Evolutionäre Spiritualität

Die menschliche Geschichte ist die Fortsetzung der biologischen Evolution. In und durch uns entwickelt sich das Universum weiter: Diese Richtung hängt von uns ab.

Die sog. evolutionäre Spiritualität führt zwei Dinge zusammen, die viele für unvereinbar halten.

In Umfragen stimmen viele der Aussage „Wissenschaft macht Religion in meinem Leben überflüssig“ zu. Gleichzeitig bestreitet mehr als ein Drittel der Deutschen die Evolutionstheorie. (Daten von http://www.fowid.de)

In meinem Leben haben beide Themen immer eine große Rolle gespielt. Und auch ich glaubte lange, dass ich eines von beidem zugunsten des anderen aufgeben müsste.

Als ich zehn war, hatte ich mir während einer Exkursion ins Naturkundemuseum von meinem Taschengeld eine Broschüre zum Thema „Entstehung der Arten“ gekauft, anschließend deren Inhalte verinnerlicht und beschlossen: Ich wollte Biologin und Evolutionsforscherin werden.

In der neunten Klasse machte ich mich zur Außenseiterin, indem ich die These vertrat, dass wir, da wir von den Affen abstammen, biologisch gesehen Tiere sind. Einstimmige Meinung der Klasse (naturwissenschaftlicher Zug) war damals, dass Menschen keine Tiere seien und wir von Adam und Eva abstammen. Mich nannten sie natürlich – wie auch sonst – „Affe.“ (Und ausgerechnet ich habe dann Theologie studiert 😉 🙂

Ich liebe die Evolutionstheorie immer noch. Ich finde es immer noch spannend, dass auf dieser Erde früher einmal riesige und winzige Dinosaurier herum hüpften und es noch keine Menschen gab, die all das hätten beobachten können.

„Evolution“ ist ein grundlegender Begriff innerhalb der integralen Theorie. Ken Wilbers bahnbrechendes Werk „Sex, Ecology, Spirituality“ von 1995 verbindet bereits im Titel beide Themen.

Der wohl wichtigste Begriff bei Ken Wilber ist Evolution bzw. Entwicklung. Vom Urknall ausgehend, hat sich unser Universum zu immer komplexeren und gleichzeitig bewußteren Strukturen entwickelt. Die Zunahme von Komplexität und Bewusstheit scheint – unabhängig von einigen Sackgassen – ein Gesetz der Evolution zu sein. Diese Entwicklung erfolgt Wilber zufolge nicht ungerichtet und quantitativ, sondern gerichtet und über qualitativ deutlich voneinander unterscheidbaren „Entwicklungsebenen.“

(Weinreich, Integrale Psychotherapie, S. 2)

Der Gedanke, dass die Welt und der Geist sich in einem gigantischen Entwicklungsprozess befindet, wurde bereits von den idealistischen Philosophen Hegel und Schelling vertreten und ausführlich beschrieben, bevor die Biologen Lamarck und Darwin ihre Theorien zur Entwicklung des Lebens auf unserer Erde vorlegten und damit einer materialistischen Weltanschauung den Weg bereiteten.

Denn es gab einen kleinen, aber feinen Unterschied, der sich auswirkte:

Die Philosophien der Idealisten nahmen an, dass die Entwicklung des Lebens und des menschlichen Geistes eine Richtung hat und ein Ziel anstrebt. Die Thesen Darwins zur natürlichen Auslese (und die heutige Weiterentwicklung davon) erwecken jedoch den Anschein, als gäbe es gerade das nicht: Ein bestimmtes Ziel. Alles scheint dem puren Zufall anheim gegeben, auch das menschliche Bewusstsein.

Gerade deshalb kam es zu einer starken Ablehnung der biologischen Evolutionstheorie, die bis heute reicht. Für manche traditionellen oder fundamentalistischen Christen reicht allein die Erwähnung des Begriffs „Evolution“, um Aggression und Gegenangriffe zu ernten. Weltweit sind der Kreatonismus (Gott hat alles genauso geschaffen, wie es heute ist) und Intelligent Design (Ein Schöpfer ist bei der Evolution beständig mit am Werk) die bekannten Alternativen.

Die Alternativen tendieren dazu, die Biologie und ihre Forschung nicht ernst zu nehmen oder völlig auszublenden.

Auf der anderen Seite stehen die Biologen, die damit ringen, ihr altes Gottesbild gehen zu lassen. Berühmtes Beispiel ist Jaques Monod, der in Zufall und Notwendigkeit folgendes Fazit aus seinen Forschungen in der Biologie zieht:

Wenn er [der Mensch] diese Botschaft in ihrer Bedeutung aufnimmt, dann muß [er] endlich aus seinem tausendjährigen Traum erwachen und seine totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit erkennen. Er weiß nun, daß er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.

Jaques Monod

Wenn wir nun aber das feste Bestreben haben, die Ergebnisse der Naturwissenschaft ernst zu nehmen und gleichzeitig unsere Spiritualität nicht preisgeben wollen, was dann?

Dann müssen wir zunächst die Theorie einer genaueren und völlig unvoreingenommenen Betrachtung unterziehen. Genau das haben Ken Wilber und Steve McIntosh und viele andere Denker bereits gemacht.

Muss die Akzeptanz der Evolutionslehre wirklich bedeuten, dass wir in einer sinnentleerten, absurden Welt leben?

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:McIntosh72Wiki.jpg

Steve McIntosh betont, dass es bei der integralen Theorie nicht darum ginge, den Erkenntnissen der Naturwissenschaft zu widersprechen, sondern auf deren Wissen aufzubauen. Wenn einige Wissenschaftler aus ihrer Forschung den Schluss zögen, dass die Evolution völlig sinnlos und richtungslos sei, und es keinerlei Fortschritt gäbe, überschreite die Wissenschaft ihren Bereich: Sie kann diese Sinnlosigkeit nicht mit ihren Methoden beweisen.

Was durch die Evolutionsforschung erkennbar wird:

  • Alles wird zunehmend komplexer.
  • Alles strebt, während es sich ausdifferenziert, nach einer immer größer werdenden Einheit. Der Mensch stellt so eine komplexe große Einheit dar, die wiederum viele komplexe Systeme als Untereinheiten (z.B. Organe, Zellen) in sich beherbergt.
  • Alles strebt zu immer größerer Bewusstheit. Der Mensch stellt durch seine Selbstbewusstwerdung eine weitere wichtige Etappe der Evolution dar: Von der „Biosphäre“ zur „Noosphäre“.

Im Anschluss an Teilhard de Chardin unterscheiden Ken Wilber und Steve McIntosh zwischen der Physiosphäre, der Biosphäre und der Noosphäre: Unbelebte Materie, Leben, bewusstes Leben.

Dadurch, dass der Mensch zur Selbstreflexion fähig wurde, also über sich selbst und sein Denken nachzudenken, wurde eine neue Art und Weise der Evolution möglich. Das menschliche Gehirn hat sich kaum mehr verändert, während sich das menschliche Bewusstsein und mit ihm die menschliche Kultur in rasantem Tempo weiterentwickelt hat. Heute sind wir maßgebliche Mitgestalter der Evolution, indem wir unseren Grad an Bewusstheit erhöhen und uns, anstatt uns rein an unsere Umgebung anzupassen, diese aktiv so gestalten, dass sie unsere jeweiligen Idealen nahe kommt. Spätestens jetzt ist sie kein Zufall mehr, sondern wesentlich durch uns Menschen mitbestimmt.

Doch auch davor erfolgte die Evolution für Steve McIntosh nicht blind und richtungslos, sondern wurde bereits durch eine Art Eros von der Zukunft her mitbestimmt. Nicht im Sinne einer bereits im Vorhinein festgelegten Ordnung, sondern durch die Anziehungskraft der absoluten Idee des Guten, Wahren und Schönen. Für ihn ist

universe is not a purposeless accident and […] evolution is definitely going somewhere. (das Universum kein sinnloser Unfall und geht definitiv in eine bestimmte Richtung.) 

Steve McIntosh, Integral Consciousness, S. 214
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Alfred_North_Whitehead._Photograph._Wellcome_V0027330_(cropped).jpg

Er knüpft damit an die Gedanken von Alfred North Whitehead, dem Gründer der Prozessphilosophie, an. Dieser war ein maßgeblicher Vordenker der integralen Theologie. Sein Gott ist sowohl außerhalb als auch innerhalb der Welt. Und als Gott innerhalb der Welt ist er wie alles am Werden, im Prozess. Er wirkt nicht durch Gewalt auf die Welt ein, sondern durch sanfte Überredung durch Liebe (gentle persuasion through love). Durch die Annäherung an das Gute, das Wahre und das Schöne strebt die Welt immer größerer Perfektion entgegen.

Auch bei Ken Wilber ist das Weltganze als eine beständige dialektisch fortschreitende Entwicklung und Integration zu einer immer größer werdenden Einheit gedacht: Eine Spirale, die immer größere konzentrische Kreise formt. Diese Entwicklung kommt – da sie sich in Raum und Zeit ereignet – nie an ein Ziel. Die Himmelsleiter zum Göttlichen, zur endgültigen Perfektion und Vollendung, reicht über eine unendlich große Anzahl Stufen in den Himmel. Sie nähert sich dem Göttlichen an, doch sie kommt nie an ein Ende.

(Hier widerspricht er Teilhard de Chardin, der noch einen Omega-Punkt, ein bestimmbares Endziel für die Geschichte annahm)

Wir haben Gott bereits in unserem traditionellen Glauben als unendlich, unbegrenzt bekannt – aber haben wir ihn auch wirklich so geglaubt? Oder wurde es uns schwindelig bei der Vorstellung, ja unheimlich, ängstlich? Und so haben wir ihm zwei Aufgaben zugewiesen: Die Schöpfung und das jüngste Gericht. Dieser Gott war zwar unendlich, aber irgendwo jenseits, nicht inmitten dieser Welt, nicht inmitten ihrer Tiefe, Vielfältigkeit und Möglichkeiten.

Im Anschluss an Teilhard de Chardin unterscheidet die integrale Theorie bei jeder Sache eine Innen- und eine Außenperspektive oder – dimension. Ideen und Materie, das Unsichtbare und das Sichtbare sind zwei Seiten der einen Wirklichkeit.

Sehr lange entsprach der Entwicklung der Außenseite eine dazugehörige Innenseite: So z.B. (vereinfacht) bei unserem Gehirnwachstum: dem Reptiliengehirn unsere Instinkte und Reflexe, dem Säugetiergehirn eine zunehmend komplexe Gefühlswelt, dem Großhirn unsere Sprachentwicklung und Reflexionsfähigkeit. Doch seit langem gibt es keine großen Veränderungen mehr in unserer Biologie.

Was sich weiter entwickelte, war und ist unser Bewusstsein und damit unsere Kultur und unsere Geschichte. Die menschliche Geschichte ist die Fortsetzung der biologischen Evolution. In und durch uns entwickelt sich das Universum weiter: Diese Richtung hängt von uns ab. Lassen wir uns zur Liebe – zum Guten, Wahren und Schönen – überreden. Gott reicht uns von der Zukunft her die Hand. In was für einer Welt willst du leben? Lebe sie!