Das Reich Gottes

der integrale Christ Paul Smith versteht darunter einen anderen Bewusstseinszustand. Den Zustand, in dem sich Jesus befunden haben muss.

Das Reich Gottes…

der integrale Christ Paul Smith versteht darunter einen anderen Bewusstseinszustand. Den Zustand, in dem sich Jesus befunden haben muss. Einen Zustand des völligen Eins-Seins-mit-dem-Göttlichen. Aus meiner Sicht eröffnet diese Definition neue Perspektiven auf Jesu Worte und seine Gleichnisse. Ich laden euch ein, bei jedem Gleichnis, das ihr lest, einmal hinter das Wort „Reich Gottes“ durch die Worte „Bewusstsein von Gott/Wissen um Gott“ zu ersetzen.

Zum Beispiel bei Markus 4,30, dem Gleichnis vom Senfkorn:

Womit sollen wir das Bewusstsein von Gott/Wissen um Gott noch vergleichen?«, fragte Jesus. »Mit welchem Gleichnis sollen wir es darstellen? 31 Es gleicht einem Senfkorn. Das ist das kleinste aller Samenkörner, die man in die Erde sät. 32 Aber wenn es einmal gesät ist, geht es auf und wird größer als alle anderen Gartenpflanzen. Es treibt so große Zweige, dass die Vögel in seinem Schatten nisten können.

Oder bei Matthäus 20,1, dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg:

Denn mit dem Bewusstsein von Gott/Wissen um Gott ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der sich früh am Morgen aufmachte, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. 2. Er fand etliche und einigte sich mit ihnen auf den ´üblichen` Tageslohn von einem Denar. Dann schickte er sie in seinen Weinberg.

Oder Markus 10:

25 Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Bewusstsein von Gott/Wissen um Gott kommt.

Wir bekommen ganz neue Aussagen, die erstaunlich viel Sinn machen. Was meint ihr?

  1. Ein anderes Bewusstsein hat die Macht, die ganze Welt zu verändern.
  2. Ein anderes Bewusstsein kommt bei dem einen durch viel harte gedankliche Arbeit und dem anderen wird es über Nacht geschenkt.
  3. Reichtum hindert Menschen tendenziell, das Göttliche in der Welt wahrzunehmen.

Zum Abschluss will ich an dieser Stelle mit euch meinen Gedichtfilm aus dem Jahr 2016 teilen. Das Gedicht habe ich an einem Samstag während der Predigtvorbereitung verfasst, als mir klar wurde, dass ich entweder ein Gedicht schreibe oder auf der Kanzel lieber schweige. Mir persönlich erscheint die Kunst, die in einem ekstatischen Zustand der Inspiration verfasst wird – und damit eine eigene Art spiritueller Erfahrung ist – , noch am ehesten geeignet, das wiederzugeben, was vermutlich hinter dem Begriff „Reich Gottes“ steht.

Hier ist es:

DAS REICH GOTTES

Ich hab es nie gesehen
und WEIß es doch.
Ich kann es nur erahnen –
die Ahnung reicht unendlich weit,
sie füllt mich völlig aus.
Es nimmt jetzt seinen Lauf,
jetzt und jetzt und jetzt.
Es ist der Fall aus dem Normalen,
es fängt mich sachte auf.
Es ist der Strom,
in dem ich gleite,
die Energie,
die mich erhält.
Es gleißt aus mir heraus
und doch bin ich nie wirklich drin gewesen.
Es ist nicht Außen und nicht Innen,
nicht Oben, und nicht unter mir
und alle andern scheinen
immer weit voraus.
Es ist ein Wind im Innern,
der sich viel zu langsam legt.
Es ist die Liebe, die
nicht passen will zu mir,
wie ich sie auch halte.
Es ist die Sonne,
die mir, wenn ich sterbe,
blendend gleißt,
der Strahl, der letzte Weg zu dir.
Es ist die Hoffnung, dass ich vor dir bleibe,
auch wenn ich schlachte wie Elia,
und nichts mich mehr entschuldigt.
Es ist die senkrecht steile Wand,
an der ich mich nach oben hangle.
Es ist der Schrott, der faule Müll,
aus dem es plötzlich grünt wie neu.
Ich kenne es, dein Reich,
als hätt ich schon mal dort gewohnt,
und zweifle doch so oft daran.
Es ist ein Reißen und ein Sehnen.
Es ist dein immer freundliches Gesicht,
dass mich schon lang durchdrungen,
und statt mich zu vernichten,
als Atem in mir weiterschwingt.
Es ist der Wärmeschub,
nachdem ich lange meditierte;
das Katapult,
das mich in neue Tiefen bringt.
Es ist ein Mensch, und ist ein Licht.
Es ist in mir, und doch bin ich es nicht.
Kein Vergleich reicht aus,
und doch lebt alles Leben
nur aus Vergleichen,
aus Versuchen Dich zu fassen,
einzunehmen, festzusetzen.
Es ist,
wenn Leben wieder mundet.
Wenn Illusionen fallen.
Wenn Todgeglaubte trösten.
Wenn zurück liebt, wer nicht lieben konnte.
Es ist ein Raum und ist ein König –
alles muss ihm weichen.
Was hart ist, löst es auf.
Was öde ist und schmerzbehaftet,
was Schein ist nur und Lüge,
was quält und was das Licht verdeckt.
Und wer auch herrscht und sich vergisst:
Es ist. Es ist. ES IST.
Und niemand, niemand hält es auf.

Wir alle sind ein Mensch

Die Idee, dass wir nicht viele, voneinander getrennte Wesen sind, sondern dass wir über alle Zeiten hinweg eine Einheit bilden, ein Mensch sind.

Ja, auch wenn sich der Satz „wir alle sind ein“ grammatikalisch falsch anhört, soll es im Folgenden um genau das gehen: Die Idee, dass wir nicht viele, voneinander getrennte Wesen sind, sondern dass wir über alle Zeiten hinweg eine Einheit bilden, ein Mensch sind.

Habt ihr euch schon einmal die Frage gestellt, warum ein Mensch, Jesus, es geschafft haben soll, alle Menschen durch seinen Tod von der Macht der Sünde, dem Getrenntsein von Gott zu befreien?

Oder andersherum: Warum angeblich alle Menschen unter den Folgen von etwas leiden sollen, was ein Mensch, Adam, irgendwann einmal getan hat?

Oder wie der Ausspruch Jesu: „Und was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan“, richtig verstanden werden kann?

Der Kirchenvater Gregor von Nyssa hat das dadurch erklärt, dass es in Wirklichkeit nicht viele, sondern nur einen Menschen oder nur eine Menschennatur gäbe, an der alle teilnehmen. Erst dadurch wird verständlich, warum durch einen sündlosen, perfekten Menschen alle frei von Sünde werden können.  Und im unserem Mitmenschen haben wir das allen Menschen gemeinsame Selbst, die gemeinsame Menschennatur, bekleidet und besucht.

Es hat mich überhaupt nicht gewundert, dass es meinen Grundschülern während meiner Lehrprobe schwer fiel, diesen Spruch Jesu zu begreifen – mir scheint, selbst die meisten Theologen nehmen ihn nicht wirklich ernst, denn – seien wir doch ehrlich, er hat etwas zutiefst beunruhigendes.

Ich und dieser zottelige, ungewaschene Berufsbettler, der den halben Tag an der Ampel sitzt, sollen in Wirklichkeit irgendwie eins sein? Oder gar ich und diese völlig inkompetente und saudoofe Frau in der Behörde, in der ich zuletzt Papiere abgeben musste?

Dennoch beantwortet diese Idee des Kirchenvaters eine Frage, die ich schon immer in Bezug auf das Christentum hatte, nämlich, wie das Leben und der Tod Jesu eine existentielle Bedeutung für mein jetziges Leben haben können. Ich könnte ja auch denken: Toll, dass Jesus so perfekt war und es gut mit der Menschheit meinte – aber was ändert das an dem Mist, in dem ich heute stecke.

Hans Ulrich von Balthasar schreibt dazu:

Christus hat, indem er individueller Mensch wurde, zugleich diese allgemeine Menschennatur angenommen und vergöttlicht, und durch sie stehen alle Menschen gleichsam in unmittelbarer, seinshafter Kommunion mit ihm. So zerbrechen die geschlossenen Monaden und werden von innen geöffnet für den Strom der vergöttlichenden Gnade. Die Menschwerdung wird also erst völlig vollzogen sein, wenn die gesamte Menschennatur, in all ihren Gliedern, durchlässig geworden ist für die Gnade der Menschwerdung, wenn aus dem Leibe ‚Adams‘ der mystische Leib Christi geworden ist.

Am stärksten wurde dieser Gedanke in der russischen Philosophie aufgegriffen. Allen voran von W.S.Solowjow mit seiner Idee von der Alleinheit. Mehr dazu findet ihr zu einem späteren Zeitpunkt hier auf diesem Blog. Versprochen!

Wie aber lässt sich nun diese Verbundenheit der gesamten Menschheit denken?

In einer Erzählung von F.M. Dostojewskij mit dem Titel „Der Traum eines lächerlichen Menschen“ stößt die Hauptperson aus Gleichgültigkeit ein kleines Mädchen in Not von sich und erkennt plötzlich in einem Traum, wie diese seine Sünde mit der Sünde aller Menschen zusammenhängt. Der eine stößt den anderen von sich weg und so geht es immer fort und fort vom einem zum anderen… und der „lächerliche Mensch“ beginnt zu verstehen, dass er  nicht nur die Schuld für sein eigenes Vergehen, sondern die Schuld für alle Vergehen der Menschen, alles Leid der Welt trägt– er ist sich plötzlich sicher, dass er allein, durch seine Tat, nicht nur eine Sünde begangen hatte, sondern überhaupt er, als ein Mensch, der einen anderen Menschen abgewiesen hatte, verantwortlich war für den Sündenfall und für alles, was danach kam. Und der „lächerliche Mensch“ zieht aus, um zu predigen und die Schuld aller auf sich zu nehmen und eben diese alle halten ihn für verrückt und belächeln ihn milde– sie nehmen ihn nicht ernst, er aber liebt sie dafür nur um so mehr!…

Dostojewskij versucht hier zu beschreiben, dass alle Menschen zwangsläufig aufeinander einwirken, nicht nur unmittelbar, sondern über Kontinente, über Generationen hinweg. Alles wird weitergegeben, jedes Verhalten, jeder Gedanke. Die integrale Theorie geht davon aus, dass geistige Inhalte, Informationen, sich ebenso wie Organismen oder wie die DNA fortpflanzen. Es gäbe demnach also eine doppelte Verbundenheit: Die über die Biologie und die über den Geist.

So ist meiner Meinung nach auch Paulus Bild von dem einen Leib zu verstehen. Paulus schreibt in seinem Brief an die Römer im 5. Kapitel:

Genauso, wie eine einzige Verfehlung allen Menschen die Verdammnis brachte, bringt eine einzige Tat, die erfüllt hat, was Gottes Gerechtigkeit fordert, allen Menschen den Freispruch und damit das Leben. Genauso, wie durch den Ungehorsam eines Einzigen alle zu Sündern wurden, werden durch den Gehorsam eines Einzigen alle zu Gerechten.

Doch kommen wir mit all dem selbstverständlich an unsere denkerischen Grenzen. Auch das Ego wehrt sich mit voller Macht: Ich will nicht mit dieser/diesem schrecklichen/blöden/grausamen etc. Mann/Frau verbunden, gar noch eins sein!

Voll und ganz wird diese Einheit wohl nur in der mystischen Erfahrung erlebt und als wahr erkannt werden können, in der wir nichts als Liebe und Frieden spüren.

Was meint ihr dazu? Ein ganz abwegiger Gedanke oder tiefe Wahrheit?

 

Der Traum von einem besseren Christentum

Integrale Gedanken inspirieren zum Träumen

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molnc3a1r_c381brahc3a1m_kikc3b6ltc3b6zc3a9se_1850 Abraham by József Molnár [Public domain], via Wikimedia Commons

Und ich blickte auf, und ich sah ein Meer aus Menschen, die keiner zählen konnte. Menschen aus allen Kirchen und christlichen Organisationen.

Sie waren aufgestanden und haben sich auf den Weg gemacht, ohne den Ort zu kennen, den sie suchen …

Dieser Artikel ist kein Aufruf dazu, dass du deine Gruppe verlässt. Es kann zwar sein, dass du dich innerlich schon längst verabschiedet hast und auf der Suche bist. Aber ob und wann der Zeitpunkt zu gehen gekommen ist, musst du selbst entscheiden. Vielleicht ändert sich auch was, und du wirst bleiben?!

Es gibt schon unzählige frustrierte Christen, die allen christlichen Gemeinden und Gruppen den Rücken gekehrt haben und versuchen, allein zurecht zu kommen. Privates Christentum.

Mit ihm [Jesus] seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn…

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Modul GEIST: Das Jesus- oder Herzensgebet

Ich möchte euch eine Gebetspraxis vorstellen: Im Osten eher Herzensgebet, im Westen Jesusgebet genannt. Es gibt sowohl im West und Ost verschiedene Schulen. Gemeinsam ist, dass der Name Jesu wie ein Mantra wiederholt wird. Am häufigsten geschieht das in der Form: „Jesu, Sohn Gottes, erbarme dich meiner“, doch auch zahlreiche Kurzformen wie „Jesu, erbarme dich“ oder „Christe eleison“ sind möglich. Peter Dyckhoff, Autor zahlreicher Bücher zum Ruhegebet, schlägt selbst vor, die Formel intuitiv auszuwählen, da sie dann am ehesten zum Beter passt. Ich habe damit persönlich gute Erfahrungen gemacht.

Die Wiederholung der Gebetsformel wird teilweise mit der Konzentration auf den Atem verbunden. Tatsache ist jedoch, dass der Atem durch die Fokussierung auf das Gebet sich ohnehin verlangsamt und gleichmäßiger wird.

Zwar ist der Satz als Bitte formuliert, doch es handelt sich nicht um ein Bittgebet, das zum Ziel hätte, Gott Bitten oder Wünsche vorzutragen. Ziel des Gebets ist die Erlangung eines Zustandes, einer tiefen inneren Ruhe, im griechischen Sprachraum Hesychia, Ruhe/Stille, genannt. Die Bewegung, die sich dieser Gebetspraxis widmet, nennt sich Hesychasmus. Es geht ums Loslassen, Gelassenheit und den Seelenfrieden und schlussendlich um eine direkte persönliche Gotteserfahrung. Das Zentrum dieser Bewegung war im Mittelalter die Mönchsgemeinschaft auf dem Berg Athos. Eine theoretische Erklärung für die zahlreichen Lichtvisionen, die als Folge der Gebetspraxis auftraten, formulierte im 14. Jahrhundert der Theologe Gregorius Palamas. Zwar sei Gottes Wesen schlussendlich für uns Menschen unergründlich, doch seine Energien – und damit auch das göttliche Licht – könnten durchaus direkt wahrgenommen werden. (Aus dieser Annahme folgen eine Reihe knifflicher Streitpunkte zwischen Ost und West, auf die ich an dieser Stelle nicht eingehen will.)

Die biblische Begründung für die Praxis findet sich im 1. Thessalonicher 5, wo Paulus die Christen auffordert, „ohne Unterlass“ zu beten.

16 Seid allezeit fröhlich, 17 betet ohne Unterlass, 18 seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.

Entscheidender als dieses Wort dürfte aber die praktische Weitergabe einer Tradition sein, die sich immerhin bis auf die Wüstenväter zurückverfolgen lässt.

Wer zum ersten Mal von einer solchen Gebetsweise hört, dem kann ich die Bücher von Peter Dyckhoff oder Emmanuel Jungclaussen empfehlen. Peter Dyckhoff beruft sich in seinen Werken zum Ruhegebet auf Johannes Cassian, einen Kirchenvater des 5. Jahrhunderts, der das Gebet nach Aufenhalten bei den Wüstenmönchen auch in der Westkirche bekannt machte. Jungclaussen hingegen bezieht sich auf die Praxis in der Ostkirche.

Ohne irgendeine Anleitung oder, was noch besser ist, eine persönliche Begleitung, draufloszupraktizieren, ist keine gute Idee. Dabei kann schnell die Freude vergehen. Viel besser ist es, das Ganze behutsam und langsam anzugehen und das Erlebte im Gespräch oder durch ein gutes Buch zu verarbeiten.

Von der Meditation unterscheidet sich das Gebet dadurch, dass es sich direkt an eine Person richtet und damit dialogisch orientiert ist. Ansonsten können wir hier mit gutem Recht von einer christlichen Meditationsform sprechen, wenn wir „Meditation“ als eine Praxis verstehen, die uns in andere Bewusstseinszustände versetzt. Oft begegnet uns in diesem Zusammenhang der Begriff „Versenkung“, der es meiner Erfahrung nach gut trifft, da es sich wirklich wie ein immer tieferes Fallenlassen in etwas/jemanden anfühlt. Die körperlichen Auswirkungen sind ebenfalls vergleichbar mit denen einer buddhistischen Meditationspraxis. Es gibt also keinerlei zwingenden Grund, als Christ fremde Traditionen nachzuahmen. (Auch wenn es uns selbstverständlich frei steht, diese auszuprobieren. 😉)

Zunächst geht es darum, die vielen lärmenden und uns bedrängenden Gedanken 1. erst einmal wahrzunehmen, 2. sie dann sanft weiter ziehen zu lassen und 3. in eine Stille einzutauchen, die uns wohltut und beruhigt. Besondere Erfahrungen, wie Lichtschau oder  Visionen, die in der Folge möglich sind, oder Auswirkungen auf unsere Person über die Gebetszeiten hinaus, kommen meist erst nach einer längeren Zeit andauernden Praxis.

Um diese Zustände schneller zu erreichen und in tiefere Bewusstseinszustände zu kommen, sind regelmäßige Gebetszeiten wichtig. Dyckhoff empfiehlt zweimal am Tag 20 Minuten lang. Als Mutter eines kleinen Kindes kann ich sagen, dass es besser ist, überhaupt zu praktizieren als gar nicht, auch wenn es durch die Umstände bedingt zeitweise nicht möglich ist, einen solchen strikten Tagesablauf einzuhalten.

Eine moderne Form des Gebetes finden wir bei Sabine Bobert, Professorin für Theologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, in ihrem Werk „Mystik und Coaching“ von 2011. Ich stelle es an dieser Stelle vor.

Hat eine/r von euch schon Erfahrung mit dieser Gebetsweise gemacht?

 

 

Bibel lesen – aber sinnvoll

Gestern fiel das erste Mal seit langem in der Predigt eines Kollegen ein Satz, der sich mir auf Anhieb eingeprägt hat. Die Bibel sei die „beste Schule für Pluralität.“ Das ist wahr! Wie wahr!

Gestern fiel das erste Mal seit langem in der Predigt eines Kollegen ein Satz, der sich mir auf Anhieb eingeprägt hat. Die Bibel sei die „beste Schule für Pluralität.“ Das ist wahr! Wie wahr! Es zeigt sich nicht nur daran, dass der Jesus des Johannesevangeliums ein anderer ist als der des Markusevangeliums. Es zeigt sich besonders herausfordernd dann, wenn Menschen, die heute leben, versuchen, sich über die biblischen Texte auszutauschen und gemeinsame Wahrheiten oder Grundsätze daraus abzuleiten. Das ist dann wirklich ein Ringen und Stöhnen angesichts der Vielfalt, die hier zutage tritt. Vielfalt der Meinungen und Vielfalt der Menschentypen, die diese vertreten. Deshalb ist für mich auch die Frage viel spannender, warum ein bestimmter Mensch diese oder jene Ansicht hat als die Ansicht selbst.

Wunderbar hat das Jeff Meyerhoff ausgedrückt

Die von mir erteilte Antwort ist, dass unsere Überzeugungen aus unseren einzigartigen Lebenserfahrungen entstanden sind und gewisse Überzeugungen befriedigen unsere psychischen Bedürfnisse, indem sie uns veranlassen, an gewissen Perspektiven und Weltanschauungen festzuhalten. Wir können die innigen Verbindungen zwischen unseren philosophischen, moralischen, ästhetischen und politischen Überzeugungen und unserer Lebensgeschichte aufdecken. Wir entdecken, dass wir mit anderen nicht nur wegen unserer unterschiedlichen Überzeugungen nicht übereinstimmen, sondern weil wir andere psychische Bedürfnisse haben.

Nachzulesen auf: http://www.integralworld.net/de/meyerhoff5_de.htm

Darüber zu reden lohnte sich! Warum verstehst du etwas so und nicht anders? Doch wie viel Selbstreflexion wird da von uns Menschen verlangt! Zu wissen, nicht nur was, sondern warum wir etwas wichtig oder unwichtig finden, so oder anders verstehen wollen. Welche Entdeckungen könnten wir da alleine oder gemeinsam machen. Welche Abgründe aufdecken, zu welchen Tiefen vorstoßen!

Nicht nur hat sich in der Bibel die Mannigfaltigkeit des Lebens und der Menschen niedergeschlagen. Sondern diese Fülle an Deutungen und Geschichten zeugt von der Buntheit des Lebens an sich, den vielen parallel verlaufenden Lebenswegen. Vielen ist das – so erlebe ich es – zu bunt. Und dann wird eine Grenze gezogen, irgendwo, sich abgegrenzt, zugemacht, ausgeblendet, was nicht mehr passen will. Wir könnten es „negative Komplexitätsreduktion“ nennen.

Dabei liegt hier tatsächlich DIE Chance. Im Umgang mit diesem Buch erlangen wir wirklich eine der wichtigsten Kompetenzen für das Leben selbst: Mehrdimensionales und komplexes Denken.

Dazu will ich Bonhoeffer zitieren.

Ich hoffe, dass ihr trotz der Alarme die Ruhe und Schönheit dieser … Tage voll auskostet. Man lernt ja allmählich von den Bedrohungen des Lebens innerlich Abstand zu nehmen, d.h. ‚Abstand zu gewinnen‘ klingt eigentlich zu negativ, zu formal, zu künstlich, zu stoisch, richtiger ist es wohl, zu sagen: man nimmt dies täglichen Bedrohungen in das Ganze des Lebens mit hinein. Ich beobachte hier immer wieder, dass es so wenige Menschen gibt, die viele Dinge gleichzeitig in sich beherbergen können; wenn Flieger kommen, sind sie nur Angst; wenn es etwas Gutes zu essen gibt, sind sie nur Gier; wenn ihnen ein Wunsch fehlschlägt, sind sie nur verzweifelt; wenn etwas gelingt, sehen sie nichts anderes mehr. Sie gehen an der Fülle des Lebens und an der Ganzheit einer eigenen Existenz vorbei; alles Objektive und Subjektive löst sich für sie in Bruchstücke auf. Demgegenüber stellt uns das Christentum in viele verschiedene Dimensionen des Lebens zu gleicher Zeit; wir beherbergen gewissermaßen Gott und die Welt in uns. Wir weinen mit den Weinenden und freuen uns zugleich mit den Fröhlichen; wir bangen um unser Leben, aber wir müssen doch zugleich Gedanken denken, die uns viel wichtiger sind als unser Leben. … Das Leben wird nicht in eine einzige Dimension zurückgedrängt, sondern es bleibt mehrdimensional-polyphon. Welche Befreiung ist es, denken zu können und im Gedanken die Mehrdemensionalität aufrechtzuerhalten. … Man muss die Menschen aus dem einlinigen Denken herausreißen – gewissermaßen als ‚Vorbereitung‘ bzw. ‚Ermöglichung ‚ des Glaubens, obwohl es in Wahrheit erst der Glaube ist, der das Leben in der Mehrdimensionalität ermöglicht.

Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung (25.4.1944)

Wenn wir bereit wären, im Gespräch über biblische Texte oder daraus abgeleitete Glaubensvorstellungen darüber zu sprechen, WARUM gerade UNS dieses oder jenes wichtig oder unwichtig ist, aus welchen Erfahrungen heraus wir dieses oder jenes glauben oder meinen, könnten wir die Erfahrung machen, dass wir gemeinsam daran wachsen. Meine Erfahrung ist hier leider, dass viele gerne theoretisch über alles Mögliche diskutieren, sich aber sofort ausklinken, sobald eine persönliche Frage damit verknüpft wird. Solange wir nicht bereit sind, mit dem Zeugnis unseres Lebens für Inhalte einzustehen, sind diese Inhalte wie Möbel oder Accessoires, hinter denen wir uns verstecken.

Und was mir noch wichtiger erscheint, wir vergeben uns damit die Chance, produktiv und schöpferisch mit Komplexität umzugehen. Denn es ist eben nicht so, dass der eine Recht hat und der andere nicht. Sondern: Jeder hat Recht auf seine Weise. Und schon diese Sätze sind vermutlich vielen zu kompliziert, zu anstrengend. Ich meine hiermit nicht naiv, dass ich den Attentäter, der gerade mit dem Messer, Bus oder was auch immer auf mich losgeht, erst fragen möchte, warum er das tut. Sondern das alltägliche Phänomen im Gespräch mit Menschen, die genug Zeit hätten, tiefsinnige und persönliche Gespräche zu führen, es aber gezielt vermeiden. Vermutlich macht Komplexität viel Angst. Ist die Angst doch das Zeichen, dass wir uns auf unbekanntes Terrain begeben und neue Dinge tun oder hören, die unser Leben verändern könnten.

Die Bibel ist hier ein Wunder. Die Bibel zwingt viele regelrecht, sich auf ihre Komplexität einzulassen. Einmal richtig zuzuhören. Und noch einmal. Und noch einmal. Den Text oder uns in Frage stellen. Meine Erfahrung ist, dass dieses Buch vor allem und zunächst das Leben von Menschen verändert, wie es kein anderes tut. Gerade, WEIL es so vielstimmig und mehrdeutig ist, weil es so viele Autoren hat und diese so viele verschiedene Erfahrungen mit Gott machen durften. Also lasst uns diese Vielfalt feiern! Lasst uns darüber freuen! Und dann sprechen: Über uns. Über unser Leben. Und unsere Erfahrungen mit Gott. Und jeden Satz beginnen mit: Ich verstehe das so, weil…

Christliche Schattenarbeit

Schattenarbeit ist das Bemühen darum, sich diesem Unbewussten wieder bewusst zu werden, zu stellen und es auf eine gesunde produktive Art zu reintegrieren.

Heute will ich mich mit euch einem der wichtigsten Themen der integralen Praxis widmen: Der Schattenarbeit. Ich bin der festen Ansicht, dass die christliche Tradition uns hier einen überreichen Schatz zur Verfügung stellt, der viel zu selten gehoben wird.

Zunächst allerdings zum Begriff „Schattenarbeit“ für alle, die damit noch nichts oder nur wenig anfangen können. Der erstmalige Verwendung des Begriffs „Schatten“ in dem Sinn, wie wir ihn hier verwenden, wird üblicherweise dem Psychologen C.G. Jung zugeschrieben. Der Schatten eines Menschen enthält nach Jung, was seinem positiven Selbstbild und seiner Darstellung nach außen entgegensteht und deshalb ins Unbewusste verdrängt wird. Nach außen sichtbar wird lediglich in Form von Projektionen, wie z.B. dem Hass auf Charaktereigenschaften eines anderen Menschen oder heftigen emotionalen Reaktionen, die in keinem adäquaten Verhältnis zur Situation stehen.

Schattenarbeit ist das Bemühen darum, sich diesem Unbewussten wieder bewusst zu werden, zu stellen und es auf eine gesunde produktive Art zu reintegrieren. Es bedeutet also eine intensive, unter Umständen bis an die Grenzen gehende Herausforderung, sich den dunklen, ungeliebten Stellen in den Tiefen unserer Psyche zu stellen, um sie schließlich liebevoll zu umarmen.

Die Kirchenväter und auch die Seelsorger heutiger Tage verwenden dazu seltener den Begriff „Schattenarbeit“, sondern sprechen von einem Kampf mit den Dämonen. Je nach Ebene wird dieser Kampf allerdings unterschiedlich gedacht: Einmal als reale Besessenheit von außen, und einmal bildlich, also so, dass es sich bei den „Dämonen“ um Teile unserer Selbst handelt, mit denen wir ringen. Je nachdem lesen wir selbstverständlich auch die biblischen Geschichten über Versuchung anders.

Werfen wir zunächst einen Blick darauf, welche Methoden der Schattenarbeit uns in der Bibel begegnen. Später will ich auf spätere Formen und Möglichkeiten zu sprechen kommen.

Nach seiner Taufe im Jordan zieht sich Jesus zurück. Er nimmt Abstand von der Gesellschaft, Abstand von dem, was geschehen ist, Abstand vom Alltag. Diesen Rückzug machen ihm später zahlreiche Menschen nach, ob als Eremiten, Mönche, Nonnen, Kloster auf Zeit.

Er nimmt sich Zeit. Ganze vierzig Tage.

Als Ort wählt er die Wüste. Die Weite und Leere der Wüste scheint ein perfekter Ort dafür, das eigene Innere nach außen zu projizieren und damit zu ringen. Manchmal gibt es nichts Schwierigeres, als mit sich selbst allein zu sein. Keine Zerstreuung, kein Gesprächspartner.

Während er in der Wüste weilt, fastet er zudem. Er verzichtet eine Zeit lang auf das Essen als Ablenkung, Vertröstung, Kraftverschwendung. Alles dient der Fokussierung.

Und er ringt mit dem Teufel. Wir könnten auch sagen, mit all den vielen verschiedenen Stimmen in sich, die ihm helfen, durch Abgrenzung zu sich selbst zu finden. Kaum werden wir leise, hören wir sie umso lauter: Unsere ständig kreisenden, plappernden Gedanken und Überlegungen. Und je länger wir alleine sind, desto mehr Macht gewinnen sie über uns. Jesus verlässt die Wüste gestärkt und selbstbewusst.

Jesus sitzt auch nach seinem Wüstenaufenthalt regelmäßig in der Stille. Allein. Auch kurz vor seiner Verhaftung im Garten Gethsemane. Seine Gebetspraxis ist gleichzeitig die effektivste Schattenarbeit. Es gelingt ihm gleichzeitig, den kleinen, ängstlichen und lebenshungrigen Mann in sich zu umarmen, der am liebsten fliehen würde und alles rückgängig machen, was zu seiner Kreuzigung geführt hat – und sich dem großen, unbegreiflichen Gott gegenüber fallen zu lassen, der unsagbares mit ihm vorhat.

Wenn wir unseren Schatten kennenlernen wollen, geben uns unsere Projektionen wertvolle Hinweise.

In Mt 7,3 rät Jesus uns dazu, den Balken im anderen Auge als eigene Projektion zu erkennen. Der Balke in unserem eigenen Auge ist es, der überhaupt erst macht, dass uns der Balke im anderen Auge stört.

1 Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.

2 Denn wie ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden.

3 Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?

4 Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen! – und siehe, ein Balken ist in deinem Auge?

5 Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.

Der Mediziner und Bestsellerautor Rüdiger Dahlke bringt es auf seinem Blog (http://blog.dahlke.at/schattenarbeit-im-beziehungs-alltag/) auf die einfache Formel: „Was immer uns stört hat mit uns zu tun.“ Schattenarbeit könne deshalb wunderbar im Beziehungsalltag integriert werden. Was uns am Partner stört, gibt uns Anhaltspunkte dafür, woran wir uns an uns selbst noch stören. Die Ehe sei deshalb die beste Psychotherapie. Tatsächlich gilt die Ehe in der katholischen Kirche als Sakrament, in der orthodoxen als Mysterion/Geheimnis als ein Weg der Heiligung. Was für die Ehe gilt, trifft selbstverständlich für jede andere engere Gemeinschaft ebenfalls zu.

Darüber hinaus hindert uns die Beschäftigung mit dem Balken im Auge des anderen daran, uns auf uns selbst zu konzentrieren und an uns zu „arbeiten“. Es ist der beste Weg, jede Verantwortung und Schuld von uns wegzuschieben. Damit aber leider auch der beste Weg, uns selbst zu verfehlen.

Jesus rät uns in der Bergpredigt Mt 5 dazu, unsere Feinde zu lieben. Dieser Rat enthält mehrere hilfreiche Aspekte. In unserem Kontext bedeutet er, dass wir es unseren Feinden zu verdanken haben, zu wissen, wer wir sind und wer wir nicht sind. Sie verhelfen uns dazu, unsere Grenzen kennenzulernen und zu definieren. Ohne unsere Feinde wären wir nicht „wir“.

Bei der Schattenarbeit geht es nicht darum, mit zerknirschtem Gesicht unsere Schuld zu bekennen. Leider ist das die einzige verdrehte Form der Schattenarbeit, die ich in unseren evangelischen Gottesdiensten beobachten kann. Da wird zum Beispiel in einer Predigt freimütig gestanden, dass er, der Pfarrer, möglicherweise zu Narzissmus neigt, da er so gerne zu anderen rede. Das ist keine echte Schattenarbeit. Denn diese hat nicht die Zerknirschung oder das Bekenntnis irgendeiner Schuld zum letztendlichen Ziel, sondern die liebevolle Integration des Unvollkommenen und Bösen in uns mit dem Ergebnis echten inneren Friedens.

Was meint ihr? Ihr dürft gerne weitere Aspekte ergänzen, die euch dazu einfallen.

 

Integral Christianity. The Spirit’s Call to Evolve

Es beginnt mit den Worten: „Ich liebe Gott. Ich liebe Jesus. Ich liebe die Kirche. Dies ist ein Buch über diese drei Lieben.

Heute stelle ich euch ein Buch vor, auf das mich ein Kollege aufmerksam gemacht hat. (Dafür an dieser Stelle ausdrücklich herzlichen Dank, Christian Schmill!)

Kaum hatte ich die ersten Seiten gelesen, konnte ich es schon kaum erwarten, euch dieses wunderbare Buch vorzustellen und habe erst mal viel Zeit mit Lesen verbracht. Es geht um „Integral Christianity. The Spirit’s Call to Evolve“ von Paul Smith.

Es erschien 2011 und ist bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt worden – ich denke aber, es ist nur eine Frage der Zeit, bis dies passiert.

Das Buch hat sich für mich auf jeden Fall gelohnt. Es ist eines der wenigen Bücher, die mich richtig glücklich gemacht haben, ich hatte viele Aha Effekte, viel Lächeln auf den Lippen beim Lesen.

Der Autor ist Pastor und Gründer einer integralen Gemeinde – vermutlich der ersten dieser Sorte weltweit.

Nun der Versuch einer – selbstverständlich subjektiven – Zusammenfassung der zentralen Gedanken des Buches. Es beginnt mit den Worten: „Ich liebe Gott. Ich liebe Jesus. Ich liebe die Kirche. Dies ist ein Buch über diese drei Lieben.

Ein Leben lang habe er einen Kampf mit der bestehenden Kirche geführt. In seinem Buch versuche er, ein neues Modell des Christ- und Kirche-seins vorzustellen

„Ich will Gott sehen und erfahren, wie es Jesus getan hat. Das ist die Seele dieses Buches.

In Anlehnung an das Navigationssystem GPS nennt er seinen Ansatz SNS (spirituelles Verortungssystem). Dieses gliedert er – inspiriert durch Ken Wilbers Philosophie – in fünf Punkte, die er Satelliten nennt. Diese sind: 1. Ebenen der Bewusstseinsentwicklung, 2. Bewusstseinszustände, 3. Die drei Gesichter Gottes, 4. Schattenarbeit, und 5. Schritte zur Weiterentwicklung. (Im Englischen heißen sie stages, states, standpoints, shadow work, steps und beginnen damit alle mit dem buchstaben S). Diese sollen helfen, sich spirituell zu verorten und zu wachsen

Eine ideale Kirche ist für ihn nun diejenige, in der sich Menschen in allen diesem Punkten gemeinsam weiterentwickeln können.

Wenn Smith von Ebenen der Bewusstseinsstufen spricht, bezieht er sich weder auf Spiral Dynamics noch auf Ken Wilber, sondern das Buch „Integrales Bewusstsein“ von Steve McInthosh (das ich noch nicht kenne). Doch die beschriebenen Stadien sind in all diesen Fällen ähnlich. Es gibt die übergeordnete Bewegung von einem egozentrischen über einen ethnozentrischen zu einem weltzentrischen Standpunkt. Darüber hinaus unterscheidet er sechs Ebenen: Stamm, Krieger, traditionell, modern, postmodern und integral.

Ausgehend von diesen unterscheidet und beschreibt er die jeweils einer Ebene entsprechenden Kirchen, Gottesvorstellungen, Jesusbilder, das Verständnis von Sünde, Gebetsweisen. Anschließend weist er auf deren jeweilige Stärken und Schwächen hin. Die Schwächen sind dabei ausschlaggebend zur Weiterentwicklung, die Stärken dagegen werden auf der nächsthöheren Ebene integriert.

Warum Menschen von einer Ebene zur anderen übergehen, erklärt er beispielsweise so:

„Der Tornado fegte durch unser Gebiet und tötete dabei fünf Menschen. Aber Gott hat uns verschont.“ Das ist ein komfortabler Gedanke für jeden mit Ausnahme der Familien derer, die dabei ums Leben kamen.

Das nenne ich: Genial und kurz erklärt. Herrlich!

Der Glaube entwickle sich zunächst 1. von dem an einen Stammesgott, der bestraft, belohne und beschütze, über den 2. an einen Kriegsgott, der zornige Rache übe und über seine Feinde richte hin zu dem 3. an den traditionellen Gott als gerechter Richter und Regent und persönliches Gegenüber. Der Mystik gegenüber herrscht Misstrauen.

Die traditionelle Kirche denkt solange hoch von Mystikern, solange sie tot sind. Je länger sie bereits tot sind, desto besser. Vielleicht sind die einzig wirklich gesicherten die, die in der Bibel vorkommen, wo man sie als einmalig ansehen kann.

Darauf komme der 4. moderne und liberale Glaube, der ein neues Gottesverständnis fordert, wissenschaftliche Bibelauslegung betreibt, die Bibel als eine Sammlung von Mythen und Legenden ansieht und Jesus „nur noch“ als besonderen Menschen und Vorbild verehrt. Auf der 5. postmodernen Stufe werde erkannt, dass alles durch das Bewusstsein vermittelt sei und es keine absoluten Werte mehr gäbe, alles also relativ und andere Religionen gleichwertig seien. Werden mystische Erfahrungen davor noch als Halluzinationen angesehen, werden sie nun neu gesucht. Eine Schwäche sei hier jedoch die völlige Ablehnung jeglicher hierarchischen Ordnung. An vorerst letzter Stelle steht 6. die integrale Stufe, die als erste den Entwicklungsweg erkennt und jede darin enthaltene Etappe wertschätzt.

Von einem integralen Standpunkt aus läse sich die Bibel als ein einzigartiges Zeugnis von spiritueller Entwicklung der Menschheit. Jesus offenbare sich als einen integralen Denker, der um die verschiedenen Ebenen spiritueller Entwicklung weiß.

Viele Begebenheiten mit Jesus lassen sich anders verstehen, wenn wir ausgehen, dass er sich aufgrund dauerhafter spiritueller Praxis und Erleuchtung dauerhaft in anderem Bewusstseinszustand befand, einem tiefen Wissen um die Verbundenheit mit Gott. Deshalb konnte er beispielsweise heilen, Gedanken lesen oder mit Toten sprechen.

Auch seine Jünger und die Christen seien bis heute fähig, solche besonderen Bewusstseinszustände selbst zu erleben. Die Selbstdefinition der frühen Christen erfolgte über gemeinsame Erfahrungen dieser Art, nicht über Lehrsätze. Erst später wurde die Kirche als Verbündete des Staates selbst der größte Feind von individuellen spirituellen Erfahrungen. Sie begann Dogmen zu lehren statt zu Gebetstechniken anzuleiten.

Der Autor berichtet an dieser Stelle über seine eigenen spirituellen Erfahrungen, die über die Jahre immer reicher und tiefer wurden und ermutigt uns, eigene Praktiken auszuprobieren.

Der Autor unterscheidet die drei Gesichter Gottes:

Jesus spoke about God, to God, and as God. Jesus redete über Gott, zu Gott und als Gott.

Diese Gesichter Gottes seien auch für uns ein Modell für eine ideale Gottesbeziehung. Im Westen sei man es gewohnt, über oder zu Gott zu reden, doch das dritte Gesicht bereite vielen große Schwierigkeiten. Es ginge darum in seinem tiefsten Inneren auf das Göttliche, das wahre Selbst, zu treffen, durch das wir alle eins sind. Das bedeute aber auch, dass wir den Glauben, dass Jesus der einmalige und einzige Sohn Gottes sei, aufgeben müssten. Anstatt Jesus als Mensch zu sehen, der seine Göttlichkeit entdeckt habe, sähe man Jesus häufig als Gott, der zu den Menschen hinabgestiegen sei, um den Zorn Gottes über die Sünden der Menschheit auszutilgen. Die Lehre der Ostkirche, die Theosislehre, entspräche eher der biblischen Botschaft, wonach Gott Mensch geworden sei, damit der Mensch vergöttlicht (vereint mit Gott) werde.

Schließlich beschreibt er jeden Menschen als ein Fraktal Gottes, also als einen Teil, der gleichzeitig immer auch das Ganze in sich trage. Das Reich Gottes sei das Leben auf dieser höchstmöglichsten Bewusstseinsstufe, die diese Wahrheit, ein Teil Gottes zu sein, tief verinnerlicht habe.

Um spirituelles Wachstum zu beschreiben, bedient er sich des Bildes einer Rolltreppe: Jeder kann in seiner Religion Stockwerk für Stockwerk nach oben reisen. Ein Religionswechsel sei dazu unnötig, wenn nicht sogar kontraproduktiv, da die Gefahr bestehe, dass man sich nur die Rosinen rauspicke, an den eigentlichen Herausforderungen aber vorbeigehe. Viel sinnvoller sei es, die eigene Tradition nach und nach immer besser verstehen und kennen zu lernen.

Weiter entwirft er eine Vision für die integrale Kirche und zählt derzeit existente Trends in und außerhalb der Kirche auf. Dabei setzt er sich intensiv mit der New Age Bewegung – von ihm „Spirituell, aber nicht religiös“-Bewegung genannt – auseinander. Als Modell für eine integrale Kirche beschriebt er seine eigene Kirche, die Broadway Church.

Auf vielfache Anfrage möchte ich noch folgendes ergänzen:

Die markantesten Unterschiede des Buches zu Gott 9.0 aus meiner Sicht:

Zwar werden jeweils verschiedene Ebenen voneinander unterschieden, doch beschreibt Smith lediglich sechs Ebenen, und damit weniger als bei Graves/SD und folglich auch bei Gott 9.0, es fehlt sowohl nach unten hin das Äquivalent zu beige als auch nach oben zu Türkis und Koralle. Während in Gott 9.0 noch jeweils die Beschreibung der beigen, purpurnen etc. Gesellschaft erfolgt, konzentriert sich Smith voll und ganz auf die religiösen Inhalte. Besonders aufschlussreich und äußerst treffend fand ich hier die beschriebene Entwicklung davon, was jeweils unter „Sünde“ und jeweils unter „Mystik“ verstanden wird.

Die große Stärke des Buches sehe ich in noch einem anderen Punkt: Es ist das sehr persönliche Zeugnis eines Leiters einer Gemeinschaft, die sich unter seiner Leitung zu einer integralen Gemeinde entwickelt hat. Deshalb bekommen die wichtigsten Fragen, die sich dabei unweigerlich stellen, Raum: 1. Die der Hermeneutik. Wie können integrale Christen die Bibel neu lesen? Und 2. die der Ekklesiologie. Wie kann eine integrale spirituelle Praxis konkret in der Gemeinde und im Gottesdienst gelebt werden?

Mein Fazit: Dem Autor ist eine hervorragende Übertragung von integralem Gedankengut auf das Christentum gelungen. Er stellt sich – als ein authentisches Gegenüber – allen diesbezüglich bedeutsamen Fragen und Zweifeln. Dadurch gelingt ihm eine Art einzigartige Versöhnung von Christentum und New Age. Wem diese Art Vermischung allerdings zu synkretistisch ist, sei von dem Buch abgeraten.

Ein Kritikpunkt meinerseits ist momentan:

Der Autor erklärt, dass man beim Übergang von einer Bewusstseinsebene zur nächsten einiges an Ballast loswerden müsse. Das mag sein, doch was genau da jeweils ist, darüber wird man sich streiten müssen. Für ihn gehört dazu vor allem die traditionelle Trinitätslehre und Soteriologie. Hier fehlt mir eine gelungene Integration der wichtigen Wahrheiten und Erkenntnisse, die diese Lehren mit sich bringen. Mit einem „einfach über Bord werfen“ macht man es sich m.E. zu leicht.

Der Autor hat große Probleme damit, Jesus als einmalig zu bekennen, weil es uns angeblich die Chance raube, unsere eigene Göttlichkeit zu erkennen und auszuleben. Das mag sich in der Realität häufig so auswirken. Gleichzeitig geht es mir so, dass ich (und andere scheinbar auch, der Autor eingeschlossen) (vielleicht auch deshalb) wirklich noch keinen anderen Menschen getroffen hätten, der wie Jesus voll und ganz vergöttlicht gewesen wäre. Deshalb bleibt er für mich der einzigartige und erste Sohn Gottes. Auch die klassische Trinitätslehre enthält für mich in ihrer Tiefe zu viel Weisheit, als dass ich sie durch die vergleichsweise primitive Redeweise von den drei Gesichtern Gottes ersetzen lassen wollte.

 

Was meint ihr dazu?

Ein Gespräch mit Ken Wilber über das Buch findet ihr hier (allerdings nur als Mitglied des Portals):

https://integrallife.com/integral-christianity-answering-call-evolve/

Die Homepage der Gemeinde findet ihr hier:

https://www.broadwaychurchkc.org/beliefs

Und über den Autor erfahrt ihr hier etwas:

http://www.revpaulsmith.com