Integral und Christ – passt das überhaupt zusammen?

Ein „Integrales Christentum“ – geht das überhaupt? Ist nicht „Christentum“ nur ein Teil und damit gerade nicht „integral“, also nicht allumfassend, alle einschließend?, so lese ich manchmal. Der Begriff wäre dann ein unsinniges Oxymoron. Die Tendenz innerhalb der integralen Szene ist tatsächlich groß, sich bereits auf einem höheren transreligiösen oder interspirituellen Level zu wähnen und alle religiösen Traditionen als Vorstufen anzusehen, die es zu überwinden gilt. Doch Vorsicht!

Anselm Grün warnt in seinem Buch „Mystik. Den inneren Reichtum entdecken“ vor einem solchen Denken:

In der Sprache der Psychologie nennt man dies nach C.G. Jung die „Gefahr der Inflation.“ Man bläht sich mit großen Bildern auf, hält sich also für einen Mystiker und denkt, man bräuchte sich nicht mehr mit den christlichen Dogmen und Glaubenssätzen auseinanderzusetzen, weil man über jeder konkreten Religion steht. Für die wahren Mystiker und Mystikerinnen war Demut immer ein wichtiges Kennzeichen sowie die Bereitschaft, die eignen Erfahrungen in Einklang mit der kirchlichen Lehre zu bringen. (S. 13)

„Integral“ bedeutet auch, unsere Herkunft und spirituelle Heimat zu umarmen und zu integrieren. Ein religiöser Einheitsbrei oder eine Art Über-Religion ist gerade nicht integral, da dadurch der Reichtum, die Besonderheiten und die einzigartigen Zugänge und Wahrheiten jeder einzelnen Tradition verloren gehen würden. Ziel des integralen Ansatzes ist es aber, Einheit in einer bestehenden Vielfalt, die also solche wertgeschätzt wird, zu erreichen.

Der Dalai Lama findet dafür folgendes Bild:

… Vielfalt kann dazu beitragen, dass alle glücklich sind. Wenn wir nur Brot haben, bleiben die Reisesser hungrig. Mit einer großen Auswahl an Nahrungsmitteln können wir die unterschiedlichen Bedürfnisse und Geschmäcker aller Menschen befriedigen. […] Welcher religiösen Tradition wir folgen, wird bei den meisten von uns vom familiären Hintergrund bestimmt, es hängt davon ab, wo wir geboren wurden und aufwuchsen. Und ich bin der Meinung, dass es in den meisten Fällen besser ist, nichts daran zu ändern. (S. 8f., Vorwort zu dem Buch von Wayne Teasdale, Das mystische Herz)

Der Priester Wayne Teasdale selbst beschreibt Interspiritualität so:

Nicht Buddhismus anstelle von Christentum oder Christentum anstelle von Islam, sondern Christentum plus Buddhismus, Islam plus Christentum.“ Wir lehnen unsere eigene Tradition nicht ab, sondern bauen auf diesem Fundament auf.

Wer sich als integraler Christ bezeichnet, sieht sich gleichzeitig tief in seiner eigenen spirituellen christlichen Tradition verwurzelt und kann sie gerade darum mithilfe der integralen Landkarte für andere neu beleuchten und verständlich machen. Es geht bei diesem Prozess nicht um die Preisgabe von Inhalten, sondern um deren immer tieferes Verstehen und Übersetzen in gegenwärtige Lebensverhältnisse und Denkstrukturen.

Paul Smith drückt dieses Unterfangen so aus:

Niemand muss seine traditionelle Religion aufgeben. Sie [die Christen] brauchen nur eine neuere Version davon.

(aus: Is Your God Big Enough, Close Enough, You Enough, Übersetzung des Verfassers, S. 359)

Was sagt ihr dazu?

Wiedergeburt denken

Ist der Reinkarnationsgedanke urchristlicher Glaube – und wenn ja, inwiefern?

Immer wieder höre ich den Vorwurf, die Kirche habe die Lehre von der Wiedergeburt unterdrückt und verboten, obwohl dies ein urchristlicher Glaube sei.

Ein derzeit prominenter Vertreter dieser These ist Franz Alt. In seinem Buch „Was Jesus wirklich gesagt hat“ bezieht er sich dazu auf die Rückübersetzung von bekannten Sprüchen Jesu aus dem Griechisch der Bibel in Jesu Muttersprache, das Aramäische, nachzulesen bei: Günther Schwarz: „Worte des Rabbi Jeschu: Eine Wiederherstellung.“

Ein Film zu den Hintergründen des Buches seht ihr hier:

Das Jesu Wort aus Johannes 3,3

Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.

lautet bei Schwarz:

Wenn jemand nicht wiederholt geboren wird, so kann er nicht wieder eingelassen werden in das Königtum Gottes.

Für Franz Alt bedeutet das:

Wiedergeburt heißt, dass es keinen Tod gibt, sondern Verwandlung, Reinkarnation und Erneuerung. […] Damit ist die Wiedergeburt eine große Entwicklungschance […] (Franz Alt, Was Jesus wirklich gesagt hat, S.136)

Wirklich viel Belege kann er für seine Interpretation allerdings auch nicht anführen.

Unsere Kirchen lehren offiziell alle: Auferstehung ja, Wiedergeburt nein.

Häufig lese ich Sätze wie:

Der christliche Glaube an die Auferstehung der Toten und die Vorstellung von Karma und Reinkarnation schließen sich gegenseitig aus.

Andere werfen der Kirche vor:

553 n. Chr. wurde die Wiedergeburt von 165 Kirchenleuten verdammt. Zuvor war sie ein Fundament christlicher Lehre (z.B. https://www.zeitenschrift.com/artikel/reinkarnation-die-grosste-luge-der-kirche)

Wer hat denn jetzt Recht? Oder haben wieder „alle Recht“, zumindest teilweise (Motto Ken Wilbers)?

Warum ich persönlich angefangen habe, über Wiedergeburt nachzudenken:

Zunächst ganz einfach: Weil es viele Menschen weltweit gibt, die davon überzeugt sind, auch Christen, obwohl es nicht offiziell gelehrt wird. Haben sie alle schlicht unrecht, fantasieren sich etwas zusammen?

Sind die Wahrheiten, die unseren östlichen und westlichen Religionen zu Grunde liegen also doch so gegensätzlich, so unvereinbar, dass nur eine der beiden Traditionen Recht haben kann?

Irgendwann tauchte in mir die Frage auf, ob nicht ein liebender Gott jedem Menschen eine zweite Chance einräumen würde – wenn ein Mensch sein Leben also ziemlich „verbockt“ oder in den „Sand gesetzt hat“, warum sollte der dann nicht eine zweite Chance bekommen können, ein zweites, drittes oder auch viertes „besseres“ Leben zu führen? Es spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, ob ich glaube, dass Gott jemanden nach einem kurzen vermurksten Leben bis in alle Ewigkeit bestraft oder ihn begnadigt. Denn eine Begnadigung ist sicherlich nicht befriedigend für jemanden, der selbst einsieht und spürt, dass er seine einzige Chance verspielt hat.

Es geht also auch um die Frage: Wie oft würde ein Mensch wohl leben wollen, wenn er es immer wieder probieren dürfte? Unendlich oft – oder würde er nach dem fünften Mal sagen: „So, jetzt bin ich zufrieden mit dem Ergebnis?“

Und dann war da die Sinnfrage. Die Frage nach dem Sinn meines Lebens, dem Sinn von menschlicher Geschichte überhaupt, von Leben in Raum und Zeit, von einem in eine unbekannte Zukunft gelebten Leben, das abgelöst wird von einem anderen Leben und wieder einem Leben und…

Mich wundert es immer noch, dass diese Frage so wenig Christen zu beunruhigen scheint. Da heißt es: „Jesus ist für uns gestorben, damit wir gerettet werden.“

Da bleibt doch immer noch die drängende Frage, wozu wir eigentlich gerettet sind? Dieser Glaube – „ich war verloren, jetzt bin ich gerettet, Halleluja!“ – sagt überhaupt nichts darüber aus, wozu ich und die anderen eigentlich da sind, wozu wir Finger, Füße und Zehen haben und Erfahrungen machen. Der scheinbar zentrale Glaubensinhalt – der manchmal wirkt, als hätte Gott nur einen Fehler in seiner Schöpfung nachträglich ausgebügelt – blendet die Sinnfrage gänzlich aus!

Anders bei der integralen oder evolutionären Spiritualität, die sagt, dass wir Menschen wesentlich dazu da sind, Erfahrungen zu sammeln und dadurch zu wachsen, sowohl als einzelner als auch als Menschheit insgesamt. Doch gerade diese Idee wirft die Frage auf, was es dem Steinzeitmädchen Lisa bringen soll, wenn die Oma Luise ihre Lehre aus den Erfahrungen des zweiten Weltkriegs zieht?!

Und dann scheint es so willkürlich oder ungerecht, dass der eine auf der Südhalbkugel geboren wird, im ärmsten Viertel, dazu bestimmt, sein Leben auf der Müllhalde zu verbringen und jämmerlich an Vergiftung zu sterben, während ein anderer in einer gut betuchten Familie aufwächst, eine Firma erbt und jedes Jahr Urlaub in einem anderen Land der Erde machen kann, weil ihm das so großen Spaß macht. Warum stecke ich in einem gesunden Körper, mein Vater in einem kranken?

Wäre es da nicht eine verführerisch einfache Erklärung, Wiedergeburt und die Auswirkung von schlechtem Karma anzunehmen? Dann könnten wir sagen: Selbst schuld – du hast einfach was falsch gemacht in deinem letzten Leben, das hast du jetzt davon, viel Spaß.

Manche sehen die Welt als eine Art Schulungsort. Mit jedem neuen Leben könnten wir zeigen, dass wir aus alten Fehlern gelernt haben. Jedes Leben hält seine Entwicklungsaufgabe für uns bereit. Aber wo bleibt da die Gnade, die sagt: Schwamm drüber?

Franz Alt nennt die Vorstellung von der Wiedergeburt eine „Entwicklungschance“. Doch hört sich das nicht an wie ein „Entwicklung-Zwang“?:

„an unseren Fehlern müssen wir schon selbst arbeiten. […] Die Reinkarnation nimmt uns in die Pflicht. Diese Chance haben wir mehrfach […] Wir sind hier, um zu lernen. Entweder wir wollen lernen. Oder wir müssen leiden.“ (Was Jesus wirklich gesagt hat, S.136f.)

Seiner Beschreibung nach muss sich der Mensch erst würdig erweisen, durch die schmale Pforte zu kommen, sonst muss er „noch mal“. Als ob einer nach zig immer moralisch einwandfreieren und immer spirituelleren Leben plötzlich den Zustand erreicht hätte, ins Reich Gottes einzugehen. Legt Gott etwa ein Maßband an: Du darfst, du noch nicht?

Wenn die Welt ein Schulungsort wäre, müssten wir dann nicht immer und immer wieder leben? Da ist diese – in meinen Augen – Horrorvorstellung einer ewigen Wiederkehr, des sogenannten Samsara, der ewige Kreislauf von Leben, Tod und Wiedergeburt. Noch schlimmer: Einer Wiederkehr abhängig von einem irgendwie gearteten Karma-Konto. Warst du böse, wirst du ein Schuhputzer oder noch schlimmer: Eine Stechmücke. Benimmst du dich als Stechmücke dann schön anständig, schaffst du es vielleicht wieder bis zum Elefanten und so weiter. Allzuleicht lässt sich eine solche Lehre dazu missbrauchen, bestehende Ungerechtigkeit in Stein zu meißeln und Menschen für eigene Zwecke zu manipulieren. Und philosophisch überzeugen kann sie auch nicht, da überhaupt nicht klar ist, was es überhaupt genau ist, was von dem Wechsel von Kuh zu Mücke wiedergeboren wird.

Hier ein interessantes Video eines jungen You-Tubers, der auf den manipulativen Charakter und logischen Ungereimtheiten der Reinkarnationslehre innerhalb des hinduistischen Kastensystems eingeht. Er lädt dazu ein, Reinkarnation als etwas anzusehen, was jeden Tag stattfindet: Wir seien jeden Tag eine neue Person.

Manche dehnen diese Geschichte wenigstens etwas aus, damit sie nicht so unbarmherzig klingt. Sie erzählen von vielen Himmeln, einer ganzen Himmel-Hierarchie, eine Art Fortsetzung von verschiedenen Bewusstseinsebenen. Wer nach dem Tod den ersten Himmel für den einzigen hält, bleibt da so lange, bis er die Fühler nach noch höheren Welten ausstreckt und so weiter und so fort. Und wer noch einmal leben will, lebt nochmal. Evolution ins unendliche Eins-Sein-mit-Gott. Damit hätte zumindest jeder Mensch die Chance, sich in seinem Tempo zu entwickeln, ganz unabhängig davon, in welchem Zustand er stirbt: Als Säugling, als verbitterter Greis oder mitten im Leben stehend.

Warum eigentlich ist Wiedergeburt so ein schwieriges und umstrittenes Thema?

Weil es so schwer ist, sie zu DENKEN. Wer oder was wieder geboren oder wandert weiter von einem Körper in den nächsten? Wer könnte dieses „Ich“ sein, dass in Schulung geht? Oder das freiwillig entscheidet, noch einmal auf die Welt zu kommen?

Haben wir uns nicht bereits damit befasst, dass das Ego und all seine Identifikationen, Name, Aussehen, Biografie etc. durch meditative Praxis schwächer wird und unter Umständen ganz verschwindet – und zurück bleibt allein das Gefühl des „(Ich) Bin/Es ist“? Was kann denn dann noch wandern?

Viele fügen zwischen „Ego/Mind“ und „wahrem Selbst/GEIST“ noch die „Seele“ als Zwischenkategorie ein. Das wäre dann so etwas wie die individualisierte Form Gottes. Die „Seele“ gehört in den Bereich der „subtilen Energien.“ Deshalb spricht man ja auch von „Seelenwanderung.“ Die Seele wandert so lange in ihrem subtilen Körper herum, bis sie sich wieder mit einem grobstofflichen Körper vereint und wieder geboren wird.

So auch Ken Wilber. Er stellte sich die Frage: Wie könnte Reinkarnation gedacht werden, damit sie möglich wäre? (Unabhängig davon, ob es sie nun gibt oder nicht), nachzulesen in dem 2004 erschienenen „Auszug G“ aus dem zweiten Band seiner Kosmos Trilogie, Ken Wilber, Excerpt G: Toward A Comprehensive Theory of Subtle Energies. http://www.integralworld.net/de/excerpt-G-de.html.

Auf die Erklärung will ich hier nicht genauer eingehen, weil das ohne den Kontext des Textes zu verwirrend wäre.

Eine ganz andere Erklärung der Reinkarnation habe ich bei Walter Russell gefunden, einem amerikanischen Universalgenie, der erzählt, dass er in seinem Leben in regelmäßigen Abständen Offenbarungen von Gott erhielt. Egal, was man von dieser Geschichte halten mag, seine Erläuterungen finde ich zumindest bedenkenswert, weil sie noch einmal andere, wichtige Aspekte für das Thema liefern. (Zu Russell gerne an anderer Stelle mehr, denn ich habe entdeckt, dass sein Denken viele integrale Momente aufweist)

In seinem Buch „Die Botschaft der Göttlichen Iliade“ stellt er fest:

Das große Hindernis zum Verständnis der Reinkarnation ist der verbreitete Glaube, dass unsere Individualität und Persönlichkeit getrennt von allem anderen seien, während in Wirklichkeit jeder einzelne ein Teil aller anderen ist. (S. 256)

Er erklärt diese Verbundenheit aller mit allen auf zweierlei Wegen:

Körper wiederholen sich durch den Samen, aber der Geist wiederholt sich durch den Geist. (S. 250)

Mit „Samen“ meint er die Erbinformation, die von Generation zu Generation weitergegeben wird, wir verorten diese heute üblicherweise in der DNA. Auf diese Weise reinkarnieren wir Eltern uns beispielsweise in unserem Sohn. (Und oh ja, da ist durchaus etwas dran! :-)) (Aber auch die Großeltern, Urgroßeltern und so weiter)

Mit „Geist“ ist gemeint, dass, wenn ein Mensch (zum Beispiel du) sich für den Geist eines anderen Menschen öffnet (zum Beispiel, wenn du Mozart hörst oder Nietzsche liest), du in diesem Moment eins mit diesem Geist wirst: Du machst Mozarts Musik zu einem Teil von dir. Reinkarnation funktioniert hier auf dem Wege der Inspiration, der Weitergabe von Gedanken, Wissen, Wünschen, Gefühlen.

Unsere (scheinbar existierende) Individualität ist nichts anderes als das Ergebnis des Zusammenwirkens aller mit allen und allem mit allem:

Jede ihrer Gedanken hing mit anderen Menschen zusammen, lebenden oder toten, mit ihrer unmittelbaren Umgebung oder mit der Natur insgesamt. Ihre Mutter, ihr Vater, Brüder und Schwestern, Freunde und Lehrer formten die ersten Grundlagen ihrer Gedanken. Diese Menschen wurden ein Teil von ihnen, indem sie ein Teil ihrer Gedanken wurden. […] Wenn sie siebzig geworden sind, werden die großen Denker der Welt ebenfalls ein Teil von Ihnen geworden sein, indem sie ihr Wissen mit Ihnen teilen. […] In dem Ausmaß, wie Jesus ein Teil Ihres Denkens wird, lebt er in Ihnen als ein Teil von Ihnen, so wie er in all jenen lebt, deren Denken mit seinem eins geworden ist. […] Behalten Sie immer im Bewusstsein, dass es nicht zwei voneinander getrennte Menschen auf der Erde gibt. Es gibt nur einen – denn jeder ist eine Erweiterung des anderen. (S. 253 f.)

Das, was andere „Karma“ nennen, erklärt er mit einem einen einfachen Ursache-Wirkungszusammenhang. Ungleichgewicht an der einen Stelle bringt Ungleichgewicht an einer anderen hervor:

der Mensch erleidet die Wirkungen seiner Gesetzesbrüche, individuell und kollektiv, in Form zerbrochener Freundschaften, verlorener Gesundheit, geschäftlicher Misserfolge, häuslichen Auseinandersetzungen, Feindseligkeiten und zahllose andere schlimme Auswirkungen, die aus seinen eigenen Schöpfungen folgen. (S. 66)

Was bringt es also Steinzeitmädchen Lisa, wenn die Oma Luise ihre Lehre aus den Erfahrungen des zweiten Weltkriegs zieht? Ganz einfach: Wenn Lisa stirbt und in die geistige Welt zurückkehrt, kann sie auf alle Erfahrungen der gesamten Menschheit in Vergangenheit und Zukunft zurückgreifen, sie ist nicht mehr nur Lisa, sie ist eins mit allen Menschen.

Wie denkt ihr darüber? Glaubt ihr auch als Christen an Wiedergeburt und wenn ja, wie stellt ihr euch diese vor?

Die spirituelle Rolltreppe

Die Entwicklung des christlichen Glaubens

Im Folgenden habe ich für euch den Versuch unternommen, die Entwicklung der spirituellen Linie durch die Ebenen innerhalb des Quadranten für unseren Kulturkreis durchzuspielen.

Bei den Ebenen habe ich das Modell von Spiral Dynamics zugrunde gelegt.

Spirituelle Linie bedeutet, dass es mir hier nur um die Entwicklung des Glaubens/der spirituellen Intelligenz geht, die relativ unabhängig von der Entwicklung der Kognition oder anderen Kompetenzen erfolgen kann.

Quadrant bedeutet in diesem Fall, dass ich oben links mit innen-Einzahl beginne (Mein Glaube, wie ich ihn erlebe), und unten links über innen-Mehrzahl (Unser Glaube, wie wir ihn erleben) und oben rechts außen-Einzahl (Mein Glaube äußert sich nach außen dadurch) zu unten rechts außen-Mehrzahl (Unser Glaube äußert sich nach außen dadurch) gelange.

Klingt zunächst möglicherweise etwas verrückt oder kompliziert, war für mich aber eine durchaus interessant-spaßige Geschichte.

Inspiriert wurde ich dazu vor allem durch eigene Erfahrungen und deren Reflexion, sowie Spiral Dynamics, Marion Küstenmacher, Paul Smith und Arnd Cords (danke euch allen!).

Sehr aufschlussreich fand ich, dass mir während dem Schreiben immer klarer wurde, wann ich in meiner Biografie den Schwerpunkt auf welchem Mem hatte. Und ebenso wurde mir klar, dass ich immer noch unaufhörlich bewusst, vor allem aber unbewusst zwischen den Ebenen switche. Es ist wirklich ein bisschen wie bei einer Rolltreppe in einem Kaufhaus. (Dieser Vergleich stammt von Paul Smith)

Sehr gerne nehme ich in diese Sammlung eure Rückmeldungen auf, wenn euch etwas wichtiges gefehlt hat oder auch etwas wichtiges (oder auch lustiges ;-)) dazu einfällt.

Und jetzt… viel Spaß beim Lesen!

Der Glaube im purpurnen Mem (Sippe)

Mein Glaube, wie ich ihn erlebe:

  • Überall lauern Geister, Gespenster, Engel und Dämonen
  • Mein Talisman, Stofftier, Ikone o.ä. schützt mich
  • Ich bin abergläubisch, habe z.B. Angst vor einer schwarzen Katze

Unser Glaube, wie wir ihn erleben:

  • Wir vertrauen auf Wunder wirkende Ikonen und heiliges Wasser
  • Der Wein beim Abendmahl kann dem Alkoholiker nicht schaden, da er sich tatsächlich in das Blut Christi verwandelt
  • Wir müssen uns vor dem Einfluss von bösen Dämonen schützen

Mein Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Ich stelle meinen Honig vor eine Ikone, um ihn zu weihen
  • Ich trage Edelsteine oder ähnliches am Körper
  • Wir lassen unser Kind bald nach seiner Geburt taufen, damit ihm nichts passiert
  • Ich schlage willkürlich die Bibel auf, um einen Orakelspruch von Gott zu empfangen

Unser Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Wir pilgern zu heiligen Orten, um dort Maria um Heilung oder Fruchtbarkeit anzurufen
  • Wir küssen Reliquien und die Särge Heiliger
  • Wir bringen unser Auto zum Priester, damit dieser es weiht
  • Wir grenzen uns von Menschen ab, die nicht „orthodox“ sind wie wir
  • Während dem Gottesdienst bekreuzigen wir uns alle gleichzeitig
  • Wir betreiben Exorzismus
  • Vetternwirtschaft ist normal

Der Glaube im roten Mem (kriegerisch)

Mein Glaube, wie ich ihn erlebe:

  • Die Welt ist oft ungerecht und grausam
  • Wenn ich krank bin, ist das, weil Gott zornig auf mich ist – warum, weiß ich aber nicht
  • Gott steht auf meiner Seite, wenn ich für die gerechte Sache kämpfe
  • Gott rächt sich an meinen Feinden
  • Ich stehe für meinen Glauben ein und riskiere es, dafür gehasst oder gar getötet zu werden
  • Alles, was in der Bibel steht ist Wort für Wort richtig und muss geglaubt und befolgt werden
  • Wenn ich Gott treu bleibe, komme ich in den Himmel – wenn nicht, werde ich bestraft

Unser Glaube, wie wir ihn erleben:

  • Wir müssen gemeinsam gegen andere kämpfen, um die Wahrheit zu verteidigen
  • Wir sind für die Todesstrafe
  • Die, die gegen uns sind, werden eines Tages von Gott dafür bestraft werden

Mein Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Ich bin ein „cooles“ Mitglied einer Gang
  • Ich räche mich für Gemeinheiten, die mir andere angetan haben
  • Ich bete für gute Noten und dass es meinen Feinden schlecht geht
  • Ich sage „Gott will dies und das (nicht)…!“

Unser Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Wir protestieren laut gegen Menschen, die etwas machen, was Gott nicht will, z.B. gehen wir auf Homosexuelle los oder Frauen, die Abtreibung gutheißen
  • Wir stehen an der Straße, um die Verlorenen zu bekehren
  • Wir betreiben Inquisition, Hexenverbrennung, Zwangsbekehrung, Exorzismus und Kreuzzüge

Der Glaube im Blauen Mem (Traditionell)

Mein Glaube, wie ich ihn erlebe:

  • Ich glaube an einen allmächtigen Gott und eine absolute Wahrheit
  • Nur eine wörtliche Interpretation der Bibel ist richtig: Durch die Autoren der Bibel spricht Gott zu uns.
  • Der Exodus, die Landnahme, Jesu Geburt in Bethlehem usw. ist historisch wahr
  • Zweifel sind Prüfungen Gottes
  • Gott sorgt für einen gerechten Ausgleich: Nach dem Leben kommen die einen in den Himmel, die anderen in die Hölle
  • Es gibt richtig und falsch
  • Jesus ist der einzige Sohn Gottes, der für meine Sünden gestorben ist

Unser Glaube, wie wir ihn erleben:

  • Wir beten in Bibelkreisen füreinander und trösten uns gegenseitig mit Bibelworten
  • Durch das Hören der Predigt und den Besuch der Beichte stärken wir uns im Glauben
  • Gott segnet unsere Kirche, unsere Familie, unser Land
  • Wir lieben den Status quo und hassen jede uns aufgezwungene Veränderung
  • Wir sind allesamt verloren und nur durch Jesus gerettet
  • Nur wir Christen erhalten das ewige Leben

Mein Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Ich gehe sonntags in die Kirche
  • Ich halte mich an bestimmte Regeln, z.B. warte mit dem Sex bis zur Ehe und lasse mich nicht scheiden
  • Ich mache etwas, weil es so üblich ist oder meine Rolle erfordert, z.B. spreche ich „Amen“ beim Abendmahl oder gebe dem Pfarrer die Hand

Unser Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Unsere Institution Kirche ist streng hierarchisch organisiert und wird von bürokratischen Behörden geleitet
  • Die Liturgie folgt einem festen Ablauf
  • Unsere Dogmen und Lehrsätze können von jedermann nachgelesen werden
  • Andersdenkende, Unangepasste und Gesetzesübertreter werden ausgeschlossen
  • Wir grillen zusammen und sammeln Geld für unseren Kirchturm

Der Glaube im Orangenen Mem (modern)

Mein Glaube, wie ich ihn erlebe:

  • Ich habe eine skeptische Grundhaltung
  • Ich neige zu Materialismus, Atheismus und Religionskritik
  • Alles kann wissenschaftlich erklärt werden
  • Was nicht gemessen werden kann, existiert nicht
  • Die Autoren der Bibel wussten es nicht besser, sie hatten ein „mythologisches Weltbild“, da es damals noch keine Naturwissenschaft gab und sie waren naiv, weil sie an Wunder glaubten
  • „Engel“, „Dämonen“, „Hölle“ sind Bilder, keine Realitäten
  • Jesus ist vor allem ein ethisches Vorbild

Unser Glaube, wie wir ihn erleben:

  • Wir diskutieren heftig über die Theodizeefrage und mögliche Lösungsansätze
  • Es kann immer nur einer Recht haben
  • Wir halten uns gegenseitig dazu an, selbstständig denken und glauben zu lernen, unsere eigene Wahrheit zu finden und diese begründen zu können
  • Ein gutes Leben ist, wenn jemand äußerlich sichtbaren Erfolg hat

Mein Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Ich suche mir die Gemeinde, den Pastor, die/der mir am besten gefällt und der mich intellektuell herausfordert
  • Ich gehe nur noch selten in den Gottesdienst, zu Konzerten, zu Weihnachten oder wenn Freunde heiraten
  • Ich lasse mein Kind nicht taufen, damit es später selbst entscheiden kann
  • Ich mache Karriere (in der Kirche), weil ich so selbstreflektiert, intelligent und teamfähig bin

Unser Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Theologie an der Universität bedient sich wissenschaftlicher Methoden
  • Die Kirche rechtfertigt ihr Dasein durch ihren Nutzen für die Gesellschaft
  • Unser Pfarrer analysiert die biblischen Texte unter Berücksichtigung des zeitlichen Kontextes, den Originalsprachen Hebräisch und Griechisch, der Absicht des Verfassers usw.
  • Unsere Gemeinde probiert moderne Gottesdienstformen aus mit einer Lobpreisband, PowerPoint, freier Form usw.

Der Glaube im Grünen Mem (postmodern)

Mein Glaube, wie ich ihn erlebe:

  • Ich bin spirituell, aber nicht religiös
  • Es gibt nur relative, keine absolute Wahrheiten
  • Es gibt keine Fakten, nur Interpretationen davon
  • Eine Predigt muss mich existentiell und emotional ansprechen
  • die „Hölle“ und der „Himmel“ sind seelische Zustände
  • Wunder sind möglich und erforschbar, die ganze Welt ist ein einziges Wunderwerk, das zum Staunen anregt
  • Gott ist in allem und alles ist in Gott
  • Gott ist nicht allmächtig, sondern mächtig in den Schwachen
  • Nahtoderfahrungen usw. weisen darauf hin, dass es mehr gibt, als ich sehe und der Tod nicht das Ende ist (New Age)
  • Sünde ist Entfremdung oder Schaden anrichten

Unser Glaube, wie wir ihn erleben:

  • Wir tauschen uns gegenseitig über unsere spirituellen Erfahrungen aus
  • Wir deuten die Bibel tiefenpsychologisch, befreiungstheologisch oder feministisch
  • Wir genießen es, dass wir so reich an unterschiedlichen Erfahrungen sind und machen uns gegenseitig keine moralischen Vorschriften oder Vorschriften darüber, wie jemand zu denken hat
  • Wir lehnen die Institution Kirche ab, weil sie autoritär und unbeweglich ist und unnötig erscheint
  • Wir lehnen den Sündenbegriff ab, weil er dazu gebraucht wurde, Menschen zu manipulieren und „klein“ zu halten
  • Gott hat keine Hände außer die unseren
  • Sünde ist strukturelle Sünde

Mein Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Ich ändere mein Verhalten zugunsten der Umwelt und den Benachteiligten in der Welt, z.B. vermeide ich Plastik, kaufe Fair-Trade- und Bio-Produkte, ernähre mich vegetarisch/vegan und mache Car-Sharing
  • Ich probiere verschiedene Meditationsformen aus, gehe auf Zeit ins Kloster (auch gern in ein buddhistisches) oder mache einen Dunkelretreat, ich gehe pilgern, faste oder lege Tarot-Karten

Unser Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Wir behandeln uns wie Schwestern und Brüder.
  • Unsere Strukturen sind demokratisch und hierarchiefeindlich.
  • Wir beten in leichter und gendergerechter Sprache, die alle einschließt.
  • Wir sehnen uns nach Frieden und Gerechtigkeit auf der Welt
  • Wir sprechen gemeinsame Schuldbekenntnisse und verstehen, dass wir mit schuld sind am Elend auf der Welt
  • Wir lesen zusammen den „Kurs in Wundern“ und singen „Taizè-Lieder“
  • Wir engagieren uns für andere: gründen Fair-Trade-Läden, essen vegetarisch/vegan, beten mit Menschen anderer Religionszugehörigkeit und nehmen an gewaltfreien Aktionen teil

Der Glaube im Gelben Mem (integral)

Mein Glaube, wie ich ihn erlebe:

  • Gott ist das Zusammenfallen der Gegensätze
  • Ich kenne die drei Gesichter Gottes aus eigener Erfahrung:
  • Ich habe Erfahrungen mit dem Göttlichen als dem allumfassenden Kosmos, mit Jesus als einem Gegenüber und meinem wahren göttlichen Wesenskern gemacht
  • Entwicklung/Evolution liegt allem zugrunde
  • Gott als das Wahre, Schöne und Gute
  • Meine Lebensaufgabe ist Ko-Kreation
  • Ich überblicke meinen bisherigen Glaubensweg und schätze jede Etappe davon wert
  • Jesus ist der Prototyp der Menschheit
  • Sünde ist die Illusion abgetrennt zu sein von Gott und die (falsche) Identifikation mit dem Ego
  • Jegliche Erfahrung ist per se wertvoll

Unser Glaube, wie wir ihn erleben:

  • Alle haben (teilweise) recht
  • Wir fühlen und wissen die Menschheit, das Universum als ein großes Ganzes
  • Unsere Gemeinschaft ist eine große Chance für neue Erfahrungen und unsere Weiterentwicklung
  • Wir streben gemeinsam nach mehr Christusbewusstsein
  • Wir machen Schattenarbeit
  • Wir lesen die Bibel als eine gigantische Sammlung von spiritueller Erfahrung und Deutung von den verschiedenen Bewusstseinsstufen aus
  • Wir sind verschiedenen Bewusstseinszuständen (mystische Versenkung, Ekstase, Visionen) selbst gegenüber aufgeschlossen und deuten die Bibel von diesen aus neu
  • Das Reich Gottes ist ein erhöhter Bewusstseinszustand

Mein Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Ich suche Gleichgesinnte übers Internet und auf Seminaren, um mich auszutauschen und dazu zu lernen
  • Ich praktiziere verschiedene Gebet- und Meditationsformen im Rahmen einer integralen Lebenspraxis
  • Ich lebe mein Christ-Sein von der Stufe aus, die jeweils der Situation angemessen ist und werde den „blauen ein blauer, den orangenen ein orangener, den grünen ein grüner“ Christ

Unser Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Wir beten mit den drei Gesichtern Gottes
  • Wir mixen frei Traditionen und Praktiken so, wie es zum gegenwärtigen Zeitpunkt angemessen erscheint
  • Die Gestalt der Kirche ändert sich (wie genau, ist wohl noch offen)

Eine englischsprachige Übersicht über existierende Gemeinden auf den verschiedenen Ebenen findet ihr hier:

http://www.andyatwood.com/integral-church-and-christianity.html

„Integrales Christentum“ von Marion Küstenmacher

Dieses Buch kann unser Denken über das Christentum verändern, und dieses veränderte Denken unser Leben als Christ.

Ihr konntet vor kurzem mein Interview mit der Autorin lesen. Wer es noch nicht getan hat, kann es hier gerne nachholen.

Ich möchte euch an dieser Stelle das Buch in Kürze vorstellen. Da ich aber weiß, dass einige unter euch ebenfalls gerade dabei sind, das Buch.zu lesen, hier nur meine ganz bescheidenen, persönlichen Eindrücke:

Zunächst fällt auf, das das Buch einiges an Volumen hat. Selbst jemand, der ein rasches Lesetempo hat, braucht dazu ein paar Tage.

Und spätestens beim Lesen fällt auf: Es braucht nicht nur viele Tage, es durchzulesen, es braucht noch mehr Tage, den Inhalt zu verdauen, und noch viel, viel, viel mehr Tage, den Inhalt in meinem eigenen Leben zu integrieren.

Das aber ist erklärtes Ziel des Buches: Es will helfen bei der „Einübung in eine spirituelle Intelligenz“. Dabei bleibt die Autorin nüchtern: Spirituell intelligent wird man nicht bereits durch das Lesen ihres Buches. Auch nicht durch die zahlreichen Übungen, die das Buch enthält. Jede Entwicklung braucht ihre Zeit. Richtig spirituell intelligent sind wir erst – das erfahren wir beim Lesen – wenn wir auf der Stufe „Koralle“ angelangt sind. „Das Bewusstsein von KORALLE […] wird kosmozentrisch. KORALLE identifiziert sich mit dem äußeren Universum selbst, aber auch mit dem ganzen Reichtum des inneren Universums.“

Menschen auf dieser Stufe gibt es jedoch noch kaum. „KORALLE, diese erst zart keimende Stufe, kommt uns aus der Zukunft entgegen“, schreibt Marion Küstenmacher.

Also noch ein langer Weg vor uns Menschen 😉

Und doch: Ein Stückchen spirituell intelligenter fühle ich mich bereits nach der ersten Lektüre. Wahrscheinlich hat das damit zu tun, dass der integralen Theorie nachgesagt wird, sie sei „psychoaktiv“.

S. Esbjörn-Hargens schreibt in seiner Einführung in die integrale Theorie über das AQAL-Modell: „[Es] ist ein Katalysator, weil es psychoaktiv Ihren ganzen Körper- Verstand scannt und jegliches Potenzial aktiviert oder „aufleuchten lässt“ […], das gegenwärtig nicht voll genutzt wird.“

In „Integrale Lebenspraxis“ (hier mehr dazu) stellen die Autoren fest:

[…] das Integrale Betriebssystem wirkt psychoaktiv. Es verändert sie von innen nach außen und vermittelt Ihnen ganz konkret neue Sichtweisen von Erfahrung. […]

Das Wörtchen „psychoaktiv“ bezieht sich ursprünglich auf Drogen und bedeutet „die Fähigkeit akut das Verhalten, Empfindungen oder die Wahrnehmungen zu verändern und so allgemein auf den Bewusstseinzustand zu wirken.“

(Quelle: http://de.drogen.wikia.com/wiki/Psychoaktiv)

Durch die gelungene Verflechtung von integraler Theorie und geballtem theologischem Wissen gelingt es der Autorin mit ihrem Buch meines Erachtens ebenfalls auf diese Weise „psychoaktiv“ zu wirken (gesetzt den Fall, wir lassen es zu.)

Wir können es auch anders, un-integral und einfach ausdrücken:

Dieses Buch kann unser Denken über das Christentum verändern, und dieses veränderte Denken unser Leben als Christ.

Die Autorin greift alle wichtigen Elemente der integralen Theorie (Holons, AQAL, Schattenarbeit) heraus und wendet sie auf Phänomene des Christentums (Entwicklung des Glaubens über Stufen hinweg, Bibelhermeneutik, Gebet, die drei Gesichter Gottes, Mystik, die Kirche) an.

Das tut sie in einer unglaublichen Breite und Tiefe gedanklicher Durchdringung. Förmlich in jedem Satz stecken spürbar viele Jahre der Auseinandersetzung mit diesen Themen.

Allerdings habe ich mich beim Lesen gefragt, wer aus den Gemeinden, deren Pfarrerin ich zuletzt war, freiwillig und mit Gewinn ein solches Buch lesen würde. (Nicht, dass mir jetzt GAR niemand eingefallen wäre.) Ja, vielleicht habe ich ein zu negatives Bild. Ja, vielleicht gäbe es da noch die eine oder andere Überraschung. Doch ganz ehrlich: Mir kommt es so vor, dass das Publikum eines solchen Buches zumindest speziell – das heißt selten – ist, was nicht zuletzt an der verwendeten Sprache liegt. Man lese nur diesen einen Satz relativ zu Anfang des Buches: „Die Zielrichtung des Christentums ist klar: Sein höchster Eros ist es, immer mehr Christusbewusstsein zu wecken.“

(Ja, ich habe mich gefreut beim Lesen. „Eros“ und „Christusbewusstsein“ sind schöne Wörter und noch herrlicher in ihrer gedanklichen Verbindung. Und doch habe ich mir gleichzeitig die Gesichter vorgestellt, wenn ich diesen Satz beim Abend der Landfrauen vorgelesen hätte, denen beim Wort „Mystik“ nur „Mystery Thriller“ eingefallen ist.)

Dessen ungeachtet wünsche ich mir aufrichtig für dieses Buch, dass es so viele Leser wie möglich erreicht, nicht nur intellektuell, sondern von Herz zu Herz, und Bewusstsein zu Bewusstsein, so wie es gemeint ist. Ich werde jedenfalls noch lange mit ihm unterwegs sein und sehe das nur als Gewinn. An dieser Stelle der Autorin noch einmal schriftlich – wie bereits mündlich – vielen Dank für dieses Werk!

Ein Nachteil des Buches ist m.E. das fehlende Stichwortverzeichnis. Gerade deshalb, weil es sich wie ein Nachschlagewerk für viele Themen liest. Ja, es wäre dann noch dicker geworden. Wäre mir aber egal.

Interview mit Marion Küstenmacher

„Ich konnte mir Seite für Seite selbst zuschauen, wie ich endgültig in einen größeren Bewusstseinsraum umzog.“

Anlässlich des Erscheinens von Marion Küstenmachers neuem Buch „Integrales Christentum. Einübung in eine neue spirituelle Intelligenz“ – das Nachfolger- und Vertiefungsbuch zu „Gott 9.0“ – habe ich diese um ein Interview gebeten.

Frau Küstenmacher, Sie schildern in Ihrer Einleitung Ihre erste Begegnung mit Ken Wilbers Schrift „Eros, Kosmos, Logos“ in einer schweren Krise und nennen es Ihren „Heilungsweg“ und eine „Auferstehung“. Was genau war es in diesem Buch, was Sie derart zu trösten vermocht hat?

Wenn ich mein Exemplar von Eros, Logos, Kosmos durchblättere, dann wimmelt es von Anstreichungen und Notizen. Allein die Anmerkungen des Buches umfassen 220 Seiten, nach wie vor eine lohnende Fundgrube! Ich habe es im Frühsommer 1997 gelesen, meistens im Freien. Ich erinnere mich, wie für mich die Weite des Himmels und die innere Weite des Buches eins waren. Auf meine innere Leere nach der Fehlgeburt antwortete hier Geist mit einer großartigen Fülle. Das war unglaublich tröstlich. Ich wurde intellektuell, aber auch spirituell auf eine neue Art und Weise versorgt. Ich konnte mir Seite für Seite selbst zuschauen, wie ich endgültig in einen größeren Bewusstseinsraum umzog.

Mit sechzehn Jahren ging es mir schon einmal so. Damals lasen wir im Deutschunterricht Adornos Erziehung zur Mündigkeit. Mitten in  der Lektüre wurde mir bewusst, was aufgeklärtes Denken ist, was ähnlich aufregend und erleichternd zugleich war – mein Bewusstsein hatte sich endgültig in ORANGE etabliert.

Wilber hat mich von der ersten Seite an gepackt. Viele grundlegende Aussagen sind mir hier zum ersten Mal begegnet: Das Konzept der vier Quadranten und die Probleme diverser Quadrantenabsolutismen, die Gefahr der Prä-/Transverwechslung bei der Entwicklung über die Stufen, die Unterscheidung zwischen Herrschaftshierarchien und Wachstumshierarchien. Überzeugt hat mich auch Wilbers Kritik an reduktionistischem „Flachland“-Denken der Moderne, die Effizienz und Funktionalität über alles setzt und deren nackter Rationalismus die Tiefendimensionen der Wirklichkeit leugnet. Ebenso seine wunderbar klärenden Ausführungen zur Mystik, mit der ich mich damals schon viele Jahre lang befasst hatte. Ich verstand auch meine eigenen spirituellen Erfahrungen und Durchbrüche besser, die mir das Herzensgebet eröffnet hatte. Wilber diskutiert ja auch zahlreiche theologische Themen. Er  beschreibt z. B., wie Jesus durch die Apologeten der frühen Kirche zum einzigen Sohn Gottes erklärt wurde. Von nun an galt das Dogma, dass sich der göttliche Logos,  – der eigentlich der universale Geist in jedem von uns ist – , nur ein einziges Mal vollständig in einen einzigen Menschen ergossen habe. Jesus, der dank seiner Einheitserfahrung mit Gott frei war von jeder Exklusivität und der ganzen Menschheit in Liebe diente, wurde damit zum ausschließlichen Eigentum der Kirche. Wilber sagt, das Traurige an dieser mythischen Besitzhaltung sei, dass sie uns Christen von allen anderen Weltbürgern trennt; mehr noch, sie trennt Christus von allen Christen. Christliche Mystiker, die ebenfalls die nonduale Erfahrung des Einsseins mit dem göttlichen Grund machten, wurden damit zu Häretikern und Ketzern, sobald sie es wagten, darüber zu sprechen. Und dieses Tabu existiert bis heute. Es blockiert gewissermaßen den Weg ins Zentrum unseres Glaubens, denn Jesus wünschte sich ja, dass wir alle wie er „eins mit dem Vater“ werden sollen. 

Mein Eindruck ist, dass Ihr Buch sehr viel Vorwissen voraussetzt. Würden Sie jemandem empfehlen, zuerst „Gott 9.0“ zu lesen und erst danach Ihr zweites Buch?

Welches der beiden Bücher eine Leserin oder einen Leser zuerst erreicht, kann ich nicht beeinflussen. Beide ergänzen sich aus meiner Sicht. Vermutlich tut man sich etwas leichter, wenn man Gott 9.0 bereits gelesen hat, weil wir dort die Stufen und Zustände ausführlich darstellen. Ich empfehle bei beiden Büchern nicht nur die Kapitel zu den Bewusstseinsstufen zu lesen. Darauf konzentrieren sich die meisten. Kaum jemand nimmt Bezug auf das Kapitel über die Bewusstseinszustände, das Feld der Mystik und die eigene praktische Einübung in Gebet und Kontemplation. Dabei lebt jede Religion davon, dass der Geist sich durch uns und in uns in alle Richtungen erforschen kann, auch in die Tiefe und Weite der Versenkung bis hin zum Nondualen. Ein integrales Christentum gibt es nur mit einer verbindlichen spirituellen Praxis.

Dieses Anliegen merkt man Ihrem Buch an. Es enthält neben viel Vertiefungsstoff zahlreiche Vorschläge für Übungen, alleine oder in der Gruppe. Welches Setting, welche Kreise hatten Sie dabei vor Augen?

Menschen auf verschiedenen Bewusstseinsstufen (BLAU, ORANGE, GRÜN, GELB), wie sie mir in meinen Vorträgen  und Seminaren begegnet sind oder mir nach der Lektüre von Gott 9.0 geschrieben haben. Es waren viele Kirchendistanzierte darunter, Menschen aus der integralen Szene, aber auch viele engagierte Christen aus allen Konfessionen, kirchliche Mitarbeiter, Ordensleute, Religionslehrer, Pastoren von Landes- und Freikirchen, die längst über BLAU hinausgewachsen sind. Viele wünschten sich eine „GELBE Gemeinde“, ein integrales christliches Netzwerk, manche haben eine kleine Gruppe vor Ort, in der sie sich integral verständigen und gemeinsam weiterentwickeln können. Ich hoffe, dass ihnen die Übungen in Integrales Christentum dabei helfen.

Wozu braucht es Übungen überhaupt? “Reicht es nicht einfach zu vertrauen und zu glauben“ – so ähnlich hat es einer meiner Blogleser gefragt.  Was wäre Ihre Antwort gewesen?

Dieser Satz kommt aus dem BLAUEN Bewusstseinsraum und enthält ein gewisses Maß an Apologetik. Man spürt in der Frage schon eine Verunsicherung durch all die komplexen Themen, die mit der BLAUEN Weltsicht nicht mehr hinreichend beantwortet werden können. Weil man aber noch weitgehend mit dieser Stufe identifiziert ist oder man seine Gemeindezugehörigkeit nicht in Frage stellen will, drückt man die eigene Beunruhigung nicht offen als Zweifel aus, sondern zieht sich hinter ein Bibelwort zurück. Hintergrund ist ein Rat im Hebräerbrief, (11,1), wo es heißt, dass der Glaube ein festes Vertrauen ist auf das, was man hofft und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. Auf die Entwicklung über die Stufen (AUFWACHSEN) angewandt, ist dieser Rat ein großes Hindernis für die weitere spirituelle Reifung, denn Zweifel sind die großen Schrittmacher, die für die nächste Stufe öffnen und uns bei jedem Stufenwechsel unterstützen. Darum habe ich einige Übungen zum kreativen Zweifel bei ORANGE eingebaut. Natürlich hat man den kreativen Zweifel aber schon früher genutzt, sonst wäre man nicht bis BLAU gekommen und würde noch ans Christkind, die Zahnfee oder den Osterhasen aus PURPUR glauben.

Im Buch beschreibe ich aber auch genauer, worauf dieser Rat des Hebräerbriefes meiner Meinung nach zielt –  auf die Erfahrung der bilderlosen Dunkelheit in der formlosen Kontemplation, wo man tatsächlich nichts sieht und „ins Innere hinter den Vorhang“ der Bilder, Gefühle und Gedanken ins reine Gewahrsein gelangt. Der Vers ist also selbst ein mystagogischer Übungshinweis für Fortgeschrittene, die sich bereits der formlosen Versenkung ins reine Christusbewusstsein widmen. Wenn man ihn dem Modul der Bewusstseinszustände (AUFWACHEN) zuordnet, macht er plötzlich ganz neu Sinn.

Es wäre also ganz wichtig, dass Christen mit Hilfe einer integralen Exegese verstehen lernen, wann Bibeltexte oder Schriften von den Wüstenvätern, den frühen Kirchenvätern oder MystikerInnen etwas zu den Zuständen sagen und von welcher Stufe aus sie es dann selbst deuten. Der biblischen Frage „Verstehst du auch, was du da liest?“ kann man sich mit dem integralen Blick ganz neu stellen. 

Sie sind schon lange mit der integralen Theorie und Lebenspraxis vertraut. Was hat sich dadurch in Ihrem Denken und Leben am stärksten verändert?

Meine Weltsicht, vor allem aber meine Selbstwahrnehmung. Vor der Beschäftigung mit dem Integralen Ansatz hatte ich dank Tiefenpsychologie, Mystikerstudium, Enneagrammarbeit und Herzensgebetspraxis schon eine über zehnjährige intensive Auseinandersetzung mit meiner eigenen Egostruktur und Schattenanteilen laufen. Damit war ein entscheidendes integrales Modul schon etabliert. Doch die Aufgabe, das Ego zu reduzieren und sich dem eigenen Schatten zu stellen, hört nie auf. Dank des integralen Blickes lerne ich nach wie vor, meine problematischen Anteile klarer zu sehen und versuche, damit so wenig Schaden wie möglich anzurichten. Es gibt im Lauf eines Tages ständig Momente, wo sich eine der Stufen aus dem ersten Rang – die schließlich alle erhalten bleiben – meldet und gerne hätte, dass ich nach ihr handele. Natürlich hat jede Stufe großartige Kompetenzen, die wir nutzen und wirklich schätzen sollten. Aber es schleichen sich dabei auch gerne die alten dualistischen Strukturen durch die Hintertür mit ein. Für mich bringt der integrale Blick eine neue Wachheit für diese Art von Versuchung und eine neue Freiheit im Umgang mit den Werteräumen der verschiedenen Stufen.

Wichtig ist es mir, anderen Menschen zu helfen, sich gerade in unruhigen Umbruchzeiten wie diesen nicht von Frust, Panik oder Hass erfassen zu lassen, sondern ihnen mit Hilfe der integralen Landkarte so viel Orientierung wie nur möglich zu geben. Wer integral denkt und handelt, kann so an seinem Platz mithelfen, die ganze Spirale zu stabilisieren und vor Abstürzen zu bewahren. 

Sollte jemand jetzt schon eine integrale Kirche gründen oder werden sich die jetzigen Kirchen irgendwann alle in eine einzige integrale Kirche verwandeln – was meinen Sie?

In Amerika gibt es schon einige solcher Gründungen (zumindest dem Namen nach – manches erscheint mir da aber eher GRÜN zu sein). An eine einzige integrale Kirche glaube ich nicht, wir werden immer verschiedene Kirchen und Konfessionen haben. Kirchengeschichte kann man nicht umkehren. Im Moment entwickelt sich das integrale Christentum wie GRÜN in den frühen 1970er Jahren vor allem an den „Hecken und Zäunen“, also eher am Rand der Kirchen, in Bildungshäusern, Orden und in kleinen, auch kirchenfernen Grüppchen. Vielleicht werden aber auch protestantische Theologen wie Friedrich Schleiermacher oder Richard Rothe Recht behalten, die sich ein Christentum auch ohne Institution Kirche vorstellen konnten. Jesus konnte das offensichtlich auch ganz gut, ihm genügte ein Kreis von Schülern und Schülerinnen. Wenn wir aber auf die beiden unteren Wilberschen Quadranten schauen, dann werden Menschen immer danach fragen, welche Werte und Kultur sie teilen wollen, welcher religiösen Gemeinschaft sie angehören möchten und in welchen Strukturen und Formen das konkret gestaltet werden soll. 

Ist Erleuchtung ein Prozess oder ein Moment, der alles verändert? Und: Wären Sie gerne erleuchtet? 😉

Erleuchtung ist, was die Stufen betrifft, sicher ein Prozess. Man braucht eine jahrelange,  dauerhafte Anpassung auf jeder einzelnen Stufe, damit weiteres Wachstum und Reifung hin zu immer mehr Liebe und Mitgefühl möglich wird. Der GEIST oder Logos ist dabei, wie Jesus sagte, unser Tröster und Beistand. Er lockt und zieht uns mit seinem Eros in diese Richtung und baut in uns neue Stufenräume auf, die er mit seinem Licht und seiner Klarheit ausfüllen möchte. Da der EINE, nichtduale GEIST aber immer und überall vollständig gegenwärtig ist, kann man auf jeder Stufe auch eine spontane Erleuchtungserfahrung machen. Entscheidend ist die absichtslose Offenheit in genau diesem gegenwärtigen Moment, um das „Sakrament des Augenblicks“ zu erfahren. Ein solches Erlebnis gibt einem das Gefühl, dass man die wirkliche Wirklichkeit, Gottes Reich, erfahren durfte. Danach ist tatsächlich nichts mehr wie zuvor. Deuten kann man sich das allerdings immer nur von der Stufe aus, auf der man seinen aktuellen Bewusstseinsschwerpunkt hat.

Außerdem gibt es Erleuchtung in verschiedener Tiefe der Bewusstseinszustände. Man kann sie auf der Ebene des Wachseins, der subtilen Traumebene oder im ich- und formlosen Dunkel der  Tiefschlafebene erleben. Ken Wilber fragt darum immer: Welche Erleuchtung, auf welcher Stufe und in welchem Zustand?

Ich nenne die großen Mystiker und Kontemplativen die „Tiefseetaucher des Bewusstseins“. Sie üben sich darin, eine konstante Wachheit in allen diesen Bewusstseinszuständen zu erlangen, bis der Urgrund dieser Zustände, der absolute GEIST selbst das ganze Bewusstsein ausfüllt und „Gott alles in allem“ ist. Meister Eckart nennt das „beständig“ sein können. Paradoxerweise blockiert der ichhafte Wunsch nach dem Einswerden mit Gott oder nach Erleuchtung genau dieses vollständige Erwachen. Mystiker aller großen Weltreligionen bemühen sich darum ums Leerwerden von Wünschen aller Art. Daran halte ich mich: Kein Wunsch nach Erleuchtung, sondern lieber nach Leere und Stille. 

Frau Küstenmacher, vielen Dank für das Gespräch!

 

PS: Hier findet ihr auf diesem Blog meine Rezension des Buches. Und Frau Küstenmacher hat mir verraten, dass sie schon an ihrem nächsten Buch sitzt – wir dürfen gespannt sein.

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