„Ihr seid Götter!“

Die uns eigene zeitlose und raumlose Innerlichkeit ist niemand anderer als Gott.

Allen Lesern meines Blogs wünsche ich ein gesegnetes frohes neues Jahr! Es freut mich, dass der Blog im vergangenen Jahr gut angelaufen ist und ich bin gespannt, wie er sich in diesem Jahr weiter entwickeln wird – allen, die meine Artikel lesen und fleißig teilen, herzlichen Dank dafür!

Heute möchte ich euch zu Beginn des Jahres etwas mitgeben, was für den einen oder anderen ein alter Hut sein mag, sich für mich aber vor kurzem noch einmal in gänzlich neuer Tiefe und Intensität erschlossen hat: In einem abendlichen Adventgottesdienst, während dem Singen in der von Kerzen erleuchteten Dunkelheit, da war sie plötzlich da, eine neue, unerschütterliche Gewissheit, eine Art Mini-Erleuchtung, die mich nie wieder ganz verlassen wird.

Iсh erinnerte mich an einen Satz, den ich neulich bei Jim Marion gelesen und auf Anhieb geliebt habe. Jim Marion knüpft darin zunächst an eine Erfahrung an, die wir Menschen alle mehr oder weniger gut kennen: Dass ein Teil von uns, während wir aufwachsen und älter werden und unsere Erfahrungen machen, immer gleich zu bleiben scheint. Dieser Teil bleibt völlig unabhängig davon, was wir im Spiegel sehen, er bleibt auch eigentümlich unberührt davon, wenn wir auf einer anderen Ebene heftige Emotionen erleben wie Wut, Angst oder Schmerz, ja er scheint geradezu unfähig dazu, diese zu empfinden.

Dieser Teil von uns scheint zeitlos (und es ist auch tatsächlich). Er scheint auch raumlos (und ist es auch tatsächlich), da er sich nicht im Geringsten verändert hat, auch wenn wir jetzt in Kalifornien leben, unsere Kindheit dagegen in Illinois verbracht haben. Diese uns eigene zeitlose und raumlose Innerlichkeit (die der zeit- und raumlosen Innerlichkeit in allen anderen Menschen entspricht), ist niemand anderer als Gott.

(Jim Marion, Der Weg zum Christusbewusstsein, S. 192)

Und plötzlich – bang! – war Gott überall, in mir, in den anderen, im Fenster, in der Musik. Es ist so einfach und taucht doch alles in neues Licht, wenn es tief einsickert in uns.

Ich und viele andere integrale Christen glauben, dass Jesus aus einem tiefen Bewusstsein heraus gelebt hat, dass sein Wesenskern und Gott identisch sind.

Jesus sollte mit dem Tode bestraft werden, weil er sich selbst göttlich nannte:

Da hoben die Anwesenden wieder Steine auf, um ihn zu steinigen. Jesus hielt ihnen entgegen: »Ich habe im Auftrag des Vaters vor euren Augen viele gute Taten vollbracht. Für welche dieser Taten wollt ihr mich steinigen?« Die Juden antworteten ihm: »Wir steinigen dich nicht wegen einer guten Tat, sondern wegen Gotteslästerung: Du bist ein Mensch und gibst dich selbst als Gott aus.«

Jesus antwortete ihnen: »Steht nicht sogar in eurem Gesetz: ›Ich habe gesagt: Ihr seid Götter‹? (zitiert wörtlich Psalm 82,6)

Das Gesetz nennt also diejenigen Götter, an die Gott sein Wort richtete. Und die Heilige Schrift darf man ja nicht aufheben! Der Vater hat mich zu seinem Vertreter gemacht und in diese Welt geschickt. Wie könnt ihr mir Gotteslästerung vorwerfen, wenn ich sage: ›Ich bin der Sohn Gottes? Wenn das, was ich tue, nicht das Werk meines Vaters ist, dann braucht ihr mir nicht zu glauben. Wenn ich aber solche Taten vollbringe, dann glaubt wenigstens ihnen, wenn ihr mir schon nicht glauben wollt. An diesen Taten sollt ihr erkennen und immer sicherer werden: Der Vater ist in mir gegenwärtig und ich bin im Vater gegenwärtig.« Da versuchten die Anwesenden erneut, ihn festzunehmen. Aber er konnte ihnen entkommen.

(Johannes 10, Basis Bibel, www.die-bibel.de)

Jesus wusste: Ich bin Gottes Sohn. Doch er behauptete an keiner Stelle, dass er der einzige Sohn Gottes war. Indem kirchliche Lehre Jesus zum einzigen Sohn Gottes erklärt, verhindert sie bis heute erfolgreich, dass andere ihre Sohn- und Tochterschaft im vollen Sinne erkennen können. Auch wenn Menschen es ahnen, spüren, glauben – es darf ja nicht sein! Jesus ist immer irgendwie „mehr Gott“ als andere, der „einzig geborene Sohn“. Das geht so weit, dass manche bis heute an der Idee festhalten, Gott sei „männlich“, da er sich ja in einem Mann geoffenbart hat – wie wenn Gott da irgendwo hoch droben ein eindeutiges biologisches Geschlechtsmerkmal hätte 😉

Wir glauben irrtümlicherweise, dass Jesus – und nur Jesus – Gottes Sohn war und dass alle anderen Menschen darum geringer als Jesu sind. (Jim Marion, S.202)

Dem ist nicht so! Ja, als Persönlichkeit ist Jesus einzigartig: Nur er konnte das tun, was er getan hat und nur er hat es getan. Doch wir alle haben dieselbe menschlich-göttliche Natur, denselben Wesenskern, diese raum- und zeitlose Innerlichkeit. Durch JEDEN MENSCHEN FLIESST GOTTES ATEM GLEICHERMASSEN. Und jeder hat darin seinen Platz, seine Berufung, seine Funktion, seinen Sinn. Nur weil wir außerhalb von Raum und Zeit so untrennbar miteinander verbunden sind, kann Jesus überhaupt auf unsere Seele, unseren Wesenskern, Einfluss haben und uns erlösen – von den zahlreichen Verstrickungen in der Raumzeit. Und nur indem wir diese Verbundenheit erkennen, werden wir fähig dazu, jeden Menschen bedingungslos zu lieben.

In den orthodoxen Kirchen ist dieser Irrtum übrigens weit weniger ausgeprägt, da die „Vergöttlichung (Theosis)“ direkt angestrebt wird. Mir scheint bis heute, dass sie da irgendwie wesentlich mehr verstanden oder bewahrt haben…

Ich glaube nicht, dass Jesus uns klein machen wollte oder uns minderwertig fühlen lassen. Er hätte vermutlich kein Problem damit gehabt, wenn Petrus genauso auf dem Wasser gewandelt wäre wie er oder seine Jünger so viele Kranken geheilt hätten wie er – ganz im Gegenteil, er hätte sich gefreut. Sonst hätte er doch nicht folgendes gesagt:

Der Vater ist immer in mir gegenwärtig. Er vollbringt seine Taten durch mich. Glaubt mir: Ich bin im Vater gegenwärtig und der Vater ist in mir gegenwärtig. Wenn ihr das so nicht glauben könnt, dann glaubt es wenigstens wegen der Taten. Amen, amen, das sage ich euch: Wer mir (Änderung d.Verf.) glaubt, wird genau solche Taten vollbringen, wie ich sie vollbringe. Ja, er wird sogar noch größere Taten vollbringen, als ich sie vollbracht habe.

(Johannes 14, Basis Bibel, http://www.die-bibel.de)

Es ist unsere schöne und herausfordernde Aufgabe, die Göttlichkeit in uns und anderen Menschen zu erkennen und zu feiern. Aus welchem Grund sonst hätte Jesus sagen können: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25), wenn nicht aus diesem, dass wir im tiefsten Inneren eins sind, dass in unserer Innerlichkeit wir alle mit Gott selbst zusammenfallen.

Jim Marion – Christusbewusstsein

„Das erste Buch, das in aller Klarheit den gesamten spirituellen Weg des Christentums beschreibt“

Heute will ich euch das Buch „Der Weg zum Christusbewusstsein. Eine Landkarte für spirituelles Wachstum in die Tiefe der Seele“ von Jim Marion vorstellen.

Auf dem Buchrücken heißt es:

Gestützt auf das Werk des bekannten Bewusstseinsforschers Ken Wilber – der das Vorwort zu diesem Buch geschrieben hat – und auf das Modell der stufenweisen Bewusstseinsentwicklung, zeichnet der Verfasser unter Berücksichtigung der neuesten Erkenntnisse auf dem Gebiet der Psychologie, der auch des Neuen Testaments und so bedeutender christlicher Mystiker wie Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz eine Karte, die uns Schritt für Schritt zu dem Bewusstsein hinführt, das Jesus als das Reich Gottes bezeichnete – zur höchsten Stufe der spirituellen Entwicklung des Menschen.

Er selbst bezeichnet es in der Einführung als

das erste Buch, das in aller Klarheit den gesamten spirituellen Weg des Christentums beschreibt. (S. 15)

Ken Wilber stimmt dem in seinem Vorwort zu und erklärt, was es damit auf sich hat:

Das klingt zunächst recht grandios […] ist […] jedoch weit weniger grandios, als [es] klingt. Denn mit dem „gesamten Weg“ meint Jim Marion einen Weg, der nicht nur die grundlegenden Stufen spiritueller Entwicklung umfasst, die von den großen Weisen und Heiligen so unübertrefflich beschrieben wurden, sondern auch die psychologischen Entwicklungsstufen, die erst kürzlich von modernen Entwicklungspsychologen {wie Jean Piaget, Jane Loevinger, Robert Kenan, Lawrence Kohlberg und Carol Giligan) entdeckt wurden. Ein wirklich vollständiger Weg würde [diese Stufen, Erg.] miteinander verbinden. (S. 13)

Die Verknüpfung der Stufen und deren Bezeichnung übernimmt Jim Marion eins zu eins von Ken Wilber. Was sein Buch eigentlich erst originell macht, ist die Verknüpfung mit seiner extrem offen geschilderten Erzählung seiner eigenen spirituellen Biografie.

Jim Marion trat mit fünfzehn Jahren in ein katholisches Kloster ein, das er siebeneinhalb Jahre später wieder verließ. Danach machte er Karriere als Jurist. Lange Zeit rang er mit seiner Homosexualität, bis er schließlich seinen Frieden damit fand.

Die Kern-Thesen seines Buches sind:

  1. Jesus habe mit seiner Rede vom „Reich Gottes“ die höchste Stufe der spirituellen Entwicklung des Menschen gemeint – keinen Ort. Das Ziel eines jeden Menschen sei es, dieses Bewusstsein zu erlangen und so im Reich Gottes zu leben. In diesem wird keine Trennung mehr zwischen Gott und Mensch und zwischen Mensch und Mensch wahrgenommen.

Für Jesus und Mutter Teresa war die nicht-duale Schau dieser Welt keine Frage der Phantasie. Sie taten nicht nur so, als ob es zwischen ihnen und Gott oder zwischen ihnen und anderen Menschen keinerlei Trennung gäbe. […] In Wahrheit war es ihnen nicht möglich, auf andere Weise zu sehen

2. Die Kirche oder vielmehr die Menschen, aus der diese besteht, haben das bis heute häufig falsch gelehrt, weil sie noch nicht die Entwicklungsstufe erreicht haben, auf der sie fähig sind, diese Wahrheit zu erkennen. Jede Religion neige deshalb nach dem Tod ihrer Gründer zu einem Rückschritt.

Sie verstehen und interpretieren diese Mystiker immerzu falsch, weil die Stufe ihres eigenen spirituellen Bewusstseins noch nicht hoch genug ist, um erkennen zu können, wovon die Mystiker sprechen.

3. Jesus selbst habe vor zwei Problemen gestanden: Erstens übersteige das nonduale Bewusstsein den Verstand des Menschen und lasse sich deshalb mit Worten nicht hinreichend ausdrücken. Zweitens konnte nur derjenige Jesus richtig verstehen, der sich bereits selbst auf einer höheren Bewusstseinsstufe befand.

Selbst wenn die Schau des Reiches Gottes durch eine poetische oder metaphorische Sprache klar zum Ausdruck gebracht wird, können die Zuhörer oder Leser sie dennoch nur dann wirklich verstehen, wenn auch sie dieses nicht-duale Bewusstsein bereits verwirklicht haben.

4. Auf dem Weg zu diesem Ziel durchlaufe jeder Mensch einen Entwicklungspfad mit insgesamt neun Bewusstseinsstufen:

  1.  Archaisch
  2. Magisch
  3. Mythisch
  4. Rational
  5. Schau-Logik
  6. Medial
  7. Subtil
  8. Kausal
  9.  Non-Dual

5. In der Beschreibung dieser Stufen lehnt er sich eng an die Terminologie von Ken Wilber in dessen Eros, Logos, Kosmos an. Die ersten fünf Stufen stammen u.a. aus der Forschung zur kognitiven Entwicklung von Jean Piaget und den Kulturstudien von Jean Gebser. Die darauf folgenden noch höheren Stufen werden von Mystikern aller Traditionen beschrieben. Wenn euch das näher interessiert, werde ich sie hier demnächst ausführlich schildern.

6. Um den Übergang zum subtilen und schließlich kausalen Bewusstsein (auch Christusbewusstsein) zu beschreiben, bedient er sich Schilderungen aus der christlichen Tradition. Die „Dunkle Nacht der Sinne“ führt in das subtile Bewusstsein hinein, die „Dunklen Nacht der Seele“ schließlich in das Christusbewusstsein, die kausale Stufe. Diese bezeichnen äußerst schwierige Lebensphasen im Anschluss an eine intensive Meditation- und Gebetspraxis, in denen alte negative Emotionen und Neurosen frei werden.

Für mich war es das traumatischste Ereignis in meinem Leben. Das Entsetzen ist unbeschreiblich. 

7. Weil nicht jeder/kein Mensch in der Lage ist, innerhalb eines Lebens die neun Stufen des Bewusstseins zu durchlaufen, gäbe es die Reinkarnation.

Wer in diesem Leben die nicht-duale Bewusstseinsstufe nicht erreicht, muss in der Regel auf diesen oder auf einen anderen stofflichen Planeten zurückkehren, bis es ihm gelingt.

8. Jesus Christus sei als einziger Mensch bereits mit dem nondualen Bewusstsein zur Welt gekommen. Durch seinen Tod und seine Auferstehung habe er ein Sinnbild geliefert für den spirituellen Weg durch die dunkle Nacht der Seele hin zum nondualen Bewusstsein.

9. Für unseren eigenen Weg empfiehlt er eine konsequente, regelmäßige Praxis wie es die integrale Lebenspraxis sei.

10. Religion habe nur eine wesentliche Aufgabe, auf die sie sich zurück besinnen solle.

Die einzig grundlegende Aufgabe der Religion besteht darin, die Entwicklung des Bewusstseins zu beschleunigen.

Fragen, die mir bei der Lektüre spontan kamen, waren unter anderem:

  1. Der Autor scheint von der Praxis/Übungen christlicher Mystik (Jesus-Gebet, Herzensgebet, Sammlungsgebet etc.) äußerst wenig Kenntnisse zu besitzen und das im Jahr 2000. Sind diese immer noch derart unbekannt?
  2. Der Autor fügt im Anschluss an Ken Wilber die ersten fünf der kognitiven Entwicklung mit den letzteren vier der spirituellen Entwicklung zu neun Stufen zusammen. Diese Zusammenfügung ist eine spannende Idee und offensichtlich mit den Erfahrungen von Jim Marion kompatibel, aber derzeit wissenschaftlich nicht belegbar. Für den Bewusstseinsforscher Graves waren die Bewusstseinsstufen nach oben hin offen, da in der Zukunft liegend. Ist also des Rätsels Lösung, dass wir Jesus und andere Mystiker als Menschen der Zukunft verstehen, die uns vorgelebt haben, wie es mit der Menschheit als Ganzem weitergeht?
  3. Themen der heutigen Esoterik-Literatur, sind offenbar Themen der medialen Bewusstseinsstufe: Aura lesen, Channeling, Klarfühligkeit, Klarhörigkeit, Klarsichtigkeit etc. Ist das starke Interesse an Esoterik also eher als ein positives Zeichen zu werten, das davon zeugt, dass bereits viele Menschen sich dieser Ebene annähern (wollen)? Wie verhält sich das dann aber zu der Einschätzung von Spiral Dynamics, dass derzeit nur wenige Prozent der Menschheit die integrale Bewusstseinsstufe erklommen haben?
  4. Bei der Rede von der medialen Bewusstseinsstufe tauchen plötzlich wieder Engel, Luzifer, Dämonen etc. auf – wie lässt sich diese Rede von der auf einer prärationalen Stufe unterscheiden?

Ein wunderbares Interview von Janet Conner mit Jim Marion über sein Buch „Der Weg zum Christusbewusstsein“ und die Rolle, die Ken Wilber dabei gespielt hat, könnt ihr euch hier (auf Englisch) anhören:

https://www.unityonlineradio.org/soul-directed-life/jim-marion-author-putting-mind-christ-and-death-mythic-god

Wiedergeburt denken

Ist der Reinkarnationsgedanke urchristlicher Glaube – und wenn ja, inwiefern?

Immer wieder höre ich den Vorwurf, die Kirche habe die Lehre von der Wiedergeburt unterdrückt und verboten, obwohl dies ein urchristlicher Glaube sei.

Ein derzeit prominenter Vertreter dieser These ist Franz Alt. In seinem Buch „Was Jesus wirklich gesagt hat“ bezieht er sich dazu auf die Rückübersetzung von bekannten Sprüchen Jesu aus dem Griechisch der Bibel in Jesu Muttersprache, das Aramäische, nachzulesen bei: Günther Schwarz: „Worte des Rabbi Jeschu: Eine Wiederherstellung.“

Ein Film zu den Hintergründen des Buches seht ihr hier:

Das Jesu Wort aus Johannes 3,3

Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.

lautet bei Schwarz:

Wenn jemand nicht wiederholt geboren wird, so kann er nicht wieder eingelassen werden in das Königtum Gottes.

Für Franz Alt bedeutet das:

Wiedergeburt heißt, dass es keinen Tod gibt, sondern Verwandlung, Reinkarnation und Erneuerung. […] Damit ist die Wiedergeburt eine große Entwicklungschance […] (Franz Alt, Was Jesus wirklich gesagt hat, S.136)

Wirklich viel Belege kann er für seine Interpretation allerdings auch nicht anführen.

Unsere Kirchen lehren offiziell alle: Auferstehung ja, Wiedergeburt nein.

Häufig lese ich Sätze wie:

Der christliche Glaube an die Auferstehung der Toten und die Vorstellung von Karma und Reinkarnation schließen sich gegenseitig aus.

Andere werfen der Kirche vor:

553 n. Chr. wurde die Wiedergeburt von 165 Kirchenleuten verdammt. Zuvor war sie ein Fundament christlicher Lehre (z.B. https://www.zeitenschrift.com/artikel/reinkarnation-die-grosste-luge-der-kirche)

Wer hat denn jetzt Recht? Oder haben wieder „alle Recht“, zumindest teilweise (Motto Ken Wilbers)?

Warum ich persönlich angefangen habe, über Wiedergeburt nachzudenken:

Zunächst ganz einfach: Weil es viele Menschen weltweit gibt, die davon überzeugt sind, auch Christen, obwohl es nicht offiziell gelehrt wird. Haben sie alle schlicht unrecht, fantasieren sich etwas zusammen?

Sind die Wahrheiten, die unseren östlichen und westlichen Religionen zu Grunde liegen also doch so gegensätzlich, so unvereinbar, dass nur eine der beiden Traditionen Recht haben kann?

Irgendwann tauchte in mir die Frage auf, ob nicht ein liebender Gott jedem Menschen eine zweite Chance einräumen würde – wenn ein Mensch sein Leben also ziemlich „verbockt“ oder in den „Sand gesetzt hat“, warum sollte der dann nicht eine zweite Chance bekommen können, ein zweites, drittes oder auch viertes „besseres“ Leben zu führen? Es spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, ob ich glaube, dass Gott jemanden nach einem kurzen vermurksten Leben bis in alle Ewigkeit bestraft oder ihn begnadigt. Denn eine Begnadigung ist sicherlich nicht befriedigend für jemanden, der selbst einsieht und spürt, dass er seine einzige Chance verspielt hat.

Es geht also auch um die Frage: Wie oft würde ein Mensch wohl leben wollen, wenn er es immer wieder probieren dürfte? Unendlich oft – oder würde er nach dem fünften Mal sagen: „So, jetzt bin ich zufrieden mit dem Ergebnis?“

Und dann war da die Sinnfrage. Die Frage nach dem Sinn meines Lebens, dem Sinn von menschlicher Geschichte überhaupt, von Leben in Raum und Zeit, von einem in eine unbekannte Zukunft gelebten Leben, das abgelöst wird von einem anderen Leben und wieder einem Leben und…

Mich wundert es immer noch, dass diese Frage so wenig Christen zu beunruhigen scheint. Da heißt es: „Jesus ist für uns gestorben, damit wir gerettet werden.“

Da bleibt doch immer noch die drängende Frage, wozu wir eigentlich gerettet sind? Dieser Glaube – „ich war verloren, jetzt bin ich gerettet, Halleluja!“ – sagt überhaupt nichts darüber aus, wozu ich und die anderen eigentlich da sind, wozu wir Finger, Füße und Zehen haben und Erfahrungen machen. Der scheinbar zentrale Glaubensinhalt – der manchmal wirkt, als hätte Gott nur einen Fehler in seiner Schöpfung nachträglich ausgebügelt – blendet die Sinnfrage gänzlich aus!

Anders bei der integralen oder evolutionären Spiritualität, die sagt, dass wir Menschen wesentlich dazu da sind, Erfahrungen zu sammeln und dadurch zu wachsen, sowohl als einzelner als auch als Menschheit insgesamt. Doch gerade diese Idee wirft die Frage auf, was es dem Steinzeitmädchen Lisa bringen soll, wenn die Oma Luise ihre Lehre aus den Erfahrungen des zweiten Weltkriegs zieht?!

Und dann scheint es so willkürlich oder ungerecht, dass der eine auf der Südhalbkugel geboren wird, im ärmsten Viertel, dazu bestimmt, sein Leben auf der Müllhalde zu verbringen und jämmerlich an Vergiftung zu sterben, während ein anderer in einer gut betuchten Familie aufwächst, eine Firma erbt und jedes Jahr Urlaub in einem anderen Land der Erde machen kann, weil ihm das so großen Spaß macht. Warum stecke ich in einem gesunden Körper, mein Vater in einem kranken?

Wäre es da nicht eine verführerisch einfache Erklärung, Wiedergeburt und die Auswirkung von schlechtem Karma anzunehmen? Dann könnten wir sagen: Selbst schuld – du hast einfach was falsch gemacht in deinem letzten Leben, das hast du jetzt davon, viel Spaß.

Manche sehen die Welt als eine Art Schulungsort. Mit jedem neuen Leben könnten wir zeigen, dass wir aus alten Fehlern gelernt haben. Jedes Leben hält seine Entwicklungsaufgabe für uns bereit. Aber wo bleibt da die Gnade, die sagt: Schwamm drüber?

Franz Alt nennt die Vorstellung von der Wiedergeburt eine „Entwicklungschance“. Doch hört sich das nicht an wie ein „Entwicklung-Zwang“?:

„an unseren Fehlern müssen wir schon selbst arbeiten. […] Die Reinkarnation nimmt uns in die Pflicht. Diese Chance haben wir mehrfach […] Wir sind hier, um zu lernen. Entweder wir wollen lernen. Oder wir müssen leiden.“ (Was Jesus wirklich gesagt hat, S.136f.)

Seiner Beschreibung nach muss sich der Mensch erst würdig erweisen, durch die schmale Pforte zu kommen, sonst muss er „noch mal“. Als ob einer nach zig immer moralisch einwandfreieren und immer spirituelleren Leben plötzlich den Zustand erreicht hätte, ins Reich Gottes einzugehen. Legt Gott etwa ein Maßband an: Du darfst, du noch nicht?

Wenn die Welt ein Schulungsort wäre, müssten wir dann nicht immer und immer wieder leben? Da ist diese – in meinen Augen – Horrorvorstellung einer ewigen Wiederkehr, des sogenannten Samsara, der ewige Kreislauf von Leben, Tod und Wiedergeburt. Noch schlimmer: Einer Wiederkehr abhängig von einem irgendwie gearteten Karma-Konto. Warst du böse, wirst du ein Schuhputzer oder noch schlimmer: Eine Stechmücke. Benimmst du dich als Stechmücke dann schön anständig, schaffst du es vielleicht wieder bis zum Elefanten und so weiter. Allzuleicht lässt sich eine solche Lehre dazu missbrauchen, bestehende Ungerechtigkeit in Stein zu meißeln und Menschen für eigene Zwecke zu manipulieren. Und philosophisch überzeugen kann sie auch nicht, da überhaupt nicht klar ist, was es überhaupt genau ist, was von dem Wechsel von Kuh zu Mücke wiedergeboren wird.

Hier ein interessantes Video eines jungen You-Tubers, der auf den manipulativen Charakter und logischen Ungereimtheiten der Reinkarnationslehre innerhalb des hinduistischen Kastensystems eingeht. Er lädt dazu ein, Reinkarnation als etwas anzusehen, was jeden Tag stattfindet: Wir seien jeden Tag eine neue Person.

Manche dehnen diese Geschichte wenigstens etwas aus, damit sie nicht so unbarmherzig klingt. Sie erzählen von vielen Himmeln, einer ganzen Himmel-Hierarchie, eine Art Fortsetzung von verschiedenen Bewusstseinsebenen. Wer nach dem Tod den ersten Himmel für den einzigen hält, bleibt da so lange, bis er die Fühler nach noch höheren Welten ausstreckt und so weiter und so fort. Und wer noch einmal leben will, lebt nochmal. Evolution ins unendliche Eins-Sein-mit-Gott. Damit hätte zumindest jeder Mensch die Chance, sich in seinem Tempo zu entwickeln, ganz unabhängig davon, in welchem Zustand er stirbt: Als Säugling, als verbitterter Greis oder mitten im Leben stehend.

Warum eigentlich ist Wiedergeburt so ein schwieriges und umstrittenes Thema?

Weil es so schwer ist, sie zu DENKEN. Wer oder was wieder geboren oder wandert weiter von einem Körper in den nächsten? Wer könnte dieses „Ich“ sein, dass in Schulung geht? Oder das freiwillig entscheidet, noch einmal auf die Welt zu kommen?

Haben wir uns nicht bereits damit befasst, dass das Ego und all seine Identifikationen, Name, Aussehen, Biografie etc. durch meditative Praxis schwächer wird und unter Umständen ganz verschwindet – und zurück bleibt allein das Gefühl des „(Ich) Bin/Es ist“? Was kann denn dann noch wandern?

Viele fügen zwischen „Ego/Mind“ und „wahrem Selbst/GEIST“ noch die „Seele“ als Zwischenkategorie ein. Das wäre dann so etwas wie die individualisierte Form Gottes. Die „Seele“ gehört in den Bereich der „subtilen Energien.“ Deshalb spricht man ja auch von „Seelenwanderung.“ Die Seele wandert so lange in ihrem subtilen Körper herum, bis sie sich wieder mit einem grobstofflichen Körper vereint und wieder geboren wird.

So auch Ken Wilber. Er stellte sich die Frage: Wie könnte Reinkarnation gedacht werden, damit sie möglich wäre? (Unabhängig davon, ob es sie nun gibt oder nicht), nachzulesen in dem 2004 erschienenen „Auszug G“ aus dem zweiten Band seiner Kosmos Trilogie, Ken Wilber, Excerpt G: Toward A Comprehensive Theory of Subtle Energies. http://www.integralworld.net/de/excerpt-G-de.html.

Auf die Erklärung will ich hier nicht genauer eingehen, weil das ohne den Kontext des Textes zu verwirrend wäre.

Eine ganz andere Erklärung der Reinkarnation habe ich bei Walter Russell gefunden, einem amerikanischen Universalgenie, der erzählt, dass er in seinem Leben in regelmäßigen Abständen Offenbarungen von Gott erhielt. Egal, was man von dieser Geschichte halten mag, seine Erläuterungen finde ich zumindest bedenkenswert, weil sie noch einmal andere, wichtige Aspekte für das Thema liefern. (Zu Russell gerne an anderer Stelle mehr, denn ich habe entdeckt, dass sein Denken viele integrale Momente aufweist)

In seinem Buch „Die Botschaft der Göttlichen Iliade“ stellt er fest:

Das große Hindernis zum Verständnis der Reinkarnation ist der verbreitete Glaube, dass unsere Individualität und Persönlichkeit getrennt von allem anderen seien, während in Wirklichkeit jeder einzelne ein Teil aller anderen ist. (S. 256)

Er erklärt diese Verbundenheit aller mit allen auf zweierlei Wegen:

Körper wiederholen sich durch den Samen, aber der Geist wiederholt sich durch den Geist. (S. 250)

Mit „Samen“ meint er die Erbinformation, die von Generation zu Generation weitergegeben wird, wir verorten diese heute üblicherweise in der DNA. Auf diese Weise reinkarnieren wir Eltern uns beispielsweise in unserem Sohn. (Und oh ja, da ist durchaus etwas dran! :-)) (Aber auch die Großeltern, Urgroßeltern und so weiter)

Mit „Geist“ ist gemeint, dass, wenn ein Mensch (zum Beispiel du) sich für den Geist eines anderen Menschen öffnet (zum Beispiel, wenn du Mozart hörst oder Nietzsche liest), du in diesem Moment eins mit diesem Geist wirst: Du machst Mozarts Musik zu einem Teil von dir. Reinkarnation funktioniert hier auf dem Wege der Inspiration, der Weitergabe von Gedanken, Wissen, Wünschen, Gefühlen.

Unsere (scheinbar existierende) Individualität ist nichts anderes als das Ergebnis des Zusammenwirkens aller mit allen und allem mit allem:

Jede ihrer Gedanken hing mit anderen Menschen zusammen, lebenden oder toten, mit ihrer unmittelbaren Umgebung oder mit der Natur insgesamt. Ihre Mutter, ihr Vater, Brüder und Schwestern, Freunde und Lehrer formten die ersten Grundlagen ihrer Gedanken. Diese Menschen wurden ein Teil von ihnen, indem sie ein Teil ihrer Gedanken wurden. […] Wenn sie siebzig geworden sind, werden die großen Denker der Welt ebenfalls ein Teil von Ihnen geworden sein, indem sie ihr Wissen mit Ihnen teilen. […] In dem Ausmaß, wie Jesus ein Teil Ihres Denkens wird, lebt er in Ihnen als ein Teil von Ihnen, so wie er in all jenen lebt, deren Denken mit seinem eins geworden ist. […] Behalten Sie immer im Bewusstsein, dass es nicht zwei voneinander getrennte Menschen auf der Erde gibt. Es gibt nur einen – denn jeder ist eine Erweiterung des anderen. (S. 253 f.)

Das, was andere „Karma“ nennen, erklärt er mit einem einen einfachen Ursache-Wirkungszusammenhang. Ungleichgewicht an der einen Stelle bringt Ungleichgewicht an einer anderen hervor:

der Mensch erleidet die Wirkungen seiner Gesetzesbrüche, individuell und kollektiv, in Form zerbrochener Freundschaften, verlorener Gesundheit, geschäftlicher Misserfolge, häuslichen Auseinandersetzungen, Feindseligkeiten und zahllose andere schlimme Auswirkungen, die aus seinen eigenen Schöpfungen folgen. (S. 66)

Was bringt es also Steinzeitmädchen Lisa, wenn die Oma Luise ihre Lehre aus den Erfahrungen des zweiten Weltkriegs zieht? Ganz einfach: Wenn Lisa stirbt und in die geistige Welt zurückkehrt, kann sie auf alle Erfahrungen der gesamten Menschheit in Vergangenheit und Zukunft zurückgreifen, sie ist nicht mehr nur Lisa, sie ist eins mit allen Menschen.

Wie denkt ihr darüber? Glaubt ihr auch als Christen an Wiedergeburt und wenn ja, wie stellt ihr euch diese vor?

Die drei Gesichter Gottes

Der Gott, über den wir nachdenken. Der Gott, mit dem wir sprechen. Und das Göttliche, das wir in uns finden.

In Paul Smiths erstem Buch zum integralen Christentum („Integral Christianity“) war die Grundidee der drei Gesichter Gottes bereits angeklungen, in seinem Buch „Is your God Big Enough, Close Enough, You Enough. Jesus and the Three Faces of God, 2017“ macht er sie zum Kernthema.

Dies ist das wichtigste Buch, dass ich seit 25 Jahren gelesen habe.

So preist ein Philosoph, James P. Danaher, auf der ersten Seite den Inhalt des Buches an. Übertrieben?

Nicht notwendigerweise. Denn das Buch und seine Thesen haben aus meiner Sicht durchaus das Potential, die Spiritualität in unseren Kirchen umzustürzen oder zumindest auf ein neues Level zu heben.

Die wichtigsten Grundthesen möchte ich hier mit euch teilen:

Er beginnt mit zwei Feststellungen oder Beobachtungen:

  • Dass es Menschen gibt, die Gott jenseits der Welt finden, im Universum, im Unendlichen, Menschen, die Gott als einen intimen Freund, als eine ständige Präsenz wahrnehmen, und Menschen, die Gott in ihrem Inneren, in ihrem tiefsten Selbst entdecken. Manche zögen daraus den Schluss, dass die Sache mit Gott Unsinn sei, da ihn jeder woanders sehe und sich anders vorstelle. Er, Paul Smith, gehe den anderen Weg und behaupte, alle diese Ansätze seien wesentliche und gleichberechtigte Pfade: Drei Dimensionen, drei Perspektiven von denen aus wir auf das Göttliche schauen und uns ihm zuwenden.
  • Die zweite Beobachtung ist: Dass die Art und Weise, wie in den Kirchen über die Trinität/Dreieinigkeit gesprochen würde, häufig dazu führe, dass nur eine ein- oder zweidimensionale Beziehung zu Gott geführt werde: Es werde über ihn geredet, oder, noch häufiger, zu ihm gesprochen – die Entdeckung des Göttlichen in der eigenen Seelentiefe bleibe außen vor.

Es geht ihm nicht darum, die traditionelle Trinitätslehre hinfällig zu machen, sondern um eine neue Version dieser Lehre, die dem heutigen Bewusstsein entspricht. Denn die integrale Theorie geht ja bekanntlich davon aus, dass sich auch nach dem 4. Jahrhundert, als diese erstmals formuliert und festgeschrieben wurde, das Bewusstsein der Menschheit weiter entwickelt hat.

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Er nennt diese drei Perspektiven auf Gott zu schauen die drei Gesichter Gottes: God-beyond-us, God-beside-us, God-being-us. Gott jenseits von uns, Gott neben uns, wir als ein Teil des Göttlichen. Oder auch: Der Gott, über den wir nachdenken. Der Gott, mit dem wir sprechen. Und das Göttliche, das wir in uns finden. Diesen drei Gesichtern entsprechen wiederum drei Arten der Beziehung: Über Gott nachdenken, sich mit Gott in Beziehung zu setzen, im Göttlichen ruhen. (Reflecting about God, relating to God, Resting as God.) Jesus habe diese drei Perspektiven vorgelebt: Jesus redete über Gott, zu Gott und als Gott. (Jesus talked about God, to God, and as God.)

Zitat Paul Smith 2

Indem er diese drei Perspektiven oder Art und Weisen der Beziehung jeweils für alle drei Personen der Dreieinigkeit, Vater, Sohn und Heiliger Geist durchspielt, entsteht eine neunteilige Gliederung seines Buches. Diese ist somit zugleich die Wiederspiegelung des Inhalts selbst. Für die, die hier noch tiefer einsteigen möchten, empfehle ich meinen Artikel: Die Theorie hinter den drei Gesichtern Gottes.

Aus der Gliederung ergibt sich schließlich folgender Inhalt:

  • Über den Gott jenseits von uns nachdenken: 1. Der Vater, das Wunder des unbegrenzten Seins, 2. Der Sohn, der kosmische Christus, 3. Der Heilige Geist, das unbegrenzte Bewusstsein
  • Sich mit dem Gott neben uns in Beziehung setzen: 1. Gott als unser Vater/ Mutter, 2. Gott als unser Freund in Jesus (oder Maria oder einem Heiligen), 3. Die Nähe des Hl. Geistes
  • Wir als das Göttliche: Der Hl. Geist als erleuchtetes Bewusstsein, die Aufzeichnung von erleuchtetem Bewusstsein in der Bibel, die Realität von erleuchtetem Bewusstsein, die Folgen davon, die Seligkeit eines transzendenten Bewusstseins, der Frieden eines Einheitbewusstseins

Den spirituellen Weg eines Christen beschreibt er mit der Formel:

From Somebody to Nobody to Embody to Everybody.

Es geht um einen Stufenweg verschiedener Identifikationen, die aufgebaut und schrittweise wieder durch die nachfolgenden abgelöst werden:

  • Jeder werde zunächst ein Jemand in dem Sinne, dass er sich als Person von anderen zu unterscheiden und abzugrenzen lernt (durch seinen Namen, seinen Körper etc.)
  • dann durch spirituelle Praxis ein Niemand, indem dieser Jemand lernt, sich nicht mehr über dieses Ego zu definieren,
  • dann eine Verkörperung des Göttlichen, z.B. in der Nachfolge Jesu,
  • und schließlich Jeder im Sinne der tiefen Verbundenheit mit allen und allem.

Im letzten Teil seines Buches deutet er die Erzählung von der Verklärung Jesu neu. Bei der Verklärung habe Jesus ein Gespräch mit seinen Geistführern Elija und Mose gehabt. Ebenso können auch wir Kontakt zu bestimmten Verstorbenen suchen, zu denen wir uns hingezogen fühlen und diese um Führung auf unserem spirituellen Weg bitten. Damit lädt er uns (vor allem Evangelische) dazu ein, den Wert der Heiligenverehrung neu für uns zu entdecken. Mich hat das persönlich sehr berührt, da ich sofort wusste, wen ich in meinem Fall fragen will. (Dazu gerne an anderer Stelle mehr :-))

Als eine besondere Stärke des Buches empfinde ich neben dem Inhalt Paul Smith Bereitschaft, seinen eigenen sehr persönlichen Erfahrungen auf seinem spirituellen Weg mit uns zu teilen. Am Ende jedes Kapitels gibt er uns außerdem Übungen mit an die Hand, die uns dabei helfen, das Geschriebene im Gespräch oder durch eigene Praxis zu vertiefen. Theorie bleibt also keineswegs Theorie, sondern fließt direkt ins Leben über.

Ich kann das Buch uneingeschränkt empfehlen und werde es selbst wohl noch zig-mal lesen müssen.

Falls ihr es selbst bereits getan habt und etwas anders seht oder versteht, lasst es mich bitte wissen. Ich bin sehr gespannt auf eure Reaktionen und Einschätzungen 🙂

Zusätzliche Quellen zur Vertiefung findet ihr hier:

Paul Smith stellt zusätzlich zu seinem Buch viel Material kostenlos auf seiner Homepage zur Verfügung. Schaut doch mal vorbei: http://www.revpaulsmith.com, dort unter „Writings“ und „Books“.

Auf YouTube gibt es ein Lied aus der Gemeinde von Paul Smith, das dem Thema der drei Gesichter gewidmet ist:

Ken Wilber zu den drei Gesichtern Gottes:

Und hier findet ihr einen Vortrag über die drei Gesichter von Daybree Thoms:

Erleuchtung für Christen?!

Erleuchtung – was ist das überhaupt?  Und sollten/dürfen Christen so etwas überhaupt anstreben?

Diese zwei Fragen haben mich die letzten Wochen beschäftigt.

Die meisten verstehen darunter eine tiefe Erkenntnis, die das Welt – und Selbstverständnis eines Menschen tiefgreifend und nachhaltig verändert. Immer werden zwei Punkte genannt:

1. Der Mensch gewinnt Abstand zu seinem Ego, d.h. zu all den Dingen, mit denen er sich normalerweise identifiziert hat, wie Name, Biografie, Beruf, Aussehen, Körper etc. An die Stelle eines Ego-Bewusstseins tritt ein Zeugenbewusstsein, ein reines Gewahrsein, ein „Ich bin“ statt „Ich bin der und der und die und das…“

2. Der Mensch erfährt sich nicht mehr von anderen getrennt: Hier Ich – da der Rest, sondern als das Ganze selbst: Alles ist eins und auch ich bin alles. An die Stelle eines Ich-Bewusstseins tritt ein Einheitsbewusstsein und ein Verbundenheitsgefühl mit allem und jedem.

Es scheint also gleichermaßen ein Von-Allem-Abstandnehmen wie ein Mit-Allem-Verschmelzen zu sein.

Christian Meyer sieht in seinem Buch „Sieben Schritte zum Aufwachen“ gerade in der Verbindung dieser beiden Elemente das Geheimnis:
(Es) besteht darin, dass Du hundert Prozent fühlst, dich der Lebendigkeit hin gibst und zu hundert Prozent Beobachter, Zeuge und Wahrnehmender bist.

Matthias Pöhm, der sich lange mit diese Frage beschäftigt hat, schreibt auf seinem Blog:

„Erleuchtung ist ein Zustand, in dem Menschen Ihr „Ich“ dauerhaft verloren haben. (…) Erleuchtete beschreiben sich als Eins mit allem, frei von sozialen Ängsten, frei von der Angst vor dem Tod. Sie spüren einen ständigen inneren Frieden mit sich und der Welt. (…)“

Quelle: http://www.spiritueller-blog.com/liste-erleuchtete-menschen

Er führt auf seinem Blog eine Liste angeblich Erleuchteter und analysiert kritisch deren Auftreten und Lehren. Und macht dabei auf etwas extrem wichtiges aufmerksam:

Jede/r Erleuchtete bleibt ein Mensch mit Macken, oder wir könnten auch sagen: einem Schatten. Jeder Erleuchtete – Jesus eingeschlossen – habe sich auch hin und wieder geirrt, Erleuchtung macht nicht schlagartig auf immer unfehlbar, friedfertig und allwissend.

Wobei wir wieder bei unserem Lieblingsthema „Entwicklung“ angekommen wären. Äußerst charmant und gewitzt antwortet Ken Wilber in einem Interview auf die Frage, ob er erleuchtet sei, mit: „Erleuchtet genug.“ Damit macht er deutlich, dass es nicht nur zwei Zuständes des Menschseins gibt: „Erleuchtet – Nicht erleuchtet.“ Menschen sind nunmal keine Lampen mit Ein- und Ausschalter, sondern äußerst komplexe Wesen.

Die Zeitschrift  „Integrale Perspektiven“ befasst sich in einer Ausgabe (34/Juli 2016) mit dem integralen Verständnis von Erleuchtung unter dem Titel: „Aufwachen, Aufwachsen, Aufräumen.“ Denn Ken Wilber selber sieht „Erleuchtung“ etwas komplexer als das manche „Erleuchteten“ gerne hätten, erklärt dadurch aber auch, warum die „Erleuchteten“ teilweise so unterschiedlicher Ansicht sind, was „Erleuchtung“ sei und was ein „Erleuchteter“ zu tun und zu denken habe – und auch warum die „Erleuchteten“ nicht einfach die besseren Menschen sind. Ken Wilber steht nicht umsonst für differenziertes Denken 🙂

Mit den Stichworten „Aufwachen, Aufwachsen, Aufräumen (Waking up, Growing up, cleaning up)“ unterscheidet Ken Wilber in „Integrale Spiritualität“ drei verschiedene Erkenntniswege.  Holzschnittartig erklärt:

Mit „Aufwachen“ sind besondere spirituelle, mystische Erfahrungen gemeint, die uns von einem Tag auf den anderen zu einem neuen Menschen machen können. Das kann eine Nahtoderfahrung, eine Vision oder auch einfach ein ganz besonderer Moment erhöhten Bewusstseins sein. Kurz: Zustände. Nichts dauerhaftes.

Mit „Aufwachsen“ ist der Reifeprozess gemeint, den wir in ganz vielen Bereichen durchlaufen. Kurz: Entwicklung. Etwas dynamisches, nach oben offenes.

Und „Aufräumen“ schließlich meint „Schattenarbeit“, die Bewusstwerdung und die Integration verdrängter Aspekte unserer Persönlichkeit oder Emotionen, die uns ausbremsen und in Bereichen starr machen können.

Paul Smith unterscheidet in seinem Buch „Is your God Big Enough, Close Enough, You Enough? (Ist dein Gott groß genug, nah genug, du genug?), 2017, im Anschluss an Ken Wilber drei Gesichter Gottes:

Den Gott ÜBER den wir reden und nachdenken, den Gott ZU dem wir reden und beten, und den Gott, ALS den wir uns erkennen.

Jesus habe sich als „Sohn Gottes“/das Göttliche in sich erkannt („Ich und der Vater sind eins“, Joh 10,30) und auch andere dazu aufgefordert, dies ebenfalls zu tun. Als Beleg dafür führt er u.a. diese Stelle im Evangelium nach Johannes (10,34-36) an:

34 Jesus erwiderte (seinen Anklägern vor Gericht!): »Steht nicht in eurem Gesetz der Satz: ›Ich habe gesagt: Ihr seid Götter‹? 35 Hier werden also die, an die das Wort Gottes gerichtet war, Götter genannt; und was die Schrift sagt, ist unumstößlich. 36 Mich aber hat der Vater, der heilige Gott, dazu bestimmt, sein Werk zu tun, und hat mich in die Welt gesandt. Wie könnt ihr mir da Gotteslästerung vorwerfen, wenn ich sage: ›Ich bin Gottes Sohn‹? (Neue Genfer Übersetzung)

Doch statt das Göttliche in sich selbst zu erkennen, hielten die Kirchenobersten es für Gotteslästerung und forderten deshalb die Todesstrafe. Indem Jesus im Laufe der Zeit zum „einzigen Sohn Gottes“ und der zweiten Person der Trinität erklärt wurde, ging diese Wahrheit verloren. Es ginge darum, dass zu werden, was wir bereits sind: In der Tiefe unseres Selbst eins – nicht identisch! – mit Gott.

In der lutherischen Kirche, aus der ich stamme, ist es üblich, vom Menschen so zu denken: Alle sind „gleichermaßen Sünder und Gerechte.“ Keiner ist vollkommener, Gott näher,  als der andere. Das ist einerseits richtig, denn, wie oben thematisiert, sind eben auch Erleuchtete „nur“ Menschen. Andererseits hat dieser Glaubenssatz dazu geführt, dass sich kaum einer traut, zu sagen: Ich suche Erleuchtung oder gar: Ich bin erleuchtet. Luther hat das „Schwärmertum“, wie er es nannte, abgelehnt. In den orthodoxen Kirchen dagegen ist es normal, Erleuchtung zu suchen, sie nennen es nur anders: Vergöttlichung, Theosis. Erleuchtete genießen dort als geistliche Väter und sog. Starzen hohes Ansehen. Diese Schüler – Lehrer Beziehung ist eigentlich nur möglich, wenn wir davon ausgehen, dass einer der beiden etwas begriffen und verkörpert hat, was dem anderen noch fehlt und wonach er sich sehnt.

Aus meiner Sicht war die Beziehung zwischen Jesus und seinen Jüngern eine solche zwischen Lehrer/Guru und seinen Schülern. Jesus hat etwas ausgestrahlt und verkörpert, wonach sich seine Schüler und Schülerinnen gesehnt haben: Verbundenheit, Frieden, Liebe, aber auch: Angstfreiheit, Vollmacht, menschliche Erhabenheit. Sie wollten auch so ein Mensch werden wie er.

Nachfolge bedeutet demnach selbstverständlich, sich ebenfalls nach Erleuchtung zu sehnen. Ist doch ganz klar, oder was meint ihr? Und wenn ja, wo seht ihr euch auf der Skala erleuchtet von 1 bis 10 ;-)?

Ich jedenfalls wünschte, ich könnte wie Ken Wilber antworten: „Erleuchtet genug“ 🙂

Mehr zu dem Thema findet ihr auf www.soundstrue.com, einer Audioreihe zum Thema „Erleuchtung.“ Kostet leider nicht wenig 😦

Zur Diskussion um spirituelle Lehrer werdet ihr hier fündig:

http://integralesleben.org/il-home/il-integrales-leben/anwendungen/religion-spiritualitaet/papier-des-if-zur-diskussion-um-spirituelle-lehrer/

Und hier noch das Interview mit Ken Wilber:

Beten UND Handeln

Lange hatte ich ein klischeehaftes Bild im Kopf, das mich davon abgehalten hat, zu meditieren. Ich sah den untätig herumsitzenden Mönch oder die Nonne vor mir, die ihr Heil in der Stille und Einsamkeit suchen, aber nichts neues in die Welt bringen, keine Familie gründen, kein Unternehmen, keine Kunst schaffen, die Verhältnisse nicht verändern etc. Ich konnte nicht zusammenbringen, warum wir Menschen in der Welt sein sollten, mit einem Körper, Bedürfnissen, Gefühlen, Händen und Ideen, wenn der wahre Sinn des Menschseins darin läge, genau das Gegenteil davon zu suchen: Weg von Ego, weg vom Körper, weg von schmerzhaften Erfahrungen hin zum reinen, immer ausgeglichenen Beobachter. Hat so ein Mensch denn wirklich gelebt? Oder hat er nicht jede Menge verpasst?

Ein Extrembeispiel, das mich abgeschreckt hat, war das Bild eines – mittlerweile durch die Medien berühmten – Inders, der seit über vier Jahrzehnten seinen Arm ununterbrochen nach oben hält, um das Wunder der Willensstärke des Menschen zu demonstrieren.

Was ist denn, fragte ich mich, die Bestimmung des Menschen: Ein makelloser Heiliger zu werden oder ein aufregender Künstler?

Vermutlich liegt die Antwort – ihr ahnt es schon anhand der Überschrift – in dem so folgenreichen Wörtchen: „Und“.

Doch noch eine Befürchtung hatte ich lange Zeit:

Dass ich durch ein häufiges Meditieren den Bezug zur Welt und meinen Mitmenschen verlieren könnte. Ich hatte Angst, dann nicht mehr das tun zu können, was gerade nötig und angebracht wäre.

Doch von zeitgenössischen Mystikern durfte ich hören und lesen, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Erst durch eine regelmäßige kontemplative Praxis nehme ich die Wirklichkeit zunehmend weniger verzerrt war und lerne, entspannter und zielgerichteter zu handeln, zu agieren statt nur zu reagieren und in wichtigen Momenten das angemessene zu tun. Einer dieser Mystiker ist Richard Rohr.

Er ist ein US-amerikanischer Franziskanermönch, geistlicher Lehrer, Bestsellerautor, ein starker Kritiker seiner eigenen Kirche und leitet ein christliches „Zentrum für Aktion und Kontemplation“, wo er unter anderem auch integrale Theologie unterrichtet.

In seinem Buch mit dem Titel „Entscheidend ist das UND. Kontemplativ leben UND engagiert handeln“ betont er immer wieder die Bedeutung, das „Und“ zu denken und zu leben, da es uns vor Einseitigkeit und Oberflächlichkeit bewahrt. Wenn Aktion und Kontemplation eins seien, entstünden „immer Schönheit, Symmetrie und verwandelnde Form“. (S. 14) Da beides gleich wichtig sei, sei das „UND“ dazwischen das wichtigste, also die ständige Verbindung von beidem. Denn die Meditation, das Sitzen und Beten in der Stille, verändert uns und unsere Wahrnehmung und lässt uns anders denken und handeln. Meditation führe dazu, dass Menschen viel weniger in den Kategorien von „entweder-oder“ dächten, sondern zunehmend ein „sowohl-als-auch“ zuließen.

Im Anschluss an Ernst Friedrich Schumacher beschreibt er drei verschiedene Bewusstseinsstufen, die drei Teilen der hebräischen Bibel entsprechen: Gesetz, Propheten, Weisheitsbücher. Das erste steht für Struktur, Grenzen, äußere Autorität etc., dann kommt die Kritik aus einer inneren Autorität heraus, und schließlich folgt die Stufe von Paradox und Geheimnis. Auf dieser geht jegliche Eindeutigkeit verloren und scheinbar widersprüchliche Dinge kommen gleichberechtigt nebeneinander zu stehen. Jeder Mensch und auch jede Religion durchlaufen diese aufeinander aufbauenden Stufen der spirituellen Entwicklung.

Durch Kontemplation gelänge es dem Menschen nach und nach seine eigenen Gaben zu erkennen und diese auszuleben. Dabei hält er die Konzentration für bedeutend: „Wir müssen uns in unserem Leben für ein oder zwei Anliegen aus ganzem Herzen einsetzen.“ (S. 117) Klingt das nicht verheißungsvoll und zugleich entlastend? Wir müssen nicht alles tun, was getan werden müsste, sondern herausfinden, was von uns hier und jetzt getan werden kann wie von keinem anderen. 

Doch Richard Rohr malt keineswegs ein idealisiertes, romantisches Bild der Meditation:

Jede kontemplative Praxis (…) bleibt ein endloses Schattenboxen, immer ist sie harte Arbeit. (S. 104)

Denn wir selbst seien das Hauptproblem, nicht die anderen.

(Zu Schattenarbeit könnt ihr hier mehr lesen: Christliche Schattenarbeit)

Durch Kontemplation wird uns bewusst, dass es für heilsame Veränderungen eine langsame Transformation braucht, keine gewaltsame Revolution, ja nicht einmal eine Reformation. Denn die wahren Feinde sind nicht irgendwo da draußen, sondern in unserem Geist, dem individuellen wie dem kollektiven Bewusstsein. Es braucht deshalb mehr als alles andere Menschen, die bereit sind, sich selbst verwandeln zu lassen und dadurch die Welt zu verändern.

Marion Küstenmacher stellt in ihrem eben erst erschienen Buch „Integrales Christentum“ einen Zusammenhang der Thematik mit den Quadranten in Ken Wilbers Philosophie her.  In dem Quadranten oben rechts (individuell-objektiv) erschiene alles, was jemand ganz konkret tut.

In spiritueller Hinsicht ist dieser Quadrant daher der Lackmustest für jeden Glauben. Jesus hat immer wieder deutlich gemacht, dass nicht unsere Worte, sondern unser Handeln entscheidend ist. (S. 35)

Ein Beispiel wäre: Wenn jemand selbst der Ansicht ist, besonders rechtgläubig zu sein, und daher regelmäßig anderen ihren Abfall vom „wahren Glauben“ vorwirft, so fühlt sich dieser Mensch zwar (Quadrant oben links, individuell-subjektiv) extrem fromm, doch was er konkret tut (Quadrant oben rechts, individuell-objektiv), ist, dass er beständig negativ über andere Menschen richtet, sie dadurch verunsichert, verletzt oder ihnen schlicht auf die Nerven geht. Unter Umständen fällt auch auf, was er alles nicht tut: Er spendet wenig, er engagiert sich nirgendwo, stattdessen verbringt er viel Zeit allein mit seiner Bibel und sondert sich ab.

Deshalb ist es so wichtig, dass wir Meditation und Aktion miteinander verbinden. Was mir klar geworden ist, habe ich erst richtig begriffen, wenn ich dadurch in ein neues, anderes Tun gekommen bin.

Wir könnten vielleicht sogar noch drastischer sagen: Ohne unser Tun ist alles, was wir in der Kontemplation erfahren haben, sinnlos. Denn erst durch unser Tun wird der Geist Materie, erst dadurch sind wir wirklich Abbilder Gottes, der sich insbesondere durch seine Schöpferkraft auszeichnet. Erst durch ein Tun, das von der Stille und dem Innehalten her inspiriert ist, werden wir zu einzigartigen Individuen, zu faszinierenden Teilchen von Gottes Welt.

Jesus selbst war jedenfalls so ein Mensch, der sich unter die Menschen stürzte, um sich dann wieder zurückzuziehen, der immer hin und her pendelte zwischen Kontemplation und Aktion.

Was meint ihr?

Wenn ihr mehr dazu lesen wollt, werdet ihr hier fündig:

Zentrum für Aktion und Kontemplation: https://cac.org

Das Reich Gottes

der integrale Christ Paul Smith versteht darunter einen anderen Bewusstseinszustand. Den Zustand, in dem sich Jesus befunden haben muss.

Das Reich Gottes…

der integrale Christ Paul Smith versteht darunter einen anderen Bewusstseinszustand. Den Zustand, in dem sich Jesus befunden haben muss. Einen Zustand des völligen Eins-Seins-mit-dem-Göttlichen. Aus meiner Sicht eröffnet diese Definition neue Perspektiven auf Jesu Worte und seine Gleichnisse. Ich laden euch ein, bei jedem Gleichnis, das ihr lest, einmal hinter das Wort „Reich Gottes“ durch die Worte „Bewusstsein von Gott/Wissen um Gott“ zu ersetzen.

Zum Beispiel bei Markus 4,30, dem Gleichnis vom Senfkorn:

Womit sollen wir das Bewusstsein von Gott/Wissen um Gott noch vergleichen?«, fragte Jesus. »Mit welchem Gleichnis sollen wir es darstellen? 31 Es gleicht einem Senfkorn. Das ist das kleinste aller Samenkörner, die man in die Erde sät. 32 Aber wenn es einmal gesät ist, geht es auf und wird größer als alle anderen Gartenpflanzen. Es treibt so große Zweige, dass die Vögel in seinem Schatten nisten können.

Oder bei Matthäus 20,1, dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg:

Denn mit dem Bewusstsein von Gott/Wissen um Gott ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der sich früh am Morgen aufmachte, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. 2. Er fand etliche und einigte sich mit ihnen auf den ´üblichen` Tageslohn von einem Denar. Dann schickte er sie in seinen Weinberg.

Oder Markus 10:

25 Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Bewusstsein von Gott/Wissen um Gott kommt.

Wir bekommen ganz neue Aussagen, die erstaunlich viel Sinn machen. Was meint ihr?

  1. Ein anderes Bewusstsein hat die Macht, die ganze Welt zu verändern.
  2. Ein anderes Bewusstsein kommt bei dem einen durch viel harte gedankliche Arbeit und dem anderen wird es über Nacht geschenkt.
  3. Reichtum hindert Menschen tendenziell, das Göttliche in der Welt wahrzunehmen.

Zum Abschluss will ich an dieser Stelle mit euch meinen Gedichtfilm aus dem Jahr 2016 teilen. Das Gedicht habe ich an einem Samstag während der Predigtvorbereitung verfasst, als mir klar wurde, dass ich entweder ein Gedicht schreibe oder auf der Kanzel lieber schweige. Mir persönlich erscheint die Kunst, die in einem ekstatischen Zustand der Inspiration verfasst wird – und damit eine eigene Art spiritueller Erfahrung ist – , noch am ehesten geeignet, das wiederzugeben, was vermutlich hinter dem Begriff „Reich Gottes“ steht.

Hier ist es:

DAS REICH GOTTES

Ich hab es nie gesehen
und WEIß es doch.
Ich kann es nur erahnen –
die Ahnung reicht unendlich weit,
sie füllt mich völlig aus.
Es nimmt jetzt seinen Lauf,
jetzt und jetzt und jetzt.
Es ist der Fall aus dem Normalen,
es fängt mich sachte auf.
Es ist der Strom,
in dem ich gleite,
die Energie,
die mich erhält.
Es gleißt aus mir heraus
und doch bin ich nie wirklich drin gewesen.
Es ist nicht Außen und nicht Innen,
nicht Oben, und nicht unter mir
und alle andern scheinen
immer weit voraus.
Es ist ein Wind im Innern,
der sich viel zu langsam legt.
Es ist die Liebe, die
nicht passen will zu mir,
wie ich sie auch halte.
Es ist die Sonne,
die mir, wenn ich sterbe,
blendend gleißt,
der Strahl, der letzte Weg zu dir.
Es ist die Hoffnung, dass ich vor dir bleibe,
auch wenn ich schlachte wie Elia,
und nichts mich mehr entschuldigt.
Es ist die senkrecht steile Wand,
an der ich mich nach oben hangle.
Es ist der Schrott, der faule Müll,
aus dem es plötzlich grünt wie neu.
Ich kenne es, dein Reich,
als hätt ich schon mal dort gewohnt,
und zweifle doch so oft daran.
Es ist ein Reißen und ein Sehnen.
Es ist dein immer freundliches Gesicht,
dass mich schon lang durchdrungen,
und statt mich zu vernichten,
als Atem in mir weiterschwingt.
Es ist der Wärmeschub,
nachdem ich lange meditierte;
das Katapult,
das mich in neue Tiefen bringt.
Es ist ein Mensch, und ist ein Licht.
Es ist in mir, und doch bin ich es nicht.
Kein Vergleich reicht aus,
und doch lebt alles Leben
nur aus Vergleichen,
aus Versuchen Dich zu fassen,
einzunehmen, festzusetzen.
Es ist,
wenn Leben wieder mundet.
Wenn Illusionen fallen.
Wenn Todgeglaubte trösten.
Wenn zurück liebt, wer nicht lieben konnte.
Es ist ein Raum und ist ein König –
alles muss ihm weichen.
Was hart ist, löst es auf.
Was öde ist und schmerzbehaftet,
was Schein ist nur und Lüge,
was quält und was das Licht verdeckt.
Und wer auch herrscht und sich vergisst:
Es ist. Es ist. ES IST.
Und niemand, niemand hält es auf.