Warum wir krank werden

„Dieser Wahn, daß wir all das, was uns geschieht, selbst initiiert haben, ist so destruktiv, so aggressiv…“

Wieder habe ich „Ken Wilber“ in einem Bibliothekskatalog unter der Kategorie „New Age“ gefunden. So etwas ärgert mich. „New Age“ ist eine Sammelbezeichnung aus den 70er Jahren für verschiedene esoterische oder alternative Strömungen. Und Ken Wilber ist ganz sicher kein Vertreter dieser Strömungen, sondern einer ihrer schärfsten Kritiker.

Ich möchte das heute an einem Beispiel verdeutlichen: Der Entstehung von Krankheiten.

Eine Tendenz innerhalb des New Age war und auch moderner alternativer Spiritualität ist es, als Ursache für Krankheit in erster Linie, wenn nicht gar ausschließlich psychische Faktoren geltend zu machen. Häufig paart sich das mit der Überzeugung, das überhaupt generell alles, was wir erleben, schlussendlich auch wir selbst – unser Ego-Bewusstsein – geschaffen haben. Und das ist schlicht einseitig. Das lässt sich anhand Ken Wilber Quadrantenmodell leicht erkennen: Alles wird auf den Quadranten oben links reduziert: „Quadrantenabsolutismus“ pur.

In der Facebookgruppe des Integralen Forums hat neulich jemand allen Ernstes behauptet, dass es Unsinn sei, Kinder zu impfen, da alle Krankheiten psychisch bedingt seien. (!!)

Aus der Erkenntnis „Psychische Faktoren spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Krankheiten“ wird ein „Krankheiten sind immer selbstgemacht“.

Wenn aber eine Krankheit auftaucht, dann ist es immer eine Botschaft der Seele. Eine andere Ursache für eine Krankheit gibt es nicht.

http://www.spirituelle.info/artikel.php?id=39

Mit jeder Erkrankung will Ihr Unterbewusstsein Ihnen etwas sagen… Goldene Regel: Suchen Sie nach der Botschaft, die in Ihrer Krankheit stecken kann.

https://www.simplify.de/gesundheit/weitere-gesundheitstipps/artikel/die-geheimsprache-der-krankheit/

Das hört sich zunächst verlockend an. Denn es ist so schön einfach: „Finde heraus, was deine Seele dir sagen will, und schon wirst du wieder gesund.“

Der Bestseller Autor Rüdiger Dahlke ordnet in seinen Büchern „Krankheit als Symbol“, „Krankheit als Sprache der Seele“ und „Krankheit als Weg“ jeder Krankheit passende Seelenthemen zu.

Das kann in der Tat sehr hilfreich sein. Langjährige psychosomatische Forschung hat außerdem ergeben, dass der Einfluss des Geistes auf unseren Körper ungeahnt groß ist (Placebo-Effekt, Psychoneuroimmunologie und die Rolle von emotionalem Dauerstress etc.)

Nur ist es eben gefährlich einseitig. Und es kann schnell „kippen.“ Was, wenn dein Ehepartner plötzlich an Krebs erkrankt und nicht wieder gesund wird? Wirst du ihm dann insgeheim vor, es läge nur daran, dass er sich seinem „Seelenthema“ nicht stellt?

Im Grunde sagte ich nicht: „Ich nehme Anteil an deiner Not, wie kann ich helfen?“, sondern „Was hast du falsch gemacht? Wo hast du versagt?“ Und nicht zuletzt: „Wie kann ich mich selber schützen?“ Angst, also uneingestandene Angst, war das, was mich trieb…

Treya Wilber, Mut und Gnade

Kurz nach seiner Hochzeit mit Terry Killam erfährt Ken Wilber, dass sie Brustkrebs hat. Das sehr persönliche Buch „Grace and Grit: Spirituality and Healing in the Life of Treya Killam Wilber (Mut und Gnade)“ berichtet von ihrer gemeinsamen Zeit und der Erkrankung, die sie schließlich das Leben kostet. Die Ereignisse werden dabei jeweils abwechselnd aus Kens Sicht und der seiner Frau geschildert.

Sie schreibt:

„Die ganze Logik mit der Selbstverursachung meiner Krankheit(en) steht wieder auf der Tagesordnung. Wer Gegenstand solcher Theorien ist oder selbst über sich theoretisiert, sieht die Frage der Verantwortung häufig unter dem Gesichtspunkt der Schuld: „Was habe ich falsch getan, daß ich so was verdiene?“ (…) Ich habe diese „Logik“ manchmal auf mich selbst angewendet. Auch Freunde sind darin sehr eifrig. Ich habe es bei meiner Mutter gemacht vor achtzehn Jahren, als sie Krebs bekam, und ich kann mir vorstellen, daß sie sich ein bißchen vergewaltigt fühlte – und wie recht sie hatte… Deshalb sage ich immer wieder, daß Krankheiten meiner Überzeugung nach viele Ursachen haben – erbliche Belastung, Ernährung, Lebensweise, Persönlichkeit; wer aber sagt, daß einer dieser Faktoren der einzig wichtige sei, daß die Persönlichkeit allein die Erkrankung herbeiführe, der übersieht, daß wir zwar unsere Reaktion auf das, was uns geschieht, steuern können, nicht immer jedoch das Geschehen selbst. Dieser Wahn, daß wir all das, was uns geschieht, selbst initiiert haben, ist so destruktiv, so aggressiv.“

Im Zuge der Erkrankung setzen sich Ken und Treya intensiv mit den verschiedenen Erklärungsmodellen für Krankheiten auseinander.

Die Fundamentalisten sähen Krankheit als Strafe Gottes für irgendeine Sünde. Die New Age Leute sehen die Krankheit als eine Lektion des Geistes, durch die wir etwas lernen sollen. Psychologen sehen die Krankheit als eine Folge verdrängter Emotionen. Diese Erklärungsmodelle lassen sich dem linken Quadranten zuordnen.

Schulmediziner sehen v.a. biologische Ursachen (Viren, genetische Veranlagung, Umweltfaktoren, Ernährungsweise). Andere sehen die Krankheit als Folge von schlechtem Karma, also einem fehlerhaften Handeln aus einem früheren Leben. Diese Erklärungsmodelle lassen sich dem rechten Quadranten zuordnen.

Eine ganzheitliche Sicht sieht die Krankheit als ein Produkt all dieser Faktoren: Emotionen, Seelenthemen, körperliche Veranlagung, Lebensweise, zwischenmenschliches Umfeld, gesellschaftlicher Umgang mit der Krankheit, Zugang zu medizinischer Versorgung etc.

Quadrant Krankheitsentstehung

Jesus hatte all diese Faktoren im Blick:

  • Er fragte die Kranken „Willst du gesund werden?“ Er wusste also, dass die Psyche des Kranken einen entscheidenden Einfluss auf den Verlauf der Krankheit haben kann. (Quadrant links oben)
  • Er wandte sich den Kranken zu, weil er um die Bedeutung zwischenmenschlicher Faktoren wusste – z.B. galten Leprakranke als „unrein“ oder Kranke allgemein als „Sünder“. (Quadrant links unten)
  • Er übte Systemkritik, indem er z.B. ganz umsonst heilte, ohne Geld zu verlangen oder dem Sabbat keine Beachtung schenkte, wenn es um die Gesundheit eines Menschen ging.(Quadrant rechts unten)
  • Und viele Menschen waren Zeuge davon, dass er andere Menschen wirklich gesund machte, wenn auch bis heute rätselhaft bleibt, auf welche Weise. Vermutlich werden wir durch die Fortschritte in der medizinischen Forschung irgendwann besser in der Lage sein, dies zu erklären. (Quadrant rechts oben)

Ihr kennt sicherlich alle die Stelle im Johannesevangelium (Kap. 9), wo Jesus einen Menschen trifft, der seit seiner Geburt blind ist. Seine Jünger wollen wissen, wer Schuld hat, er oder seine Eltern. Dahinter steht der Glaube, dass jede Krankheit selbst verursacht wird, in diesem Fall offenbar gekoppelt mit einer Vorstellung von Wiedergeburt und Karma. Und Jesus antwortet ihnen:

Es ist weder seine Schuld noch die seiner Eltern. An ihm soll das Handeln Gottes sichtbar werden.

Er wurde also, so Jesus, blind geboren, damit er ihn heilen kann. Jesus versteht dessen Krankheit hier eindeutig nicht als Folge eines „Seelenthemas“ oder „Schuld“ des Blinden, sondern weist ihr eine ganz andere Funktion zu. Jesus sagt nicht, es ist purer, blinder Zufall, dass es dich getroffen hat. Sondern: Der Sinn deiner Krankheit wird sich in deinem Leben noch zeigen.

Es geht ihm nicht um die Ursache, sondern die Folge.

Eine Folge davon, dass Ken Wilbers Frau krank wurde, war, dass sie sich in der Begleitung krebskranker Menschen engagierte und als Künstlerin ihre Bestimmung fand. Eine andere Folge war, dass die Liebe zwischen Ken und Treya noch tiefer wurde, weil sie diese Krise zu meistern hatte. Und eine weitere Folge davon war das Buch „Mut und Gnade“, das Ken Wilber nach ihrem Tod herausbrachte und das seither unzählig viele Menschen zum Weinen gebracht, inspiriert und getröstet hat.

Als ich Mut und Gnade schrieb, nahm ich an, dass vielleicht ein Jahr lang eine Flut von Briefen käme, die dann nachlassen würde. Aber die Briefe kommen nach wie vor, jeden Monat Dutzende, deren Inhalt mir sehr nahe geht.

Ken Wilber, Einfach „Das“, S. 62

Genauso wenig wie wir über alle Ursachen einer Krankheit Bescheid wissen, wissen wir über alle kurzfristigen oder längerfristigen Folgen einer Krankheit Bescheid. Manchmal geht es offenbar nicht darum, eine Krankheit so schnell wie möglich wieder „weg zu machen“, sondern darum, zu lernen, mit dieser Krankheit zu leben: Eine Herausforderung für den Betroffenen, die Angehörigen, die Gesellschaft, in allen Bereichen, auf allen Ebenen. Und manchmal ist eine Krankheit auch eine Erfahrung, die uns reifen lässt und verständnisvoller macht. Das jedoch hängt tatsächlich allein von uns ab.

„Wer an einer schweren Krankheit leidet, wird sich dadurch vielleicht tiefgreifend ändern, aber daraus folgt nicht, daß er krank wurde, weil ihm das durch die Veränderung Entstandene früher gefehlt hat.“

Ken Wilber, Mut und Gnade

 

 

Eine Idee, die hilft, Rätsel zu lösen

Das Wilber-Combs-Raster

Das „Wilber-Combs-Raster“ ist benannt nach seinen Erfindern: Ken Wilber und dem Bewussstseinsforscher Allan Combs.

„Ein paar Jahre, nachdem ich eine erste Lösung vorgeschlagen hatte, stieß mein Freund Allan Combs, der unabhängig von mir arbeitete, auf eine grundlegend ähnliche Idee.“

Ken Wilber, Integrale Spiritualität

Ein Dank an dieser Stelle an Regina Laube, die mich dazu inspiriert hat, diesen Artikel endlich anzupacken 😉

Eigentlich ist es einfach eine Tabelle: Mit y-Achse und x-Achse.

Die y-Achse bilden die die Stufen, durch die hindurch sich das Bewusstsein hindurch weiter entwickelt: „Archaisch, Magisch, Mythisch usw“. Diese Stufen, Ebenen oder Strukturen können nicht übersprungen werden, sondern werden der Reihe nach durchlaufen. Der Einfachheit halber konzentrieren wir uns an dieser Stelle auf die spirituelle Entwicklung, wie sie zum Beispiel von dem Forscher James Fowler (Stufen des Glaubens) beschrieben wurde (auch wenn dieser andere Begriffe verwendet als Wilber). Dass diese Stufen existieren, wissen wir erst, seit Entwicklungspsychologen sie durch ihre Forschung entdeckt haben. Wir können sie nicht von innen „sehen“: Ich sehe nicht den archaischen, magischen oder integralen Filter vor meinen Augen, sondern nur das, was übrig bleibt, wenn der Filter aktiv war 🙂

Die x-Achse meint verschiedene Bewusstseinszustände „grobstofflich, subtil, kausal und nondual“. Zustände sind zeitlich begrenzt und schließen sich in der Regel gegenseitig aus. Wir alle kennen verschiedene Zustände aus der unmittelbaren Erfahrung, weil wir alle mal wach sind, mal schlafen und träumen oder uns mal im Tiefschlaf befinden.

  • Mit „Grobstofflich“ ist einfach unser normales Wachbewusstsein gemeint, in dem du dich höchstwahrscheinlich befindest, wenn du diesen Artikel liest.
  • „Subtil“ meint den Zustand, in dem du im Schlaf bunte Träume siehst, tagsüber vor dich hin träumst oder visualisierst oder in der Meditation Bilder oder Visionen empfängst.
  • „Kausal“ meint den Zustand, den du aus dem Tiefschlaf kennst oder, wenn du bereits erfahren im Meditieren bist, aus der tiefen Versenkung: Da ist Leere, Formlosigkeit, eine Art warmes Dunkel. Ein ewiger, grenzenloser Raum tut sich auf.
  • „Nondual“ könnten wir Einheitsbewusstsein nennen oder erleuchtetes Bewusstsein, in dem die Objekt-Subjekt-Trennung sich auflöst und alles – innen und außen – gleichermaßen als Teil des eigenen Bewusstseins erkannt wird. Eigentlich ist es der Zustand, der allen anderen zugrunde liegt, deshalb aber selten bewusst wahrgenommen wird. Mehr über Nondualität erfährst du hier.

Das Wilber-Combs-Raster in Kürze:

Jede Person interpretiert eine Gipfelerfahrung, religiöse oder spirituelle Erlebnisse von der Stufe ihrer spirituellen Entwicklung aus, auf der sie sich derzeit befindet.

Sie kann gar nicht anders. Ein Kind in der magischen Phase kann seine Erfahrung gar nicht rational deuten, weil es diese Stufe in seiner Entwicklung noch nicht erreicht hat. Und die Wahrscheinlichkeit, dass jemand eine Erfahrung rein magisch deutet, ist ebenfalls gering, wenn jemand bereits gelernt hat, pluralistisch zu denken.

(Anmerkung für Fortgeschrittene: Noch präziser wäre es, so Wilber, zu sagen, dass bei jeder Interpretation jeglicher Erfahrung – und damit auch bei spirituellen Erfahrungen – immer die gesamte AQAL-Matrix wirksam ist, d.h. nicht nur die Wachstumsstufen und Intelligenzen des Individuums (oben links im Quadranten), sondern auch intersubjektive Kontexte wie Kultur und Zwischenmenschliches (unten links), Neurophysiologie (oben rechts) und soziale Systeme (unten rechts) gleichermaßen beteiligt sind.)

  • Diese Idee hilft uns zu verstehen, dass wir in der Bibel bei Jesu oder auch Worten von Paulus es möglicherweise mit Erkenntnissen zu tun haben, die einem Bewusstsein entspringen, dass dem unseren noch überlegen ist. Wir versuchen dann dennoch, sie so zu verstehen, dass sie zu dem Rest unseres Weltbildes passen. Und vielleicht geht uns Jahre später ein Licht auf und wir sehen den Sinn einer Stelle auf einmal ganz neu. Ein offensichtliches Problem dabei sind Leute, (wir eingeschlossen!), die meinen, einen Text verstanden zu haben, obwohl sie ihn nur soweit verstanden haben, wie ihr Verständnis gereicht hat. Das hinzuzufügen, wenn wir unsere vermeintlichen Erkenntnisse mit anderen teilen, wäre zumindest redlich 🙂
  • Das Raster erklärt auch, dass wir nicht zuerst alle Stufen der spirituellen Entwicklung durchlaufen müssen, um eine Gipfelerfahrung, ein Einheitsbewusstsein oder eine Erleuchtungserfahrung zu machen. Denn jeder Zustand ist prinzipiell von jeder Stufe aus zugänglich: Als Kind hatte ich z.B. ein Erlebnis intensiver Gottesnähe, hätte es aber damals nie so beschrieben oder gedeutet. Wilber unterscheidet hier gerne zwischen „Aufwachsen (growing up)“ und „Aufwachen (waking up)“.
  • Anhand des Wilber-Combs-Rasters findet Wilber zu seiner eigenen Definition von „Erleuchtung“: (ich persönlich empfinde es als ein wenig erzwungen und gekünstelt, weil Erleuchtung sich m.E. als etwas trans-rationales unseren rationalen Definitionen gerne entzieht, aber bitte)

„ERLEUCHTUNG ist die Verwirklichung von Einsseins mit allen Zuständen und allen Stufen, die sich bis zu diesem Punkt entwickelt haben und in Erscheinung getreten sind.“ 

  • Das Wilber-Combs-Raster hilft auch dabei, zu verstehen, weshalb kontemplative Meister nicht zwangsweise in ihrer spirituellen Entwicklung reifer sind als andere Menschen. Jemand kann viel Erfahrung mit bestimmten meditativen Zuständen, Einheitserfahrungen, Erfahrung der Erleuchtung, der dunklen Nacht etc. sammeln, diese aber von einer magischen oder egozentrischen Stufe aus interpretieren.
  • Marion Küstenmacher schreibt in einem Artikel in dem Sammelband „Mystische Wege. Christlich, integral, interreligiös (Rutishauser/Hasenauer (Hg.), 2016“, dass das Raster uns bei der Frage helfe, warum sich Mystiker, Gurus und Erleuchtete nicht unbedingt immer moralisch integer, altruistisch und liebevoll verhalten. Als Beispiele nennt sie Schamanen, die aufgrund ihres Stammesdenkens kein Problem damit haben „Angehörige eines anderen Stammes auszurotten“, Elia im Alten Testament, der gleichzeitig Prophet und Massenmörder war, den heiligen Bernard von Clairvaux, zugleich Theologe und Befürworter der Kreuzzüge und die Athos Mönche, die gleichzeitig im Gebet Gott schauen und doch bis heute in einem „mythisch-patriarchalen Denken gefangen“ sind, dass sie „auf ihrem heiligen Berg das Weibliche noch nicht einmal in Form von Hühnern integrieren können.“

Ich empfinde dieses Raster als ebenso einfach wie genial und erhellend. Wie geht es euch damit?

Der integrale Coach Stefan Schoch hat zum Thema ein sehr gut verständliches Video gedreht:

Evolutionäre Spiritualität

Die menschliche Geschichte ist die Fortsetzung der biologischen Evolution. In und durch uns entwickelt sich das Universum weiter: Diese Richtung hängt von uns ab.

Die sog. evolutionäre Spiritualität führt zwei Dinge zusammen, die viele für unvereinbar halten.

In Umfragen stimmen viele der Aussage „Wissenschaft macht Religion in meinem Leben überflüssig“ zu. Gleichzeitig bestreitet mehr als ein Drittel der Deutschen die Evolutionstheorie. (Daten von http://www.fowid.de)

In meinem Leben haben beide Themen immer eine große Rolle gespielt. Und auch ich glaubte lange, dass ich eines von beidem zugunsten des anderen aufgeben müsste.

Als ich zehn war, hatte ich mir während einer Exkursion ins Naturkundemuseum von meinem Taschengeld eine Broschüre zum Thema „Entstehung der Arten“ gekauft, anschließend deren Inhalte verinnerlicht und beschlossen: Ich wollte Biologin und Evolutionsforscherin werden.

In der neunten Klasse machte ich mich zur Außenseiterin, indem ich die These vertrat, dass wir, da wir von den Affen abstammen, biologisch gesehen Tiere sind. Einstimmige Meinung der Klasse (naturwissenschaftlicher Zug) war damals, dass Menschen keine Tiere seien und wir von Adam und Eva abstammen. Mich nannten sie natürlich – wie auch sonst – „Affe.“ (Und ausgerechnet ich habe dann Theologie studiert 😉 🙂

Ich liebe die Evolutionstheorie immer noch. Ich finde es immer noch spannend, dass auf dieser Erde früher einmal riesige und winzige Dinosaurier herum hüpften und es noch keine Menschen gab, die all das hätten beobachten können.

„Evolution“ ist ein grundlegender Begriff innerhalb der integralen Theorie. Ken Wilbers bahnbrechendes Werk „Sex, Ecology, Spirituality“ von 1995 verbindet bereits im Titel beide Themen.

Der wohl wichtigste Begriff bei Ken Wilber ist Evolution bzw. Entwicklung. Vom Urknall ausgehend, hat sich unser Universum zu immer komplexeren und gleichzeitig bewußteren Strukturen entwickelt. Die Zunahme von Komplexität und Bewusstheit scheint – unabhängig von einigen Sackgassen – ein Gesetz der Evolution zu sein. Diese Entwicklung erfolgt Wilber zufolge nicht ungerichtet und quantitativ, sondern gerichtet und über qualitativ deutlich voneinander unterscheidbaren „Entwicklungsebenen.“

(Weinreich, Integrale Psychotherapie, S. 2)

Der Gedanke, dass die Welt und der Geist sich in einem gigantischen Entwicklungsprozess befindet, wurde bereits von den idealistischen Philosophen Hegel und Schelling vertreten und ausführlich beschrieben, bevor die Biologen Lamarck und Darwin ihre Theorien zur Entwicklung des Lebens auf unserer Erde vorlegten und damit einer materialistischen Weltanschauung den Weg bereiteten.

Denn es gab einen kleinen, aber feinen Unterschied, der sich auswirkte:

Die Philosophien der Idealisten nahmen an, dass die Entwicklung des Lebens und des menschlichen Geistes eine Richtung hat und ein Ziel anstrebt. Die Thesen Darwins zur natürlichen Auslese (und die heutige Weiterentwicklung davon) erwecken jedoch den Anschein, als gäbe es gerade das nicht: Ein bestimmtes Ziel. Alles scheint dem puren Zufall anheim gegeben, auch das menschliche Bewusstsein.

Gerade deshalb kam es zu einer starken Ablehnung der biologischen Evolutionstheorie, die bis heute reicht. Für manche traditionellen oder fundamentalistischen Christen reicht allein die Erwähnung des Begriffs „Evolution“, um Aggression und Gegenangriffe zu ernten. Weltweit sind der Kreatonismus (Gott hat alles genauso geschaffen, wie es heute ist) und Intelligent Design (Ein Schöpfer ist bei der Evolution beständig mit am Werk) die bekannten Alternativen.

Die Alternativen tendieren dazu, die Biologie und ihre Forschung nicht ernst zu nehmen oder völlig auszublenden.

Auf der anderen Seite stehen die Biologen, die damit ringen, ihr altes Gottesbild gehen zu lassen. Berühmtes Beispiel ist Jaques Monod, der in Zufall und Notwendigkeit folgendes Fazit aus seinen Forschungen in der Biologie zieht:

Wenn er [der Mensch] diese Botschaft in ihrer Bedeutung aufnimmt, dann muß [er] endlich aus seinem tausendjährigen Traum erwachen und seine totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit erkennen. Er weiß nun, daß er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.

Jaques Monod

Wenn wir nun aber das feste Bestreben haben, die Ergebnisse der Naturwissenschaft ernst zu nehmen und gleichzeitig unsere Spiritualität nicht preisgeben wollen, was dann?

Dann müssen wir zunächst die Theorie einer genaueren und völlig unvoreingenommenen Betrachtung unterziehen. Genau das haben Ken Wilber und Steve McIntosh und viele andere Denker bereits gemacht.

Muss die Akzeptanz der Evolutionslehre wirklich bedeuten, dass wir in einer sinnentleerten, absurden Welt leben?

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:McIntosh72Wiki.jpg

Steve McIntosh betont, dass es bei der integralen Theorie nicht darum ginge, den Erkenntnissen der Naturwissenschaft zu widersprechen, sondern auf deren Wissen aufzubauen. Wenn einige Wissenschaftler aus ihrer Forschung den Schluss zögen, dass die Evolution völlig sinnlos und richtungslos sei, und es keinerlei Fortschritt gäbe, überschreite die Wissenschaft ihren Bereich: Sie kann diese Sinnlosigkeit nicht mit ihren Methoden beweisen.

Was durch die Evolutionsforschung erkennbar wird:

  • Alles wird zunehmend komplexer.
  • Alles strebt, während es sich ausdifferenziert, nach einer immer größer werdenden Einheit. Der Mensch stellt so eine komplexe große Einheit dar, die wiederum viele komplexe Systeme als Untereinheiten (z.B. Organe, Zellen) in sich beherbergt.
  • Alles strebt zu immer größerer Bewusstheit. Der Mensch stellt durch seine Selbstbewusstwerdung eine weitere wichtige Etappe der Evolution dar: Von der „Biosphäre“ zur „Noosphäre“.

Im Anschluss an Teilhard de Chardin unterscheiden Ken Wilber und Steve McIntosh zwischen der Physiosphäre, der Biosphäre und der Noosphäre: Unbelebte Materie, Leben, bewusstes Leben.

Dadurch, dass der Mensch zur Selbstreflexion fähig wurde, also über sich selbst und sein Denken nachzudenken, wurde eine neue Art und Weise der Evolution möglich. Das menschliche Gehirn hat sich kaum mehr verändert, während sich das menschliche Bewusstsein und mit ihm die menschliche Kultur in rasantem Tempo weiterentwickelt hat. Heute sind wir maßgebliche Mitgestalter der Evolution, indem wir unseren Grad an Bewusstheit erhöhen und uns, anstatt uns rein an unsere Umgebung anzupassen, diese aktiv so gestalten, dass sie unsere jeweiligen Idealen nahe kommt. Spätestens jetzt ist sie kein Zufall mehr, sondern wesentlich durch uns Menschen mitbestimmt.

Doch auch davor erfolgte die Evolution für Steve McIntosh nicht blind und richtungslos, sondern wurde bereits durch eine Art Eros von der Zukunft her mitbestimmt. Nicht im Sinne einer bereits im Vorhinein festgelegten Ordnung, sondern durch die Anziehungskraft der absoluten Idee des Guten, Wahren und Schönen. Für ihn ist

universe is not a purposeless accident and […] evolution is definitely going somewhere. (das Universum kein sinnloser Unfall und geht definitiv in eine bestimmte Richtung.) 

Steve McIntosh, Integral Consciousness, S. 214
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Alfred_North_Whitehead._Photograph._Wellcome_V0027330_(cropped).jpg

Er knüpft damit an die Gedanken von Alfred North Whitehead, dem Gründer der Prozessphilosophie, an. Dieser war ein maßgeblicher Vordenker der integralen Theologie. Sein Gott ist sowohl außerhalb als auch innerhalb der Welt. Und als Gott innerhalb der Welt ist er wie alles am Werden, im Prozess. Er wirkt nicht durch Gewalt auf die Welt ein, sondern durch sanfte Überredung durch Liebe (gentle persuasion through love). Durch die Annäherung an das Gute, das Wahre und das Schöne strebt die Welt immer größerer Perfektion entgegen.

Auch bei Ken Wilber ist das Weltganze als eine beständige dialektisch fortschreitende Entwicklung und Integration zu einer immer größer werdenden Einheit gedacht: Eine Spirale, die immer größere konzentrische Kreise formt. Diese Entwicklung kommt – da sie sich in Raum und Zeit ereignet – nie an ein Ziel. Die Himmelsleiter zum Göttlichen, zur endgültigen Perfektion und Vollendung, reicht über eine unendlich große Anzahl Stufen in den Himmel. Sie nähert sich dem Göttlichen an, doch sie kommt nie an ein Ende.

(Hier widerspricht er Teilhard de Chardin, der noch einen Omega-Punkt, ein bestimmbares Endziel für die Geschichte annahm)

Wir haben Gott bereits in unserem traditionellen Glauben als unendlich, unbegrenzt bekannt – aber haben wir ihn auch wirklich so geglaubt? Oder wurde es uns schwindelig bei der Vorstellung, ja unheimlich, ängstlich? Und so haben wir ihm zwei Aufgaben zugewiesen: Die Schöpfung und das jüngste Gericht. Dieser Gott war zwar unendlich, aber irgendwo jenseits, nicht inmitten dieser Welt, nicht inmitten ihrer Tiefe, Vielfältigkeit und Möglichkeiten.

Im Anschluss an Teilhard de Chardin unterscheidet die integrale Theorie bei jeder Sache eine Innen- und eine Außenperspektive oder – dimension. Ideen und Materie, das Unsichtbare und das Sichtbare sind zwei Seiten der einen Wirklichkeit.

Sehr lange entsprach der Entwicklung der Außenseite eine dazugehörige Innenseite: So z.B. (vereinfacht) bei unserem Gehirnwachstum: dem Reptiliengehirn unsere Instinkte und Reflexe, dem Säugetiergehirn eine zunehmend komplexe Gefühlswelt, dem Großhirn unsere Sprachentwicklung und Reflexionsfähigkeit. Doch seit langem gibt es keine großen Veränderungen mehr in unserer Biologie.

Was sich weiter entwickelte, war und ist unser Bewusstsein und damit unsere Kultur und unsere Geschichte. Die menschliche Geschichte ist die Fortsetzung der biologischen Evolution. In und durch uns entwickelt sich das Universum weiter: Diese Richtung hängt von uns ab. Lassen wir uns zur Liebe – zum Guten, Wahren und Schönen – überreden. Gott reicht uns von der Zukunft her die Hand. In was für einer Welt willst du leben? Lebe sie!

 

Wiedergeburt denken

Ist der Reinkarnationsgedanke urchristlicher Glaube – und wenn ja, inwiefern?

Immer wieder höre ich den Vorwurf, die Kirche habe die Lehre von der Wiedergeburt unterdrückt und verboten, obwohl dies ein urchristlicher Glaube sei.

Ein derzeit prominenter Vertreter dieser These ist Franz Alt. In seinem Buch „Was Jesus wirklich gesagt hat“ bezieht er sich dazu auf die Rückübersetzung von bekannten Sprüchen Jesu aus dem Griechisch der Bibel in Jesu Muttersprache, das Aramäische, nachzulesen bei: Günther Schwarz: „Worte des Rabbi Jeschu: Eine Wiederherstellung.“

Ein Film zu den Hintergründen des Buches seht ihr hier:

Das Jesu Wort aus Johannes 3,3

Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.

lautet bei Schwarz:

Wenn jemand nicht wiederholt geboren wird, so kann er nicht wieder eingelassen werden in das Königtum Gottes.

Für Franz Alt bedeutet das:

Wiedergeburt heißt, dass es keinen Tod gibt, sondern Verwandlung, Reinkarnation und Erneuerung. […] Damit ist die Wiedergeburt eine große Entwicklungschance […] (Franz Alt, Was Jesus wirklich gesagt hat, S.136)

Wirklich viel Belege kann er für seine Interpretation allerdings auch nicht anführen.

Unsere Kirchen lehren offiziell alle: Auferstehung ja, Wiedergeburt nein.

Häufig lese ich Sätze wie:

Der christliche Glaube an die Auferstehung der Toten und die Vorstellung von Karma und Reinkarnation schließen sich gegenseitig aus.

Andere werfen der Kirche vor:

553 n. Chr. wurde die Wiedergeburt von 165 Kirchenleuten verdammt. Zuvor war sie ein Fundament christlicher Lehre (z.B. https://www.zeitenschrift.com/artikel/reinkarnation-die-grosste-luge-der-kirche)

Wer hat denn jetzt Recht? Oder haben wieder „alle Recht“, zumindest teilweise (Motto Ken Wilbers)?

Warum ich persönlich angefangen habe, über Wiedergeburt nachzudenken:

Zunächst ganz einfach: Weil es viele Menschen weltweit gibt, die davon überzeugt sind, auch Christen, obwohl es nicht offiziell gelehrt wird. Haben sie alle schlicht unrecht, fantasieren sich etwas zusammen?

Sind die Wahrheiten, die unseren östlichen und westlichen Religionen zu Grunde liegen also doch so gegensätzlich, so unvereinbar, dass nur eine der beiden Traditionen Recht haben kann?

Irgendwann tauchte in mir die Frage auf, ob nicht ein liebender Gott jedem Menschen eine zweite Chance einräumen würde – wenn ein Mensch sein Leben also ziemlich „verbockt“ oder in den „Sand gesetzt hat“, warum sollte der dann nicht eine zweite Chance bekommen können, ein zweites, drittes oder auch viertes „besseres“ Leben zu führen? Es spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, ob ich glaube, dass Gott jemanden nach einem kurzen vermurksten Leben bis in alle Ewigkeit bestraft oder ihn begnadigt. Denn eine Begnadigung ist sicherlich nicht befriedigend für jemanden, der selbst einsieht und spürt, dass er seine einzige Chance verspielt hat.

Es geht also auch um die Frage: Wie oft würde ein Mensch wohl leben wollen, wenn er es immer wieder probieren dürfte? Unendlich oft – oder würde er nach dem fünften Mal sagen: „So, jetzt bin ich zufrieden mit dem Ergebnis?“

Und dann war da die Sinnfrage. Die Frage nach dem Sinn meines Lebens, dem Sinn von menschlicher Geschichte überhaupt, von Leben in Raum und Zeit, von einem in eine unbekannte Zukunft gelebten Leben, das abgelöst wird von einem anderen Leben und wieder einem Leben und…

Mich wundert es immer noch, dass diese Frage so wenig Christen zu beunruhigen scheint. Da heißt es: „Jesus ist für uns gestorben, damit wir gerettet werden.“

Da bleibt doch immer noch die drängende Frage, wozu wir eigentlich gerettet sind? Dieser Glaube – „ich war verloren, jetzt bin ich gerettet, Halleluja!“ – sagt überhaupt nichts darüber aus, wozu ich und die anderen eigentlich da sind, wozu wir Finger, Füße und Zehen haben und Erfahrungen machen. Der scheinbar zentrale Glaubensinhalt – der manchmal wirkt, als hätte Gott nur einen Fehler in seiner Schöpfung nachträglich ausgebügelt – blendet die Sinnfrage gänzlich aus!

Anders bei der integralen oder evolutionären Spiritualität, die sagt, dass wir Menschen wesentlich dazu da sind, Erfahrungen zu sammeln und dadurch zu wachsen, sowohl als einzelner als auch als Menschheit insgesamt. Doch gerade diese Idee wirft die Frage auf, was es dem Steinzeitmädchen Lisa bringen soll, wenn die Oma Luise ihre Lehre aus den Erfahrungen des zweiten Weltkriegs zieht?!

Und dann scheint es so willkürlich oder ungerecht, dass der eine auf der Südhalbkugel geboren wird, im ärmsten Viertel, dazu bestimmt, sein Leben auf der Müllhalde zu verbringen und jämmerlich an Vergiftung zu sterben, während ein anderer in einer gut betuchten Familie aufwächst, eine Firma erbt und jedes Jahr Urlaub in einem anderen Land der Erde machen kann, weil ihm das so großen Spaß macht. Warum stecke ich in einem gesunden Körper, mein Vater in einem kranken?

Wäre es da nicht eine verführerisch einfache Erklärung, Wiedergeburt und die Auswirkung von schlechtem Karma anzunehmen? Dann könnten wir sagen: Selbst schuld – du hast einfach was falsch gemacht in deinem letzten Leben, das hast du jetzt davon, viel Spaß.

Manche sehen die Welt als eine Art Schulungsort. Mit jedem neuen Leben könnten wir zeigen, dass wir aus alten Fehlern gelernt haben. Jedes Leben hält seine Entwicklungsaufgabe für uns bereit. Aber wo bleibt da die Gnade, die sagt: Schwamm drüber?

Franz Alt nennt die Vorstellung von der Wiedergeburt eine „Entwicklungschance“. Doch hört sich das nicht an wie ein „Entwicklung-Zwang“?:

„an unseren Fehlern müssen wir schon selbst arbeiten. […] Die Reinkarnation nimmt uns in die Pflicht. Diese Chance haben wir mehrfach […] Wir sind hier, um zu lernen. Entweder wir wollen lernen. Oder wir müssen leiden.“ (Was Jesus wirklich gesagt hat, S.136f.)

Seiner Beschreibung nach muss sich der Mensch erst würdig erweisen, durch die schmale Pforte zu kommen, sonst muss er „noch mal“. Als ob einer nach zig immer moralisch einwandfreieren und immer spirituelleren Leben plötzlich den Zustand erreicht hätte, ins Reich Gottes einzugehen. Legt Gott etwa ein Maßband an: Du darfst, du noch nicht?

Wenn die Welt ein Schulungsort wäre, müssten wir dann nicht immer und immer wieder leben? Da ist diese – in meinen Augen – Horrorvorstellung einer ewigen Wiederkehr, des sogenannten Samsara, der ewige Kreislauf von Leben, Tod und Wiedergeburt. Noch schlimmer: Einer Wiederkehr abhängig von einem irgendwie gearteten Karma-Konto. Warst du böse, wirst du ein Schuhputzer oder noch schlimmer: Eine Stechmücke. Benimmst du dich als Stechmücke dann schön anständig, schaffst du es vielleicht wieder bis zum Elefanten und so weiter. Allzuleicht lässt sich eine solche Lehre dazu missbrauchen, bestehende Ungerechtigkeit in Stein zu meißeln und Menschen für eigene Zwecke zu manipulieren. Und philosophisch überzeugen kann sie auch nicht, da überhaupt nicht klar ist, was es überhaupt genau ist, was von dem Wechsel von Kuh zu Mücke wiedergeboren wird.

Hier ein interessantes Video eines jungen You-Tubers, der auf den manipulativen Charakter und logischen Ungereimtheiten der Reinkarnationslehre innerhalb des hinduistischen Kastensystems eingeht. Er lädt dazu ein, Reinkarnation als etwas anzusehen, was jeden Tag stattfindet: Wir seien jeden Tag eine neue Person.

Manche dehnen diese Geschichte wenigstens etwas aus, damit sie nicht so unbarmherzig klingt. Sie erzählen von vielen Himmeln, einer ganzen Himmel-Hierarchie, eine Art Fortsetzung von verschiedenen Bewusstseinsebenen. Wer nach dem Tod den ersten Himmel für den einzigen hält, bleibt da so lange, bis er die Fühler nach noch höheren Welten ausstreckt und so weiter und so fort. Und wer noch einmal leben will, lebt nochmal. Evolution ins unendliche Eins-Sein-mit-Gott. Damit hätte zumindest jeder Mensch die Chance, sich in seinem Tempo zu entwickeln, ganz unabhängig davon, in welchem Zustand er stirbt: Als Säugling, als verbitterter Greis oder mitten im Leben stehend.

Warum eigentlich ist Wiedergeburt so ein schwieriges und umstrittenes Thema?

Weil es so schwer ist, sie zu DENKEN. Wer oder was wieder geboren oder wandert weiter von einem Körper in den nächsten? Wer könnte dieses „Ich“ sein, dass in Schulung geht? Oder das freiwillig entscheidet, noch einmal auf die Welt zu kommen?

Haben wir uns nicht bereits damit befasst, dass das Ego und all seine Identifikationen, Name, Aussehen, Biografie etc. durch meditative Praxis schwächer wird und unter Umständen ganz verschwindet – und zurück bleibt allein das Gefühl des „(Ich) Bin/Es ist“? Was kann denn dann noch wandern?

Viele fügen zwischen „Ego/Mind“ und „wahrem Selbst/GEIST“ noch die „Seele“ als Zwischenkategorie ein. Das wäre dann so etwas wie die individualisierte Form Gottes. Die „Seele“ gehört in den Bereich der „subtilen Energien.“ Deshalb spricht man ja auch von „Seelenwanderung.“ Die Seele wandert so lange in ihrem subtilen Körper herum, bis sie sich wieder mit einem grobstofflichen Körper vereint und wieder geboren wird.

So auch Ken Wilber. Er stellte sich die Frage: Wie könnte Reinkarnation gedacht werden, damit sie möglich wäre? (Unabhängig davon, ob es sie nun gibt oder nicht), nachzulesen in dem 2004 erschienenen „Auszug G“ aus dem zweiten Band seiner Kosmos Trilogie, Ken Wilber, Excerpt G: Toward A Comprehensive Theory of Subtle Energies. http://www.integralworld.net/de/excerpt-G-de.html.

Auf die Erklärung will ich hier nicht genauer eingehen, weil das ohne den Kontext des Textes zu verwirrend wäre.

Eine ganz andere Erklärung der Reinkarnation habe ich bei Walter Russell gefunden, einem amerikanischen Universalgenie, der erzählt, dass er in seinem Leben in regelmäßigen Abständen Offenbarungen von Gott erhielt. Egal, was man von dieser Geschichte halten mag, seine Erläuterungen finde ich zumindest bedenkenswert, weil sie noch einmal andere, wichtige Aspekte für das Thema liefern. (Zu Russell gerne an anderer Stelle mehr, denn ich habe entdeckt, dass sein Denken viele integrale Momente aufweist)

In seinem Buch „Die Botschaft der Göttlichen Iliade“ stellt er fest:

Das große Hindernis zum Verständnis der Reinkarnation ist der verbreitete Glaube, dass unsere Individualität und Persönlichkeit getrennt von allem anderen seien, während in Wirklichkeit jeder einzelne ein Teil aller anderen ist. (S. 256)

Er erklärt diese Verbundenheit aller mit allen auf zweierlei Wegen:

Körper wiederholen sich durch den Samen, aber der Geist wiederholt sich durch den Geist. (S. 250)

Mit „Samen“ meint er die Erbinformation, die von Generation zu Generation weitergegeben wird, wir verorten diese heute üblicherweise in der DNA. Auf diese Weise reinkarnieren wir Eltern uns beispielsweise in unserem Sohn. (Und oh ja, da ist durchaus etwas dran! :-)) (Aber auch die Großeltern, Urgroßeltern und so weiter)

Mit „Geist“ ist gemeint, dass, wenn ein Mensch (zum Beispiel du) sich für den Geist eines anderen Menschen öffnet (zum Beispiel, wenn du Mozart hörst oder Nietzsche liest), du in diesem Moment eins mit diesem Geist wirst: Du machst Mozarts Musik zu einem Teil von dir. Reinkarnation funktioniert hier auf dem Wege der Inspiration, der Weitergabe von Gedanken, Wissen, Wünschen, Gefühlen.

Unsere (scheinbar existierende) Individualität ist nichts anderes als das Ergebnis des Zusammenwirkens aller mit allen und allem mit allem:

Jede ihrer Gedanken hing mit anderen Menschen zusammen, lebenden oder toten, mit ihrer unmittelbaren Umgebung oder mit der Natur insgesamt. Ihre Mutter, ihr Vater, Brüder und Schwestern, Freunde und Lehrer formten die ersten Grundlagen ihrer Gedanken. Diese Menschen wurden ein Teil von ihnen, indem sie ein Teil ihrer Gedanken wurden. […] Wenn sie siebzig geworden sind, werden die großen Denker der Welt ebenfalls ein Teil von Ihnen geworden sein, indem sie ihr Wissen mit Ihnen teilen. […] In dem Ausmaß, wie Jesus ein Teil Ihres Denkens wird, lebt er in Ihnen als ein Teil von Ihnen, so wie er in all jenen lebt, deren Denken mit seinem eins geworden ist. […] Behalten Sie immer im Bewusstsein, dass es nicht zwei voneinander getrennte Menschen auf der Erde gibt. Es gibt nur einen – denn jeder ist eine Erweiterung des anderen. (S. 253 f.)

Das, was andere „Karma“ nennen, erklärt er mit einem einen einfachen Ursache-Wirkungszusammenhang. Ungleichgewicht an der einen Stelle bringt Ungleichgewicht an einer anderen hervor:

der Mensch erleidet die Wirkungen seiner Gesetzesbrüche, individuell und kollektiv, in Form zerbrochener Freundschaften, verlorener Gesundheit, geschäftlicher Misserfolge, häuslichen Auseinandersetzungen, Feindseligkeiten und zahllose andere schlimme Auswirkungen, die aus seinen eigenen Schöpfungen folgen. (S. 66)

Was bringt es also Steinzeitmädchen Lisa, wenn die Oma Luise ihre Lehre aus den Erfahrungen des zweiten Weltkriegs zieht? Ganz einfach: Wenn Lisa stirbt und in die geistige Welt zurückkehrt, kann sie auf alle Erfahrungen der gesamten Menschheit in Vergangenheit und Zukunft zurückgreifen, sie ist nicht mehr nur Lisa, sie ist eins mit allen Menschen.

Wie denkt ihr darüber? Glaubt ihr auch als Christen an Wiedergeburt und wenn ja, wie stellt ihr euch diese vor?

Die Theorie hinter den „Drei Gesichtern Gottes“

Von den vier Quadranten zu den neun Aspekten Gottes

Die Gliederung des Buches von Paul Smith (das ich euch hier vorgestellt habe) ist zugleich die Wiederspiegelung des Inhalts selbst.

2

InnerlichindividuellSubjektivInner Face_Inneres GesichtResting as God_als (in) Gott ruhen5

Noch einmal zur Erinnerung: Bei der integralen Theorie handelt es sich im wesentlichen um einen Ordnungsrahmen, der hilft ein Thema möglichst umfassend zu betrachten und zu analysieren. Dieser wird mit AQAL abgekürzt, was für „Quadranten, Ebenen, Linien, Zustände und Typen“ steht.

Während sich Paul Smith in seinem ersten Buch hauptsächlich auf die „Ebenen“ konzentriert, legt er in diesem Buch den Schwerpunkt auf die Quadranten und auf die Zustände.

Mit den vier Quadranten sind von Ken Wilber verschiedene Perspektiven, aber auch Dimensionen einer Sache gemeint. Sie entstehen durch die Verbindung der Blickwinkel innen/außen und individuell/kollektiv. (Siehe erste Grafik)

Die integrale Theorie behauptet nun, dass wir nicht nur jede beliebige Sache aus diesen vier Dimensionen heraus betrachten und analysieren können, sondern dies notwendigerweise tun, da es sich um eine Struktur handelt, die wir bereits so vorfinden. Die Sprachen dieser Welt bildeten dafür die sogenannten Pronomen aus: ich, du, er, sie, es, wir, sie.

Diese Kategorien sind also, so Ken Wilber, keine neue Erfindung, die einer Sache übergestülpt wird, sondern sie haften jeder Sache bereits an – und werden von uns lediglich mit unterschiedlichem Inhalt gefüllt.

Durch die Zusammenfassung des rechten oberen und unteren Quadranten zu einem (dem „objektiven“) kommen wir auf drei Quadranten. In diese drei Quadranten setzt Paul Smith nun „Gott“ als die zu betrachtende Sache ein. Damit werden die Personen der Trinität Vater, Sohn und Heiliger Geist neu als unterschiedliche Perspektiven auf das Göttliche begriffen:

Das Göttliche als Gegenstand unserer Reflexion allein oder zusammen mit anderen (rechte Quadranten) oder als Gegenüber (linker unterer Quadrant) oder wir selbst als ein Teil des Göttlichen (linker oberer Quadrant). (Siehe zweite Grafik)

Wie kommt nun Paul Smith aber zu den neun Elementen in seiner Gliederung?

Indem er uns als Betrachter und damit den Vorgang der Wahrnehmung also solche mit hinein nimmt.

Tatsächlich kann jeder Quadrant auch in der integralen Theorie noch einmal danach aufgeteilt werden, aus welcher Perspektive er untersucht wird – aus der Innen-/oder Außenansicht. So können wir z.B. subjektive Phänomene wie Liebeskummer einmal von innen betrachten (als Betroffener) und zugleich von außen (als Psychologe, der beschreibt, was in dem Betroffenen vorgeht.) Damit kommen wir insgesamt auf acht mögliche (Forschungs-)methoden.

Und Paul Smith kommt auf neun verschiedene Aspekte Gottes, indem er durch die „Linsen der drei Gesichter auf den Gott in drei Personen“ schaut.

Die „drei Linsen“ meinen drei möglichen Methoden, sich Gott anzunähern: „als Gott ruhen (von innen), zu Gott in Beziehung treten (von innen nach außen (oder umgekehrt)) und über Gott nachsinnen (von außen)“. (Siehe dritte und letzte Grafik) Wir sehen den kleine, aber feinen Unterschied:

Das dialogische Element lässt ein drittes entstehen – das Modell wird dynamischer.

Auf die Forschung bezogen hieße das: Im Gespräch über den Liebeskummer treten Dinge zutage, die weder die Betroffene allein durch Innenschau noch der Psychologe durch Beschreibung entdecken können.

Nur eins habe ich mich gefragt: Wäre es nicht theoretisch möglich die Reduzierung auf drei einfach wegzulassen, so dass auf der rechten Seite (objektiv) oben der eine und unten der dreieinige Gott zu stehen kommen, also sowohl Gott im Singular als auch im Plural? Wäre das nicht irgendwie integraler? – auch wenn es dann nicht mehr so schön in das Muster passt? 😉 (Und drei mal vier ergäbe immerhin die wunderschöne Zahl 12 (!)

Was sagt ihr dazu?

Erleuchtung für Christen?!

Erleuchtung – was ist das überhaupt?  Und sollten/dürfen Christen so etwas überhaupt anstreben?

Diese zwei Fragen haben mich die letzten Wochen beschäftigt.

Die meisten verstehen darunter eine tiefe Erkenntnis, die das Welt – und Selbstverständnis eines Menschen tiefgreifend und nachhaltig verändert. Immer werden zwei Punkte genannt:

1. Der Mensch gewinnt Abstand zu seinem Ego, d.h. zu all den Dingen, mit denen er sich normalerweise identifiziert hat, wie Name, Biografie, Beruf, Aussehen, Körper etc. An die Stelle eines Ego-Bewusstseins tritt ein Zeugenbewusstsein, ein reines Gewahrsein, ein „Ich bin“ statt „Ich bin der und der und die und das…“

2. Der Mensch erfährt sich nicht mehr von anderen getrennt: Hier Ich – da der Rest, sondern als das Ganze selbst: Alles ist eins und auch ich bin alles. An die Stelle eines Ich-Bewusstseins tritt ein Einheitsbewusstsein und ein Verbundenheitsgefühl mit allem und jedem.

Es scheint also gleichermaßen ein Von-Allem-Abstandnehmen wie ein Mit-Allem-Verschmelzen zu sein.

Christian Meyer sieht in seinem Buch „Sieben Schritte zum Aufwachen“ gerade in der Verbindung dieser beiden Elemente das Geheimnis:
(Es) besteht darin, dass Du hundert Prozent fühlst, dich der Lebendigkeit hin gibst und zu hundert Prozent Beobachter, Zeuge und Wahrnehmender bist.

Matthias Pöhm, der sich lange mit diese Frage beschäftigt hat, schreibt auf seinem Blog:

„Erleuchtung ist ein Zustand, in dem Menschen Ihr „Ich“ dauerhaft verloren haben. (…) Erleuchtete beschreiben sich als Eins mit allem, frei von sozialen Ängsten, frei von der Angst vor dem Tod. Sie spüren einen ständigen inneren Frieden mit sich und der Welt. (…)“

Quelle: http://www.spiritueller-blog.com/liste-erleuchtete-menschen

Er führt auf seinem Blog eine Liste angeblich Erleuchteter und analysiert kritisch deren Auftreten und Lehren. Und macht dabei auf etwas extrem wichtiges aufmerksam:

Jede/r Erleuchtete bleibt ein Mensch mit Macken, oder wir könnten auch sagen: einem Schatten. Jeder Erleuchtete – Jesus eingeschlossen – habe sich auch hin und wieder geirrt, Erleuchtung macht nicht schlagartig auf immer unfehlbar, friedfertig und allwissend.

Wobei wir wieder bei unserem Lieblingsthema „Entwicklung“ angekommen wären. Äußerst charmant und gewitzt antwortet Ken Wilber in einem Interview auf die Frage, ob er erleuchtet sei, mit: „Erleuchtet genug.“ Damit macht er deutlich, dass es nicht nur zwei Zuständes des Menschseins gibt: „Erleuchtet – Nicht erleuchtet.“ Menschen sind nunmal keine Lampen mit Ein- und Ausschalter, sondern äußerst komplexe Wesen.

Die Zeitschrift  „Integrale Perspektiven“ befasst sich in einer Ausgabe (34/Juli 2016) mit dem integralen Verständnis von Erleuchtung unter dem Titel: „Aufwachen, Aufwachsen, Aufräumen.“ Denn Ken Wilber selber sieht „Erleuchtung“ etwas komplexer als das manche „Erleuchteten“ gerne hätten, erklärt dadurch aber auch, warum die „Erleuchteten“ teilweise so unterschiedlicher Ansicht sind, was „Erleuchtung“ sei und was ein „Erleuchteter“ zu tun und zu denken habe – und auch warum die „Erleuchteten“ nicht einfach die besseren Menschen sind. Ken Wilber steht nicht umsonst für differenziertes Denken 🙂

Mit den Stichworten „Aufwachen, Aufwachsen, Aufräumen (Waking up, Growing up, cleaning up)“ unterscheidet Ken Wilber in „Integrale Spiritualität“ drei verschiedene Erkenntniswege.  Holzschnittartig erklärt:

Mit „Aufwachen“ sind besondere spirituelle, mystische Erfahrungen gemeint, die uns von einem Tag auf den anderen zu einem neuen Menschen machen können. Das kann eine Nahtoderfahrung, eine Vision oder auch einfach ein ganz besonderer Moment erhöhten Bewusstseins sein. Kurz: Zustände. Nichts dauerhaftes.

Mit „Aufwachsen“ ist der Reifeprozess gemeint, den wir in ganz vielen Bereichen durchlaufen. Kurz: Entwicklung. Etwas dynamisches, nach oben offenes.

Und „Aufräumen“ schließlich meint „Schattenarbeit“, die Bewusstwerdung und die Integration verdrängter Aspekte unserer Persönlichkeit oder Emotionen, die uns ausbremsen und in Bereichen starr machen können.

Paul Smith unterscheidet in seinem Buch „Is your God Big Enough, Close Enough, You Enough? (Ist dein Gott groß genug, nah genug, du genug?), 2017, im Anschluss an Ken Wilber drei Gesichter Gottes:

Den Gott ÜBER den wir reden und nachdenken, den Gott ZU dem wir reden und beten, und den Gott, ALS den wir uns erkennen.

Jesus habe sich als „Sohn Gottes“/das Göttliche in sich erkannt („Ich und der Vater sind eins“, Joh 10,30) und auch andere dazu aufgefordert, dies ebenfalls zu tun. Als Beleg dafür führt er u.a. diese Stelle im Evangelium nach Johannes (10,34-36) an:

34 Jesus erwiderte (seinen Anklägern vor Gericht!): »Steht nicht in eurem Gesetz der Satz: ›Ich habe gesagt: Ihr seid Götter‹? 35 Hier werden also die, an die das Wort Gottes gerichtet war, Götter genannt; und was die Schrift sagt, ist unumstößlich. 36 Mich aber hat der Vater, der heilige Gott, dazu bestimmt, sein Werk zu tun, und hat mich in die Welt gesandt. Wie könnt ihr mir da Gotteslästerung vorwerfen, wenn ich sage: ›Ich bin Gottes Sohn‹? (Neue Genfer Übersetzung)

Doch statt das Göttliche in sich selbst zu erkennen, hielten die Kirchenobersten es für Gotteslästerung und forderten deshalb die Todesstrafe. Indem Jesus im Laufe der Zeit zum „einzigen Sohn Gottes“ und der zweiten Person der Trinität erklärt wurde, ging diese Wahrheit verloren. Es ginge darum, dass zu werden, was wir bereits sind: In der Tiefe unseres Selbst eins – nicht identisch! – mit Gott.

In der lutherischen Kirche, aus der ich stamme, ist es üblich, vom Menschen so zu denken: Alle sind „gleichermaßen Sünder und Gerechte.“ Keiner ist vollkommener, Gott näher,  als der andere. Das ist einerseits richtig, denn, wie oben thematisiert, sind eben auch Erleuchtete „nur“ Menschen. Andererseits hat dieser Glaubenssatz dazu geführt, dass sich kaum einer traut, zu sagen: Ich suche Erleuchtung oder gar: Ich bin erleuchtet. Luther hat das „Schwärmertum“, wie er es nannte, abgelehnt. In den orthodoxen Kirchen dagegen ist es normal, Erleuchtung zu suchen, sie nennen es nur anders: Vergöttlichung, Theosis. Erleuchtete genießen dort als geistliche Väter und sog. Starzen hohes Ansehen. Diese Schüler – Lehrer Beziehung ist eigentlich nur möglich, wenn wir davon ausgehen, dass einer der beiden etwas begriffen und verkörpert hat, was dem anderen noch fehlt und wonach er sich sehnt.

Aus meiner Sicht war die Beziehung zwischen Jesus und seinen Jüngern eine solche zwischen Lehrer/Guru und seinen Schülern. Jesus hat etwas ausgestrahlt und verkörpert, wonach sich seine Schüler und Schülerinnen gesehnt haben: Verbundenheit, Frieden, Liebe, aber auch: Angstfreiheit, Vollmacht, menschliche Erhabenheit. Sie wollten auch so ein Mensch werden wie er.

Nachfolge bedeutet demnach selbstverständlich, sich ebenfalls nach Erleuchtung zu sehnen. Ist doch ganz klar, oder was meint ihr? Und wenn ja, wo seht ihr euch auf der Skala erleuchtet von 1 bis 10 ;-)?

Ich jedenfalls wünschte, ich könnte wie Ken Wilber antworten: „Erleuchtet genug“ 🙂

Mehr zu dem Thema findet ihr auf www.soundstrue.com, einer Audioreihe zum Thema „Erleuchtung.“ Kostet leider nicht wenig 😦

Zur Diskussion um spirituelle Lehrer werdet ihr hier fündig:

http://integralesleben.org/il-home/il-integrales-leben/anwendungen/religion-spiritualitaet/papier-des-if-zur-diskussion-um-spirituelle-lehrer/

Und hier noch das Interview mit Ken Wilber:

Religion als Förderband: Mittel zur Bewusstseinsentwicklung der Menschheit

Vor kurzem hatte ich eine interessante „Diskussion“ auf Facebook (von einer echten Kommunikation ist das ja immer weit entfernt). Jemand meiner „Freunde“ hat gepostet, Religionen gehörten nicht ins 21. Jahrhundert, denn sie würden Menschen „untereinander trennen“ und seien „hauptverantwortlich für all das Elend auf der Welt“. Bezeichnenderweise antworteten außer mir auf diesen Post nur Gleichgesinnte, die sofort mit in das selbe Horn bliesen.

Eine differenzierte Sichtweise – Fehlanzeige.

Auf meinen Einwand, dass Religionen eine maßgebliche Rolle dabei spielen, das menschliche Bewusstsein zu formen – Widerrede, jedoch leider ohne Gegenargument.

Weil mir eine solche Sichtweise nicht zum ersten Mal begegnet, möchte ich erläuterten, warum ich anderer Ansicht bin und das mit einigen Buchtipps verbinden.

Nach der integralen Theorie – die, wie bereits beschrieben, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie beruht – gibt es „DIE Religion“ nicht. Menschen haben ihren Schwerpunkt auf verschiedenen Bewusstseinsebenen und interpretieren und leben religiöse Inhalte und Praktiken von diesen aus.

Nicht „DAS Christentum“ formt also den Menschen, sondern der Mensch formt zunächst das Christentum. Und das selbstverständlich vom ersten Tag an, als die ersten Jünger sich Jesus anschlossen und ihn jeweils auf ihre eigene Art und Weise und von dem Level aus, auf dem sie standen, her verstanden. Das schlägt sich in den Evangelien und Briefen nieder. Auf deren schriftliche Hinterlassenschaften sind wir heute angewiesen, wenn wir uns überhaupt in irgendeiner Form auf Jesus beziehen wollen. Diese beständige Wechselwirkung wird von Menschen, die „DAS Christentum“ oder „DIE Religion“ kritisieren, völlig außer Acht gelassen: Christentum ist das, was DU daraus machst. Der Rezipient ist mit dem Inhalt untrennbar verbunden. Und was „DIE Kirche, die Gemeinschaft“ (die es also solche nicht gibt) aus dem Christentum machen, ist das Resultat vieler einzelner Bewusstseine, die zusammen eine Art Gruppenbewusstsein formen.

Jeder, der schon einmal mindestens in zwei verschiedenen Kirchengemeinden unterwegs war, wird wissen, was ich meine, wenn ich sage, dass dieses Gruppenbewusstsein sich immens unterscheiden kann und das innerhalb ein und derselben Konfession.

Nach Ken Wilber, „Integrale Spiritualität“, hat die Religion die Eigenschaft, dass sie als Förderband dienen kann, d.h. sie kann die Entwicklung der Menschheit vorantreiben. Sie kann Menschen helfen, sich von einer magischen Stufe zu einer rationalen, pluralistischen etc. Ebene zu bewegen. Das ist zumindest das, was sie tun sollte. Aber kann sie das auch?

In der Vergangenheit ist es Tatsache. Menschen, die auf „DIE Religion“ schimpfen, vergessen, dass in unserer Welt zumindest geschichtlich es tatsächlich Religionen waren, die das Bewusstsein der Menschen mit geformt haben. An dieser Tatsache kann kein ernsthafter Mensch zweifeln. Denn um zu beweisen, dass all diese Entwicklungen und Ideen auch ohne Religionen möglich gewesen sein könnten, müsste man eine zweite, andere Welt erschaffen, die ohne Religionen auskommt.

Um diese Tatsache zu belegen, empfehle ich folgende Bücher, die sich mit dem Beitrag des Christentums und/der Bibel zu der Entwicklung der menschlichen Kultur, Zusammenlebens und Denkens beschäftigt haben. Mir erscheint es zunehmend befremdlich, wie viele Menschen von diesem Beitrag nichts mehr wissen wollen, d.h. nichts davon wissen und dieses Nichtwissen auch noch mit Stolz zur Schau tragen.

Das Buch der Mitte: Wie wir wurden, was wir sind: Die Bibel als Herzstück der westlichen Kultur, Vishal Mangalwadi, 2011

Sehr spannend erzählt, erhellend und begeisternd. Geschrieben aus der Sicht eines Christen, der in einer Gesellschaft lebt, die hauptsächlich durch den Hinduismus geprägt ist: Indien. Sehr bereichernd ist der daraus resultierende Vergleich zwischen der östlichen und westlichen Kultur und die Frage, wie diese Unterschiede sich durch die Botschaften der jeweiligen Religion erklären lassen. Er beschreibt die Bibel als ein kulturprägendes Buch, das eine Rolle spielte bei der Entstehung des modernen Westens, wie wir ihn kennen: Menschenrechte, technologischer Fortschritt, Demokratie, Musik. Das einzige, was ich schwierig finde, ist, dass er meinem Eindruck nach wenig zwischen den christlichen Konfessionen unterscheidet, das aber bei manchen Themen, zB. Korruption, durchaus eine Rolle spielt (siehe Ukraine, Russland, Griechenland etc.)

Die Verzauberung der Welt, Jörg Lauster, 2017 (5. Auflage)

Ein dickes, informatives Buch und gleichzeitig unterhaltsam. Der Autor ist Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Philipps-Universität Marburg. Wie der Titel bereits andeutet, geht es auch hier um die Beschreibung eines Prozesses, wie das Christentum bzw. die Bibel zur Veränderung der Welt beitrug. Die Kultur, Architektur, Musik, Kunst steht dabei im Mittelpunkt.

Wie das Christentum die Welt veränderte: Menschen – Gesellschaft – Politik – Kunst, Alvin J. Schmidt, 2009

Auch dieser Autor, ein Amerikaner, beschreibt, wie die abendländischen Werte maßgeblich durch dein Einfluss des Christentums geformt und mitbestimmt wurden.

Der Weltbeweger. Jesus – wer ist dieser Mensch?, John Ortberg, 2013

Aus der Sicht eines christlichen Bestsellerautors, v.a. mit der Intention Jesus zu verherrlichen. Im Vordergrund steht die Frage, auf welche Weise der Mensch Jesus auf unsere Gesellschaft, unser Menschenbild, unsere Ethik, unsere Kultur Einfluss genommen hat. Liest sich schnell und ist sehr erhellend.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!