Die Eine Welt – das Eine Christentum!? Teil II

Ich gehe davon aus, dass all unseren Religionen ähnliche spirituelle Erfahrungen vorausgehen. Doch diese Erfahrungen sind unterschiedlich intensiv und tief. Für das im Geiste Geschaute und mit dem Herzen Begriffene wird nach passenden Wörtern und Ausdrucksweisen gesucht und gerungen. So forscht man gemeinsam danach, ob man auch dasselbe erfahren hat. Entdeckt man Ähnlichkeiten, entstehen Glaubensbekenntnisse, die gemeinsam gesprochen werden.

Die Begriffe für das Erlebte und die daraus abgeleiteten Theorien und Gedankengebäude fallen allerdings – dem völlig anderen Umfeld entsprechend – unterschiedlich aus.

So haben sich über die Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg zahlreiche Frömmigkeitsstile und – praktiken entwickelt. Aus einer Gewissheit, die aus einer Begegnung mit Gott geboren wurde, bildete sich eine Ansammlung von Lehren und Spekulationen. Erfahrungen wurden dadurch leicht mit einer Meinung verwechselt, über die man streiten könne.

So wittert der eine in den Worten des anderen überall die Häresie, ein Abkommen von der „reinen“ Glaubenslehre, eine Entstellung dessen, was er selbst für wahr und richtig hält.

Schwierig wurde und wird es, wo die Wahrnehmung der Andersartigkeit dazu führt, dass ein Christ, eine Kirche sich über einen anderen Christen, eine andere Kirche erhebt oder ihm und ihr gar das Christ bzw. Kirche-Sein abspricht.

Beispiele dazu gibt es zuhauf. Denken wir nur an den Dreißigjährigen Krieg, die Verfolgung der Hugenotten in Frankreich, die Inquisition in Spanien, der Nordirlandkonflikt oder einfach an den alltäglichen Ausschluss anderer Konfessionen vom Abendmahl.

Auf dem 2. Vatikanischen Konzil wird in dem sog. Dekret über den Ökumenismus behauptet:

Denn nur durch die katholische Kirche Christi, die das allgemeine Hilfsmittel des Heiles ist, kann man Zutritt zu der ganzen Fülle der Heilsmittel haben…

Unterschiede in den Glaubenslehren lassen sich an den Bekenntnissen, Lehrtexten und der gepredigten Theologie ablesen. Aber werden diese Inhalte auch von den einzelnen Gläubigen so geglaubt und könnten diese ihn so in Worte kleiden, dass ein anderer verstünde, worin der Unterschied zu seinem Glauben liegt?

Aber nicht nur die Gedanken, auch die Erfahrungswelten entwickelten sich auseinander. 

Das kann jeder bestätigen, der einmal den Gottesdienst einer amerikanischen Baptistengemeinde mit einer griechisch-orthodoxen Liturgiefeier vergleichen konnte. Andere Schwerpunktsetzungen führen zu unterschiedlichen Ritualen und Gebräuchen, die wiederum unterschiedliche Sinneseindrücke und veränderten Erlebnischarakter besitzen. Bei diesen so unterschiedlichen Festen mutet es an wie ein Wunder, das beide Male Jesus – ein und derselbe Mensch – verkündigt und gefeiert wird.

Unterschiede in Kleidung, Gebräuchen und Gottesdienstformen und -ablauf sind weit offensichtlicher als dahinter stehende Überzeugungen.

Vertraute Formen sind vielen mindestens ebenso wichtig wie von früh auf gelernte Glaubenssätze. Sie bilden eine Art „spirituelle Heimat“. Doch die Auseinandersetzung mit dem Fremden kann ungeahnte spirituelle Erlebnisse hervorrufen und unseren Geist weiten. Plötzlich fragen wir uns vielleicht das erste Mal:

Warum bist du eigentlich evangelisch oder orthodox oder reformiert oder Baptist oder oder oder?

Und warum überhaupt bist du Christ? Und nicht Hinduist, Buddhist, Moslem, Agnostiker oder Atheist?

Der russische Religionsphilosoph Simon Frank merkt zu Recht an:

Wenn ich nur deshalb Christ bin, weil ich in einer christlichen Familie und in einer von christlicher Kultur geprägten Umwelt geboren und aufgewachsen bin, mich an sie gewöhnt und sie lieb gewonnen habe, und wenn alle andere allein aus diesem einzigen Grund bei ihren diversen anderen Glaubensbekenntnissen bleiben, dann werden alle Bekenntnisse auf der Welt leer und bedingt, ein zufälliges Ergebnis der historischen Umstände, und wir haben keinerlei Garantie dafür, dass eines von ihnen wahr wäre. (Auszug aus: Simon Frank. Mit uns ist Gott. Drei Betrachtungen. In eigener Übersetzung aus dem Russischen.)

Eine Vision von mir – ein Lebenstraum sozusagen, der einzig an fehlenden finanziellen Mitteln scheitert – ist es, ein Museum, ein Haus der Weltreligionen und Konfessionen zu gründen, wo durch moderne Erlebnispädagogik ein Hauch von dieser Vielfalt sichtbar, fühlbar und spürbar für die Besucher werden könnte; außerdem ein Haus, wo Raum wäre für direkte Begegnung und Dialog im Geiste der gegenseitigen Wertschätzung.

Denn ich glaube, dass ein richtig integrales Christentum nur auf der Basis einer gründlichen Auseinandersetzung mit dem Vorausgehenden und einer echten Versöhnung der Konfessionen entstehen kann. Nur dann kann von einer gelungenen „Integration“ aller Aspekte und Teile von „Kirche“ die Rede sein. Andernfalls entsteht lediglich eine weitere Kirche neben anderen.

Religion als Förderband: Mittel zur Bewusstseinsentwicklung der Menschheit

Vor kurzem hatte ich eine interessante „Diskussion“ auf Facebook (von einer echten Kommunikation ist das ja immer weit entfernt). Jemand meiner „Freunde“ hat gepostet, Religionen gehörten nicht ins 21. Jahrhundert, denn sie würden Menschen „untereinander trennen“ und seien „hauptverantwortlich für all das Elend auf der Welt“. Bezeichnenderweise antworteten außer mir auf diesen Post nur Gleichgesinnte, die sofort mit in das selbe Horn bliesen.

Eine differenzierte Sichtweise – Fehlanzeige.

Auf meinen Einwand, dass Religionen eine maßgebliche Rolle dabei spielen, das menschliche Bewusstsein zu formen – Widerrede, jedoch leider ohne Gegenargument.

Weil mir eine solche Sichtweise nicht zum ersten Mal begegnet, möchte ich erläuterten, warum ich anderer Ansicht bin und das mit einigen Buchtipps verbinden.

Nach der integralen Theorie – die, wie bereits beschrieben, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie beruht – gibt es „DIE Religion“ nicht. Menschen haben ihren Schwerpunkt auf verschiedenen Bewusstseinsebenen und interpretieren und leben religiöse Inhalte und Praktiken von diesen aus.

Nicht „DAS Christentum“ formt also den Menschen, sondern der Mensch formt zunächst das Christentum. Und das selbstverständlich vom ersten Tag an, als die ersten Jünger sich Jesus anschlossen und ihn jeweils auf ihre eigene Art und Weise und von dem Level aus, auf dem sie standen, her verstanden. Das schlägt sich in den Evangelien und Briefen nieder. Auf deren schriftliche Hinterlassenschaften sind wir heute angewiesen, wenn wir uns überhaupt in irgendeiner Form auf Jesus beziehen wollen. Diese beständige Wechselwirkung wird von Menschen, die „DAS Christentum“ oder „DIE Religion“ kritisieren, völlig außer Acht gelassen: Christentum ist das, was DU daraus machst. Der Rezipient ist mit dem Inhalt untrennbar verbunden. Und was „DIE Kirche, die Gemeinschaft“ (die es also solche nicht gibt) aus dem Christentum machen, ist das Resultat vieler einzelner Bewusstseine, die zusammen eine Art Gruppenbewusstsein formen.

Jeder, der schon einmal mindestens in zwei verschiedenen Kirchengemeinden unterwegs war, wird wissen, was ich meine, wenn ich sage, dass dieses Gruppenbewusstsein sich immens unterscheiden kann und das innerhalb ein und derselben Konfession.

Nach Ken Wilber, „Integrale Spiritualität“, hat die Religion die Eigenschaft, dass sie als Förderband dienen kann, d.h. sie kann die Entwicklung der Menschheit vorantreiben. Sie kann Menschen helfen, sich von einer magischen Stufe zu einer rationalen, pluralistischen etc. Ebene zu bewegen. Das ist zumindest das, was sie tun sollte. Aber kann sie das auch?

In der Vergangenheit ist es Tatsache. Menschen, die auf „DIE Religion“ schimpfen, vergessen, dass in unserer Welt zumindest geschichtlich es tatsächlich Religionen waren, die das Bewusstsein der Menschen mit geformt haben. An dieser Tatsache kann kein ernsthafter Mensch zweifeln. Denn um zu beweisen, dass all diese Entwicklungen und Ideen auch ohne Religionen möglich gewesen sein könnten, müsste man eine zweite, andere Welt erschaffen, die ohne Religionen auskommt.

Um diese Tatsache zu belegen, empfehle ich folgende Bücher, die sich mit dem Beitrag des Christentums und/der Bibel zu der Entwicklung der menschlichen Kultur, Zusammenlebens und Denkens beschäftigt haben. Mir erscheint es zunehmend befremdlich, wie viele Menschen von diesem Beitrag nichts mehr wissen wollen, d.h. nichts davon wissen und dieses Nichtwissen auch noch mit Stolz zur Schau tragen.

Das Buch der Mitte: Wie wir wurden, was wir sind: Die Bibel als Herzstück der westlichen Kultur, Vishal Mangalwadi, 2011

Sehr spannend erzählt, erhellend und begeisternd. Geschrieben aus der Sicht eines Christen, der in einer Gesellschaft lebt, die hauptsächlich durch den Hinduismus geprägt ist: Indien. Sehr bereichernd ist der daraus resultierende Vergleich zwischen der östlichen und westlichen Kultur und die Frage, wie diese Unterschiede sich durch die Botschaften der jeweiligen Religion erklären lassen. Er beschreibt die Bibel als ein kulturprägendes Buch, das eine Rolle spielte bei der Entstehung des modernen Westens, wie wir ihn kennen: Menschenrechte, technologischer Fortschritt, Demokratie, Musik. Das einzige, was ich schwierig finde, ist, dass er meinem Eindruck nach wenig zwischen den christlichen Konfessionen unterscheidet, das aber bei manchen Themen, zB. Korruption, durchaus eine Rolle spielt (siehe Ukraine, Russland, Griechenland etc.)

Die Verzauberung der Welt, Jörg Lauster, 2017 (5. Auflage)

Ein dickes, informatives Buch und gleichzeitig unterhaltsam. Der Autor ist Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Philipps-Universität Marburg. Wie der Titel bereits andeutet, geht es auch hier um die Beschreibung eines Prozesses, wie das Christentum bzw. die Bibel zur Veränderung der Welt beitrug. Die Kultur, Architektur, Musik, Kunst steht dabei im Mittelpunkt.

Wie das Christentum die Welt veränderte: Menschen – Gesellschaft – Politik – Kunst, Alvin J. Schmidt, 2009

Auch dieser Autor, ein Amerikaner, beschreibt, wie die abendländischen Werte maßgeblich durch dein Einfluss des Christentums geformt und mitbestimmt wurden.

Der Weltbeweger. Jesus – wer ist dieser Mensch?, John Ortberg, 2013

Aus der Sicht eines christlichen Bestsellerautors, v.a. mit der Intention Jesus zu verherrlichen. Im Vordergrund steht die Frage, auf welche Weise der Mensch Jesus auf unsere Gesellschaft, unser Menschenbild, unsere Ethik, unsere Kultur Einfluss genommen hat. Liest sich schnell und ist sehr erhellend.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!