Die Entwicklungspsychologie als wissenschaftliche Grundlage der integralen Theorie

Die Entwicklungspsychologie ist ein Zweig der Psychologie. Es geht um die Erforschung der Entwicklung menschlichen Verhaltens und Erlebens über die gesamte Lebensspanne des Menschen.
Bei Kindern ist es am offensichtlichsten, dass diese sich entwickeln, denn die dadurch auftretenden Veränderungen im Verhalten und Aussehen sind vergleichsweise groß und schnell. Eben war sie noch ein Baby, konnte nur liegen und weinte viel, schon ist sie ein Kleinkind, kann gehen und die ersten Worte sprechen. Zwischen beiden Zuständen liegt nur ein Jahr.
Doch auch bei älteren Menschen erleben wir, dass sie noch neue Fähigkeiten, neues Wissen erlangen, oder anders zu denken lernen. Im Coaching ist der Begriff „Neuroplastizität“ beliebt – meint er doch die Entdeckung der Forscher, dass sich unser Gehirn ein Leben lang verändert und neu formt.
Um diese Entwicklung und von dieser einzelne Aspekte beschreiben zu können, entwarfen verschiedene Forscher Stufenmodelle. Die Entwicklung erfolgt dabei von einer niedrigen zu einer höheren Stufe oder Ebene.

Erik Erikson entwarf ein Modell der psychosozialen Entwicklung, Jean Piaget und Kurt W. Fischer untersuchten die kognitive Entwicklung, also die Art und Weise, wie ein Mensch denkt. Jane Loevinger untersuchte, wie sich das „Ich“, also die Identität eines Menschen, entwickelt. Lawrence Kohlberg untersuchte die Entwicklung der Moral, Fritz Oder und Paul Gmünder die religiöse Entwicklung und James William Fowler die des Glaubens. Clare W. Graves, ein amerikanischer Psychologieprofessor, dessen Forschungen die Grundlage zu Spiral Dynamics bilden, untersuchte die Entwicklung der Persönlichkeit. Und viele, viele mehr..

Was Ken Wilber vor allem gemacht hat bzw. macht, ist, dass er versucht, möglichst alle ihm bekannten Forschungsergebnisse miteinander zu vergleichen, auf Gemeinsamkeiten hin zu untersuchen und in einem Raster zueinander in Beziehung zu setzen. Sein Buch „Integrale Psychologie“ endet dementsprechend mit zahlreichen Tabellen, die eine knappe Übersicht und direkte Vergleichbarkeit ermöglichen.
Eine Besonderheit ist, dass er dabei auch religiöse Denker wie Sri Aurobindo, einen hinduistischen Mystiker, östliche Kirchenväter wie den Hl. Palamas oder Hl. Dionysius oder auch Hazrat Inayat Khan, den Gründer der internationalen Sufi-Bewegung, mit einbezieht. Außerdem entwirft er selbst ein eigenes Stufenmodell der „Weltsichten“, das Ähnlichkeiten mit Spiral Dynamics aufweist, der Moralentwicklung, der Entwicklung der Spiritualität sowie der Kunst. Denn nicht nur der einzelne Mensch entwickelt sich, sondern auch die Kultur, in die er jeweils eingebunden ist, Stichwort „soziokulturelle Evolution“, von dem Jäger-Sammler-Dasein zur Informationsgesellschaft.
Um alle Erkenntnisse und Forschungsbereiche in ein größeres Ganzes einzuordnen, unterscheidet Ken Wilber Ebenen der Entwicklung, Linien der Entwicklung und Zustände.
Dabei sind Ebenen hierarchisch aufgebaut, während Linien parallel zueinander verlaufen. Bsp.: Die kognitive Entwicklung durchläuft bei jedem Menschen ähnliche Ebenen (Vertikale, von unten nach oben), doch neben dieser gibt es zahlreiche andere Bereiche (Horizontale), in denen Entwicklung stattfindet: Moral, Spiritualität, Gefühle, Bedürfnisse, Sexualität usw. Vollkommen offensichtlich ist, dass ein Mensch sich innerhalb dieser Linien unterschiedlich schnell entwickeln kann: Jemand kann kognitiv sehr weit sein, moralisch oder emotional dagegen noch in den „Kinderschuhen“ stecken.
Zustände sind zeitlich begrenzt, wohingegen veränderte Strukturen Entwicklung anzeigen. Im Hinblick auf Spiritualität heißt das: Jede/r kann einmal ein außergewöhnliches Erlebnis des Göttlichen haben, doch die wenigsten haben dieses dauerhaft. Und: Je nachdem auf welcher Stufe/Ebene ein Mensch steht, wird er diese außergewöhnliche Erlebnis unterschiedlich interpretieren: Beispielsweise hört ein Mensch eine Stimme. Er denkt je nachdem: Das war eine Halluzination/ein Engel/Gott/mein höheres Selbst.
Bedeutsam zum Verständnis von Ken Wilber erscheint mir noch eine Erkenntnis der Entwicklungspsychologie: Dass Entwicklung nur dann gelingt, wenn frühere Ebenen „integriert“ werden.
Ein Beispiel aus der Forschung von E. Erikson: Bei ihm ist jede Ebene durch den Widerstreit zweier Grundstimmungen gekennzeichnet, die sogenannten „psychosozialen Krisen“. Am Anfang Grundvertrauen gegen Grundmisstrauen, dann Autonomie gegen Scham und Zweifel, dann Initiative gegen Schuldgefühl und so fort. (Ich verzichte an dieser Stelle auf das Detail, weil es mir auf etwas anderes ankommt) Es versteht sich nahezu von selbst, dass ein Mensch, um vorwärts zu kommen, jeweils beides braucht: Vertrauen wie Misstrauen. „Von jedem das richtige Maß“ würde man sagen oder „gesundes Vertrauen/Misstrauen“.
Ken Wilber spricht von einer „Differenzierung“ und „Integrierung“. Ein Kind muss zuerst lernen, sich und seine Außenwelt zu unterscheiden, um später zu einem „gesunden“ Körpergefühl zu gelangen.
Jede Stufe schließt ihre Vorläufer ein und fügt dann ihre eigenen definierenden und auftauchenden Qualitäten hinzu: Sie transzendiert und umfasst.
(S. 173)
Pathologien oder Störungen in der Entwicklung entstehen immer dann, wenn ein Mensch auf einer Ebene stehen bleibt, d.h. etwas nicht gelingt zu „integrieren“. Das Ganze gilt selbstverständlich auch in Bezug auf die Entwicklung eines „gesunden“ und reifen Glaubens. Jede Stufe hat darin ihr gutes Recht, ihren Platz und Sinn. Probleme entstehen immer dann, wenn der Inhalt der Stufen als Ganzes verworfen wird oder eine Auseinandersetzung erst gar nicht für nötig befunden wird.
Beispiel Wunderglaube: der Unterschied zwischen den Aussagen „es gibt keine Wunder“ und „ich halte Wunder durchaus für möglich, verstehe sie aber anders als früher“ ist gigantisch. In einem späteren Artikel will ich mich damit noch eingehender in Bezug auf das Verhältnis der gegenwärtigen Konfessionen befassen.
Literatur: Ken Wilber, Integrale Psychologie, 2016 (5. Auflage)

Steckt die integrale Theorie Menschen in Schubladen?

Manche lehnen die integrale Theorie ab, weil sie meinen, diese stecke Menschen in Schubladen. Nun, das kann man tun. Allerdings sollte man sich dabei bewusst sein, dass man damit die Sinnhaftigkeit und Existenzgrundlage der Entwicklungspsychologie als solches ablehnt

Manche lehnen die integrale Theorie ab, weil sie meinen, diese stecke Menschen in Schubladen. Nun, das kann man tun. Allerdings sollte man sich dabei bewusst sein, dass man damit die Sinnhaftigkeit und Existenzgrundlage der Entwicklungspsychologie als solches ablehnt, also einen empirisch belegten Wissenschaftszweig. Denn schließlich handelt es sich in beiden Fällen um Modelle. Und ich wüsste nicht, wie man Modelle aufstellen können sollte, wenn nicht durch “Schubladen“, d.h. Kategorisierung. Klar kann man auch den Menschen überhaupt als Forschungsobjekt ablehnen, mit dem Argument, dass eine Verobjektivierung dem Subjekt Mensch nie gerecht werden kann, dass es eine Subjekt-Subjekt Begegnung auf Augenhöhe braucht…

Doch aus meiner Sicht sind die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie viel zu spannend und aufschlussreich, als dass ich auf diese verzichten wollte. Schon allein wenn ich daran denke, wie viel diese Erkenntnisse dazu beigetragen können, unseren Erziehungsstil zu verändern. Wenn wir ein bisschen mehr darüber wissen, wie sich ein kleines Kind entwickelt, gehen wir gänzlich anders mit ihm um. (Vgl. dazu den Bestseller „Oje, ich wachse! Von den acht „Sprüngen“ in der mentalen Entwicklung Ihres Kindes während der ersten 14 Monate und wie Sie damit umgehen können.“ von Hetty  van de Rijt und Frans X. Plooji, 1998).

Wer selbst Kinder hat, kennt vermutlich die Erfahrung, dass das Denken des Kindes mitunter durch seine Andersartgkeit befremden kann (z.B. „wenn ich niemanden sehe, sieht mich auch niemand“ oder „wenn die Mama das Zimmer verlässt, ist sie weg“). Eine Konsequenz daraus könnte sein, dass ich das Kind nach Möglichkeit nicht mehr alleine lasse, solange es kognitiv noch nicht in der Lage ist, zu verstehen, dass die andere Person auch noch existent ist, wenn sie sich im anderen Raum befindet.

Auch aus den offiziellen Lehrplänen der Schulen, Kindergärten und Kindertagesstätten sind die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie nicht mehr wegzudenken, weswegen jeder angehende Lehrer oder Erzieher Kenntnisse in diesem Bereich nachweisen muss.

Und: Heute wissen wir, dass sich ein Mensch und seine Art zu denken nicht nur im Kindesalter entwickelt, sondern ein Leben lang. Sich dessen ständig bewusst zu sein, kann so manches zwischenmenschliche Missverständnis verhindern oder im Nachhinein aufhellen. Gerade wenn es um Glaubensinhalte oder Weltanschauungen  geht, können wir im Gespräch unschwer feststellen, dass sich hier nicht nur die Inhalte, sondern auch die Art und Weise zu denken mitunter drastisch unterscheiden kann. Einfachstes Beispiel ist ein Mensch, der  tief in einem „Schwarz-Weiß-Denken“ gefangen ist. „Entweder du liebst mich und heiratest mich sofort oder ich bin dir sch…egal.“ oder „Entweder kommt ein Mensch in den Himmel oder in die Hölle.“

Wenn ich meinen Mitmenschen ein bisschen einordnen kann, verstehe, wie er „tickt“, gehe ich anders – und ich würde sagen „verständnisvoller“, auch wenn dieses Verstehen häufig erst wachsen muss – mit ihm um. Das gilt selbstverständlich auch in Bezug auf den Umgang mit mir selbst, wobei wir hier mit vielen blinde Flecken rechnen dürfen. Fast jeder wähnt sich gerne reif, weise und lebenserfahren. Das sagt jedoch nichts über den tatsächlichen Reifegrad oder die Entwicklungsstufe aus.

Gefährlich wähnt mir lediglich, wenn wir einen Menschen dergestalt in Schubladen stecken, dass wir ihm  sein Entwicklungspotential absprechen und uns nicht weiter mit ihm auseinandersetzen wollen, ihn also „festnageln“. Doch da sagt die Entwicklungspsychologie  und im Anschluss die integrale Theorie genau das Gegenteil: Sie behauptet ja gerade oder stellt fest, dass der Mensch wesentlich auf Entwicklung angelegt ist und das lebenslang.

Im Übrigen ist es wesentlich leichter zu sagen: „Menschen sind viel zu verschieden und zu komplex, um sie einteilen zu können“ als sich um das Verständnis der dahinterstehenden Erkenntnisse zu bemühen und uns bei jedem Menschen, den wir treffen, erneut zu fragen, in welcher Phase sich dieser wohl gerade befindet, welche Bedürfnisse daraus erwachsen und wie möglichst angemessen mit ihm kommuniziert werden sollte etc. Aus meiner Sicht führt die Auseinandersetzung mit Modellen nicht zu primitiver Vereinfachung, sondern im Gegenteil zu einer vertieften Wahrnehmung von bestehender Komplexität.

Über einzelne Vertreter der Entwicklungspsychologie und deren Forschungen werde ich bald mehr schreiben.

Was meint ihr?