Integral und Christ – passt das überhaupt zusammen?

Ein „Integrales Christentum“ – geht das überhaupt? Ist nicht „Christentum“ nur ein Teil und damit gerade nicht „integral“, also nicht allumfassend, alle einschließend?, so lese ich manchmal. Der Begriff wäre dann ein unsinniges Oxymoron. Die Tendenz innerhalb der integralen Szene ist tatsächlich groß, sich bereits auf einem höheren transreligiösen oder interspirituellen Level zu wähnen und alle religiösen Traditionen als Vorstufen anzusehen, die es zu überwinden gilt. Doch Vorsicht!

Anselm Grün warnt in seinem Buch „Mystik. Den inneren Reichtum entdecken“ vor einem solchen Denken:

In der Sprache der Psychologie nennt man dies nach C.G. Jung die „Gefahr der Inflation.“ Man bläht sich mit großen Bildern auf, hält sich also für einen Mystiker und denkt, man bräuchte sich nicht mehr mit den christlichen Dogmen und Glaubenssätzen auseinanderzusetzen, weil man über jeder konkreten Religion steht. Für die wahren Mystiker und Mystikerinnen war Demut immer ein wichtiges Kennzeichen sowie die Bereitschaft, die eignen Erfahrungen in Einklang mit der kirchlichen Lehre zu bringen. (S. 13)

„Integral“ bedeutet auch, unsere Herkunft und spirituelle Heimat zu umarmen und zu integrieren. Ein religiöser Einheitsbrei oder eine Art Über-Religion ist gerade nicht integral, da dadurch der Reichtum, die Besonderheiten und die einzigartigen Zugänge und Wahrheiten jeder einzelnen Tradition verloren gehen würden. Ziel des integralen Ansatzes ist es aber, Einheit in einer bestehenden Vielfalt, die also solche wertgeschätzt wird, zu erreichen.

Der Dalai Lama findet dafür folgendes Bild:

… Vielfalt kann dazu beitragen, dass alle glücklich sind. Wenn wir nur Brot haben, bleiben die Reisesser hungrig. Mit einer großen Auswahl an Nahrungsmitteln können wir die unterschiedlichen Bedürfnisse und Geschmäcker aller Menschen befriedigen. […] Welcher religiösen Tradition wir folgen, wird bei den meisten von uns vom familiären Hintergrund bestimmt, es hängt davon ab, wo wir geboren wurden und aufwuchsen. Und ich bin der Meinung, dass es in den meisten Fällen besser ist, nichts daran zu ändern. (S. 8f., Vorwort zu dem Buch von Wayne Teasdale, Das mystische Herz)

Der Priester Wayne Teasdale selbst beschreibt Interspiritualität so:

Nicht Buddhismus anstelle von Christentum oder Christentum anstelle von Islam, sondern Christentum plus Buddhismus, Islam plus Christentum.“ Wir lehnen unsere eigene Tradition nicht ab, sondern bauen auf diesem Fundament auf.

Wer sich als integraler Christ bezeichnet, sieht sich gleichzeitig tief in seiner eigenen spirituellen christlichen Tradition verwurzelt und kann sie gerade darum mithilfe der integralen Landkarte für andere neu beleuchten und verständlich machen. Es geht bei diesem Prozess nicht um die Preisgabe von Inhalten, sondern um deren immer tieferes Verstehen und Übersetzen in gegenwärtige Lebensverhältnisse und Denkstrukturen.

Paul Smith drückt dieses Unterfangen so aus:

Niemand muss seine traditionelle Religion aufgeben. Sie [die Christen] brauchen nur eine neuere Version davon.

(aus: Is Your God Big Enough, Close Enough, You Enough, Übersetzung des Verfassers, S. 359)

Was sagt ihr dazu?

„Integrales Christentum“ von Marion Küstenmacher

Dieses Buch kann unser Denken über das Christentum verändern, und dieses veränderte Denken unser Leben als Christ.

Ihr konntet vor kurzem mein Interview mit der Autorin lesen. Wer es noch nicht getan hat, kann es hier gerne nachholen.

Ich möchte euch an dieser Stelle das Buch in Kürze vorstellen. Da ich aber weiß, dass einige unter euch ebenfalls gerade dabei sind, das Buch.zu lesen, hier nur meine ganz bescheidenen, persönlichen Eindrücke:

Zunächst fällt auf, das das Buch einiges an Volumen hat. Selbst jemand, der ein rasches Lesetempo hat, braucht dazu ein paar Tage.

Und spätestens beim Lesen fällt auf: Es braucht nicht nur viele Tage, es durchzulesen, es braucht noch mehr Tage, den Inhalt zu verdauen, und noch viel, viel, viel mehr Tage, den Inhalt in meinem eigenen Leben zu integrieren.

Das aber ist erklärtes Ziel des Buches: Es will helfen bei der „Einübung in eine spirituelle Intelligenz“. Dabei bleibt die Autorin nüchtern: Spirituell intelligent wird man nicht bereits durch das Lesen ihres Buches. Auch nicht durch die zahlreichen Übungen, die das Buch enthält. Jede Entwicklung braucht ihre Zeit. Richtig spirituell intelligent sind wir erst – das erfahren wir beim Lesen – wenn wir auf der Stufe „Koralle“ angelangt sind. „Das Bewusstsein von KORALLE […] wird kosmozentrisch. KORALLE identifiziert sich mit dem äußeren Universum selbst, aber auch mit dem ganzen Reichtum des inneren Universums.“

Menschen auf dieser Stufe gibt es jedoch noch kaum. „KORALLE, diese erst zart keimende Stufe, kommt uns aus der Zukunft entgegen“, schreibt Marion Küstenmacher.

Also noch ein langer Weg vor uns Menschen 😉

Und doch: Ein Stückchen spirituell intelligenter fühle ich mich bereits nach der ersten Lektüre. Wahrscheinlich hat das damit zu tun, dass der integralen Theorie nachgesagt wird, sie sei „psychoaktiv“.

S. Esbjörn-Hargens schreibt in seiner Einführung in die integrale Theorie über das AQAL-Modell: „[Es] ist ein Katalysator, weil es psychoaktiv Ihren ganzen Körper- Verstand scannt und jegliches Potenzial aktiviert oder „aufleuchten lässt“ […], das gegenwärtig nicht voll genutzt wird.“

In „Integrale Lebenspraxis“ (hier mehr dazu) stellen die Autoren fest:

[…] das Integrale Betriebssystem wirkt psychoaktiv. Es verändert sie von innen nach außen und vermittelt Ihnen ganz konkret neue Sichtweisen von Erfahrung. […]

Das Wörtchen „psychoaktiv“ bezieht sich ursprünglich auf Drogen und bedeutet „die Fähigkeit akut das Verhalten, Empfindungen oder die Wahrnehmungen zu verändern und so allgemein auf den Bewusstseinzustand zu wirken.“

(Quelle: http://de.drogen.wikia.com/wiki/Psychoaktiv)

Durch die gelungene Verflechtung von integraler Theorie und geballtem theologischem Wissen gelingt es der Autorin mit ihrem Buch meines Erachtens ebenfalls auf diese Weise „psychoaktiv“ zu wirken (gesetzt den Fall, wir lassen es zu.)

Wir können es auch anders, un-integral und einfach ausdrücken:

Dieses Buch kann unser Denken über das Christentum verändern, und dieses veränderte Denken unser Leben als Christ.

Die Autorin greift alle wichtigen Elemente der integralen Theorie (Holons, AQAL, Schattenarbeit) heraus und wendet sie auf Phänomene des Christentums (Entwicklung des Glaubens über Stufen hinweg, Bibelhermeneutik, Gebet, die drei Gesichter Gottes, Mystik, die Kirche) an.

Das tut sie in einer unglaublichen Breite und Tiefe gedanklicher Durchdringung. Förmlich in jedem Satz stecken spürbar viele Jahre der Auseinandersetzung mit diesen Themen.

Allerdings habe ich mich beim Lesen gefragt, wer aus den Gemeinden, deren Pfarrerin ich zuletzt war, freiwillig und mit Gewinn ein solches Buch lesen würde. (Nicht, dass mir jetzt GAR niemand eingefallen wäre.) Ja, vielleicht habe ich ein zu negatives Bild. Ja, vielleicht gäbe es da noch die eine oder andere Überraschung. Doch ganz ehrlich: Mir kommt es so vor, dass das Publikum eines solchen Buches zumindest speziell – das heißt selten – ist, was nicht zuletzt an der verwendeten Sprache liegt. Man lese nur diesen einen Satz relativ zu Anfang des Buches: „Die Zielrichtung des Christentums ist klar: Sein höchster Eros ist es, immer mehr Christusbewusstsein zu wecken.“

(Ja, ich habe mich gefreut beim Lesen. „Eros“ und „Christusbewusstsein“ sind schöne Wörter und noch herrlicher in ihrer gedanklichen Verbindung. Und doch habe ich mir gleichzeitig die Gesichter vorgestellt, wenn ich diesen Satz beim Abend der Landfrauen vorgelesen hätte, denen beim Wort „Mystik“ nur „Mystery Thriller“ eingefallen ist.)

Dessen ungeachtet wünsche ich mir aufrichtig für dieses Buch, dass es so viele Leser wie möglich erreicht, nicht nur intellektuell, sondern von Herz zu Herz, und Bewusstsein zu Bewusstsein, so wie es gemeint ist. Ich werde jedenfalls noch lange mit ihm unterwegs sein und sehe das nur als Gewinn. An dieser Stelle der Autorin noch einmal schriftlich – wie bereits mündlich – vielen Dank für dieses Werk!

Ein Nachteil des Buches ist m.E. das fehlende Stichwortverzeichnis. Gerade deshalb, weil es sich wie ein Nachschlagewerk für viele Themen liest. Ja, es wäre dann noch dicker geworden. Wäre mir aber egal.

Die Theorie hinter den „Drei Gesichtern Gottes“

Von den vier Quadranten zu den neun Aspekten Gottes

Die Gliederung des Buches von Paul Smith (das ich euch hier vorgestellt habe) ist zugleich die Wiederspiegelung des Inhalts selbst.

2

InnerlichindividuellSubjektivInner Face_Inneres GesichtResting as God_als (in) Gott ruhen5

Noch einmal zur Erinnerung: Bei der integralen Theorie handelt es sich im wesentlichen um einen Ordnungsrahmen, der hilft ein Thema möglichst umfassend zu betrachten und zu analysieren. Dieser wird mit AQAL abgekürzt, was für „Quadranten, Ebenen, Linien, Zustände und Typen“ steht.

Während sich Paul Smith in seinem ersten Buch hauptsächlich auf die „Ebenen“ konzentriert, legt er in diesem Buch den Schwerpunkt auf die Quadranten und auf die Zustände.

Mit den vier Quadranten sind von Ken Wilber verschiedene Perspektiven, aber auch Dimensionen einer Sache gemeint. Sie entstehen durch die Verbindung der Blickwinkel innen/außen und individuell/kollektiv. (Siehe erste Grafik)

Die integrale Theorie behauptet nun, dass wir nicht nur jede beliebige Sache aus diesen vier Dimensionen heraus betrachten und analysieren können, sondern dies notwendigerweise tun, da es sich um eine Struktur handelt, die wir bereits so vorfinden. Die Sprachen dieser Welt bildeten dafür die sogenannten Pronomen aus: ich, du, er, sie, es, wir, sie.

Diese Kategorien sind also, so Ken Wilber, keine neue Erfindung, die einer Sache übergestülpt wird, sondern sie haften jeder Sache bereits an – und werden von uns lediglich mit unterschiedlichem Inhalt gefüllt.

Durch die Zusammenfassung des rechten oberen und unteren Quadranten zu einem (dem „objektiven“) kommen wir auf drei Quadranten. In diese drei Quadranten setzt Paul Smith nun „Gott“ als die zu betrachtende Sache ein. Damit werden die Personen der Trinität Vater, Sohn und Heiliger Geist neu als unterschiedliche Perspektiven auf das Göttliche begriffen:

Das Göttliche als Gegenstand unserer Reflexion allein oder zusammen mit anderen (rechte Quadranten) oder als Gegenüber (linker unterer Quadrant) oder wir selbst als ein Teil des Göttlichen (linker oberer Quadrant). (Siehe zweite Grafik)

Wie kommt nun Paul Smith aber zu den neun Elementen in seiner Gliederung?

Indem er uns als Betrachter und damit den Vorgang der Wahrnehmung also solche mit hinein nimmt.

Tatsächlich kann jeder Quadrant auch in der integralen Theorie noch einmal danach aufgeteilt werden, aus welcher Perspektive er untersucht wird – aus der Innen-/oder Außenansicht. So können wir z.B. subjektive Phänomene wie Liebeskummer einmal von innen betrachten (als Betroffener) und zugleich von außen (als Psychologe, der beschreibt, was in dem Betroffenen vorgeht.) Damit kommen wir insgesamt auf acht mögliche (Forschungs-)methoden.

Und Paul Smith kommt auf neun verschiedene Aspekte Gottes, indem er durch die „Linsen der drei Gesichter auf den Gott in drei Personen“ schaut.

Die „drei Linsen“ meinen drei möglichen Methoden, sich Gott anzunähern: „als Gott ruhen (von innen), zu Gott in Beziehung treten (von innen nach außen (oder umgekehrt)) und über Gott nachsinnen (von außen)“. (Siehe dritte und letzte Grafik) Wir sehen den kleine, aber feinen Unterschied:

Das dialogische Element lässt ein drittes entstehen – das Modell wird dynamischer.

Auf die Forschung bezogen hieße das: Im Gespräch über den Liebeskummer treten Dinge zutage, die weder die Betroffene allein durch Innenschau noch der Psychologe durch Beschreibung entdecken können.

Nur eins habe ich mich gefragt: Wäre es nicht theoretisch möglich die Reduzierung auf drei einfach wegzulassen, so dass auf der rechten Seite (objektiv) oben der eine und unten der dreieinige Gott zu stehen kommen, also sowohl Gott im Singular als auch im Plural? Wäre das nicht irgendwie integraler? – auch wenn es dann nicht mehr so schön in das Muster passt? 😉 (Und drei mal vier ergäbe immerhin die wunderschöne Zahl 12 (!)

Was sagt ihr dazu?

Interview mit Marion Küstenmacher

„Ich konnte mir Seite für Seite selbst zuschauen, wie ich endgültig in einen größeren Bewusstseinsraum umzog.“

Anlässlich des Erscheinens von Marion Küstenmachers neuem Buch „Integrales Christentum. Einübung in eine neue spirituelle Intelligenz“ – das Nachfolger- und Vertiefungsbuch zu „Gott 9.0“ – habe ich diese um ein Interview gebeten.

Frau Küstenmacher, Sie schildern in Ihrer Einleitung Ihre erste Begegnung mit Ken Wilbers Schrift „Eros, Kosmos, Logos“ in einer schweren Krise und nennen es Ihren „Heilungsweg“ und eine „Auferstehung“. Was genau war es in diesem Buch, was Sie derart zu trösten vermocht hat?

Wenn ich mein Exemplar von Eros, Logos, Kosmos durchblättere, dann wimmelt es von Anstreichungen und Notizen. Allein die Anmerkungen des Buches umfassen 220 Seiten, nach wie vor eine lohnende Fundgrube! Ich habe es im Frühsommer 1997 gelesen, meistens im Freien. Ich erinnere mich, wie für mich die Weite des Himmels und die innere Weite des Buches eins waren. Auf meine innere Leere nach der Fehlgeburt antwortete hier Geist mit einer großartigen Fülle. Das war unglaublich tröstlich. Ich wurde intellektuell, aber auch spirituell auf eine neue Art und Weise versorgt. Ich konnte mir Seite für Seite selbst zuschauen, wie ich endgültig in einen größeren Bewusstseinsraum umzog.

Mit sechzehn Jahren ging es mir schon einmal so. Damals lasen wir im Deutschunterricht Adornos Erziehung zur Mündigkeit. Mitten in  der Lektüre wurde mir bewusst, was aufgeklärtes Denken ist, was ähnlich aufregend und erleichternd zugleich war – mein Bewusstsein hatte sich endgültig in ORANGE etabliert.

Wilber hat mich von der ersten Seite an gepackt. Viele grundlegende Aussagen sind mir hier zum ersten Mal begegnet: Das Konzept der vier Quadranten und die Probleme diverser Quadrantenabsolutismen, die Gefahr der Prä-/Transverwechslung bei der Entwicklung über die Stufen, die Unterscheidung zwischen Herrschaftshierarchien und Wachstumshierarchien. Überzeugt hat mich auch Wilbers Kritik an reduktionistischem „Flachland“-Denken der Moderne, die Effizienz und Funktionalität über alles setzt und deren nackter Rationalismus die Tiefendimensionen der Wirklichkeit leugnet. Ebenso seine wunderbar klärenden Ausführungen zur Mystik, mit der ich mich damals schon viele Jahre lang befasst hatte. Ich verstand auch meine eigenen spirituellen Erfahrungen und Durchbrüche besser, die mir das Herzensgebet eröffnet hatte. Wilber diskutiert ja auch zahlreiche theologische Themen. Er  beschreibt z. B., wie Jesus durch die Apologeten der frühen Kirche zum einzigen Sohn Gottes erklärt wurde. Von nun an galt das Dogma, dass sich der göttliche Logos,  – der eigentlich der universale Geist in jedem von uns ist – , nur ein einziges Mal vollständig in einen einzigen Menschen ergossen habe. Jesus, der dank seiner Einheitserfahrung mit Gott frei war von jeder Exklusivität und der ganzen Menschheit in Liebe diente, wurde damit zum ausschließlichen Eigentum der Kirche. Wilber sagt, das Traurige an dieser mythischen Besitzhaltung sei, dass sie uns Christen von allen anderen Weltbürgern trennt; mehr noch, sie trennt Christus von allen Christen. Christliche Mystiker, die ebenfalls die nonduale Erfahrung des Einsseins mit dem göttlichen Grund machten, wurden damit zu Häretikern und Ketzern, sobald sie es wagten, darüber zu sprechen. Und dieses Tabu existiert bis heute. Es blockiert gewissermaßen den Weg ins Zentrum unseres Glaubens, denn Jesus wünschte sich ja, dass wir alle wie er „eins mit dem Vater“ werden sollen. 

Mein Eindruck ist, dass Ihr Buch sehr viel Vorwissen voraussetzt. Würden Sie jemandem empfehlen, zuerst „Gott 9.0“ zu lesen und erst danach Ihr zweites Buch?

Welches der beiden Bücher eine Leserin oder einen Leser zuerst erreicht, kann ich nicht beeinflussen. Beide ergänzen sich aus meiner Sicht. Vermutlich tut man sich etwas leichter, wenn man Gott 9.0 bereits gelesen hat, weil wir dort die Stufen und Zustände ausführlich darstellen. Ich empfehle bei beiden Büchern nicht nur die Kapitel zu den Bewusstseinsstufen zu lesen. Darauf konzentrieren sich die meisten. Kaum jemand nimmt Bezug auf das Kapitel über die Bewusstseinszustände, das Feld der Mystik und die eigene praktische Einübung in Gebet und Kontemplation. Dabei lebt jede Religion davon, dass der Geist sich durch uns und in uns in alle Richtungen erforschen kann, auch in die Tiefe und Weite der Versenkung bis hin zum Nondualen. Ein integrales Christentum gibt es nur mit einer verbindlichen spirituellen Praxis.

Dieses Anliegen merkt man Ihrem Buch an. Es enthält neben viel Vertiefungsstoff zahlreiche Vorschläge für Übungen, alleine oder in der Gruppe. Welches Setting, welche Kreise hatten Sie dabei vor Augen?

Menschen auf verschiedenen Bewusstseinsstufen (BLAU, ORANGE, GRÜN, GELB), wie sie mir in meinen Vorträgen  und Seminaren begegnet sind oder mir nach der Lektüre von Gott 9.0 geschrieben haben. Es waren viele Kirchendistanzierte darunter, Menschen aus der integralen Szene, aber auch viele engagierte Christen aus allen Konfessionen, kirchliche Mitarbeiter, Ordensleute, Religionslehrer, Pastoren von Landes- und Freikirchen, die längst über BLAU hinausgewachsen sind. Viele wünschten sich eine „GELBE Gemeinde“, ein integrales christliches Netzwerk, manche haben eine kleine Gruppe vor Ort, in der sie sich integral verständigen und gemeinsam weiterentwickeln können. Ich hoffe, dass ihnen die Übungen in Integrales Christentum dabei helfen.

Wozu braucht es Übungen überhaupt? “Reicht es nicht einfach zu vertrauen und zu glauben“ – so ähnlich hat es einer meiner Blogleser gefragt.  Was wäre Ihre Antwort gewesen?

Dieser Satz kommt aus dem BLAUEN Bewusstseinsraum und enthält ein gewisses Maß an Apologetik. Man spürt in der Frage schon eine Verunsicherung durch all die komplexen Themen, die mit der BLAUEN Weltsicht nicht mehr hinreichend beantwortet werden können. Weil man aber noch weitgehend mit dieser Stufe identifiziert ist oder man seine Gemeindezugehörigkeit nicht in Frage stellen will, drückt man die eigene Beunruhigung nicht offen als Zweifel aus, sondern zieht sich hinter ein Bibelwort zurück. Hintergrund ist ein Rat im Hebräerbrief, (11,1), wo es heißt, dass der Glaube ein festes Vertrauen ist auf das, was man hofft und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. Auf die Entwicklung über die Stufen (AUFWACHSEN) angewandt, ist dieser Rat ein großes Hindernis für die weitere spirituelle Reifung, denn Zweifel sind die großen Schrittmacher, die für die nächste Stufe öffnen und uns bei jedem Stufenwechsel unterstützen. Darum habe ich einige Übungen zum kreativen Zweifel bei ORANGE eingebaut. Natürlich hat man den kreativen Zweifel aber schon früher genutzt, sonst wäre man nicht bis BLAU gekommen und würde noch ans Christkind, die Zahnfee oder den Osterhasen aus PURPUR glauben.

Im Buch beschreibe ich aber auch genauer, worauf dieser Rat des Hebräerbriefes meiner Meinung nach zielt –  auf die Erfahrung der bilderlosen Dunkelheit in der formlosen Kontemplation, wo man tatsächlich nichts sieht und „ins Innere hinter den Vorhang“ der Bilder, Gefühle und Gedanken ins reine Gewahrsein gelangt. Der Vers ist also selbst ein mystagogischer Übungshinweis für Fortgeschrittene, die sich bereits der formlosen Versenkung ins reine Christusbewusstsein widmen. Wenn man ihn dem Modul der Bewusstseinszustände (AUFWACHEN) zuordnet, macht er plötzlich ganz neu Sinn.

Es wäre also ganz wichtig, dass Christen mit Hilfe einer integralen Exegese verstehen lernen, wann Bibeltexte oder Schriften von den Wüstenvätern, den frühen Kirchenvätern oder MystikerInnen etwas zu den Zuständen sagen und von welcher Stufe aus sie es dann selbst deuten. Der biblischen Frage „Verstehst du auch, was du da liest?“ kann man sich mit dem integralen Blick ganz neu stellen. 

Sie sind schon lange mit der integralen Theorie und Lebenspraxis vertraut. Was hat sich dadurch in Ihrem Denken und Leben am stärksten verändert?

Meine Weltsicht, vor allem aber meine Selbstwahrnehmung. Vor der Beschäftigung mit dem Integralen Ansatz hatte ich dank Tiefenpsychologie, Mystikerstudium, Enneagrammarbeit und Herzensgebetspraxis schon eine über zehnjährige intensive Auseinandersetzung mit meiner eigenen Egostruktur und Schattenanteilen laufen. Damit war ein entscheidendes integrales Modul schon etabliert. Doch die Aufgabe, das Ego zu reduzieren und sich dem eigenen Schatten zu stellen, hört nie auf. Dank des integralen Blickes lerne ich nach wie vor, meine problematischen Anteile klarer zu sehen und versuche, damit so wenig Schaden wie möglich anzurichten. Es gibt im Lauf eines Tages ständig Momente, wo sich eine der Stufen aus dem ersten Rang – die schließlich alle erhalten bleiben – meldet und gerne hätte, dass ich nach ihr handele. Natürlich hat jede Stufe großartige Kompetenzen, die wir nutzen und wirklich schätzen sollten. Aber es schleichen sich dabei auch gerne die alten dualistischen Strukturen durch die Hintertür mit ein. Für mich bringt der integrale Blick eine neue Wachheit für diese Art von Versuchung und eine neue Freiheit im Umgang mit den Werteräumen der verschiedenen Stufen.

Wichtig ist es mir, anderen Menschen zu helfen, sich gerade in unruhigen Umbruchzeiten wie diesen nicht von Frust, Panik oder Hass erfassen zu lassen, sondern ihnen mit Hilfe der integralen Landkarte so viel Orientierung wie nur möglich zu geben. Wer integral denkt und handelt, kann so an seinem Platz mithelfen, die ganze Spirale zu stabilisieren und vor Abstürzen zu bewahren. 

Sollte jemand jetzt schon eine integrale Kirche gründen oder werden sich die jetzigen Kirchen irgendwann alle in eine einzige integrale Kirche verwandeln – was meinen Sie?

In Amerika gibt es schon einige solcher Gründungen (zumindest dem Namen nach – manches erscheint mir da aber eher GRÜN zu sein). An eine einzige integrale Kirche glaube ich nicht, wir werden immer verschiedene Kirchen und Konfessionen haben. Kirchengeschichte kann man nicht umkehren. Im Moment entwickelt sich das integrale Christentum wie GRÜN in den frühen 1970er Jahren vor allem an den „Hecken und Zäunen“, also eher am Rand der Kirchen, in Bildungshäusern, Orden und in kleinen, auch kirchenfernen Grüppchen. Vielleicht werden aber auch protestantische Theologen wie Friedrich Schleiermacher oder Richard Rothe Recht behalten, die sich ein Christentum auch ohne Institution Kirche vorstellen konnten. Jesus konnte das offensichtlich auch ganz gut, ihm genügte ein Kreis von Schülern und Schülerinnen. Wenn wir aber auf die beiden unteren Wilberschen Quadranten schauen, dann werden Menschen immer danach fragen, welche Werte und Kultur sie teilen wollen, welcher religiösen Gemeinschaft sie angehören möchten und in welchen Strukturen und Formen das konkret gestaltet werden soll. 

Ist Erleuchtung ein Prozess oder ein Moment, der alles verändert? Und: Wären Sie gerne erleuchtet? 😉

Erleuchtung ist, was die Stufen betrifft, sicher ein Prozess. Man braucht eine jahrelange,  dauerhafte Anpassung auf jeder einzelnen Stufe, damit weiteres Wachstum und Reifung hin zu immer mehr Liebe und Mitgefühl möglich wird. Der GEIST oder Logos ist dabei, wie Jesus sagte, unser Tröster und Beistand. Er lockt und zieht uns mit seinem Eros in diese Richtung und baut in uns neue Stufenräume auf, die er mit seinem Licht und seiner Klarheit ausfüllen möchte. Da der EINE, nichtduale GEIST aber immer und überall vollständig gegenwärtig ist, kann man auf jeder Stufe auch eine spontane Erleuchtungserfahrung machen. Entscheidend ist die absichtslose Offenheit in genau diesem gegenwärtigen Moment, um das „Sakrament des Augenblicks“ zu erfahren. Ein solches Erlebnis gibt einem das Gefühl, dass man die wirkliche Wirklichkeit, Gottes Reich, erfahren durfte. Danach ist tatsächlich nichts mehr wie zuvor. Deuten kann man sich das allerdings immer nur von der Stufe aus, auf der man seinen aktuellen Bewusstseinsschwerpunkt hat.

Außerdem gibt es Erleuchtung in verschiedener Tiefe der Bewusstseinszustände. Man kann sie auf der Ebene des Wachseins, der subtilen Traumebene oder im ich- und formlosen Dunkel der  Tiefschlafebene erleben. Ken Wilber fragt darum immer: Welche Erleuchtung, auf welcher Stufe und in welchem Zustand?

Ich nenne die großen Mystiker und Kontemplativen die „Tiefseetaucher des Bewusstseins“. Sie üben sich darin, eine konstante Wachheit in allen diesen Bewusstseinszuständen zu erlangen, bis der Urgrund dieser Zustände, der absolute GEIST selbst das ganze Bewusstsein ausfüllt und „Gott alles in allem“ ist. Meister Eckart nennt das „beständig“ sein können. Paradoxerweise blockiert der ichhafte Wunsch nach dem Einswerden mit Gott oder nach Erleuchtung genau dieses vollständige Erwachen. Mystiker aller großen Weltreligionen bemühen sich darum ums Leerwerden von Wünschen aller Art. Daran halte ich mich: Kein Wunsch nach Erleuchtung, sondern lieber nach Leere und Stille. 

Frau Küstenmacher, vielen Dank für das Gespräch!

 

PS: Hier findet ihr auf diesem Blog meine Rezension des Buches. Und Frau Küstenmacher hat mir verraten, dass sie schon an ihrem nächsten Buch sitzt – wir dürfen gespannt sein.

Link zu Pinterest Seite

Grafiken, Zitate und mehr zum Thema Integrales Christentum

Seit kurzem könnt ihr mich auch auf Pinterest finden:

https://www.pinterest.de/hauser0774/overview/

Ich habe dort bereits einige Grafiken, passende Zitate und mehr für euch herausgesucht und erstellt, mit denen ihr etwas neues für euch entdecken und die Inhalte, von denen mein Blog handelt, noch vertiefen könnt.

Es wird nach und nach mehr werden. Schaut doch einfach an und wann vorbei! Würde mich freuen.

„Spirituell, aber nicht religiös“ – Menschen auf dem postmodernen Level

Unterschied, aber auch die Verbindung von Spiritualität und Religion

Paul Smith äußert sich in seinem Buch „Integral Christianity“ zu einer Bewegung, die er „Spirituell, aber nicht Religiös“ nennt. Einer Umfrage zufolge definiere sich einer von fünf Amerikanern auf diese Weise.

Er beruft sich dabei auf eine Vermutung in dem gleichnamigen Buch von Robert C. Fuller aus dem Jahre 2001 „Spiritual, but not Religious. Understanding Unchurched Amerika.“ Dieser beschäftigt sich darin mit der Frage, was die Amerikaner damit meinen, wenn sie sich selbst so bezeichnen. Ein Teil davon sehe in der organisierten Religion geradezu den Feind der authentischen Spiritualität, zumindest sei sie nicht notwendig. Sie wiesen damit auf die Gefahr hin, dass die persönliche spirituelle Erfahrung bei dem Befolgen bestimmter Rituale, Wiederholen von Glaubensinhalten etc. auf der Strecke bleibe.

Die Bewegung – früher auch „New Age“ genannt – resultiere daraus, dass Menschen auf dem postmodernen Bewusstseinslevel (entspricht „Grün“ in Spiral Dynamics) damit anfingen, ihre Glaubensinhalte und spirituellen Praktiken selbst auszuwählen.

Das führe zwangsläufig zu Kritik an der traditionellen Kirche, da diese es versäume, bestimmte Themen ernst zu nehmen – wie bspw. verschiedene Bewusstseinszustände.

Eine Schwäche sieht er in dem häufig anzutreffenden Glaubenssatz, wonach jeder Mensch seine Realität selbst schaffe. Diese Sicht konzentriere sich einseitig auf die Perspektive der 1. Person (subjektiv) und blende die 2. und 3. (intersubjektiv und objektiv) völlig aus. Doch die Realität sei ebenso das Ergebnis des Bewusstseins aller anderen Menschen sowie das Ergebnis natürlich gegebener Bedingungen.

In dem unten verlinkten Video erläutert der Jesuit und Priester David McCallum, worin er den Unterschied, aber auch die Verbindung von Spiritualität und Religion sieht.

Der Priester McCallum ist ein Experte im Bereich Erwachsenenbildung, Persönlichkeitsentwicklung und Leadership. Er beschäftigt sich schon lange mit der integralen Theorie.

Eine gesunde Religion schaffe eine Menge Raum für vielfältige Formen an Spiritualität, denn sie sei der ständige Versuch der Rückbindung an eine spirituelle Ursprungserfahrung. Der Gründer des Jesuitenordens Ignatius von Loyola habe – im Gegensatz zu den evangelischen Reformatoren – beschlossen, seine Kirche durch spirituelle Praxis von innen heraus zu transformieren, statt sich von ihr zu trennen. Dies sei der eigentlich schwerere Weg, denn es sei leichter das Störende und Unvollkommene zu verlassen, statt es weiterhin ertragen und aushalten zu müssen.

Diese Gedanken finde ich in Bezug auf die heutige Situation der Kirche mit ihren zahlreichen Austritten als wesentlich.

Statt sich selbst zu engagieren und seine Stimme für etwas zu erheben, treten viele aus der Kirche aus, weil sie sich über dieses oder jenes ärgern und sich damit nicht identifizieren können. Oder statt in einen Gottesdienst oder zu einer Veranstaltung zu kommen, wo sich zwangsläufig sehr unterschiedliche Charaktere und Meinungen begegnen – was extrem anstrengend und herausfordernd sein kann – beten und/oder meditieren viele lieber mit Gleichgesinnten im Yoga-Kurs oder bei sich daheim etc. Aus meiner Sicht offenbart sich durch ein solches Verhalten häufig der Unwille, an etwas Neuem, Fremdem und Störendem zu wachsen und zu reifen, als eine tatsächliche Überlegenheit. Dazu kommt, dass die Anbindung an eine Gemeinschaft auch Ansprüche an uns selbst stellt wie z.B. früher aufstehen, bestimmte Rituale erlernen und mich regelmäßig daran beteiligen, mich sichtbar und damit angreifbar machen und ähnliches. Trauriger Höhepunkt davon sind Aussagen wie „Mein Glaube geht niemanden etwas an.“ oder „Ich habe meinen Glauben.“ oder das völlige Ausspielen von Privatglauben einerseits und öffentlichem Glauben andererseits. Das ist die EINE Seite.

Die ANDERE ist jene, auf die sowohl McCallum als auch Smith anspielen: Wenn die Gemeinschaft, der ein Mensch innerhalb der Kirche(n) vor Ort begegnet, extrem weit von dem entfernt ist, wie er denkt und lebt, – also mehrere Bewusstseinsstufen dazwischen liegen – sehnt er sich verständlicherweise nach einem Umfeld, das ihn nicht stagnieren, sondern wachsen und lernen lässt. Das ist es, was vermutlich McCallum meint, wenn er davon spricht, dass die Kirche mit „Erwachsenen“ umgehen können muss, also Menschen, die selbst fähig sind, spirituelle Erfahrungen zu reflektieren, Menschen ab der Stufe orange aufwärts.

Quellen: Paul Smith: Integral Christianity: The Spirit’s Call to evolve, 2011.

https://sacredstory.net/about/fr-david-mccallum-s-j-ed-d/