Religion als Förderband: Mittel zur Bewusstseinsentwicklung der Menschheit

Vor kurzem hatte ich eine interessante „Diskussion“ auf Facebook (von einer echten Kommunikation ist das ja immer weit entfernt). Jemand meiner „Freunde“ hat gepostet, Religionen gehörten nicht ins 21. Jahrhundert, denn sie würden Menschen „untereinander trennen“ und seien „hauptverantwortlich für all das Elend auf der Welt“. Bezeichnenderweise antworteten außer mir auf diesen Post nur Gleichgesinnte, die sofort mit in das selbe Horn bliesen.

Eine differenzierte Sichtweise – Fehlanzeige.

Auf meinen Einwand, dass Religionen eine maßgebliche Rolle dabei spielen, das menschliche Bewusstsein zu formen – Widerrede, jedoch leider ohne Gegenargument.

Weil mir eine solche Sichtweise nicht zum ersten Mal begegnet, möchte ich erläuterten, warum ich anderer Ansicht bin und das mit einigen Buchtipps verbinden.

Nach der integralen Theorie – die, wie bereits beschrieben, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie beruht – gibt es „DIE Religion“ nicht. Menschen haben ihren Schwerpunkt auf verschiedenen Bewusstseinsebenen und interpretieren und leben religiöse Inhalte und Praktiken von diesen aus.

Nicht „DAS Christentum“ formt also den Menschen, sondern der Mensch formt zunächst das Christentum. Und das selbstverständlich vom ersten Tag an, als die ersten Jünger sich Jesus anschlossen und ihn jeweils auf ihre eigene Art und Weise und von dem Level aus, auf dem sie standen, her verstanden. Das schlägt sich in den Evangelien und Briefen nieder. Auf deren schriftliche Hinterlassenschaften sind wir heute angewiesen, wenn wir uns überhaupt in irgendeiner Form auf Jesus beziehen wollen. Diese beständige Wechselwirkung wird von Menschen, die „DAS Christentum“ oder „DIE Religion“ kritisieren, völlig außer Acht gelassen: Christentum ist das, was DU daraus machst. Der Rezipient ist mit dem Inhalt untrennbar verbunden. Und was „DIE Kirche, die Gemeinschaft“ (die es also solche nicht gibt) aus dem Christentum machen, ist das Resultat vieler einzelner Bewusstseine, die zusammen eine Art Gruppenbewusstsein formen.

Jeder, der schon einmal mindestens in zwei verschiedenen Kirchengemeinden unterwegs war, wird wissen, was ich meine, wenn ich sage, dass dieses Gruppenbewusstsein sich immens unterscheiden kann und das innerhalb ein und derselben Konfession.

Nach Ken Wilber, „Integrale Spiritualität“, hat die Religion die Eigenschaft, dass sie als Förderband dienen kann, d.h. sie kann die Entwicklung der Menschheit vorantreiben. Sie kann Menschen helfen, sich von einer magischen Stufe zu einer rationalen, pluralistischen etc. Ebene zu bewegen. Das ist zumindest das, was sie tun sollte. Aber kann sie das auch?

In der Vergangenheit ist es Tatsache. Menschen, die auf „DIE Religion“ schimpfen, vergessen, dass in unserer Welt zumindest geschichtlich es tatsächlich Religionen waren, die das Bewusstsein der Menschen mit geformt haben. An dieser Tatsache kann kein ernsthafter Mensch zweifeln. Denn um zu beweisen, dass all diese Entwicklungen und Ideen auch ohne Religionen möglich gewesen sein könnten, müsste man eine zweite, andere Welt erschaffen, die ohne Religionen auskommt.

Um diese Tatsache zu belegen, empfehle ich folgende Bücher, die sich mit dem Beitrag des Christentums und/der Bibel zu der Entwicklung der menschlichen Kultur, Zusammenlebens und Denkens beschäftigt haben. Mir erscheint es zunehmend befremdlich, wie viele Menschen von diesem Beitrag nichts mehr wissen wollen, d.h. nichts davon wissen und dieses Nichtwissen auch noch mit Stolz zur Schau tragen.

Das Buch der Mitte: Wie wir wurden, was wir sind: Die Bibel als Herzstück der westlichen Kultur, Vishal Mangalwadi, 2011

Sehr spannend erzählt, erhellend und begeisternd. Geschrieben aus der Sicht eines Christen, der in einer Gesellschaft lebt, die hauptsächlich durch den Hinduismus geprägt ist: Indien. Sehr bereichernd ist der daraus resultierende Vergleich zwischen der östlichen und westlichen Kultur und die Frage, wie diese Unterschiede sich durch die Botschaften der jeweiligen Religion erklären lassen. Er beschreibt die Bibel als ein kulturprägendes Buch, das eine Rolle spielte bei der Entstehung des modernen Westens, wie wir ihn kennen: Menschenrechte, technologischer Fortschritt, Demokratie, Musik. Das einzige, was ich schwierig finde, ist, dass er meinem Eindruck nach wenig zwischen den christlichen Konfessionen unterscheidet, das aber bei manchen Themen, zB. Korruption, durchaus eine Rolle spielt (siehe Ukraine, Russland, Griechenland etc.)

Die Verzauberung der Welt, Jörg Lauster, 2017 (5. Auflage)

Ein dickes, informatives Buch und gleichzeitig unterhaltsam. Der Autor ist Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Philipps-Universität Marburg. Wie der Titel bereits andeutet, geht es auch hier um die Beschreibung eines Prozesses, wie das Christentum bzw. die Bibel zur Veränderung der Welt beitrug. Die Kultur, Architektur, Musik, Kunst steht dabei im Mittelpunkt.

Wie das Christentum die Welt veränderte: Menschen – Gesellschaft – Politik – Kunst, Alvin J. Schmidt, 2009

Auch dieser Autor, ein Amerikaner, beschreibt, wie die abendländischen Werte maßgeblich durch dein Einfluss des Christentums geformt und mitbestimmt wurden.

Der Weltbeweger. Jesus – wer ist dieser Mensch?, John Ortberg, 2013

Aus der Sicht eines christlichen Bestsellerautors, v.a. mit der Intention Jesus zu verherrlichen. Im Vordergrund steht die Frage, auf welche Weise der Mensch Jesus auf unsere Gesellschaft, unser Menschenbild, unsere Ethik, unsere Kultur Einfluss genommen hat. Liest sich schnell und ist sehr erhellend.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!

Kurze Einführung ins Integrale Christentum

Christian Schmill gibt auf seinem Blog eine kurze Einführung zum Thema und weist auf die wachsende Bedeutung der Bewegung hin:

Kirchentag auf dem Weg in Leipzig Im letzten Jahr war ich als Pressevertreter für das Online-Magazin „theologiestudierende.de“ auf dem „Kirchentag auf dem Weg“ in Leipzig. Dort veranstaltete das „Forum für Gemeinschaft und Theologie“ eine Podiumsdiskussion, an der u.a. Marion Küstenmacher teilnahm (ecclesia semper reformanda). Marion Küstenmacher erzählte wie sie und ihr Mann, […]

über Integrales Christentum — schmillblog

Die Entwicklungspsychologie als wissenschaftliche Grundlage der integralen Theorie

Die Entwicklungspsychologie ist ein Zweig der Psychologie. Es geht um die Erforschung der Entwicklung menschlichen Verhaltens und Erlebens über die gesamte Lebensspanne des Menschen.
Bei Kindern ist es am offensichtlichsten, dass diese sich entwickeln, denn die dadurch auftretenden Veränderungen im Verhalten und Aussehen sind vergleichsweise groß und schnell. Eben war sie noch ein Baby, konnte nur liegen und weinte viel, schon ist sie ein Kleinkind, kann gehen und die ersten Worte sprechen. Zwischen beiden Zuständen liegt nur ein Jahr.
Doch auch bei älteren Menschen erleben wir, dass sie noch neue Fähigkeiten, neues Wissen erlangen, oder anders zu denken lernen. Im Coaching ist der Begriff „Neuroplastizität“ beliebt – meint er doch die Entdeckung der Forscher, dass sich unser Gehirn ein Leben lang verändert und neu formt.
Um diese Entwicklung und von dieser einzelne Aspekte beschreiben zu können, entwarfen verschiedene Forscher Stufenmodelle. Die Entwicklung erfolgt dabei von einer niedrigen zu einer höheren Stufe oder Ebene.

Erik Erikson entwarf ein Modell der psychosozialen Entwicklung, Jean Piaget und Kurt W. Fischer untersuchten die kognitive Entwicklung, also die Art und Weise, wie ein Mensch denkt. Jane Loevinger untersuchte, wie sich das „Ich“, also die Identität eines Menschen, entwickelt. Lawrence Kohlberg untersuchte die Entwicklung der Moral, Fritz Oder und Paul Gmünder die religiöse Entwicklung und James William Fowler die des Glaubens. Clare W. Graves, ein amerikanischer Psychologieprofessor, dessen Forschungen die Grundlage zu Spiral Dynamics bilden, untersuchte die Entwicklung der Persönlichkeit. Und viele, viele mehr..

Was Ken Wilber vor allem gemacht hat bzw. macht, ist, dass er versucht, möglichst alle ihm bekannten Forschungsergebnisse miteinander zu vergleichen, auf Gemeinsamkeiten hin zu untersuchen und in einem Raster zueinander in Beziehung zu setzen. Sein Buch „Integrale Psychologie“ endet dementsprechend mit zahlreichen Tabellen, die eine knappe Übersicht und direkte Vergleichbarkeit ermöglichen.
Eine Besonderheit ist, dass er dabei auch religiöse Denker wie Sri Aurobindo, einen hinduistischen Mystiker, östliche Kirchenväter wie den Hl. Palamas oder Hl. Dionysius oder auch Hazrat Inayat Khan, den Gründer der internationalen Sufi-Bewegung, mit einbezieht. Außerdem entwirft er selbst ein eigenes Stufenmodell der „Weltsichten“, das Ähnlichkeiten mit Spiral Dynamics aufweist, der Moralentwicklung, der Entwicklung der Spiritualität sowie der Kunst. Denn nicht nur der einzelne Mensch entwickelt sich, sondern auch die Kultur, in die er jeweils eingebunden ist, Stichwort „soziokulturelle Evolution“, von dem Jäger-Sammler-Dasein zur Informationsgesellschaft.
Um alle Erkenntnisse und Forschungsbereiche in ein größeres Ganzes einzuordnen, unterscheidet Ken Wilber Ebenen der Entwicklung, Linien der Entwicklung und Zustände.
Dabei sind Ebenen hierarchisch aufgebaut, während Linien parallel zueinander verlaufen. Bsp.: Die kognitive Entwicklung durchläuft bei jedem Menschen ähnliche Ebenen (Vertikale, von unten nach oben), doch neben dieser gibt es zahlreiche andere Bereiche (Horizontale), in denen Entwicklung stattfindet: Moral, Spiritualität, Gefühle, Bedürfnisse, Sexualität usw. Vollkommen offensichtlich ist, dass ein Mensch sich innerhalb dieser Linien unterschiedlich schnell entwickeln kann: Jemand kann kognitiv sehr weit sein, moralisch oder emotional dagegen noch in den „Kinderschuhen“ stecken.
Zustände sind zeitlich begrenzt, wohingegen veränderte Strukturen Entwicklung anzeigen. Im Hinblick auf Spiritualität heißt das: Jede/r kann einmal ein außergewöhnliches Erlebnis des Göttlichen haben, doch die wenigsten haben dieses dauerhaft. Und: Je nachdem auf welcher Stufe/Ebene ein Mensch steht, wird er diese außergewöhnliche Erlebnis unterschiedlich interpretieren: Beispielsweise hört ein Mensch eine Stimme. Er denkt je nachdem: Das war eine Halluzination/ein Engel/Gott/mein höheres Selbst.
Bedeutsam zum Verständnis von Ken Wilber erscheint mir noch eine Erkenntnis der Entwicklungspsychologie: Dass Entwicklung nur dann gelingt, wenn frühere Ebenen „integriert“ werden.
Ein Beispiel aus der Forschung von E. Erikson: Bei ihm ist jede Ebene durch den Widerstreit zweier Grundstimmungen gekennzeichnet, die sogenannten „psychosozialen Krisen“. Am Anfang Grundvertrauen gegen Grundmisstrauen, dann Autonomie gegen Scham und Zweifel, dann Initiative gegen Schuldgefühl und so fort. (Ich verzichte an dieser Stelle auf das Detail, weil es mir auf etwas anderes ankommt) Es versteht sich nahezu von selbst, dass ein Mensch, um vorwärts zu kommen, jeweils beides braucht: Vertrauen wie Misstrauen. „Von jedem das richtige Maß“ würde man sagen oder „gesundes Vertrauen/Misstrauen“.
Ken Wilber spricht von einer „Differenzierung“ und „Integrierung“. Ein Kind muss zuerst lernen, sich und seine Außenwelt zu unterscheiden, um später zu einem „gesunden“ Körpergefühl zu gelangen.
Jede Stufe schließt ihre Vorläufer ein und fügt dann ihre eigenen definierenden und auftauchenden Qualitäten hinzu: Sie transzendiert und umfasst.
(S. 173)
Pathologien oder Störungen in der Entwicklung entstehen immer dann, wenn ein Mensch auf einer Ebene stehen bleibt, d.h. etwas nicht gelingt zu „integrieren“. Das Ganze gilt selbstverständlich auch in Bezug auf die Entwicklung eines „gesunden“ und reifen Glaubens. Jede Stufe hat darin ihr gutes Recht, ihren Platz und Sinn. Probleme entstehen immer dann, wenn der Inhalt der Stufen als Ganzes verworfen wird oder eine Auseinandersetzung erst gar nicht für nötig befunden wird.
Beispiel Wunderglaube: der Unterschied zwischen den Aussagen „es gibt keine Wunder“ und „ich halte Wunder durchaus für möglich, verstehe sie aber anders als früher“ ist gigantisch. In einem späteren Artikel will ich mich damit noch eingehender in Bezug auf das Verhältnis der gegenwärtigen Konfessionen befassen.
Literatur: Ken Wilber, Integrale Psychologie, 2016 (5. Auflage)

Spirituelle Intelligenz

Bist du intelligent? Und wenn ja, worin? Sprachlich-linguistisch, mathematisch-logisch, musikalisch-rhythmisch, körperlich-kinästhetisch, bildlich-räumlich, inter- oder intrapersonell, naturalistisch… oder spirituell-existenziell?
Howard Gardner ist dafür bekannt, in den 80er Jahren eine neue Intelligenztheorie aufgestellt zu haben, da ihm die klassische IQ-Test zu einseitig war. Er stellte eine Theorie der „multiplen Intelligenzen“ auf. Jemand ist also nicht einfach nur „intelligent“, sondern er ist intelligent in einem bestimmten Bereich, auf einem bestimmten Gebiet. Er unterschied deshalb neun verschiedene Arten von Intelligenz. Die neunte ist die „existenzielle“ oder „spirituelle Intelligenz“.
Dabei handelt es sich um die Fähigkeit, grundlegende Fragen der Existenz zu erfassen und zu durchdenken. Herausragende Vertreter wären große Denker, religiöse und geistige Führungspersonen.
Die Bestsellerautorin und Wirtschaftsberaterin Danah Zohar hält Seminare zu der Spirituellen Intelligenz bei globalen Unternehmen und hat zusammen mit Ian Marshall ein Buch verfasst: „IQ? EQ? SQ!: Spirituelle Intelligenz – das unentdeckte Potenzial.“
Sie schreibt auf ihrer Homepage, dass die Spirituelle Intelligenz leider häufig beim Coaching oder der Persönlichkeitsentwicklung übersehen werde. Es gehe nicht um Religion, sondern um den Teil des Gehirns, der es uns erlaube, zu hoffen, zu träumen, zu visualisieren und uns mit unserem Sinn im Leben zu verbinden. Sie treibe uns dazu an, nach Bedeutung und nach einem größeren Gut zu streben, indem wir gut und böse unterschieden. Es sei die Intelligenz, die uns ganz mache, die uns Integrität verleihe. Es sei die Intelligenz unseren wahren Selbst, die uns fundamentale Fragen stellen lasse und uns zu verwandeln imstande sei.

Indikatoren dafür, in welchem Maße jemand über diese Intelligenz verfügt, seien Sinn für Moral, die Werte einer Person, ein offener Geist, das Potential zu einem visionären Führungsstil, kritisches Denken, Reflektion, Intuition. Dazu gehöre auch die Fähigkeit, sich selbst zunehmend der eigenen niederen Motivationsgründe (z.B. Angst, Gier, Macht, Ego), bewusst zu werden und diese in höhere umzuwandeln (Kreativität, Dienen).

Mehr dazu auf: http://danahzohar.com

In diesem kurzen Video, einem Ausschnitt einer Rede von Ken Wilber, spricht dieser über die spirituelle Intelligenz.
Er unterscheidet dabei zwischen spiritueller Intelligenz und spiritueller Erfahrung. Ein Mensch könne eine hohe spirituelle Intelligenz besitzen, aber wenig spirituelle Erfahrung und umgekehrt. Für die spirituelle Intelligenz verwendet er den Ausdruck „growing up/ aufwachsen“, für die Erfahrung den Begriff „waking up/ erwachen“. So kann ein Mensch eine Erleuchtungserfahrung erleben, ohne dass er das Reflektionsvermögen besitzt, diese im Anschluss in einen größeren Kontext einzuordnen oder in geeignete Worte zu kleiden, um diese Erfahrung mit anderen zu teilen oder diesen zugänglich zu machen.
Laut Ken Wilber befindet sich die Menschheit, was ihre Spirituelle Intelligenz betrifft, noch auf einem sehr niedrigen Level. Wäre diese allgemein höher, könnten wir Menschen ganz anders miteinander umgehen und miteinander leben.
Das trifft selbstverständlich ebenso auf unsere christlichen Gemeinschaften zu. Während diese dazu dienen könnten, spirituelle Erlebnisse zu teilen und gemeinsam in unserer spirituellen Intelligenz zu wachsen, tun sie nicht selten das Gegenteil. Das hängt damit zusammen, dass wir es in unseren Kirchen viel mit blau und orange zu tun haben. In mehrheitlich blau werden kritische Fragen gern ganz ausgeblendet, da sie für Irritation und Zweifel sorgen und im „schlechtesten“ Fall gar zu dem Verlust des (bisherigen) Glaubens führen oder gegen Formulierungen der Glaubensbekenntnisse verstoßen. Der Pfarrer wird es schon „wissen, wie es richtig ist“. Schattenarbeit findet – wenn überhaupt – ganz im privaten statt.
Oder die Zweifel dienen in orange als Mittel und Zweck, ausführlich und intellektuell miteinander zu diskutieren und über das Göttliche zu referieren, von einer unmittelbaren Begegnung gibt es aber wenig zu erzählen. Das persönliche tritt in den Hintergrund.
Das durch Lehrsätze, traditionelle Handlungen und Verhaltensweisen oder gemeinsame „Schulen“ (Lutheraner, Pietismus, Barth-Anhänger etc.) hergestellte Zusammengehörigkeitsgefühl scheint stärker zu binden als das Streben nach Wahrheit und die Sehnsucht nach einer echten Gotteserfahrung. Doch gerade der Zweifel, die Unzufriedenheit und der Widerspruch gehören zu einem Glauben dazu, der sich weiterentwickelt.
Was meint ihr dazu?

Ken Wilber über integrales Christsein

Im Folgenden fasse ich einen Vortrag für euch zusammen, den Ken Wilber 2015 auf einer christlich integralen Versammlung gehalten hat. Ich habe ihn in der Facebook Gruppe „Integral Christianity“ gefunden.

Ken Wilber unterscheidet drei Gesichter Gottes:

Jesus Christus redete ÜBER Gott; er redete ZU Gott; und er redete ALS Gott.

Diese entsprechen einer abgekürzten Version der vier Quadranten: Ich, Du, ER/SIE/ES, Sie, bei der die zwei letzteren in eins fallen und gemeinsam die „objektive“ Seite bilden – als Gegenüber zur subjektiven Seite aus „ich“ und „du“.

Die Quadranten stehen bekanntlich für verschiedene Perspektiven, die eingenommen werden können und alle gleichermaßen wichtig und wahr sind.

Der Punkt ist nun, dass jede und jeder von uns genau dieselben Perspektiven in Bezug auf den GEIST, also das Göttliche, einnehmen können wie Jesus. Wir können über Gott reden wie über eine objektive Realität, wir können zu ihm reden wie zu einem engen Vertrauten, und wir können das Göttliche tief in uns als unser wahres SELBST, die ultimative Realität, entdecken.

Wenn wir zu dem Christusbewusstsein erwecken, reden wir ebenso wie Jesus aus all diesen Perspektiven. Nicht eine der Perspektiven ist richtig und die andere falsch, sondern alle sind zugleich richtig, wahr und untrennbar miteinander verflochten.

Die Trinitätslehre, Vater, Sohn und Heiliger Geist, enthält diese drei Gesichter Gottes. Sie zeigt, dass alles in dieser Welt aus Beziehung besteht, aus verschiedenen Dimensionen und Perspektiven. Sobald durch die Schöpfung das Formlose Gestalt annimmt, entsteht Beziehung zwischen verschiedenen Formen. Alles kann aus den vier Perspektiven des Quadranten wahrgenommen werden.

Die zahlreichen Theorien und Modelle zur Bewusstseinsentwicklung der Menschheit sind sich in wenigen Punkten erstaunlich einig: Spiritualität entwickelt sich in Stufen weiter. (Ganz genauso wie kognitive Fähigkeiten sich entwickeln, moralische Werte oder emotionale Intelligenz sich entwickelt.)

Auf jeder Stufe – der archaischen, mythischen, der modernen, der postmodernen, der integralen, wird die Welt völlig anders wahrgenommen. Das gilt für jede Religion gleichermaßen: Bei den Hinduisten, Buddhisten, Christen, Muslimen, Juden usw. durchlaufen alle Menschen gleichermaßen nacheinander die verschiedenen Stufen.

Allerdings wurden diese Stufen erst vor kurzem durch die Wissenschaft entdeckt. Denn ein Problem dabei ist, dass diese wie die Grammatik einer Sprache funktionieren: Der Mensch bewegt sich darin, ohne sich der dahinter stehenden Regeln bewusst zu sein, und hält sie für die einzig wahre Weltsicht.

Ken Wilber unterscheidet zwei Wege der spirituellen Entwicklung: „Growing Up/Aufwachsen“ und „Waking Up/Aufwachen“. Ersteres bezeichnet die spirituelle Entwicklung eines Menschen von einer Stufe zur nächsten. Letzteres bezieht sich auf Erfahrungen von Erleuchtung und Wandlung. Diese Erfahrungen von Einssein, diese besonderen Bewusstseinszustände werden jeweils abhängig von der Stufe, auf der sich der Mensch befindet, und der dazu passenden Denkstruktur, völlig anders gedeutet.

Ein Christ auf der magischen Stufe sieht Jesus als den Superstar, der auf dem Wasser geht. Auf der mythischen Stufe wird die Bibel wortwörtlich ausgelegt und zwischen denen, die gerettet werden und denen, die verloren gehen, strikt unterschieden usw.

Insgesamt bewegt sich das menschliche Bewusstsein von einer ethnozentrischen Identität zu einer weltzentrischen Identität, was bedeutet, dass ein Mensch sich nicht mehr primär über die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, Clan, Dorf etc. versteht, sondern über seine Zugehörigkeit zur Welt als Ganzes. Aus dem Drang zur Abgrenzung wird ein Drang zur Integration und Versöhnung. Doch Forschungen haben gezeigt, dass momentan noch 60-70 % der Menschheit sich auf dem ethnozentrischen Level oder gar darunter (also nur mit dem Überleben beschäftigt)befinden.

Doch es gibt bereits das integrale Christentum, das weltzentrisch denkt, zu einer kritischen Bibellektüre fähig ist und Jesus als Inspiration dazu annimmt, ähnliche Erfahrungen wie dieser zu suchen und zu machen. Diese Menschen können andere Religionen als gleichwertige Partner annehmen, auch neue Praktiken von diesen mit übernehmen, und sich gleichzeitig noch immer als Christen verstehen. Obwohl sie noch in der Minderheit sind, finden sie schon heute immer wieder auf der Suche nach Gleichgesinnten zusammen.

Homepage zu den  regelmäßig stattfindenden Versammlungen: http://returntotheheartevent.com/

Warum ich heute gelb denke

An dieser Stelle möchte ich, ausnahmsweise etwas persönlicher als das sonst der Fall sein wird, davon berichten, wie ich zu dem integralen Ansatz fand beziehungsweise dieser mich. Noch einmal vielen Dank an die Person, die mir diese Frage in der Facebookgruppe zu Gott 9.0 gestellt hat.

Gelb, blau, rot, purpur:

Im Folgenden begegnen euch viele Farben. Es handelt sich um den Code von Spiral Dynamics. Dazu siehe auch meinen und andere Artikel dazu.

Vorneweg: Auch ich denke bei starkem Hunger nahezu ausschließlich beige daran, wo und wie ich am schnellsten an etwas essbares herankomme. Und als ich mich in akuter Lebensgefahr wähnte, war ich purpur froh, von meinen orthodoxen Glaubensbrüdern und -schwestern gelernt zu haben, wie man sich durch eine Ikonen und das Bekreuzigen vor dem Teuflischen schützt. Und an schlechten Tagen kann ich ganz schön rot trotzig und zornig sein. Und … ich glaube, ihr habt den Punkt?

Ich glaube nicht, dass ein Mensch es schafft, immer gelb zu denken. Oder dass das überhaupt ein anzustrebendes Ziel wäre. Genauso wenig wie ein Mensch nur blau, nur grün, nur purpur denkt.

Doch weiter: Vielleicht kennt auch ihr das Phänomen, das ihr etwas sucht, und stattdessen etwas gänzlich anderes findet?

Jesus soll gesagt haben: „Wer sucht, der findet“. Meiner Erfahrung nach finden uns die Ideen und Inhalte, wenn wir bereit für sie sind und nicht unbedingt dann, wenn wir bewusst danach Ausschau halten.

In meinem Theologiestudium herrschte vorwiegend orangenes Denken vor. Jeder wusste es besser als der andere und um das zu zeigen, bediente man sich der wissenschaftlichen Methode. Wer anders dachte als man selbst, war einfach ein bisschen dümmer. Um voranzukommen, bewies man Anpassungsfähigkeit, selbstgewisse Dominanz in Diskussionen und Pragmatismus.

Einige Mitstudenten steckten allerdings so tief im blauen Mem, das es mir zunächst so schien, als müssten alle Kräfte eingesetzt werden, auch diesen Menschen den Sprung ins orangene Mem zu ermöglichen. Damit meine ich, dass die einfachsten Annahmen der Aufklärung nicht wirklich akzeptiert wurden. Das „WORT“ hatte immer Recht. Auch wenn man gar nicht verstand, wie man verstand und was man da nicht verstand. Punkt. Aus.

Erst später habe ich festgestellt, dass diese Grabenkämpfe zwischen liberal und evangelikal eine gute Vorbereitung auf weitere Grabenkämpfe in den Gemeinden war.

Nach meinem Studienaufenthalt in Weißrussland mit dem Flair der Sowjetunion war mir klar, dass ich – entgegen meinen früheren Überzeugungen – nicht mehr links sein kann. Weder links, noch rechts, noch Mitte. Ich hatte all diese Kategorien als Heimat verloren. Dafür hatte ich das purpurne und blaue Mem aus einer ganz anderen Perspektive kennen und verstehen gelernt: Weihung von Studentenzimmern durch Geistliche, Vorlesungen über Dämonologie mit eigenen Erfahrungsberichten, die Verehrung von Patriarchen und Ikonen, das Auswendiglernen von Kirchenväterzitaten u.v.m. Und ich lernte das Herzensgebet kennen, das Mantraartige Wiederholen von Jesus Namen.

Durch die großen russische Religionsphilosophen hatte ich gleichzeitig den ersten Hauch von gelb geschnuppert: Ich fing an, paradoxes, multidimensionales Denken zu lieben.

Und da fand mich ein Artikel von Wulf Mirko Weinreich, „Eine kurze Sicht des Marxismus aus integraler Sicht“. Ihr findet ihn und vieles andere lesenswerte unter folgender Adresse:

http://www.integrale-psychotherapie.de/ticker.html

Allerdings machte die Theorie von Wilber zunächst auf mich den Eindruck einer seltsamen esoterischen Sonderlehre und ich hörte auf, mich weiter damit zu befassen.

Schließlich fand ich in der ökumenischen Bewegung Menschen, die vorwiegend grün dachten. Das machte sie zu wesentlich angenehmeren Zeitgenossen als viele meiner Kommilitionen oder Professoren es waren. Sie suchten nach Harmonie, trugen Fair Trade Kleidung, sprachen kollektive Schuldbekenntnisse und setzten sich für das ein, was Christen über die Konfessionen hinweg verbindet: Der Kampf für Menschenrechte, für die Umwelt, für den Frieden weltweit. Auch mein Veganismus stieß auf mehr Verständnis. (Heute bin ich übrigens Flexitarierin, vielleicht auch ein Resultat gelber Anpassungsfähigkeit 😉)

Jahre später stieß ich – an Zufall glaube ich nicht, wenn alles mit allem zusammenhängt – auf die Live Coaching Plattform Human Trust, die von Veit Lindau gegründet wurde. Da ich etwas in meinem Leben verändern wollte, meldete ich mich trotz anfänglichem Misstrauen an. Dort erfuhr ich, dass sein Coaching Ansatz auf der integralen Theorie von Ken Wilber basiert. Und wenn ich einen Namen mehr als einmal höre, überkommt mich eben die Neugierde 😉

Seitdem ich Ken Wilber und Spiral Dynamics selbst gelesen habe, hat mich etwas gepackt. Ich genieße die neuen Wege und Räume im Denken, die ich durch diesen Ansatz dazu gewonnen habe.

Ein gelb denkender Mensch darf und kann immer auf die anderen Ebenen zurückgreifen, wenn es die äußeren Umstände angemessen oder gar notwendig erscheinen lassen und muss nichts abwerten.

Deshalb entspannt nichts tiefgreifender als gelbes Denken. Ich muss nicht mehr alles wissen. Ich muss nicht Recht haben. Ich muss gar nichts.

Ich darf. Und deshalb tue ich es. Ganz bewusst.

Mehr dazu und warum das nichts mit Beliebigkeit zu tun hat, an anderer Stelle.

Vielleicht wollt ihr auch kurz berichten, was ihr am gelben Denken schätzt oder wie ihr auf den integralen Ansatz gestoßen seid?