MODUL Bewusste Elternschaft

Vor einiger Zeit schrieb mir eine Frau als Antwort auf die Frage nach einem guten Erziehungsratgeber, sinngemäß, das wichtigste sei doch, dass ich einfühlsam sei und es gut meine. Vielleicht hatte sie die Befürchtung, dass es mir so ergeht wie vielen Eltern, dass uns nämlich häufig die vielen Tipps und Tricks der anderen mehr verwirren und verunsichern als weiterzuhelfen. Und weil jedes Kind anders ist und anderes braucht, scheint Einfühlung zunächst eine gute Idee zu sein…doch:

Da beginnt das erste „Problem“: Da ich und mein Kind uns in völlig unterschiedlichen Entwicklungsstufen befinden und die Welt um uns auf andere Weise wahrnehmen und deuten, kommt meine Einfühlung recht schnell an ihre Grenzen. Da lobe ich mir dann doch die moderne Gehirn- und Verhaltensforschung, die mir erklärt, warum mein Kind so tickt wie es tickt. Gute Erziehungsratgeber wissen diese Erkenntnisse so zu erklären, dass vieles sich auf einmal anders verhält als es zunächst schien. (Zum Beispiel, wenn wir Absichten unterstellen oder korrektes Verhalten abverlangen, die das Kind nicht haben oder noch nicht leisten kann.)

„Bewusste Elternschaft“ ist für mich allerdings weit mehr als die gründliche Lektüre moderner und gut fundierter Erziehungsliteratur und das Wissen um Entwicklungspsychologie. Sie beginnt für mich zunächst mit der äußerst spannenden und wichtigen Frage, warum ich/wir überhaupt ein Kind haben will/wollen und wie ich mir ein Leben mit Kind/ern vorstelle. Soll das Leben im Wesentlichen so weitergehen wie bisher – mit einer netten „Ergänzung“ oder einem neuen „Hobby“ – oder bin ich bereit, mein Leben, unsere Beziehung, mein Denken, weiter wachsen und umkrempeln zu lassen?

Wenn wir bereit sind, uns voll und ganz auf unsere Kinder einzulassen, für deren Wohl wir verantwortlich sind, kommen unweigerlich bestimmte Fragen auf:

Was braucht das Kind von mir? Was muss, was kann ich ihm geben? Welche Bedürfnisse hat es? Wie will ich erziehen? Was für Werte will ich vermitteln, was will ich vorleben, wo liegen meine Grenzen, was sind meine Bedürfnisse? etc.pp.

In „Integrale Lebenspraxis, Wilber, Patten, Leonard, Morelli“ äußern sich die Autoren auch zum Thema „Bewusste Elternschaft“ (S. 352f.):

Ein Kind zu einem bewussten, liebevollen, fähigen und glücklichen Menschen großzuziehen, ist eine der wichtigsten und schwierigsten Leistungen im Leben… Durch bewusst praktizierte Elternschaft entwickeln wir sehr viel Weisheit und Mitgefühl.

Eltern werden oder sein ist mindestens so herausfordernd für unsere Entwicklung wie eine Partnerschaft oder das Leben in einer Klostergemeinschaft. Im Umgang mit unseren Kindern werden wir wieder und wieder mit uns selbst konfrontiert.

Und dann haben wir die Wahl: Reagieren wir mit „Augen zu und durch, sie werden es überleben, irgendwann sind sie so oder so groß, können reden und gehen usw.“ oder lassen wir zu, dass unsere Kinder uns mehr und mehr auf neue Fragen stoßen und Dinge ins Bewusstsein bringen, von denen wir nie ahnten, dass sie existieren, eine Rolle spielen, möglich sind?

In dem Spiegel-Bestseller „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn“ schreiben die Autorinnen Danielle Graf und Katja Seide:

„(…) die Wut der Eltern trägt mindestens ebenso zu den klassischen Trotzmomenten bei wie die noch fehlenden neurologischen Voraussetzungen der Kinder. Man könnte sogar behaupten, dass viele Streitsituationen im Alltag nur deshalb entstehen, weil die Eltern trotzig sind. Dass bisher kein Ratgeber zum Trotzalter diese Wut der Erwachsenen thematisiert, ist unseres Erachtens Ausdruck für den (…) Blickwinkel der Gesellschaft auf Kinder. Diese müssen sich ändern, sich anpassen und erzogen werden, wohingegen Erwachsene per se im Recht sind und deshalb nicht an sich arbeiten brauchen.“

Die angesprochene Einstellung ist fatal. In der Trotzphase werden wir nicht nur mit der Wut unserer Kinder, sondern auch und ganz wesentlich der eigenen verdrängten und unterdrückten Wut konfrontiert, die oft noch aus unseren Kindertagen in uns schlummert. Diese Erfahrung mache ich gerade durch und ich kann sagen: Da kommt einiges hoch.

Eigentlich logisch: Steckt das Kind in einer bestimmten Entwicklungsphase, kommen bei uns unweigerlich Erinnerungen aus unserem eigenen Leben wieder an die Oberfläche: An die Trotzphase, die Grundschulzeit, die Pubertät etc.

Die Frage ist jedoch: Nutzen wir diese Zeit ausreichend, an uns und damit unserem Umgang mit unseren Kindern zu arbeiten oder versuchen wir unsere Kinder so zu erziehen, dass wir möglichst unverändert so bleiben können, wie wir sind?

In letzterem Fall werden wir kaum ohne die herkömmlichen Erziehungsmethoden wie „Lob“ und „Tadel“, „Belohnung“ und „Bestrafung“ auskommen. Was ist das Problem an dieser Art der Erziehung?

  1. Sie ist für beide Seiten anstrengend und führt zu Stress und Streit.
  2. Sie führt zu Entfremdung zwischen Eltern und Kind und dem Kind sich selbst gegenüber. Hans-Joachim Maas schreibt in seinem Buch: „Die narzisstische Gesellschaft. Ein Psychogramm“:

In der Folge des Liebesmangels lernen Kinder allmählich herauszufinden, wofür sie Anerkennung und Zuwendung von den Eltern bekommen können. Damit beginnt ein lebenslang anhaltender Prozess der Entfremdung: Man tut nicht mehr, was wirklich zu einem passt und individuell möglich ist, sondern was erwartet wird, um über die Anpassung Bestätigung zu erfahren. Ein Leben neben der Spur! Lob und Tadel sind die Erziehungsinstrumente, die das falsche Selbst züchten.

Ruth berichtet auf ihrem Blog, von ihrer Reise weg von Erziehung zu einem Elternsein, dass sie „unerzogen“ nennt. Für Eltern bietet sie einen Wutkurs und eine „Elternakademie“ an, in der sie Alternativen dazu vermittelt.

Sie schreibt treffend:

Wenn du deinen Scheiß überwinden willst, um näher an deinen Werten deine Kinder zu begleiten, ist das schwer. (…) Niemand bekommt das mal so eben hin, der erzieherischer Gewalt ausgesetzt war.

Nimm dir deine Zeit. Hör auf, deine Kinder irgendwo einzuordnen und gib dir den Raum, zu heilen.

Denn am Ende bedeutet bedürfnisorientierte, friedliche Elternschaft genau das: Sich selbst den Raum zum Heilen zu geben.

https://derkompass.org/2018/06/09/eltern-sein-das-bessere-hobby-warum-mich-die-selbstverstaendlichkeit-der-elternrolle-ankotzt/

Sie unterstreicht, dass es sich bei der klassischen Erziehungsmethode „Belohnung“ und „Bestrafung“ um eine Form der seelischen Gewalt und Manipulation handelt. Da dies jedoch vielen nicht bewusst ist – oder nicht so gesehen wird – haben die meisten von uns selbst als Kinder nichts anderes kennengelernt. Wenn wir nun selbst wiederum Kinder großziehen, ist die Gefahr groß, dass wir trotz guten – möglicherweise gegenteiligen Vorsätzen – auf alte Muster zurückgreifen, die uns vertraut sind und daher nahe liegen. Ganz besonders ist das der Fall in Momenten der Überforderung oder Übermüdung. So setzt sich die Gewaltspirale fort.

Ihr erinnert euch: Die oben genannte Frau riet mir mit Einfühlungsvermögen und gutem Willen zu handeln. Doch: Wenn wir derart unbewusst „erziehen“, verwechseln wir innere Weisheit mit dem, was noch an angelernten Programmen in unserem Unbewussten schlummert.

D. Graf und K. Seide warnen ganz zu Recht:

Wenn Eltern also nach ihrem Bauchgefühl handeln, erziehen sie im Prinzip unbewusst genauso, wie ihre Großeltern und Eltern erzogen haben. Diese Tatsache ist gut und schön, wenn man selbst eine feinfühlige, emphatisch reagierende Mutter hatte, die alle Signale zeitnah und richtig entschlüsseln konnte und Bedürfnisse liebevoll befriedigt hat. Ist man jedoch in Europa aufgewachsen und die Vorfahren entstammen einer Generation, die mit der schwarzen Pädagogik aufwuchs, ist es vielleicht nicht schlecht, sein eigenes Bauchgefühl noch einmal zu überdenken (…) (S. 71f.)

Kinder großziehen bedeutet also: In die eigene Kindheit zurückzureisen, sich möglichem altem Schmerz zu stellen, Erziehungskonzepte und Vorstellungen davon, was Kinder sind und wie sie zu sein haben, loszulassen. Immer wieder neue Fragen haben, nach Lösungen suchen und diese dann so zu leben, wie ich es derzeit verantworten kann.

Es ist eine Reise, und sicher auch eine Reise zu mir selbst. Geholfen haben mir selbst bis jetzt gute (d.h. wissenschaftlich fundierte und (selbst)kritische) Ratgeber, der Austausch mit anderen Frauen und immer wieder ein klärendes Gespräch mit meinem Mann oder meiner eigenen Mutter. Doch ich komme immer wieder an meine Grenzen.

Und vielleicht passt das Kind, dass dann herauskommt, gar nicht in diese (alte) Gesellschaft. Aber wer weiß – vielleicht ändert sich ja auch die Gesellschaft irgendwann und irgendwie durch solcher Art Kinder?

Und ihr? Welche Erfahrungen macht ihr als Eltern oder auch Großeltern mit diesem Thema?

MODUL GEIST: „Mystik to go“ – das immerwährende Jesusgebet

Es erstaunt mich immer wieder, wie viele Menschen ganz offenbar ein starkes Problem mit dem Warten haben. Oder mit dem Aushalten von Untätigkeit. Oder Stille.

Beispiel 1: Neulich an der Kasse im Supermarkt: drei Leute vor mir und zwei hinter mir. Eine ältere Dame klagt laut, bevor sie sich ebenfalls anstellt: „Oje, die Schlange wird ja immer länger.“ Sie jammerte so lange, bis ein Herr sie vorließ. Dabei war ich mir sicher, dass diese Frau aufgrund ihres Alters schon mindestens zehn Jahre lang in Rente sein musste. Dennoch: Auch so kurzes Warten war eine Qual für sie.

Beispiel 2: Ein einziges Mal erlaubte ich mir als Pfarrerin das Eingangsgebet, das bei uns üblicherweise laut vom Pfarrer vorgetragen wird und durch ein kurz gehaltenes Schweigen beendet wird, durch eine längere Schweigephase von einer Viertelstunde zu ersetzen. Vom Küster erfuhr ich hinterher, dass ein älterer Mann, regelmäßiger Kirchgänger, sich beschwert hatte und drohte, dass er nie wieder käme, wenn das noch einmal geschehen würde. Das Schweigen muss schrecklich für ihn gewesen sein.

Beispiel 3: Du kennst sicher auch Menschen mit der Angewohnheit, immer etwas sagen zu müssen. Vielleicht bist du selbst manchmal einer davon? Wenn jemand neben dir sitzt oder geht, bist du kaum eine Minute still. Du redest irgendetwas, meist oberflächliches Zeug, das weder dich noch den anderen wirklich interessiert, Hauptsache, es ist nicht still.

Es gibt einen Weg dieses Leiden in pures Glück zu verwandeln. Es ist das Jesusgebet – oder Herzensgebet „to go“.

Statt quälender und bedrohlicher Leere finden wir eine gigantische Fülle und Tiefe in uns vor, von der wir nie genug bekommen können.

In einem Klassiker der spirituellen Literatur, „Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers“ geht es genau darum: Das immerwährende Jesusgebet. Es geht dabei – siehe dazu einführend auch meinen Artikel „Ruhegebet“ – um die ständige, an den Atem angepasste, Wiederholung des Namens Jesu oder eines anderen Mantras in Gedanken.

Ein unbekannter Verfasser berichtet von seinen Gebetserfahrungen. Früh Witwer geworden, beginnt er zu pilgern. In einer Kirche hört er eine Lesung, die ihn mitten ins Herz trifft.

16 Seid allezeit fröhlich, 17 betet ohne Unterlass, 18 seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.

Brief an die Thessalonicher, 5, 17

Die Frage, was das bedeuten soll, lässt ihn nicht mehr los. Er sucht so lange, bis er einen geistlichen Vater findet, der ihm erklärt, wie das möglich ist und ihm ein Buch empfiehlt, das ihm dabei hilft, es zu erlernen: Die Philokalie, eine Sammlung von Schriften heiliger Väter, die in die Gebetsform einführen. Ab sofort fast ununterbrochen betend und die Schrift studierend, wird zum Schüler und schließlich selbst zum Lehrer für viele. Das Praktizieren des Jesusgebetes wird zu seinem Lebensinhalt und verwandelt ihn nach und nach in einen anderen Menschen. Ein lesenswertes Buch, das sich noch einmal ganz anders und intensiver liest, wenn man selbst mit der Gebetspraxis beginnt.

Häufig finden wir die Angabe, dass empfohlen wird, zweimal am Tag für zwanzig Minuten das Jesus/Ruhe/Herzensgebet zu sprechen.

Zunächst empfand ich diese Angabe befremdlich, denn in der östlichen Theologie habe ich derartiges nie gehört oder gelesen. Dann habe ich es eine Weile probiert, auch wenn es mir schwer fiel, dieses Ritual täglich um dieselbe Uhrzeit einzuhalten – dafür war ich immer zu beschäftigt und zu chaotisch. Mit Kleinkind klappte es dann gar nicht mehr und ich war ratlos. Deshalb bin ich umso glücklicher, dass ich auf das Buch von Prof. Sabine Bobert gestoßen bin: „Mystik und Coaching mit MTP – Mental Turning Point.“ Sie beschreibt darin ihr Konzept moderner Mystik – einer Mystik to go. Sie schreibt darin im Vorwort:

Das Christentum ist keine Lehre, sondern in erster Linie eine Lebenspraxis, die auf die Vereinigung des Menschen mit Gott zielt…Es geht um eine Mystik, die mitten im urbanen Kontext eingeübt werden kann…aus einer lebendigen Mystik wird ein undogmatisches Christentum geboren, bei dem jeder seine Erfahrungen in eigene Worte fassen kann… Die neuen Mystikerinnen und Mystiker lassen den Streit über Begriffe hinter sich, weil sie durch Erfahren begreifen.

Das Jesusgebet wird nicht zu bestimmten Gebetszeiten gesprochen, sondern immer, wenn es möglich ist, auch an der Kasse, im Wartezimmer, vor dem Schlafengehen und und. Endlich kann also auch ich das Gebet wieder pflegen – viel länger und öfter als jemals zuvor und das trotz einem Kleinkind, das nahezu meine ständige Aufmerksamkeit einfordert.

Woher stammt dann aber die Empfehlung fester, zeitlich begrenzter Gebetsphasen?

Es geht darum, dass es tatsächlich möglich ist, es mit dem Gebet zu übertreiben. Dann drohen Gefahren auf dem Weg: Gesundheitliche und psychische Probleme bis hin zum Wahnsinn. Zum Glück gibt Prof. Bobert eine Liste von Anzeichen, an denen wir erkennen können, ob wir uns bereits in einer solchen Gefahrenzone bewegen. Wenn wir diese an uns bemerken, rät sie dazu, uns an einen erfahrenen Lehrer zu wenden und nur mit dessen Begleitung weiter zu praktizieren. Das finde ich eine wunderbare Lösung, die mich zu einem mündigen Menschen macht: Ich darf so viel beten, wie ich will, und mir wird zugetraut, selbst erkennen zu können, wann es zu viel des Guten war und Hilfe aufzusuchen. Denn das Problem ist nicht, dass viel Beten an sich schädlich werden könnte – ganz im Gegenteil wirkt es sogar äußerst positiv auf unsere Gesundheit -, sondern darum, dass die Entwicklung, die durch das Mantrabeten bei uns angestoßen wird, uns überfordern und überrennen kann. Wenn das Tempo unser Entwicklung durch das Non-Stop-Beten zu hoch wird, kann es sein, dass es uns nicht mehr gelingt, das Alte, was in uns hoch kommt, und das Neue, das entsteht, zu verarbeiten.

Ich kann deshalb nur dazu raten, dieses Buch zu kaufen, bevor ihr mit dem „Jesusgebet to go“ startet. Neben der besagten Liste findet ihr darin zahlreiche andere wertvolle Tipps, Erläuterungen und Hinweise sowie Erfahrungsberichte von Übenden. In Prof. Boberts Konzept ist das Jesusgebet nur ein, wenn auch der wichtigste Pfeiler, spiritueller Praxis. Während dieses den Geist/das Denken trainiert, gibt es zwei weitere Übungen innerhalb ihres Konzepts, einmal für den Umgang mit Gefühlen, einmal für die Stärkung des eigenen Willens, die ebenso mühelos in den Alltag integriert werden können. Ich berichte gerne an anderer Stelle über meine Erfahrungen damit.

Hier eine kurze Einführung durch Prof. Bobert selbst:

Warum lohnt es sich, es mit dem Jesusgebet zu versuchen?

Ganz einfach: Die meisten, die einmal ernsthaft damit angefangen haben, wollen nicht mehr damit aufhören. Das Jesusgebet bringt uns relativ schnell in einen Zustand, aus dem wir am liebsten nicht mehr herauskämen. Und nach und nach verändert es uns und unser Leben in einem positiven Sinn: Es verbessert nachweislich unsere Gesundheit, es macht uns psychisch heil und stabil, lässt uns in der Gegenwart ankommen und führt uns auf dem mystischen Entwicklungspfad über die Reinigung zur Erleuchtung.

Und im Gegensatz zu TM (Transzendentaler Meditation) müssen wir nicht erst Unsummen an Geld ausgeben, um darin geschult zu werden. Wenn wir uns je doch einen Lehrer wünschen oder ihn brauchen, dürfen wir einfach im Gebet um diesen bitten und können darauf vertrauen, dass er zur richtigen Zeit in unser Leben kommt.

Das Buch findet ihr hier:

https://www.vier-tuerme-verlag.de/religion-und-spiritualitaet/gebet-und-kontemplation/42/mystik-und-coaching-mit-mtp-mental-turning-point

Die kleine Philokalie und die „Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers“ findet ihr u.a. hier:

https://edition-hagia-sophia.de/index.php/kleine-philokalie-betrachtungen-der-monchsvater-uber-das-herzensgebet.html

https://edition-hagia-sophia.de/index.php/aufrichtige-erzahlungen-eines-russischen-pilgers.html

Was meint ihr?

Übung zur Erleuchtung: Wer bin ich?

Heute möchte ich euch eine Methode vorstellen, die dazu geeignet ist, uns direkt, effektiv und sofort mit der Wahrheit, dem Göttlichen etc. zu verbinden, sprich: Die uns direkt in die Erleuchtung bringen kann. Klingt gut, was? 😉

Tatsächlich ist es die einfachste und gleichzeitig vielleicht anspruchsvollste geistige Übung überhaupt. Von einigen wird sie die „Methode der Disidentifikation“ genannt, bei Psychologen (Roberto Assagioli, Hans Piron) ist auch von der „Psychosynthese“ die Rede. Es bedeutet, dass wir uns auf die Suche nach unserem eigenen „Ich“ begeben. Wo kommt es her, dieses „Ich“? Was macht es aus – und was nicht?

„Disidentifikation“ heißt die Methode, weil derjenige, der die Übung macht, sich immer mehr bewusst macht, wodurch er sich identifiziert und diese Identifikationen nach und nach wieder fallen lässt. Ken Wilber selbst beschreibt das in „Wege zum Selbst. Östliche und westliche Ansätze zu persönlichem Wachstum“ so:

Ich habe einen Körper, aber ich bin nicht mein Körper. Ich kann meinen Körper sehen und fühlen, und was gesehen und gefühlt werden kann, ist nicht der wahre Sehende. Mein Körper mag müde oder erregt, krank oder gesund, schwer oder leicht sein, aber das hat nichts mit meinem inneren Ich zu tun. Ich habe einen Körper, aber ich bin nicht mein Körper…

Im Grunde genommen passiert etwas Ähnliches bei egal welcher Meditation. Und eigentlich lässt sich diese Übung nicht verschriftlichen. Denn es geht um einen geistigen Prozess, der sich jenseits der Welt der Sprache abspielt. In dieser Ebene des reinen „Wahrnehmens“ lassen wir Gedanken, die sich in Sätze kleiden ließen, hinter uns. Doch beginnen könnte diese Übung in meinem Fall zum Beispiel so:

Ich bin nicht mein Körper. Mein Körper ist 32 Jahre alt. Mein Körper ist weiblich, 1,61, hat die und die Gestalt, diese Füße, diese Augen, diese Haare. Manchmal hat der Körper Schmerzen – aber ich bin nicht dieser Schmerz, denn der Schmerz vergeht.

Hätte ich keine Augen mehr, wäre ich immer noch ich. Wäre ich hässlich einstellt, wäre ich immer noch ich. Würde ich mich operieren lassen und zum Mann machen, wäre ich immer noch ich. Was müsste mindestens von meinem Körper übrigbleiben, damit noch ein ich da ist? Oder wäre auch noch ein ich da, wenn mein Körper ganz tot wäre? Bin ich dann weg, wenn mein Körper im Grab liegt?

Ich bin nicht meine Gedanken oder Überzeugungen. Diese wandeln sich im Laufe der Zeit durch die Begegnung mit anderen Menschen, von denen ich etwas Neues lerne und übernehme, Gedanken sind frei und beweglich, Gedanken können sich allmählich oder auch ganz schnell ändern. Meinen Gedanken kann ich zuschauen, wie sie kommen und gehen und ich kann sie beurteilen.

Ich bin nicht meine Erinnerungen. Denn diese ändern sich durch meine interpretatorischen Gedanken. Meine Erinnerungen sind irgendwo gespeichert und ich rufe sie ab, aber das bin nicht ich.

Ich bin nicht meine Gefühle. Ich kann lernen, meine Gefühle zu steuern, sie zuzulassen oder abzulehnen. Ich bleibe ich, auch wenn ich emotionslos bin. Ich nehme Gefühle wahr,

Ich bin nicht meine Wünsche. Vieles, was ich mir gewünscht habe, wollte ich heute nicht mehr. Selbst der eine Wunsch, den ich seit Kindheit in mir trage, ist nicht mehr derselbe Wunsch geblieben, sondern hat sich meiner Entwicklung angepasst.

Ich bin nicht mein Name. Ich könnte ihn ändern lassen, ich blieb ich.

Im Tiefschlaf bin ich keine bestimmte Person, ich wechsle beständig die Identität, und doch liebe ich diesen Zustand, wo ich absolut niemand bin und nichts tun oder sein muss und doch ich bleibe.

Bin ich das Wahrnehmende und Beobachtende? Das Bewusste?….

Die Kurzform dieser Übung wäre, einfach nur den Satz zu denken: „Ich bin, ich existiere“ und dann auf die Empfindung zu achten, die sich einstellt, eine Empfindung des reinen „Seins“ oder „Gewahrseins“ oder „Wahrnehmens.“

Mir hilft es dabei auch, mich so Dinge zu fragen wie: „Ist diese Empfindung dieselbe wie damals, als du zehn Jahre alt warst und dieses und jenes erlebt hast?“ und „Bleibt diese Empfindung gleich, egal, was ich gerade tue oder denke?“

Tatsächlich ist es bei genügend Konzentration möglich, durch diese Übung dahin zu gelangen, dass wir, statt in Schmerzen, Sorgen oder Ängsten aufzugehen, diese nur noch wie von außen beobachten können. Wir verlieren, wie es so schön heißt, die „Anhaftung“ an die Dinge, unser Ego, an Raum und Zeit. Wir nehmen uns als zeitlos, grenzenlos und unvergänglich wahr.

Vorwarnung: Obwohl die Übung in ihrem Kern vollkommen einfach ist, tun sich die meisten damit unendlich schwer. Das liegt daran, dass wir es nicht gewöhnt sind, uns mit nichts zu identifizieren. Normalerweise gehen wir so in unseren Gedanken, Umständen, Schmerzen, Zielen etc. auf, dass eine Distanzierung davon zunächst unmöglich erscheint.

Da ich zwar von dieser Übung fest überzeugt bin, aber noch lange keine Meisterin, möchte ich auf einen solchen verweisen:

Ein wahrer Meister dieser Übung ist Mooji, ein Meister der indischen Advaita-Tradition. Ich kann wärmstens empfehlen, diesen einmal auf YouTube zu erleben. (Oder live, dann wärt ihr mir voraus.) Er wurde 1954 in Jamaica geboren und durch die Begegnung mit einem christlichen Mystiker zum Wahrheitssucher. Heute strömen zahlreiche Menschen zu ihm, um von ihm zu lernen, weil sie ihn als eine Art „Verkörperung der Wahrheit“ erleben. Die Besonderheit bei ihm ist, dass er immerzu warmherzig, humorvoll und unermüdlich darum bemüht ist, dem anderen zu helfen, durch Selbst-Erforschung sich selbst zu entdecken und zu finden.

Siehe dazu auch: http://www.mooji.org

Oder Literatur auf deutsch: Bevor ich bin. Die direkte Erkenntnis der Wahrheit, Mooji 2012.

Modul GEIST: Ruhegebet

Ich möchte euch eine Gebetspraxis vorstellen: Das Ruhegebet. Im Osten eher Herzensgebet, im Westen Jesusgebet genannt. Es gibt sowohl im West und Ost verschiedene Schulen. Gemeinsam ist, dass der Name Jesu wie ein Mantra wiederholt wird. Am häufigsten geschieht das in der Form: „Jesu, Sohn Gottes, erbarme dich meiner“, doch auch zahlreiche Kurzformen wie „Jesu, erbarme dich“ oder „Christe eleison“ sind möglich. Peter Dyckhoff, Autor zahlreicher Bücher zum Ruhegebet, schlägt selbst vor, die Formel intuitiv auszuwählen, da sie dann am ehesten zum Beter passt. Ich habe damit persönlich gute Erfahrungen gemacht.

Die Wiederholung der Gebetsformel wird teilweise mit der Konzentration auf den Atem verbunden. Tatsache ist jedoch, dass der Atem durch die Fokussierung auf das Gebet sich ohnehin verlangsamt und gleichmäßiger wird.

Zwar ist der Satz als Bitte formuliert, doch es handelt sich nicht um ein Bittgebet, das zum Ziel hätte, Gott Bitten oder Wünsche vorzutragen. Ziel des Gebets ist die Erlangung eines Zustandes, einer tiefen inneren Ruhe, im griechischen Sprachraum Hesychia, Ruhe/Stille, genannt. Die Bewegung, die sich dieser Gebetspraxis widmet, nennt sich Hesychasmus. Es geht ums Loslassen, Gelassenheit und den Seelenfrieden und schlussendlich um eine direkte persönliche Gotteserfahrung. Das Zentrum dieser Bewegung war im Mittelalter die Mönchsgemeinschaft auf dem Berg Athos. Eine theoretische Erklärung für die zahlreichen Lichtvisionen, die als Folge der Gebetspraxis auftraten, formulierte im 14. Jahrhundert der Theologe Gregorius Palamas. Zwar sei Gottes Wesen schlussendlich für uns Menschen unergründlich, doch seine Energien – und damit auch das göttliche Licht – könnten durchaus direkt wahrgenommen werden. (Aus dieser Annahme folgen eine Reihe knifflicher Streitpunkte zwischen Ost und West, auf die ich an dieser Stelle nicht eingehen will.)

Die biblische Begründung für die Praxis findet sich im 1. Thessalonicher 5, wo Paulus die Christen auffordert, „ohne Unterlass“ zu beten.

16 Seid allezeit fröhlich, 17 betet ohne Unterlass, 18 seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.

Entscheidender als dieses Wort dürfte aber die praktische Weitergabe einer Tradition sein, die sich immerhin bis auf die Wüstenväter zurückverfolgen lässt.

Wer zum ersten Mal von einer solchen Gebetsweise hört, dem kann ich die Bücher von Peter Dyckhoff oder Emmanuel Jungclaussen empfehlen. Peter Dyckhoff beruft sich in seinen Werken zum Ruhegebet auf Johannes Cassian, einen Kirchenvater des 5. Jahrhunderts, der das Gebet nach Aufenhalten bei den Wüstenmönchen auch in der Westkirche bekannt machte. Jungclaussen hingegen bezieht sich auf die Praxis in der Ostkirche.

Ohne irgendeine Anleitung oder, was noch besser ist, eine persönliche Begleitung, draufloszupraktizieren, ist keine gute Idee. Dabei kann schnell die Freude vergehen. Viel besser ist es, das Ganze behutsam und langsam anzugehen und das Erlebte im Gespräch oder durch ein gutes Buch zu verarbeiten.

Von der Meditation unterscheidet sich das Gebet dadurch, dass es sich direkt an eine Person richtet und damit dialogisch orientiert ist. Ansonsten können wir hier mit gutem Recht von einer christlichen Meditationsform sprechen, wenn wir „Meditation“ als eine Praxis verstehen, die uns in andere Bewusstseinszustände versetzt. Oft begegnet uns in diesem Zusammenhang der Begriff „Versenkung“, der es meiner Erfahrung nach gut trifft, da es sich wirklich wie ein immer tieferes Fallenlassen in etwas/jemanden anfühlt. Die körperlichen Auswirkungen sind ebenfalls vergleichbar mit denen einer buddhistischen Meditationspraxis. Es gibt also keinerlei zwingenden Grund, als Christ fremde Traditionen nachzuahmen. (Auch wenn es uns selbstverständlich frei steht, diese auszuprobieren. 😉)

Zunächst geht es darum, die vielen lärmenden und uns bedrängenden Gedanken 1. erst einmal wahrzunehmen, 2. sie dann sanft weiter ziehen zu lassen und 3. in eine Stille einzutauchen, die uns wohltut und beruhigt. Besondere Erfahrungen, wie Lichtschau oder  Visionen, die in der Folge möglich sind, oder Auswirkungen auf unsere Person über die Gebetszeiten hinaus, kommen meist erst nach einer längeren Zeit andauernden Praxis.

Um diese Zustände schneller zu erreichen und in tiefere Bewusstseinszustände zu kommen, sind regelmäßige Gebetszeiten wichtig. Dyckhoff empfiehlt zweimal am Tag 20 Minuten lang. Als Mutter eines kleinen Kindes kann ich sagen, dass es besser ist, überhaupt zu praktizieren als gar nicht, auch wenn es durch die Umstände bedingt zeitweise nicht möglich ist, einen solchen strikten Tagesablauf einzuhalten.

Eine moderne Form des Gebetes finden wir bei Sabine Bobert, Professorin für Theologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, in ihrem Werk „Mystik und Coaching“ von 2011. Ich habe das Buch bisher nicht gelesen und ihre Methode daher nicht selbst ausprobiert, habe aber vor, darüber zu berichten, sobald ich dazu komme.

Hat eine/r von euch schon Erfahrung mit dieser Gebetsweise gemacht?

 

 

Bibel lesen – aber sinnvoll

Gestern fiel das erste Mal seit langem in der Predigt eines Kollegen ein Satz, der sich mir auf Anhieb eingeprägt hat. Die Bibel sei die „beste Schule für Pluralität.“ Das ist wahr! Wie wahr!

Gestern fiel das erste Mal seit langem in der Predigt eines Kollegen ein Satz, der sich mir auf Anhieb eingeprägt hat. Die Bibel sei die „beste Schule für Pluralität.“ Das ist wahr! Wie wahr! Es zeigt sich nicht nur daran, dass der Jesus des Johannesevangeliums ein anderer ist als der des Markusevangeliums. Es zeigt sich besonders herausfordernd dann, wenn Menschen, die heute leben, versuchen, sich über die biblischen Texte auszutauschen und gemeinsame Wahrheiten oder Grundsätze daraus abzuleiten. Das ist dann wirklich ein Ringen und Stöhnen angesichts der Vielfalt, die hier zutage tritt. Vielfalt der Meinungen und Vielfalt der Menschentypen, die diese vertreten. Deshalb ist für mich auch die Frage viel spannender, warum ein bestimmter Mensch diese oder jene Ansicht hat als die Ansicht selbst.

Wunderbar hat das Jeff Meyerhoff ausgedrückt

Die von mir erteilte Antwort ist, dass unsere Überzeugungen aus unseren einzigartigen Lebenserfahrungen entstanden sind und gewisse Überzeugungen befriedigen unsere psychischen Bedürfnisse, indem sie uns veranlassen, an gewissen Perspektiven und Weltanschauungen festzuhalten. Wir können die innigen Verbindungen zwischen unseren philosophischen, moralischen, ästhetischen und politischen Überzeugungen und unserer Lebensgeschichte aufdecken. Wir entdecken, dass wir mit anderen nicht nur wegen unserer unterschiedlichen Überzeugungen nicht übereinstimmen, sondern weil wir andere psychische Bedürfnisse haben.

Nachzulesen auf: http://www.integralworld.net/de/meyerhoff5_de.htm

Darüber zu reden lohnte sich! Warum verstehst du etwas so und nicht anders? Doch wie viel Selbstreflexion wird da von uns Menschen verlangt! Zu wissen, nicht nur was, sondern warum wir etwas wichtig oder unwichtig finden, so oder anders verstehen wollen. Welche Entdeckungen könnten wir da alleine oder gemeinsam machen. Welche Abgründe aufdecken, zu welchen Tiefen vorstoßen!

Nicht nur hat sich in der Bibel die Mannigfaltigkeit des Lebens und der Menschen niedergeschlagen. Sondern diese Fülle an Deutungen und Geschichten zeugt von der Buntheit des Lebens an sich, den vielen parallel verlaufenden Lebenswegen. Vielen ist das – so erlebe ich es – zu bunt. Und dann wird eine Grenze gezogen, irgendwo, sich abgegrenzt, zugemacht, ausgeblendet, was nicht mehr passen will. Wir könnten es „negative Komplexitätsreduktion“ nennen.

Dabei liegt hier tatsächlich DIE Chance. Im Umgang mit diesem Buch erlangen wir wirklich eine der wichtigsten Kompetenzen für das Leben selbst: Mehrdimensionales und komplexes Denken.

Dazu will ich Bonhoeffer zitieren.

Ich hoffe, dass ihr trotz der Alarme die Ruhe und Schönheit dieser … Tage voll auskostet. Man lernt ja allmählich von den Bedrohungen des Lebens innerlich Abstand zu nehmen, d.h. ‚Abstand zu gewinnen‘ klingt eigentlich zu negativ, zu formal, zu künstlich, zu stoisch, richtiger ist es wohl, zu sagen: man nimmt dies täglichen Bedrohungen in das Ganze des Lebens mit hinein. Ich beobachte hier immer wieder, dass es so wenige Menschen gibt, die viele Dinge gleichzeitig in sich beherbergen können; wenn Flieger kommen, sind sie nur Angst; wenn es etwas Gutes zu essen gibt, sind sie nur Gier; wenn ihnen ein Wunsch fehlschlägt, sind sie nur verzweifelt; wenn etwas gelingt, sehen sie nichts anderes mehr. Sie gehen an der Fülle des Lebens und an der Ganzheit einer eigenen Existenz vorbei; alles Objektive und Subjektive löst sich für sie in Bruchstücke auf. Demgegenüber stellt uns das Christentum in viele verschiedene Dimensionen des Lebens zu gleicher Zeit; wir beherbergen gewissermaßen Gott und die Welt in uns. Wir weinen mit den Weinenden und freuen uns zugleich mit den Fröhlichen; wir bangen um unser Leben, aber wir müssen doch zugleich Gedanken denken, die uns viel wichtiger sind als unser Leben. … Das Leben wird nicht in eine einzige Dimension zurückgedrängt, sondern es bleibt mehrdimensional-polyphon. Welche Befreiung ist es, denken zu können und im Gedanken die Mehrdemensionalität aufrechtzuerhalten. … Man muss die Menschen aus dem einlinigen Denken herausreißen – gewissermaßen als ‚Vorbereitung‘ bzw. ‚Ermöglichung ‚ des Glaubens, obwohl es in Wahrheit erst der Glaube ist, der das Leben in der Mehrdimensionalität ermöglicht.

Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung (25.4.1944)

Wenn wir bereit wären, im Gespräch über biblische Texte oder daraus abgeleitete Glaubensvorstellungen darüber zu sprechen, WARUM gerade UNS dieses oder jenes wichtig oder unwichtig ist, aus welchen Erfahrungen heraus wir dieses oder jenes glauben oder meinen, könnten wir die Erfahrung machen, dass wir gemeinsam daran wachsen. Meine Erfahrung ist hier leider, dass viele gerne theoretisch über alles Mögliche diskutieren, sich aber sofort ausklinken, sobald eine persönliche Frage damit verknüpft wird. Solange wir nicht bereit sind, mit dem Zeugnis unseres Lebens für Inhalte einzustehen, sind diese Inhalte wie Möbel oder Accessoires, hinter denen wir uns verstecken.

Und was mir noch wichtiger erscheint, wir vergeben uns damit die Chance, produktiv und schöpferisch mit Komplexität umzugehen. Denn es ist eben nicht so, dass der eine Recht hat und der andere nicht. Sondern: Jeder hat Recht auf seine Weise. Und schon diese Sätze sind vermutlich vielen zu kompliziert, zu anstrengend. Ich meine hiermit nicht naiv, dass ich den Attentäter, der gerade mit dem Messer, Bus oder was auch immer auf mich losgeht, erst fragen möchte, warum er das tut. Sondern das alltägliche Phänomen im Gespräch mit Menschen, die genug Zeit hätten, tiefsinnige und persönliche Gespräche zu führen, es aber gezielt vermeiden. Vermutlich macht Komplexität viel Angst. Ist die Angst doch das Zeichen, dass wir uns auf unbekanntes Terrain begeben und neue Dinge tun oder hören, die unser Leben verändern könnten.

Die Bibel ist hier ein Wunder. Die Bibel zwingt viele regelrecht, sich auf ihre Komplexität einzulassen. Einmal richtig zuzuhören. Und noch einmal. Und noch einmal. Den Text oder uns in Frage stellen. Meine Erfahrung ist, dass dieses Buch vor allem und zunächst das Leben von Menschen verändert, wie es kein anderes tut. Gerade, WEIL es so vielstimmig und mehrdeutig ist, weil es so viele Autoren hat und diese so viele verschiedene Erfahrungen mit Gott machen durften. Also lasst uns diese Vielfalt feiern! Lasst uns darüber freuen! Und dann sprechen: Über uns. Über unser Leben. Und unsere Erfahrungen mit Gott. Und jeden Satz beginnen mit: Ich verstehe das so, weil…

Christliche Schattenarbeit

Schattenarbeit ist das Bemühen darum, sich diesem Unbewussten wieder bewusst zu werden, zu stellen und es auf eine gesunde produktive Art zu reintegrieren.

Heute will ich mich mit euch einem der wichtigsten Themen der integralen Praxis widmen: Der Schattenarbeit. Ich bin der festen Ansicht, dass die christliche Tradition uns hier einen überreichen Schatz zur Verfügung stellt, der viel zu selten gehoben wird.

Zunächst allerdings zum Begriff „Schattenarbeit“ für alle, die damit noch nichts oder nur wenig anfangen können. Der erstmalige Verwendung des Begriffs „Schatten“ in dem Sinn, wie wir ihn hier verwenden, wird üblicherweise dem Psychologen C.G. Jung zugeschrieben. Der Schatten eines Menschen enthält nach Jung, was seinem positiven Selbstbild und seiner Darstellung nach außen entgegensteht und deshalb ins Unbewusste verdrängt wird. Nach außen sichtbar wird lediglich in Form von Projektionen, wie z.B. dem Hass auf Charaktereigenschaften eines anderen Menschen oder heftigen emotionalen Reaktionen, die in keinem adäquaten Verhältnis zur Situation stehen.

Schattenarbeit ist das Bemühen darum, sich diesem Unbewussten wieder bewusst zu werden, zu stellen und es auf eine gesunde produktive Art zu reintegrieren. Es bedeutet also eine intensive, unter Umständen bis an die Grenzen gehende Herausforderung, sich den dunklen, ungeliebten Stellen in den Tiefen unserer Psyche zu stellen, um sie schließlich liebevoll zu umarmen.

Die Kirchenväter und auch die Seelsorger heutiger Tage verwenden dazu seltener den Begriff „Schattenarbeit“, sondern sprechen von einem Kampf mit den Dämonen. Je nach Ebene wird dieser Kampf allerdings unterschiedlich gedacht: Einmal als reale Besessenheit von außen, und einmal bildlich, also so, dass es sich bei den „Dämonen“ um Teile unserer Selbst handelt, mit denen wir ringen. Je nachdem lesen wir selbstverständlich auch die biblischen Geschichten über Versuchung anders.

Werfen wir zunächst einen Blick darauf, welche Methoden der Schattenarbeit uns in der Bibel begegnen. Später will ich auf spätere Formen und Möglichkeiten zu sprechen kommen.

Nach seiner Taufe im Jordan zieht sich Jesus zurück. Er nimmt Abstand von der Gesellschaft, Abstand von dem, was geschehen ist, Abstand vom Alltag. Diesen Rückzug machen ihm später zahlreiche Menschen nach, ob als Eremiten, Mönche, Nonnen, Kloster auf Zeit.

Er nimmt sich Zeit. Ganze vierzig Tage.

Als Ort wählt er die Wüste. Die Weite und Leere der Wüste scheint ein perfekter Ort dafür, das eigene Innere nach außen zu projizieren und damit zu ringen. Manchmal gibt es nichts Schwierigeres, als mit sich selbst allein zu sein. Keine Zerstreuung, kein Gesprächspartner.

Während er in der Wüste weilt, fastet er zudem. Er verzichtet eine Zeit lang auf das Essen als Ablenkung, Vertröstung, Kraftverschwendung. Alles dient der Fokussierung.

Und er ringt mit dem Teufel. Wir könnten auch sagen, mit all den vielen verschiedenen Stimmen in sich, die ihm helfen, durch Abgrenzung zu sich selbst zu finden. Kaum werden wir leise, hören wir sie umso lauter: Unsere ständig kreisenden, plappernden Gedanken und Überlegungen. Und je länger wir alleine sind, desto mehr Macht gewinnen sie über uns. Jesus verlässt die Wüste gestärkt und selbstbewusst.

Jesus sitzt auch nach seinem Wüstenaufenthalt regelmäßig in der Stille. Allein. Auch kurz vor seiner Verhaftung im Garten Gethsemane. Seine Gebetspraxis ist gleichzeitig die effektivste Schattenarbeit. Es gelingt ihm gleichzeitig, den kleinen, ängstlichen und lebenshungrigen Mann in sich zu umarmen, der am liebsten fliehen würde und alles rückgängig machen, was zu seiner Kreuzigung geführt hat – und sich dem großen, unbegreiflichen Gott gegenüber fallen zu lassen, der unsagbares mit ihm vorhat.

Wenn wir unseren Schatten kennenlernen wollen, geben uns unsere Projektionen wertvolle Hinweise.

In Mt 7,3 rät Jesus uns dazu, den Balken im anderen Auge als eigene Projektion zu erkennen. Der Balke in unserem eigenen Auge ist es, der überhaupt erst macht, dass uns der Balke im anderen Auge stört.

1 Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.

2 Denn wie ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden.

3 Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?

4 Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen! – und siehe, ein Balken ist in deinem Auge?

5 Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.

Der Mediziner und Bestsellerautor Rüdiger Dahlke bringt es auf seinem Blog (http://blog.dahlke.at/schattenarbeit-im-beziehungs-alltag/) auf die einfache Formel: „Was immer uns stört hat mit uns zu tun.“ Schattenarbeit könne deshalb wunderbar im Beziehungsalltag integriert werden. Was uns am Partner stört, gibt uns Anhaltspunkte dafür, woran wir uns an uns selbst noch stören. Die Ehe sei deshalb die beste Psychotherapie. Tatsächlich gilt die Ehe in der katholischen Kirche als Sakrament, in der orthodoxen als Mysterion/Geheimnis als ein Weg der Heiligung. Was für die Ehe gilt, trifft selbstverständlich für jede andere engere Gemeinschaft ebenfalls zu.

Darüber hinaus hindert uns die Beschäftigung mit dem Balken im Auge des anderen daran, uns auf uns selbst zu konzentrieren und an uns zu „arbeiten“. Es ist der beste Weg, jede Verantwortung und Schuld von uns wegzuschieben. Damit aber leider auch der beste Weg, uns selbst zu verfehlen.

Jesus rät uns in der Bergpredigt Mt 5 dazu, unsere Feinde zu lieben. Dieser Rat enthält mehrere hilfreiche Aspekte. In unserem Kontext bedeutet er, dass wir es unseren Feinden zu verdanken haben, zu wissen, wer wir sind und wer wir nicht sind. Sie verhelfen uns dazu, unsere Grenzen kennenzulernen und zu definieren. Ohne unsere Feinde wären wir nicht „wir“.

Bei der Schattenarbeit geht es nicht darum, mit zerknirschtem Gesicht unsere Schuld zu bekennen. Leider ist das die einzige verdrehte Form der Schattenarbeit, die ich in unseren evangelischen Gottesdiensten beobachten kann. Da wird zum Beispiel in einer Predigt freimütig gestanden, dass er, der Pfarrer, möglicherweise zu Narzissmus neigt, da er so gerne zu anderen rede. Das ist keine echte Schattenarbeit. Denn diese hat nicht die Zerknirschung oder das Bekenntnis irgendeiner Schuld zum letztendlichen Ziel, sondern die liebevolle Integration des Unvollkommenen und Bösen in uns mit dem Ergebnis echten inneren Friedens.

Was meint ihr? Ihr dürft gerne weitere Aspekte ergänzen, die euch dazu einfallen.