„Spirituell, aber nicht religiös“ – Menschen auf dem postmodernen Level

Unterschied, aber auch die Verbindung von Spiritualität und Religion

Paul Smith äußert sich in seinem Buch „Integral Christianity“ zu einer Bewegung, die er „Spirituell, aber nicht Religiös“ nennt. Einer Umfrage zufolge definiere sich einer von fünf Amerikanern auf diese Weise.

Er beruft sich dabei auf eine Vermutung in dem gleichnamigen Buch von Robert C. Fuller aus dem Jahre 2001 „Spiritual, but not Religious. Understanding Unchurched Amerika.“ Dieser beschäftigt sich darin mit der Frage, was die Amerikaner damit meinen, wenn sie sich selbst so bezeichnen. Ein Teil davon sehe in der organisierten Religion geradezu den Feind der authentischen Spiritualität, zumindest sei sie nicht notwendig. Sie wiesen damit auf die Gefahr hin, dass die persönliche spirituelle Erfahrung bei dem Befolgen bestimmter Rituale, Wiederholen von Glaubensinhalten etc. auf der Strecke bleibe.

Die Bewegung – früher auch „New Age“ genannt – resultiere daraus, dass Menschen auf dem postmodernen Bewusstseinslevel (entspricht „Grün“ in Spiral Dynamics) damit anfingen, ihre Glaubensinhalte und spirituellen Praktiken selbst auszuwählen.

Das führe zwangsläufig zu Kritik an der traditionellen Kirche, da diese es versäume, bestimmte Themen ernst zu nehmen – wie bspw. verschiedene Bewusstseinszustände.

Eine Schwäche sieht er in dem häufig anzutreffenden Glaubenssatz, wonach jeder Mensch seine Realität selbst schaffe. Diese Sicht konzentriere sich einseitig auf die Perspektive der 1. Person (subjektiv) und blende die 2. und 3. (intersubjektiv und objektiv) völlig aus. Doch die Realität sei ebenso das Ergebnis des Bewusstseins aller anderen Menschen sowie das Ergebnis natürlich gegebener Bedingungen.

In dem unten verlinkten Video erläutert der Jesuit und Priester David McCallum, worin er den Unterschied, aber auch die Verbindung von Spiritualität und Religion sieht.

Der Priester McCallum ist ein Experte im Bereich Erwachsenenbildung, Persönlichkeitsentwicklung und Leadership. Er beschäftigt sich schon lange mit der integralen Theorie.

Eine gesunde Religion schaffe eine Menge Raum für vielfältige Formen an Spiritualität, denn sie sei der ständige Versuch der Rückbindung an eine spirituelle Ursprungserfahrung. Der Gründer des Jesuitenordens Ignatius von Loyola habe – im Gegensatz zu den evangelischen Reformatoren – beschlossen, seine Kirche durch spirituelle Praxis von innen heraus zu transformieren, statt sich von ihr zu trennen. Dies sei der eigentlich schwerere Weg, denn es sei leichter das Störende und Unvollkommene zu verlassen, statt es weiterhin ertragen und aushalten zu müssen.

Diese Gedanken finde ich in Bezug auf die heutige Situation der Kirche mit ihren zahlreichen Austritten als wesentlich.

Statt sich selbst zu engagieren und seine Stimme für etwas zu erheben, treten viele aus der Kirche aus, weil sie sich über dieses oder jenes ärgern und sich damit nicht identifizieren können. Oder statt in einen Gottesdienst oder zu einer Veranstaltung zu kommen, wo sich zwangsläufig sehr unterschiedliche Charaktere und Meinungen begegnen – was extrem anstrengend und herausfordernd sein kann – beten und/oder meditieren viele lieber mit Gleichgesinnten im Yoga-Kurs oder bei sich daheim etc. Aus meiner Sicht offenbart sich durch ein solches Verhalten häufig der Unwille, an etwas Neuem, Fremdem und Störendem zu wachsen und zu reifen, als eine tatsächliche Überlegenheit. Dazu kommt, dass die Anbindung an eine Gemeinschaft auch Ansprüche an uns selbst stellt wie z.B. früher aufstehen, bestimmte Rituale erlernen und mich regelmäßig daran beteiligen, mich sichtbar und damit angreifbar machen und ähnliches. Trauriger Höhepunkt davon sind Aussagen wie „Mein Glaube geht niemanden etwas an.“ oder „Ich habe meinen Glauben.“ oder das völlige Ausspielen von Privatglauben einerseits und öffentlichem Glauben andererseits. Das ist die EINE Seite.

Die ANDERE ist jene, auf die sowohl McCallum als auch Smith anspielen: Wenn die Gemeinschaft, der ein Mensch innerhalb der Kirche(n) vor Ort begegnet, extrem weit von dem entfernt ist, wie er denkt und lebt, – also mehrere Bewusstseinsstufen dazwischen liegen – sehnt er sich verständlicherweise nach einem Umfeld, das ihn nicht stagnieren, sondern wachsen und lernen lässt. Das ist es, was vermutlich McCallum meint, wenn er davon spricht, dass die Kirche mit „Erwachsenen“ umgehen können muss, also Menschen, die selbst fähig sind, spirituelle Erfahrungen zu reflektieren, Menschen ab der Stufe orange aufwärts.

Quellen: Paul Smith: Integral Christianity: The Spirit’s Call to evolve, 2011.

https://sacredstory.net/about/fr-david-mccallum-s-j-ed-d/

 

Kurze Einführung ins Integrale Christentum

Christian Schmill gibt auf seinem Blog eine kurze Einführung zum Thema und weist auf die wachsende Bedeutung der Bewegung hin:

Kirchentag auf dem Weg in Leipzig Im letzten Jahr war ich als Pressevertreter für das Online-Magazin „theologiestudierende.de“ auf dem „Kirchentag auf dem Weg“ in Leipzig. Dort veranstaltete das „Forum für Gemeinschaft und Theologie“ eine Podiumsdiskussion, an der u.a. Marion Küstenmacher teilnahm (ecclesia semper reformanda). Marion Küstenmacher erzählte wie sie und ihr Mann, […]

über Integrales Christentum — schmillblog

Steckt die integrale Theorie Menschen in Schubladen?

Manche lehnen die integrale Theorie ab, weil sie meinen, diese stecke Menschen in Schubladen. Nun, das kann man tun. Allerdings sollte man sich dabei bewusst sein, dass man damit die Sinnhaftigkeit und Existenzgrundlage der Entwicklungspsychologie als solches ablehnt

Manche lehnen die integrale Theorie ab, weil sie meinen, diese stecke Menschen in Schubladen. Nun, das kann man tun. Allerdings sollte man sich dabei bewusst sein, dass man damit die Sinnhaftigkeit und Existenzgrundlage der Entwicklungspsychologie als solches ablehnt, also einen empirisch belegten Wissenschaftszweig. Denn schließlich handelt es sich in beiden Fällen um Modelle. Und ich wüsste nicht, wie man Modelle aufstellen können sollte, wenn nicht durch “Schubladen“, d.h. Kategorisierung. Klar kann man auch den Menschen überhaupt als Forschungsobjekt ablehnen, mit dem Argument, dass eine Verobjektivierung dem Subjekt Mensch nie gerecht werden kann, dass es eine Subjekt-Subjekt Begegnung auf Augenhöhe braucht…

Doch aus meiner Sicht sind die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie viel zu spannend und aufschlussreich, als dass ich auf diese verzichten wollte. Schon allein wenn ich daran denke, wie viel diese Erkenntnisse dazu beigetragen können, unseren Erziehungsstil zu verändern. Wenn wir ein bisschen mehr darüber wissen, wie sich ein kleines Kind entwickelt, gehen wir gänzlich anders mit ihm um. (Vgl. dazu den Bestseller „Oje, ich wachse! Von den acht „Sprüngen“ in der mentalen Entwicklung Ihres Kindes während der ersten 14 Monate und wie Sie damit umgehen können.“ von Hetty  van de Rijt und Frans X. Plooji, 1998).

Wer selbst Kinder hat, kennt vermutlich die Erfahrung, dass das Denken des Kindes mitunter durch seine Andersartgkeit befremden kann (z.B. „wenn ich niemanden sehe, sieht mich auch niemand“ oder „wenn die Mama das Zimmer verlässt, ist sie weg“). Eine Konsequenz daraus könnte sein, dass ich das Kind nach Möglichkeit nicht mehr alleine lasse, solange es kognitiv noch nicht in der Lage ist, zu verstehen, dass die andere Person auch noch existent ist, wenn sie sich im anderen Raum befindet.

Auch aus den offiziellen Lehrplänen der Schulen, Kindergärten und Kindertagesstätten sind die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie nicht mehr wegzudenken, weswegen jeder angehende Lehrer oder Erzieher Kenntnisse in diesem Bereich nachweisen muss.

Und: Heute wissen wir, dass sich ein Mensch und seine Art zu denken nicht nur im Kindesalter entwickelt, sondern ein Leben lang. Sich dessen ständig bewusst zu sein, kann so manches zwischenmenschliche Missverständnis verhindern oder im Nachhinein aufhellen. Gerade wenn es um Glaubensinhalte oder Weltanschauungen  geht, können wir im Gespräch unschwer feststellen, dass sich hier nicht nur die Inhalte, sondern auch die Art und Weise zu denken mitunter drastisch unterscheiden kann. Einfachstes Beispiel ist ein Mensch, der  tief in einem „Schwarz-Weiß-Denken“ gefangen ist. „Entweder du liebst mich und heiratest mich sofort oder ich bin dir sch…egal.“ oder „Entweder kommt ein Mensch in den Himmel oder in die Hölle.“

Wenn ich meinen Mitmenschen ein bisschen einordnen kann, verstehe, wie er „tickt“, gehe ich anders – und ich würde sagen „verständnisvoller“, auch wenn dieses Verstehen häufig erst wachsen muss – mit ihm um. Das gilt selbstverständlich auch in Bezug auf den Umgang mit mir selbst, wobei wir hier mit vielen blinde Flecken rechnen dürfen. Fast jeder wähnt sich gerne reif, weise und lebenserfahren. Das sagt jedoch nichts über den tatsächlichen Reifegrad oder die Entwicklungsstufe aus.

Gefährlich wähnt mir lediglich, wenn wir einen Menschen dergestalt in Schubladen stecken, dass wir ihm  sein Entwicklungspotential absprechen und uns nicht weiter mit ihm auseinandersetzen wollen, ihn also „festnageln“. Doch da sagt die Entwicklungspsychologie  und im Anschluss die integrale Theorie genau das Gegenteil: Sie behauptet ja gerade oder stellt fest, dass der Mensch wesentlich auf Entwicklung angelegt ist und das lebenslang.

Im Übrigen ist es wesentlich leichter zu sagen: „Menschen sind viel zu verschieden und zu komplex, um sie einteilen zu können“ als sich um das Verständnis der dahinterstehenden Erkenntnisse zu bemühen und uns bei jedem Menschen, den wir treffen, erneut zu fragen, in welcher Phase sich dieser wohl gerade befindet, welche Bedürfnisse daraus erwachsen und wie möglichst angemessen mit ihm kommuniziert werden sollte etc. Aus meiner Sicht führt die Auseinandersetzung mit Modellen nicht zu primitiver Vereinfachung, sondern im Gegenteil zu einer vertieften Wahrnehmung von bestehender Komplexität.

Über einzelne Vertreter der Entwicklungspsychologie und deren Forschungen werde ich bald mehr schreiben.

Was meint ihr?

 

 

 

Ken Wilber über integrales Christsein

Im Folgenden fasse ich einen Vortrag für euch zusammen, den Ken Wilber 2015 auf einer christlich integralen Versammlung gehalten hat.

Im Folgenden fasse ich einen Vortrag für euch zusammen, den Ken Wilber 2015 auf einer christlich integralen Versammlung gehalten hat. Ich habe ihn in der Facebook Gruppe „Integral Christianity“ gefunden.

Ken Wilber unterscheidet drei Gesichter Gottes:

Jesus Christus redete ÜBER Gott; er redete ZU Gott; und er redete ALS Gott.

Diese entsprechen einer abgekürzten Version der vier Quadranten: Ich, Du, ER/SIE/ES, Sie, bei der die zwei letzteren in eins fallen und gemeinsam die „objektive“ Seite bilden – als Gegenüber zur subjektiven Seite aus „ich“ und „du“.

Die Quadranten stehen bekanntlich für verschiedene Perspektiven, die eingenommen werden können und alle gleichermaßen wichtig und wahr sind.

Der Punkt ist nun, dass jede und jeder von uns genau dieselben Perspektiven in Bezug auf den GEIST, also das Göttliche, einnehmen können wie Jesus. Wir können über Gott reden wie über eine objektive Realität, wir können zu ihm reden wie zu einem engen Vertrauten, und wir können das Göttliche tief in uns als unser wahres SELBST, die ultimative Realität, entdecken.

Wenn wir zu dem Christusbewusstsein erwecken, reden wir ebenso wie Jesus aus all diesen Perspektiven. Nicht eine der Perspektiven ist richtig und die andere falsch, sondern alle sind zugleich richtig, wahr und untrennbar miteinander verflochten.

Die Trinitätslehre, Vater, Sohn und Heiliger Geist, enthält diese drei Gesichter Gottes. Sie zeigt, dass alles in dieser Welt aus Beziehung besteht, aus verschiedenen Dimensionen und Perspektiven. Sobald durch die Schöpfung das Formlose Gestalt annimmt, entsteht Beziehung zwischen verschiedenen Formen. Alles kann aus den vier Perspektiven des Quadranten wahrgenommen werden.

Die zahlreichen Theorien und Modelle zur Bewusstseinsentwicklung der Menschheit sind sich in wenigen Punkten erstaunlich einig: Spiritualität entwickelt sich in Stufen weiter. (Ganz genauso wie kognitive Fähigkeiten sich entwickeln, moralische Werte oder emotionale Intelligenz sich entwickelt.)

Auf jeder Stufe – der archaischen, mythischen, der modernen, der postmodernen, der integralen, wird die Welt völlig anders wahrgenommen. Das gilt für jede Religion gleichermaßen: Bei den Hinduisten, Buddhisten, Christen, Muslimen, Juden usw. durchlaufen alle Menschen gleichermaßen nacheinander die verschiedenen Stufen.

Allerdings wurden diese Stufen erst vor kurzem durch die Wissenschaft entdeckt. Denn ein Problem dabei ist, dass diese wie die Grammatik einer Sprache funktionieren: Der Mensch bewegt sich darin, ohne sich der dahinter stehenden Regeln bewusst zu sein, und hält sie für die einzig wahre Weltsicht.

Ken Wilber unterscheidet zwei Wege der spirituellen Entwicklung: „Growing Up/Aufwachsen“ und „Waking Up/Aufwachen“. Ersteres bezeichnet die spirituelle Entwicklung eines Menschen von einer Stufe zur nächsten. Letzteres bezieht sich auf Erfahrungen von Erleuchtung und Wandlung. Diese Erfahrungen von Einssein, diese besonderen Bewusstseinszustände werden jeweils abhängig von der Stufe, auf der sich der Mensch befindet, und der dazu passenden Denkstruktur, völlig anders gedeutet.

Ein Christ auf der magischen Stufe sieht Jesus als den Superstar, der auf dem Wasser geht. Auf der mythischen Stufe wird die Bibel wortwörtlich ausgelegt und zwischen denen, die gerettet werden und denen, die verloren gehen, strikt unterschieden usw.

Insgesamt bewegt sich das menschliche Bewusstsein von einer ethnozentrischen Identität zu einer weltzentrischen Identität, was bedeutet, dass ein Mensch sich nicht mehr primär über die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, Clan, Dorf etc. versteht, sondern über seine Zugehörigkeit zur Welt als Ganzes. Aus dem Drang zur Abgrenzung wird ein Drang zur Integration und Versöhnung. Doch Forschungen haben gezeigt, dass momentan noch 60-70 % der Menschheit sich auf dem ethnozentrischen Level oder gar darunter (also nur mit dem Überleben beschäftigt)befinden.

Doch es gibt bereits das integrale Christentum, das weltzentrisch denkt, zu einer kritischen Bibellektüre fähig ist und Jesus als Inspiration dazu annimmt, ähnliche Erfahrungen wie dieser zu suchen und zu machen. Diese Menschen können andere Religionen als gleichwertige Partner annehmen, auch neue Praktiken von diesen mit übernehmen, und sich gleichzeitig noch immer als Christen verstehen. Obwohl sie noch in der Minderheit sind, finden sie schon heute immer wieder auf der Suche nach Gleichgesinnten zusammen.

Homepage zu den  regelmäßig stattfindenden Versammlungen: http://returntotheheartevent.com/

Integral Christianity. The Spirit’s Call to Evolve

Es beginnt mit den Worten: „Ich liebe Gott. Ich liebe Jesus. Ich liebe die Kirche. Dies ist ein Buch über diese drei Lieben.

Heute stelle ich euch ein Buch vor, auf das mich ein Kollege aufmerksam gemacht hat. (Dafür an dieser Stelle ausdrücklich herzlichen Dank, Christian Schmill!)

Kaum hatte ich die ersten Seiten gelesen, konnte ich es schon kaum erwarten, euch dieses wunderbare Buch vorzustellen und habe erst mal viel Zeit mit Lesen verbracht. Es geht um „Integral Christianity. The Spirit’s Call to Evolve“ von Paul Smith.

Es erschien 2011 und ist bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt worden – ich denke aber, es ist nur eine Frage der Zeit, bis dies passiert.

Das Buch hat sich für mich auf jeden Fall gelohnt. Es ist eines der wenigen Bücher, die mich richtig glücklich gemacht haben, ich hatte viele Aha Effekte, viel Lächeln auf den Lippen beim Lesen.

Der Autor ist Pastor und Gründer einer integralen Gemeinde – vermutlich der ersten dieser Sorte weltweit.

Nun der Versuch einer – selbstverständlich subjektiven – Zusammenfassung der zentralen Gedanken des Buches. Es beginnt mit den Worten: „Ich liebe Gott. Ich liebe Jesus. Ich liebe die Kirche. Dies ist ein Buch über diese drei Lieben.

Ein Leben lang habe er einen Kampf mit der bestehenden Kirche geführt. In seinem Buch versuche er, ein neues Modell des Christ- und Kirche-seins vorzustellen

„Ich will Gott sehen und erfahren, wie es Jesus getan hat. Das ist die Seele dieses Buches.

In Anlehnung an das Navigationssystem GPS nennt er seinen Ansatz SNS (spirituelles Verortungssystem). Dieses gliedert er – inspiriert durch Ken Wilbers Philosophie – in fünf Punkte, die er Satelliten nennt. Diese sind: 1. Ebenen der Bewusstseinsentwicklung, 2. Bewusstseinszustände, 3. Die drei Gesichter Gottes, 4. Schattenarbeit, und 5. Schritte zur Weiterentwicklung. (Im Englischen heißen sie stages, states, standpoints, shadow work, steps und beginnen damit alle mit dem buchstaben S). Diese sollen helfen, sich spirituell zu verorten und zu wachsen

Eine ideale Kirche ist für ihn nun diejenige, in der sich Menschen in allen diesem Punkten gemeinsam weiterentwickeln können.

Wenn Smith von Ebenen der Bewusstseinsstufen spricht, bezieht er sich weder auf Spiral Dynamics noch auf Ken Wilber, sondern das Buch „Integrales Bewusstsein“ von Steve McInthosh (das ich noch nicht kenne). Doch die beschriebenen Stadien sind in all diesen Fällen ähnlich. Es gibt die übergeordnete Bewegung von einem egozentrischen über einen ethnozentrischen zu einem weltzentrischen Standpunkt. Darüber hinaus unterscheidet er sechs Ebenen: Stamm, Krieger, traditionell, modern, postmodern und integral.

Ausgehend von diesen unterscheidet und beschreibt er die jeweils einer Ebene entsprechenden Kirchen, Gottesvorstellungen, Jesusbilder, das Verständnis von Sünde, Gebetsweisen. Anschließend weist er auf deren jeweilige Stärken und Schwächen hin. Die Schwächen sind dabei ausschlaggebend zur Weiterentwicklung, die Stärken dagegen werden auf der nächsthöheren Ebene integriert.

Warum Menschen von einer Ebene zur anderen übergehen, erklärt er beispielsweise so:

„Der Tornado fegte durch unser Gebiet und tötete dabei fünf Menschen. Aber Gott hat uns verschont.“ Das ist ein komfortabler Gedanke für jeden mit Ausnahme der Familien derer, die dabei ums Leben kamen.

Das nenne ich: Genial und kurz erklärt. Herrlich!

Der Glaube entwickle sich zunächst 1. von dem an einen Stammesgott, der bestraft, belohne und beschütze, über den 2. an einen Kriegsgott, der zornige Rache übe und über seine Feinde richte hin zu dem 3. an den traditionellen Gott als gerechter Richter und Regent und persönliches Gegenüber. Der Mystik gegenüber herrscht Misstrauen.

Die traditionelle Kirche denkt solange hoch von Mystikern, solange sie tot sind. Je länger sie bereits tot sind, desto besser. Vielleicht sind die einzig wirklich gesicherten die, die in der Bibel vorkommen, wo man sie als einmalig ansehen kann.

Darauf komme der 4. moderne und liberale Glaube, der ein neues Gottesverständnis fordert, wissenschaftliche Bibelauslegung betreibt, die Bibel als eine Sammlung von Mythen und Legenden ansieht und Jesus „nur noch“ als besonderen Menschen und Vorbild verehrt. Auf der 5. postmodernen Stufe werde erkannt, dass alles durch das Bewusstsein vermittelt sei und es keine absoluten Werte mehr gäbe, alles also relativ und andere Religionen gleichwertig seien. Werden mystische Erfahrungen davor noch als Halluzinationen angesehen, werden sie nun neu gesucht. Eine Schwäche sei hier jedoch die völlige Ablehnung jeglicher hierarchischen Ordnung. An vorerst letzter Stelle steht 6. die integrale Stufe, die als erste den Entwicklungsweg erkennt und jede darin enthaltene Etappe wertschätzt.

Von einem integralen Standpunkt aus läse sich die Bibel als ein einzigartiges Zeugnis von spiritueller Entwicklung der Menschheit. Jesus offenbare sich als einen integralen Denker, der um die verschiedenen Ebenen spiritueller Entwicklung weiß.

Viele Begebenheiten mit Jesus lassen sich anders verstehen, wenn wir ausgehen, dass er sich aufgrund dauerhafter spiritueller Praxis und Erleuchtung dauerhaft in anderem Bewusstseinszustand befand, einem tiefen Wissen um die Verbundenheit mit Gott. Deshalb konnte er beispielsweise heilen, Gedanken lesen oder mit Toten sprechen.

Auch seine Jünger und die Christen seien bis heute fähig, solche besonderen Bewusstseinszustände selbst zu erleben. Die Selbstdefinition der frühen Christen erfolgte über gemeinsame Erfahrungen dieser Art, nicht über Lehrsätze. Erst später wurde die Kirche als Verbündete des Staates selbst der größte Feind von individuellen spirituellen Erfahrungen. Sie begann Dogmen zu lehren statt zu Gebetstechniken anzuleiten.

Der Autor berichtet an dieser Stelle über seine eigenen spirituellen Erfahrungen, die über die Jahre immer reicher und tiefer wurden und ermutigt uns, eigene Praktiken auszuprobieren.

Der Autor unterscheidet die drei Gesichter Gottes:

Jesus spoke about God, to God, and as God. Jesus redete über Gott, zu Gott und als Gott.

Diese Gesichter Gottes seien auch für uns ein Modell für eine ideale Gottesbeziehung. Im Westen sei man es gewohnt, über oder zu Gott zu reden, doch das dritte Gesicht bereite vielen große Schwierigkeiten. Es ginge darum in seinem tiefsten Inneren auf das Göttliche, das wahre Selbst, zu treffen, durch das wir alle eins sind. Das bedeute aber auch, dass wir den Glauben, dass Jesus der einmalige und einzige Sohn Gottes sei, aufgeben müssten. Anstatt Jesus als Mensch zu sehen, der seine Göttlichkeit entdeckt habe, sähe man Jesus häufig als Gott, der zu den Menschen hinabgestiegen sei, um den Zorn Gottes über die Sünden der Menschheit auszutilgen. Die Lehre der Ostkirche, die Theosislehre, entspräche eher der biblischen Botschaft, wonach Gott Mensch geworden sei, damit der Mensch vergöttlicht (vereint mit Gott) werde.

Schließlich beschreibt er jeden Menschen als ein Fraktal Gottes, also als einen Teil, der gleichzeitig immer auch das Ganze in sich trage. Das Reich Gottes sei das Leben auf dieser höchstmöglichsten Bewusstseinsstufe, die diese Wahrheit, ein Teil Gottes zu sein, tief verinnerlicht habe.

Um spirituelles Wachstum zu beschreiben, bedient er sich des Bildes einer Rolltreppe: Jeder kann in seiner Religion Stockwerk für Stockwerk nach oben reisen. Ein Religionswechsel sei dazu unnötig, wenn nicht sogar kontraproduktiv, da die Gefahr bestehe, dass man sich nur die Rosinen rauspicke, an den eigentlichen Herausforderungen aber vorbeigehe. Viel sinnvoller sei es, die eigene Tradition nach und nach immer besser verstehen und kennen zu lernen.

Weiter entwirft er eine Vision für die integrale Kirche und zählt derzeit existente Trends in und außerhalb der Kirche auf. Dabei setzt er sich intensiv mit der New Age Bewegung – von ihm „Spirituell, aber nicht religiös“-Bewegung genannt – auseinander. Als Modell für eine integrale Kirche beschriebt er seine eigene Kirche, die Broadway Church.

Auf vielfache Anfrage möchte ich noch folgendes ergänzen:

Die markantesten Unterschiede des Buches zu Gott 9.0 aus meiner Sicht:

Zwar werden jeweils verschiedene Ebenen voneinander unterschieden, doch beschreibt Smith lediglich sechs Ebenen, und damit weniger als bei Graves/SD und folglich auch bei Gott 9.0, es fehlt sowohl nach unten hin das Äquivalent zu beige als auch nach oben zu Türkis und Koralle. Während in Gott 9.0 noch jeweils die Beschreibung der beigen, purpurnen etc. Gesellschaft erfolgt, konzentriert sich Smith voll und ganz auf die religiösen Inhalte. Besonders aufschlussreich und äußerst treffend fand ich hier die beschriebene Entwicklung davon, was jeweils unter „Sünde“ und jeweils unter „Mystik“ verstanden wird.

Die große Stärke des Buches sehe ich in noch einem anderen Punkt: Es ist das sehr persönliche Zeugnis eines Leiters einer Gemeinschaft, die sich unter seiner Leitung zu einer integralen Gemeinde entwickelt hat. Deshalb bekommen die wichtigsten Fragen, die sich dabei unweigerlich stellen, Raum: 1. Die der Hermeneutik. Wie können integrale Christen die Bibel neu lesen? Und 2. die der Ekklesiologie. Wie kann eine integrale spirituelle Praxis konkret in der Gemeinde und im Gottesdienst gelebt werden?

Mein Fazit: Dem Autor ist eine hervorragende Übertragung von integralem Gedankengut auf das Christentum gelungen. Er stellt sich – als ein authentisches Gegenüber – allen diesbezüglich bedeutsamen Fragen und Zweifeln. Dadurch gelingt ihm eine Art einzigartige Versöhnung von Christentum und New Age. Wem diese Art Vermischung allerdings zu synkretistisch ist, sei von dem Buch abgeraten.

Ein Kritikpunkt meinerseits ist momentan:

Der Autor erklärt, dass man beim Übergang von einer Bewusstseinsebene zur nächsten einiges an Ballast loswerden müsse. Das mag sein, doch was genau da jeweils ist, darüber wird man sich streiten müssen. Für ihn gehört dazu vor allem die traditionelle Trinitätslehre und Soteriologie. Hier fehlt mir eine gelungene Integration der wichtigen Wahrheiten und Erkenntnisse, die diese Lehren mit sich bringen. Mit einem „einfach über Bord werfen“ macht man es sich m.E. zu leicht.

Der Autor hat große Probleme damit, Jesus als einmalig zu bekennen, weil es uns angeblich die Chance raube, unsere eigene Göttlichkeit zu erkennen und auszuleben. Das mag sich in der Realität häufig so auswirken. Gleichzeitig geht es mir so, dass ich (und andere scheinbar auch, der Autor eingeschlossen) (vielleicht auch deshalb) wirklich noch keinen anderen Menschen getroffen hätten, der wie Jesus voll und ganz vergöttlicht gewesen wäre. Deshalb bleibt er für mich der einzigartige und erste Sohn Gottes. Auch die klassische Trinitätslehre enthält für mich in ihrer Tiefe zu viel Weisheit, als dass ich sie durch die vergleichsweise primitive Redeweise von den drei Gesichtern Gottes ersetzen lassen wollte.

 

Was meint ihr dazu?

 

Ihr findet die Homepage der Gemeinde hier:

https://www.broadwaychurchkc.org/beliefs

Und über den Autor erfahrt ihr hier etwas:

http://www.revpaulsmith.com

Warum ich heute gelb denke

An dieser Stelle möchte ich, ausnahmsweise etwas persönlicher als das sonst der Fall sein wird, davon berichten, wie ich zu dem integralen Ansatz fand beziehungsweise dieser mich. Noch einmal vielen Dank an die Person, die mir diese Frage in der Facebookgruppe zu Gott 9.0 gestellt hat.

Gelb, blau, rot, purpur:

Im Folgenden begegnen euch viele Farben. Es handelt sich um den Code von Spiral Dynamics. Dazu siehe auch meinen und andere Artikel dazu.

Vorneweg: Auch ich denke bei starkem Hunger nahezu ausschließlich beige daran, wo und wie ich am schnellsten an etwas essbares herankomme. Und als ich mich in akuter Lebensgefahr wähnte, war ich purpur froh, von meinen orthodoxen Glaubensbrüdern und -schwestern gelernt zu haben, wie man sich durch eine Ikonen und das Bekreuzigen vor dem Teuflischen schützt. Und an schlechten Tagen kann ich ganz schön rot trotzig und zornig sein. Und … ich glaube, ihr habt den Punkt?

Ich glaube nicht, dass ein Mensch es schafft, immer gelb zu denken. Oder dass das überhaupt ein anzustrebendes Ziel wäre. Genauso wenig wie ein Mensch nur blau, nur grün, nur purpur denkt.

Doch weiter: Vielleicht kennt auch ihr das Phänomen, das ihr etwas sucht, und stattdessen etwas gänzlich anderes findet?

Jesus soll gesagt haben: „Wer sucht, der findet“. Meiner Erfahrung nach finden uns die Ideen und Inhalte, wenn wir bereit für sie sind und nicht unbedingt dann, wenn wir bewusst danach Ausschau halten.

In meinem Theologiestudium herrschte vorwiegend orangenes Denken vor. Jeder wusste es besser als der andere und um das zu zeigen, bediente man sich der wissenschaftlichen Methode. Wer anders dachte als man selbst, war einfach ein bisschen dümmer. Um voranzukommen, bewies man Anpassungsfähigkeit, selbstgewisse Dominanz in Diskussionen und Pragmatismus.

Einige Mitstudenten steckten allerdings so tief im blauen Mem, das es mir zunächst so schien, als müssten alle Kräfte eingesetzt werden, auch diesen Menschen den Sprung ins orangene Mem zu ermöglichen. Damit meine ich, dass die einfachsten Annahmen der Aufklärung nicht wirklich akzeptiert wurden. Das „WORT“ hatte immer Recht. Auch wenn man gar nicht verstand, wie man verstand und was man da nicht verstand. Punkt. Aus.

Erst später habe ich festgestellt, dass diese Grabenkämpfe zwischen liberal und evangelikal eine gute Vorbereitung auf weitere Grabenkämpfe in den Gemeinden war.

Nach meinem Studienaufenthalt in Weißrussland mit dem Flair der Sowjetunion war mir klar, dass ich – entgegen meinen früheren Überzeugungen – nicht mehr links sein kann. Weder links, noch rechts, noch Mitte. Ich hatte all diese Kategorien als Heimat verloren. Dafür hatte ich das purpurne und blaue Mem aus einer ganz anderen Perspektive kennen und verstehen gelernt: Weihung von Studentenzimmern durch Geistliche, Vorlesungen über Dämonologie mit eigenen Erfahrungsberichten, die Verehrung von Patriarchen und Ikonen, das Auswendiglernen von Kirchenväterzitaten u.v.m. Und ich lernte das Herzensgebet kennen, das Mantraartige Wiederholen von Jesus Namen.

Durch die großen russische Religionsphilosophen hatte ich gleichzeitig den ersten Hauch von gelb geschnuppert: Ich fing an, paradoxes, multidimensionales Denken zu lieben.

Und da fand mich ein Artikel von Wulf Mirko Weinreich, „Eine kurze Sicht des Marxismus aus integraler Sicht“. Ihr findet ihn und vieles andere lesenswerte unter folgender Adresse:

http://www.integrale-psychotherapie.de/ticker.html

Allerdings machte die Theorie von Wilber zunächst auf mich den Eindruck einer seltsamen esoterischen Sonderlehre und ich hörte auf, mich weiter damit zu befassen.

Schließlich fand ich in der ökumenischen Bewegung Menschen, die vorwiegend grün dachten. Das machte sie zu wesentlich angenehmeren Zeitgenossen als viele meiner Kommilitionen oder Professoren es waren. Sie suchten nach Harmonie, trugen Fair Trade Kleidung, sprachen kollektive Schuldbekenntnisse und setzten sich für das ein, was Christen über die Konfessionen hinweg verbindet: Der Kampf für Menschenrechte, für die Umwelt, für den Frieden weltweit. Auch mein Veganismus stieß auf mehr Verständnis. (Heute bin ich übrigens Flexitarierin, vielleicht auch ein Resultat gelber Anpassungsfähigkeit 😉)

Jahre später stieß ich – an Zufall glaube ich nicht, wenn alles mit allem zusammenhängt – auf die Live Coaching Plattform Human Trust, die von Veit Lindau gegründet wurde. Da ich etwas in meinem Leben verändern wollte, meldete ich mich trotz anfänglichem Misstrauen an. Dort erfuhr ich, dass sein Coaching Ansatz auf der integralen Theorie von Ken Wilber basiert. Und wenn ich einen Namen mehr als einmal höre, überkommt mich eben die Neugierde 😉

Seitdem ich Ken Wilber und Spiral Dynamics selbst gelesen habe, hat mich etwas gepackt. Ich genieße die neuen Wege und Räume im Denken, die ich durch diesen Ansatz dazu gewonnen habe.

Ein gelb denkender Mensch darf und kann immer auf die anderen Ebenen zurückgreifen, wenn es die äußeren Umstände angemessen oder gar notwendig erscheinen lassen und muss nichts abwerten.

Deshalb entspannt nichts tiefgreifender als gelbes Denken. Ich muss nicht mehr alles wissen. Ich muss nicht Recht haben. Ich muss gar nichts.

Ich darf. Und deshalb tue ich es. Ganz bewusst.

Mehr dazu und warum das nichts mit Beliebigkeit zu tun hat, an anderer Stelle.

Vielleicht wollt ihr auch kurz berichten, was ihr am gelben Denken schätzt oder wie ihr auf den integralen Ansatz gestoßen seid?