweils ein bestimmtes Gottesbild und Jesusbild zu. Dabei kommt jeder dieser Stufen eine jeweils eigene wichtige Bedeutung zu. Keine ist besser oder richtiger als die andere, doch während es zwischen den ersten Stufen zu Missverständnissen und gegenseitiger Ablehnung kommt, wird ab der siebten Stufe eben diese Vielfalt und das Nebeneinander erkannt, unterschieden und schätzen gelernt.

Eine grob zusammengefasste Übersicht meinerseits:

Beige: Gott als Mutterbrust, große Hand. Jesus als Säugling, nackt am Kreuz.

Purpur: Stammesgötter, Geister, Dämonen, Ahnenkult. Jesus als Wundertäter und Heiler.

Rot: Kriegsgott Jahwe. Jesus als Kämpfer gegen den Satan.

Blau: Gott als allmächtiger Schöpfer und Richter. Jesus als Retter, Weltenrichter und Sühneopfer.

Orange: Verlorener oder toter Gott, verborgener Gott, persönlicher Gott, apersonaler Gott. Jesus als provozierender Kritiker und Vorbild.

Grün: Gott als Liebe. Gott aller Religionen. Jesus als Lehrer der Liebe.

Gelb: Gott als der dreieinige. Jesus als wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich. Jesus als Mystiker.

Türkis: Gott als Geist/Bewusstsein. Kosmischer Jesus.

Koralle: Noch offen.

Ich weiß nicht, wie es euch damit geht, aber ich habe als Pfarrerin schon alle diese verschiedenen Gottes- und Jesusbilder bei mir und anderen Menschen kennen gelernt. Mit einher gehen leidliche und sich immer nach demselben Muster wiederholende Auseinandersetzungen zwischen (eigentlich sonst ganz netten!) Menschen, die sich gezwungen sehen, ihr jeweiliges Bild (samt dem dazu gehörigen Glauben und Lebensstil) zu verteidigen. Wer stark blau glaubt, also an den einzigen Erlöser Herrn Jesus, will von dem grünen Gott, der von allen Religionen verehrt wird, nichts wissen und so weiter… (doch dazu gerne mehr an anderer Stelle)

Mit dem Buch ist m.E. den Autoren eine geniale Anwendung der integralen Theorie auf das Christentum gelungen, weswegen ich nur empfehlen kann, es zu lesen.

Spannend ist auch der darin enthaltene Selbsttest, durch den der Leser sich einer der Stufen zuordnen kann. (Ob diese Selbsteinschätzung gelingen kann, stelle ich allerdings ein wenig in Frage…)

Mehr zu dem Buch auf der dazugehörigen Homepage:

http://gott90.de

Über die Seite könnt ihr kostenlos Lesezeichen bestellen, auf denen die neun Bewusstseinstufen in einer Übersicht zusammengefasst sind.

Zu dem Buch gibt es außerdem eine Facebookgruppe: https://www.facebook.com/groups/gott90/about/

Im April erscheint ein Nachfolgeband dazu: Integrales Christentum. Das Praxisbuch zu Gott 9.0

Über dieses werde ich zu gegebener Zeit berichten.

Eine integrale christliche Lebenspraxis?

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIntegrale Lebenspraxis (ILP) bedeutet, sich einen individuell auf einen selbst abgestimmten Trainingsplan zusammenzustellen. Den Kern bilden dabei vier Module, die sich jeweils einem Thema widmen: Körper, Verstand, GEIST und Schatten. Dazu kommen andere ergänzende Module je nach Interesse, Lebensphase und Neigung hinzu. Wer in jedem Modul mindestens regelmäßig eine Übung macht, pflegt eine Integrale Lebenspraxis.

Ich könnte also für das Modul Körper regelmäßig einer bestimmten Sportart nachgehen oder meine Ernährung umstellen, für das Modul Verstand ein Buch lesen oder eine Fortbildung besuchen, für das GEIST-Modul sonntags in den Gottesdienst gehen oder jeden Abend beten und mich durch eine Therapie oder das Tagebuchschreiben mit den dunklen Seiten meiner Psyche, dem Schatten, konfrontieren.

Ich höre, besonders die Lutheraner, skeptisch fragen, wozu es denn diese Praxis überhaupt braucht. Wir seien doch gerechtfertigt etc.pp. Allzu schnell wird jemand verdächtig, der das Wort „Meisterschaft“ in den Wort nimmt, als glaube da einer, er könne sich vor Gott „selbst rechtfertigen.“ Die Orthodoxen hingegen werden wesentlich schneller verstehen, um was es geht, da sie die Beziehung zwischen einem Starzen oder Beichtvaters als Mentor und seinem Schüler aus ihrer Tradition her kennen.

Sinn der Praxis ist es, das eigene Leben bewusster zu leben, mehr und tiefer wahrzunehmen und das eigene Potential, die Gaben, die Gott uns geschenkt hat, auszuschöpfen. Um schon zeitlebens mehr zu uns selbst und zu Gott zu finden. Vielleicht einfach, um hinterher weniger zu bereuen. Vielleicht auch einfach, weil es Freude macht, zu innerer Fülle und Liebe führt.

Die Autoren von „Integrale Lebenspraxis“ schreiben, ILP könne mit jeder spirituellen Tradition koexistieren. Wir müssen also nicht Buddhist werden, um zu meditieren bzw. uns in Gott zu versenken.

Es ist sogar äußerst sinnvoll, die Techniken zu verwenden, die uns die eigene Tradition, in der wir groß geworden sind, zur Verfügung stellt, wenn es um spirituelle Praxis geht. Schon allein deshalb, weil sie uns bereits vertraut ist und der Einstieg leichter fallen dürfte.

Die ILP erkennt den unbedingten Wert von verschiedenen Praktiken wie Meditation und Gebet. Diese sind sogar notwendig, wollen wir bestimmte „Erfahrungen, Wahrnehmungen und Dimensionen des Gewahrseins […] bekommen“ (S. 241)Zitat:

„Menschen könnten sich auf eine integrale Spiritualität einlassen und weiterhin praktizierende Christen, meditierende Buddhisten, New-Age-Anhänger oder neuzeitliche Schamaninnen sein. Diese Spiritualität würde die eigene Religion ergänzen, ohne ihr etwas zu nehmen. Das einzige, was sie ihr nehmen würde, wäre der Glaube (und darum führt kein Weg herum), dass der eigene Weg der einzig wahre Weg zu Gott ist.“ (S. 243)

Letzteres hängt eng mit der Mehrperspektivität der integralen Philosophie zusammen, über die ich an anderer Stelle mehr schreibe.

Hier ein kurzes Video zur Einführung in die ILP durch Martin Schuhmacher: