Wiedergeburt denken

Ist der Reinkarnationsgedanke urchristlicher Glaube – und wenn ja, inwiefern?

Immer wieder höre ich den Vorwurf, die Kirche habe die Lehre von der Wiedergeburt unterdrückt und verboten, obwohl dies ein urchristlicher Glaube sei.

Ein derzeit prominenter Vertreter dieser These ist Franz Alt. In seinem Buch „Was Jesus wirklich gesagt hat“ bezieht er sich dazu auf die Rückübersetzung von bekannten Sprüchen Jesu aus dem Griechisch der Bibel in Jesu Muttersprache, das Aramäische, nachzulesen bei: Günther Schwarz: „Worte des Rabbi Jeschu: Eine Wiederherstellung.“

Ein Film zu den Hintergründen des Buches seht ihr hier:

Das Jesu Wort aus Johannes 3,3

Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.

lautet bei Schwarz:

Wenn jemand nicht wiederholt geboren wird, so kann er nicht wieder eingelassen werden in das Königtum Gottes.

Für Franz Alt bedeutet das:

Wiedergeburt heißt, dass es keinen Tod gibt, sondern Verwandlung, Reinkarnation und Erneuerung. […] Damit ist die Wiedergeburt eine große Entwicklungschance […] (Franz Alt, Was Jesus wirklich gesagt hat, S.136)

Wirklich viel Belege kann er für seine Interpretation allerdings auch nicht anführen.

Unsere Kirchen lehren offiziell alle: Auferstehung ja, Wiedergeburt nein.

Häufig lese ich Sätze wie:

Der christliche Glaube an die Auferstehung der Toten und die Vorstellung von Karma und Reinkarnation schließen sich gegenseitig aus.

Andere werfen der Kirche vor:

553 n. Chr. wurde die Wiedergeburt von 165 Kirchenleuten verdammt. Zuvor war sie ein Fundament christlicher Lehre (z.B. https://www.zeitenschrift.com/artikel/reinkarnation-die-grosste-luge-der-kirche)

Wer hat denn jetzt Recht? Oder haben wieder „alle Recht“, zumindest teilweise (Motto Ken Wilbers)?

Warum ich persönlich angefangen habe, über Wiedergeburt nachzudenken:

Zunächst ganz einfach: Weil es viele Menschen weltweit gibt, die davon überzeugt sind, auch Christen, obwohl es nicht offiziell gelehrt wird. Haben sie alle schlicht unrecht, fantasieren sich etwas zusammen?

Sind die Wahrheiten, die unseren östlichen und westlichen Religionen zu Grunde liegen also doch so gegensätzlich, so unvereinbar, dass nur eine der beiden Traditionen Recht haben kann?

Irgendwann tauchte in mir die Frage auf, ob nicht ein liebender Gott jedem Menschen eine zweite Chance einräumen würde – wenn ein Mensch sein Leben also ziemlich „verbockt“ oder in den „Sand gesetzt hat“, warum sollte der dann nicht eine zweite Chance bekommen können, ein zweites, drittes oder auch viertes „besseres“ Leben zu führen? Es spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, ob ich glaube, dass Gott jemanden nach einem kurzen vermurksten Leben bis in alle Ewigkeit bestraft oder ihn begnadigt. Denn eine Begnadigung ist sicherlich nicht befriedigend für jemanden, der selbst einsieht und spürt, dass er seine einzige Chance verspielt hat.

Es geht also auch um die Frage: Wie oft würde ein Mensch wohl leben wollen, wenn er es immer wieder probieren dürfte? Unendlich oft – oder würde er nach dem fünften Mal sagen: „So, jetzt bin ich zufrieden mit dem Ergebnis?“

Und dann war da die Sinnfrage. Die Frage nach dem Sinn meines Lebens, dem Sinn von menschlicher Geschichte überhaupt, von Leben in Raum und Zeit, von einem in eine unbekannte Zukunft gelebten Leben, das abgelöst wird von einem anderen Leben und wieder einem Leben und…

Mich wundert es immer noch, dass diese Frage so wenig Christen zu beunruhigen scheint. Da heißt es: „Jesus ist für uns gestorben, damit wir gerettet werden.“

Da bleibt doch immer noch die drängende Frage, wozu wir eigentlich gerettet sind? Dieser Glaube – „ich war verloren, jetzt bin ich gerettet, Halleluja!“ – sagt überhaupt nichts darüber aus, wozu ich und die anderen eigentlich da sind, wozu wir Finger, Füße und Zehen haben und Erfahrungen machen. Der scheinbar zentrale Glaubensinhalt – der manchmal wirkt, als hätte Gott nur einen Fehler in seiner Schöpfung nachträglich ausgebügelt – blendet die Sinnfrage gänzlich aus!

Anders bei der integralen oder evolutionären Spiritualität, die sagt, dass wir Menschen wesentlich dazu da sind, Erfahrungen zu sammeln und dadurch zu wachsen, sowohl als einzelner als auch als Menschheit insgesamt. Doch gerade diese Idee wirft die Frage auf, was es dem Steinzeitmädchen Lisa bringen soll, wenn die Oma Luise ihre Lehre aus den Erfahrungen des zweiten Weltkriegs zieht?!

Und dann scheint es so willkürlich oder ungerecht, dass der eine auf der Südhalbkugel geboren wird, im ärmsten Viertel, dazu bestimmt, sein Leben auf der Müllhalde zu verbringen und jämmerlich an Vergiftung zu sterben, während ein anderer in einer gut betuchten Familie aufwächst, eine Firma erbt und jedes Jahr Urlaub in einem anderen Land der Erde machen kann, weil ihm das so großen Spaß macht. Warum stecke ich in einem gesunden Körper, mein Vater in einem kranken?

Wäre es da nicht eine verführerisch einfache Erklärung, Wiedergeburt und die Auswirkung von schlechtem Karma anzunehmen? Dann könnten wir sagen: Selbst schuld – du hast einfach was falsch gemacht in deinem letzten Leben, das hast du jetzt davon, viel Spaß.

Manche sehen die Welt als eine Art Schulungsort. Mit jedem neuen Leben könnten wir zeigen, dass wir aus alten Fehlern gelernt haben. Jedes Leben hält seine Entwicklungsaufgabe für uns bereit. Aber wo bleibt da die Gnade, die sagt: Schwamm drüber?

Franz Alt nennt die Vorstellung von der Wiedergeburt eine „Entwicklungschance“. Doch hört sich das nicht an wie ein „Entwicklung-Zwang“?:

„an unseren Fehlern müssen wir schon selbst arbeiten. […] Die Reinkarnation nimmt uns in die Pflicht. Diese Chance haben wir mehrfach […] Wir sind hier, um zu lernen. Entweder wir wollen lernen. Oder wir müssen leiden.“ (Was Jesus wirklich gesagt hat, S.136f.)

Seiner Beschreibung nach muss sich der Mensch erst würdig erweisen, durch die schmale Pforte zu kommen, sonst muss er „noch mal“. Als ob einer nach zig immer moralisch einwandfreieren und immer spirituelleren Leben plötzlich den Zustand erreicht hätte, ins Reich Gottes einzugehen. Legt Gott etwa ein Maßband an: Du darfst, du noch nicht?

Wenn die Welt ein Schulungsort wäre, müssten wir dann nicht immer und immer wieder leben? Da ist diese – in meinen Augen – Horrorvorstellung einer ewigen Wiederkehr, des sogenannten Samsara, der ewige Kreislauf von Leben, Tod und Wiedergeburt. Noch schlimmer: Einer Wiederkehr abhängig von einem irgendwie gearteten Karma-Konto. Warst du böse, wirst du ein Schuhputzer oder noch schlimmer: Eine Stechmücke. Benimmst du dich als Stechmücke dann schön anständig, schaffst du es vielleicht wieder bis zum Elefanten und so weiter. Allzuleicht lässt sich eine solche Lehre dazu missbrauchen, bestehende Ungerechtigkeit in Stein zu meißeln und Menschen für eigene Zwecke zu manipulieren. Und philosophisch überzeugen kann sie auch nicht, da überhaupt nicht klar ist, was es überhaupt genau ist, was von dem Wechsel von Kuh zu Mücke wiedergeboren wird.

Hier ein interessantes Video eines jungen You-Tubers, der auf den manipulativen Charakter und logischen Ungereimtheiten der Reinkarnationslehre innerhalb des hinduistischen Kastensystems eingeht. Er lädt dazu ein, Reinkarnation als etwas anzusehen, was jeden Tag stattfindet: Wir seien jeden Tag eine neue Person.

Manche dehnen diese Geschichte wenigstens etwas aus, damit sie nicht so unbarmherzig klingt. Sie erzählen von vielen Himmeln, einer ganzen Himmel-Hierarchie, eine Art Fortsetzung von verschiedenen Bewusstseinsebenen. Wer nach dem Tod den ersten Himmel für den einzigen hält, bleibt da so lange, bis er die Fühler nach noch höheren Welten ausstreckt und so weiter und so fort. Und wer noch einmal leben will, lebt nochmal. Evolution ins unendliche Eins-Sein-mit-Gott. Damit hätte zumindest jeder Mensch die Chance, sich in seinem Tempo zu entwickeln, ganz unabhängig davon, in welchem Zustand er stirbt: Als Säugling, als verbitterter Greis oder mitten im Leben stehend.

Warum eigentlich ist Wiedergeburt so ein schwieriges und umstrittenes Thema?

Weil es so schwer ist, sie zu DENKEN. Wer oder was wieder geboren oder wandert weiter von einem Körper in den nächsten? Wer könnte dieses „Ich“ sein, dass in Schulung geht? Oder das freiwillig entscheidet, noch einmal auf die Welt zu kommen?

Haben wir uns nicht bereits damit befasst, dass das Ego und all seine Identifikationen, Name, Aussehen, Biografie etc. durch meditative Praxis schwächer wird und unter Umständen ganz verschwindet – und zurück bleibt allein das Gefühl des „(Ich) Bin/Es ist“? Was kann denn dann noch wandern?

Viele fügen zwischen „Ego/Mind“ und „wahrem Selbst/GEIST“ noch die „Seele“ als Zwischenkategorie ein. Das wäre dann so etwas wie die individualisierte Form Gottes. Die „Seele“ gehört in den Bereich der „subtilen Energien.“ Deshalb spricht man ja auch von „Seelenwanderung.“ Die Seele wandert so lange in ihrem subtilen Körper herum, bis sie sich wieder mit einem grobstofflichen Körper vereint und wieder geboren wird.

So auch Ken Wilber. Er stellte sich die Frage: Wie könnte Reinkarnation gedacht werden, damit sie möglich wäre? (Unabhängig davon, ob es sie nun gibt oder nicht), nachzulesen in dem 2004 erschienenen „Auszug G“ aus dem zweiten Band seiner Kosmos Trilogie, Ken Wilber, Excerpt G: Toward A Comprehensive Theory of Subtle Energies. http://www.integralworld.net/de/excerpt-G-de.html.

Auf die Erklärung will ich hier nicht genauer eingehen, weil das ohne den Kontext des Textes zu verwirrend wäre.

Eine ganz andere Erklärung der Reinkarnation habe ich bei Walter Russell gefunden, einem amerikanischen Universalgenie, der erzählt, dass er in seinem Leben in regelmäßigen Abständen Offenbarungen von Gott erhielt. Egal, was man von dieser Geschichte halten mag, seine Erläuterungen finde ich zumindest bedenkenswert, weil sie noch einmal andere, wichtige Aspekte für das Thema liefern. (Zu Russell gerne an anderer Stelle mehr, denn ich habe entdeckt, dass sein Denken viele integrale Momente aufweist)

In seinem Buch „Die Botschaft der Göttlichen Iliade“ stellt er fest:

Das große Hindernis zum Verständnis der Reinkarnation ist der verbreitete Glaube, dass unsere Individualität und Persönlichkeit getrennt von allem anderen seien, während in Wirklichkeit jeder einzelne ein Teil aller anderen ist. (S. 256)

Er erklärt diese Verbundenheit aller mit allen auf zweierlei Wegen:

Körper wiederholen sich durch den Samen, aber der Geist wiederholt sich durch den Geist. (S. 250)

Mit „Samen“ meint er die Erbinformation, die von Generation zu Generation weitergegeben wird, wir verorten diese heute üblicherweise in der DNA. Auf diese Weise reinkarnieren wir Eltern uns beispielsweise in unserem Sohn. (Und oh ja, da ist durchaus etwas dran! :-)) (Aber auch die Großeltern, Urgroßeltern und so weiter)

Mit „Geist“ ist gemeint, dass, wenn ein Mensch (zum Beispiel du) sich für den Geist eines anderen Menschen öffnet (zum Beispiel, wenn du Mozart hörst oder Nietzsche liest), du in diesem Moment eins mit diesem Geist wirst: Du machst Mozarts Musik zu einem Teil von dir. Reinkarnation funktioniert hier auf dem Wege der Inspiration, der Weitergabe von Gedanken, Wissen, Wünschen, Gefühlen.

Unsere (scheinbar existierende) Individualität ist nichts anderes als das Ergebnis des Zusammenwirkens aller mit allen und allem mit allem:

Jede ihrer Gedanken hing mit anderen Menschen zusammen, lebenden oder toten, mit ihrer unmittelbaren Umgebung oder mit der Natur insgesamt. Ihre Mutter, ihr Vater, Brüder und Schwestern, Freunde und Lehrer formten die ersten Grundlagen ihrer Gedanken. Diese Menschen wurden ein Teil von ihnen, indem sie ein Teil ihrer Gedanken wurden. […] Wenn sie siebzig geworden sind, werden die großen Denker der Welt ebenfalls ein Teil von Ihnen geworden sein, indem sie ihr Wissen mit Ihnen teilen. […] In dem Ausmaß, wie Jesus ein Teil Ihres Denkens wird, lebt er in Ihnen als ein Teil von Ihnen, so wie er in all jenen lebt, deren Denken mit seinem eins geworden ist. […] Behalten Sie immer im Bewusstsein, dass es nicht zwei voneinander getrennte Menschen auf der Erde gibt. Es gibt nur einen – denn jeder ist eine Erweiterung des anderen. (S. 253 f.)

Das, was andere „Karma“ nennen, erklärt er mit einem einen einfachen Ursache-Wirkungszusammenhang. Ungleichgewicht an der einen Stelle bringt Ungleichgewicht an einer anderen hervor:

der Mensch erleidet die Wirkungen seiner Gesetzesbrüche, individuell und kollektiv, in Form zerbrochener Freundschaften, verlorener Gesundheit, geschäftlicher Misserfolge, häuslichen Auseinandersetzungen, Feindseligkeiten und zahllose andere schlimme Auswirkungen, die aus seinen eigenen Schöpfungen folgen. (S. 66)

Was bringt es also Steinzeitmädchen Lisa, wenn die Oma Luise ihre Lehre aus den Erfahrungen des zweiten Weltkriegs zieht? Ganz einfach: Wenn Lisa stirbt und in die geistige Welt zurückkehrt, kann sie auf alle Erfahrungen der gesamten Menschheit in Vergangenheit und Zukunft zurückgreifen, sie ist nicht mehr nur Lisa, sie ist eins mit allen Menschen.

Wie denkt ihr darüber? Glaubt ihr auch als Christen an Wiedergeburt und wenn ja, wie stellt ihr euch diese vor?

Die Theorie hinter den „Drei Gesichtern Gottes“

Von den vier Quadranten zu den neun Aspekten Gottes

Die Gliederung des Buches von Paul Smith (das ich euch hier vorgestellt habe) ist zugleich die Wiederspiegelung des Inhalts selbst.

2

InnerlichindividuellSubjektivInner Face_Inneres GesichtResting as God_als (in) Gott ruhen5

Noch einmal zur Erinnerung: Bei der integralen Theorie handelt es sich im wesentlichen um einen Ordnungsrahmen, der hilft ein Thema möglichst umfassend zu betrachten und zu analysieren. Dieser wird mit AQAL abgekürzt, was für „Quadranten, Ebenen, Linien, Zustände und Typen“ steht.

Während sich Paul Smith in seinem ersten Buch hauptsächlich auf die „Ebenen“ konzentriert, legt er in diesem Buch den Schwerpunkt auf die Quadranten und auf die Zustände.

Mit den vier Quadranten sind von Ken Wilber verschiedene Perspektiven, aber auch Dimensionen einer Sache gemeint. Sie entstehen durch die Verbindung der Blickwinkel innen/außen und individuell/kollektiv. (Siehe erste Grafik)

Die integrale Theorie behauptet nun, dass wir nicht nur jede beliebige Sache aus diesen vier Dimensionen heraus betrachten und analysieren können, sondern dies notwendigerweise tun, da es sich um eine Struktur handelt, die wir bereits so vorfinden. Die Sprachen dieser Welt bildeten dafür die sogenannten Pronomen aus: ich, du, er, sie, es, wir, sie.

Diese Kategorien sind also, so Ken Wilber, keine neue Erfindung, die einer Sache übergestülpt wird, sondern sie haften jeder Sache bereits an – und werden von uns lediglich mit unterschiedlichem Inhalt gefüllt.

Durch die Zusammenfassung des rechten oberen und unteren Quadranten zu einem (dem „objektiven“) kommen wir auf drei Quadranten. In diese drei Quadranten setzt Paul Smith nun „Gott“ als die zu betrachtende Sache ein. Damit werden die Personen der Trinität Vater, Sohn und Heiliger Geist neu als unterschiedliche Perspektiven auf das Göttliche begriffen:

Das Göttliche als Gegenstand unserer Reflexion allein oder zusammen mit anderen (rechte Quadranten) oder als Gegenüber (linker unterer Quadrant) oder wir selbst als ein Teil des Göttlichen (linker oberer Quadrant). (Siehe zweite Grafik)

Wie kommt nun Paul Smith aber zu den neun Elementen in seiner Gliederung?

Indem er uns als Betrachter und damit den Vorgang der Wahrnehmung also solche mit hinein nimmt.

Tatsächlich kann jeder Quadrant auch in der integralen Theorie noch einmal danach aufgeteilt werden, aus welcher Perspektive er untersucht wird – aus der Innen-/oder Außenansicht. So können wir z.B. subjektive Phänomene wie Liebeskummer einmal von innen betrachten (als Betroffener) und zugleich von außen (als Psychologe, der beschreibt, was in dem Betroffenen vorgeht.) Damit kommen wir insgesamt auf acht mögliche (Forschungs-)methoden.

Und Paul Smith kommt auf neun verschiedene Aspekte Gottes, indem er durch die „Linsen der drei Gesichter auf den Gott in drei Personen“ schaut.

Die „drei Linsen“ meinen drei möglichen Methoden, sich Gott anzunähern: „als Gott ruhen (von innen), zu Gott in Beziehung treten (von innen nach außen (oder umgekehrt)) und über Gott nachsinnen (von außen)“. (Siehe dritte und letzte Grafik) Wir sehen den kleine, aber feinen Unterschied:

Das dialogische Element lässt ein drittes entstehen – das Modell wird dynamischer.

Auf die Forschung bezogen hieße das: Im Gespräch über den Liebeskummer treten Dinge zutage, die weder die Betroffene allein durch Innenschau noch der Psychologe durch Beschreibung entdecken können.

Nur eins habe ich mich gefragt: Wäre es nicht theoretisch möglich die Reduzierung auf drei einfach wegzulassen, so dass auf der rechten Seite (objektiv) oben der eine und unten der dreieinige Gott zu stehen kommen, also sowohl Gott im Singular als auch im Plural? Wäre das nicht irgendwie integraler? – auch wenn es dann nicht mehr so schön in das Muster passt? 😉 (Und drei mal vier ergäbe immerhin die wunderschöne Zahl 12 (!)

Was sagt ihr dazu?

Erleuchtung für Christen?!

Erleuchtung – was ist das überhaupt?  Und sollten/dürfen Christen so etwas überhaupt anstreben?

Diese zwei Fragen haben mich die letzten Wochen beschäftigt.

Die meisten verstehen darunter eine tiefe Erkenntnis, die das Welt – und Selbstverständnis eines Menschen tiefgreifend und nachhaltig verändert. Immer werden zwei Punkte genannt:

1. Der Mensch gewinnt Abstand zu seinem Ego, d.h. zu all den Dingen, mit denen er sich normalerweise identifiziert hat, wie Name, Biografie, Beruf, Aussehen, Körper etc. An die Stelle eines Ego-Bewusstseins tritt ein Zeugenbewusstsein, ein reines Gewahrsein, ein „Ich bin“ statt „Ich bin der und der und die und das…“

2. Der Mensch erfährt sich nicht mehr von anderen getrennt: Hier Ich – da der Rest, sondern als das Ganze selbst: Alles ist eins und auch ich bin alles. An die Stelle eines Ich-Bewusstseins tritt ein Einheitsbewusstsein und ein Verbundenheitsgefühl mit allem und jedem.

Es scheint also gleichermaßen ein Von-Allem-Abstandnehmen wie ein Mit-Allem-Verschmelzen zu sein.

Christian Meyer sieht in seinem Buch „Sieben Schritte zum Aufwachen“ gerade in der Verbindung dieser beiden Elemente das Geheimnis:
(Es) besteht darin, dass Du hundert Prozent fühlst, dich der Lebendigkeit hin gibst und zu hundert Prozent Beobachter, Zeuge und Wahrnehmender bist.

Matthias Pöhm, der sich lange mit diese Frage beschäftigt hat, schreibt auf seinem Blog:

„Erleuchtung ist ein Zustand, in dem Menschen Ihr „Ich“ dauerhaft verloren haben. (…) Erleuchtete beschreiben sich als Eins mit allem, frei von sozialen Ängsten, frei von der Angst vor dem Tod. Sie spüren einen ständigen inneren Frieden mit sich und der Welt. (…)“

Quelle: http://www.spiritueller-blog.com/liste-erleuchtete-menschen

Er führt auf seinem Blog eine Liste angeblich Erleuchteter und analysiert kritisch deren Auftreten und Lehren. Und macht dabei auf etwas extrem wichtiges aufmerksam:

Jede/r Erleuchtete bleibt ein Mensch mit Macken, oder wir könnten auch sagen: einem Schatten. Jeder Erleuchtete – Jesus eingeschlossen – habe sich auch hin und wieder geirrt, Erleuchtung macht nicht schlagartig auf immer unfehlbar, friedfertig und allwissend.

Wobei wir wieder bei unserem Lieblingsthema „Entwicklung“ angekommen wären. Äußerst charmant und gewitzt antwortet Ken Wilber in einem Interview auf die Frage, ob er erleuchtet sei, mit: „Erleuchtet genug.“ Damit macht er deutlich, dass es nicht nur zwei Zuständes des Menschseins gibt: „Erleuchtet – Nicht erleuchtet.“ Menschen sind nunmal keine Lampen mit Ein- und Ausschalter, sondern äußerst komplexe Wesen.

Die Zeitschrift  „Integrale Perspektiven“ befasst sich in einer Ausgabe (34/Juli 2016) mit dem integralen Verständnis von Erleuchtung unter dem Titel: „Aufwachen, Aufwachsen, Aufräumen.“ Denn Ken Wilber selber sieht „Erleuchtung“ etwas komplexer als das manche „Erleuchteten“ gerne hätten, erklärt dadurch aber auch, warum die „Erleuchteten“ teilweise so unterschiedlicher Ansicht sind, was „Erleuchtung“ sei und was ein „Erleuchteter“ zu tun und zu denken habe – und auch warum die „Erleuchteten“ nicht einfach die besseren Menschen sind. Ken Wilber steht nicht umsonst für differenziertes Denken 🙂

Mit den Stichworten „Aufwachen, Aufwachsen, Aufräumen (Waking up, Growing up, cleaning up)“ unterscheidet Ken Wilber in „Integrale Spiritualität“ drei verschiedene Erkenntniswege.  Holzschnittartig erklärt:

Mit „Aufwachen“ sind besondere spirituelle, mystische Erfahrungen gemeint, die uns von einem Tag auf den anderen zu einem neuen Menschen machen können. Das kann eine Nahtoderfahrung, eine Vision oder auch einfach ein ganz besonderer Moment erhöhten Bewusstseins sein. Kurz: Zustände. Nichts dauerhaftes.

Mit „Aufwachsen“ ist der Reifeprozess gemeint, den wir in ganz vielen Bereichen durchlaufen. Kurz: Entwicklung. Etwas dynamisches, nach oben offenes.

Und „Aufräumen“ schließlich meint „Schattenarbeit“, die Bewusstwerdung und die Integration verdrängter Aspekte unserer Persönlichkeit oder Emotionen, die uns ausbremsen und in Bereichen starr machen können.

Paul Smith unterscheidet in seinem Buch „Is your God Big Enough, Close Enough, You Enough? (Ist dein Gott groß genug, nah genug, du genug?), 2017, im Anschluss an Ken Wilber drei Gesichter Gottes:

Den Gott ÜBER den wir reden und nachdenken, den Gott ZU dem wir reden und beten, und den Gott, ALS den wir uns erkennen.

Jesus habe sich als „Sohn Gottes“/das Göttliche in sich erkannt („Ich und der Vater sind eins“, Joh 10,30) und auch andere dazu aufgefordert, dies ebenfalls zu tun. Als Beleg dafür führt er u.a. diese Stelle im Evangelium nach Johannes (10,34-36) an:

34 Jesus erwiderte (seinen Anklägern vor Gericht!): »Steht nicht in eurem Gesetz der Satz: ›Ich habe gesagt: Ihr seid Götter‹? 35 Hier werden also die, an die das Wort Gottes gerichtet war, Götter genannt; und was die Schrift sagt, ist unumstößlich. 36 Mich aber hat der Vater, der heilige Gott, dazu bestimmt, sein Werk zu tun, und hat mich in die Welt gesandt. Wie könnt ihr mir da Gotteslästerung vorwerfen, wenn ich sage: ›Ich bin Gottes Sohn‹? (Neue Genfer Übersetzung)

Doch statt das Göttliche in sich selbst zu erkennen, hielten die Kirchenobersten es für Gotteslästerung und forderten deshalb die Todesstrafe. Indem Jesus im Laufe der Zeit zum „einzigen Sohn Gottes“ und der zweiten Person der Trinität erklärt wurde, ging diese Wahrheit verloren. Es ginge darum, dass zu werden, was wir bereits sind: In der Tiefe unseres Selbst eins – nicht identisch! – mit Gott.

In der lutherischen Kirche, aus der ich stamme, ist es üblich, vom Menschen so zu denken: Alle sind „gleichermaßen Sünder und Gerechte.“ Keiner ist vollkommener, Gott näher,  als der andere. Das ist einerseits richtig, denn, wie oben thematisiert, sind eben auch Erleuchtete „nur“ Menschen. Andererseits hat dieser Glaubenssatz dazu geführt, dass sich kaum einer traut, zu sagen: Ich suche Erleuchtung oder gar: Ich bin erleuchtet. Luther hat das „Schwärmertum“, wie er es nannte, abgelehnt. In den orthodoxen Kirchen dagegen ist es normal, Erleuchtung zu suchen, sie nennen es nur anders: Vergöttlichung, Theosis. Erleuchtete genießen dort als geistliche Väter und sog. Starzen hohes Ansehen. Diese Schüler – Lehrer Beziehung ist eigentlich nur möglich, wenn wir davon ausgehen, dass einer der beiden etwas begriffen und verkörpert hat, was dem anderen noch fehlt und wonach er sich sehnt.

Aus meiner Sicht war die Beziehung zwischen Jesus und seinen Jüngern eine solche zwischen Lehrer/Guru und seinen Schülern. Jesus hat etwas ausgestrahlt und verkörpert, wonach sich seine Schüler und Schülerinnen gesehnt haben: Verbundenheit, Frieden, Liebe, aber auch: Angstfreiheit, Vollmacht, menschliche Erhabenheit. Sie wollten auch so ein Mensch werden wie er.

Nachfolge bedeutet demnach selbstverständlich, sich ebenfalls nach Erleuchtung zu sehnen. Ist doch ganz klar, oder was meint ihr? Und wenn ja, wo seht ihr euch auf der Skala erleuchtet von 1 bis 10 ;-)?

Ich jedenfalls wünschte, ich könnte wie Ken Wilber antworten: „Erleuchtet genug“ 🙂

Mehr zu dem Thema findet ihr auf www.soundstrue.com, einer Audioreihe zum Thema „Erleuchtung.“ Kostet leider nicht wenig 😦

Zur Diskussion um spirituelle Lehrer werdet ihr hier fündig:

http://integralesleben.org/il-home/il-integrales-leben/anwendungen/religion-spiritualitaet/papier-des-if-zur-diskussion-um-spirituelle-lehrer/

Und hier noch das Interview mit Ken Wilber:

Religion als Förderband: Mittel zur Bewusstseinsentwicklung der Menschheit

Vor kurzem hatte ich eine interessante „Diskussion“ auf Facebook (von einer echten Kommunikation ist das ja immer weit entfernt). Jemand meiner „Freunde“ hat gepostet, Religionen gehörten nicht ins 21. Jahrhundert, denn sie würden Menschen „untereinander trennen“ und seien „hauptverantwortlich für all das Elend auf der Welt“. Bezeichnenderweise antworteten außer mir auf diesen Post nur Gleichgesinnte, die sofort mit in das selbe Horn bliesen.

Eine differenzierte Sichtweise – Fehlanzeige.

Auf meinen Einwand, dass Religionen eine maßgebliche Rolle dabei spielen, das menschliche Bewusstsein zu formen – Widerrede, jedoch leider ohne Gegenargument.

Weil mir eine solche Sichtweise nicht zum ersten Mal begegnet, möchte ich erläuterten, warum ich anderer Ansicht bin und das mit einigen Buchtipps verbinden.

Nach der integralen Theorie – die, wie bereits beschrieben, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie beruht – gibt es „DIE Religion“ nicht. Menschen haben ihren Schwerpunkt auf verschiedenen Bewusstseinsebenen und interpretieren und leben religiöse Inhalte und Praktiken von diesen aus.

Nicht „DAS Christentum“ formt also den Menschen, sondern der Mensch formt zunächst das Christentum. Und das selbstverständlich vom ersten Tag an, als die ersten Jünger sich Jesus anschlossen und ihn jeweils auf ihre eigene Art und Weise und von dem Level aus, auf dem sie standen, her verstanden. Das schlägt sich in den Evangelien und Briefen nieder. Auf deren schriftliche Hinterlassenschaften sind wir heute angewiesen, wenn wir uns überhaupt in irgendeiner Form auf Jesus beziehen wollen. Diese beständige Wechselwirkung wird von Menschen, die „DAS Christentum“ oder „DIE Religion“ kritisieren, völlig außer Acht gelassen: Christentum ist das, was DU daraus machst. Der Rezipient ist mit dem Inhalt untrennbar verbunden. Und was „DIE Kirche, die Gemeinschaft“ (die es also solche nicht gibt) aus dem Christentum machen, ist das Resultat vieler einzelner Bewusstseine, die zusammen eine Art Gruppenbewusstsein formen.

Jeder, der schon einmal mindestens in zwei verschiedenen Kirchengemeinden unterwegs war, wird wissen, was ich meine, wenn ich sage, dass dieses Gruppenbewusstsein sich immens unterscheiden kann und das innerhalb ein und derselben Konfession.

Nach Ken Wilber, „Integrale Spiritualität“, hat die Religion die Eigenschaft, dass sie als Förderband dienen kann, d.h. sie kann die Entwicklung der Menschheit vorantreiben. Sie kann Menschen helfen, sich von einer magischen Stufe zu einer rationalen, pluralistischen etc. Ebene zu bewegen. Das ist zumindest das, was sie tun sollte. Aber kann sie das auch?

In der Vergangenheit ist es Tatsache. Menschen, die auf „DIE Religion“ schimpfen, vergessen, dass in unserer Welt zumindest geschichtlich es tatsächlich Religionen waren, die das Bewusstsein der Menschen mit geformt haben. An dieser Tatsache kann kein ernsthafter Mensch zweifeln. Denn um zu beweisen, dass all diese Entwicklungen und Ideen auch ohne Religionen möglich gewesen sein könnten, müsste man eine zweite, andere Welt erschaffen, die ohne Religionen auskommt.

Um diese Tatsache zu belegen, empfehle ich folgende Bücher, die sich mit dem Beitrag des Christentums und/der Bibel zu der Entwicklung der menschlichen Kultur, Zusammenlebens und Denkens beschäftigt haben. Mir erscheint es zunehmend befremdlich, wie viele Menschen von diesem Beitrag nichts mehr wissen wollen, d.h. nichts davon wissen und dieses Nichtwissen auch noch mit Stolz zur Schau tragen.

Das Buch der Mitte: Wie wir wurden, was wir sind: Die Bibel als Herzstück der westlichen Kultur, Vishal Mangalwadi, 2011

Sehr spannend erzählt, erhellend und begeisternd. Geschrieben aus der Sicht eines Christen, der in einer Gesellschaft lebt, die hauptsächlich durch den Hinduismus geprägt ist: Indien. Sehr bereichernd ist der daraus resultierende Vergleich zwischen der östlichen und westlichen Kultur und die Frage, wie diese Unterschiede sich durch die Botschaften der jeweiligen Religion erklären lassen. Er beschreibt die Bibel als ein kulturprägendes Buch, das eine Rolle spielte bei der Entstehung des modernen Westens, wie wir ihn kennen: Menschenrechte, technologischer Fortschritt, Demokratie, Musik. Das einzige, was ich schwierig finde, ist, dass er meinem Eindruck nach wenig zwischen den christlichen Konfessionen unterscheidet, das aber bei manchen Themen, zB. Korruption, durchaus eine Rolle spielt (siehe Ukraine, Russland, Griechenland etc.)

Die Verzauberung der Welt, Jörg Lauster, 2017 (5. Auflage)

Ein dickes, informatives Buch und gleichzeitig unterhaltsam. Der Autor ist Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Philipps-Universität Marburg. Wie der Titel bereits andeutet, geht es auch hier um die Beschreibung eines Prozesses, wie das Christentum bzw. die Bibel zur Veränderung der Welt beitrug. Die Kultur, Architektur, Musik, Kunst steht dabei im Mittelpunkt.

Wie das Christentum die Welt veränderte: Menschen – Gesellschaft – Politik – Kunst, Alvin J. Schmidt, 2009

Auch dieser Autor, ein Amerikaner, beschreibt, wie die abendländischen Werte maßgeblich durch dein Einfluss des Christentums geformt und mitbestimmt wurden.

Der Weltbeweger. Jesus – wer ist dieser Mensch?, John Ortberg, 2013

Aus der Sicht eines christlichen Bestsellerautors, v.a. mit der Intention Jesus zu verherrlichen. Im Vordergrund steht die Frage, auf welche Weise der Mensch Jesus auf unsere Gesellschaft, unser Menschenbild, unsere Ethik, unsere Kultur Einfluss genommen hat. Liest sich schnell und ist sehr erhellend.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!

Kurze Einführung ins Integrale Christentum

Christian Schmill gibt auf seinem Blog eine kurze Einführung zum Thema und weist auf die wachsende Bedeutung der Bewegung hin:

Kirchentag auf dem Weg in Leipzig Im letzten Jahr war ich als Pressevertreter für das Online-Magazin „theologiestudierende.de“ auf dem „Kirchentag auf dem Weg“ in Leipzig. Dort veranstaltete das „Forum für Gemeinschaft und Theologie“ eine Podiumsdiskussion, an der u.a. Marion Küstenmacher teilnahm (ecclesia semper reformanda). Marion Küstenmacher erzählte wie sie und ihr Mann, […]

über Integrales Christentum — schmillblog

Die Entwicklungspsychologie als wissenschaftliche Grundlage der integralen Theorie

Die Entwicklungspsychologie ist ein Zweig der Psychologie. Es geht um die Erforschung der Entwicklung menschlichen Verhaltens und Erlebens über die gesamte Lebensspanne des Menschen.
Bei Kindern ist es am offensichtlichsten, dass diese sich entwickeln, denn die dadurch auftretenden Veränderungen im Verhalten und Aussehen sind vergleichsweise groß und schnell. Eben war sie noch ein Baby, konnte nur liegen und weinte viel, schon ist sie ein Kleinkind, kann gehen und die ersten Worte sprechen. Zwischen beiden Zuständen liegt nur ein Jahr.
Doch auch bei älteren Menschen erleben wir, dass sie noch neue Fähigkeiten, neues Wissen erlangen, oder anders zu denken lernen. Im Coaching ist der Begriff „Neuroplastizität“ beliebt – meint er doch die Entdeckung der Forscher, dass sich unser Gehirn ein Leben lang verändert und neu formt.
Um diese Entwicklung und von dieser einzelne Aspekte beschreiben zu können, entwarfen verschiedene Forscher Stufenmodelle. Die Entwicklung erfolgt dabei von einer niedrigen zu einer höheren Stufe oder Ebene.

Erik Erikson entwarf ein Modell der psychosozialen Entwicklung, Jean Piaget und Kurt W. Fischer untersuchten die kognitive Entwicklung, also die Art und Weise, wie ein Mensch denkt. Jane Loevinger untersuchte, wie sich das „Ich“, also die Identität eines Menschen, entwickelt. Lawrence Kohlberg untersuchte die Entwicklung der Moral, Fritz Oder und Paul Gmünder die religiöse Entwicklung und James William Fowler die des Glaubens. Clare W. Graves, ein amerikanischer Psychologieprofessor, dessen Forschungen die Grundlage zu Spiral Dynamics bilden, untersuchte die Entwicklung der Persönlichkeit. Und viele, viele mehr..

Was Ken Wilber vor allem gemacht hat bzw. macht, ist, dass er versucht, möglichst alle ihm bekannten Forschungsergebnisse miteinander zu vergleichen, auf Gemeinsamkeiten hin zu untersuchen und in einem Raster zueinander in Beziehung zu setzen. Sein Buch „Integrale Psychologie“ endet dementsprechend mit zahlreichen Tabellen, die eine knappe Übersicht und direkte Vergleichbarkeit ermöglichen.
Eine Besonderheit ist, dass er dabei auch religiöse Denker wie Sri Aurobindo, einen hinduistischen Mystiker, östliche Kirchenväter wie den Hl. Palamas oder Hl. Dionysius oder auch Hazrat Inayat Khan, den Gründer der internationalen Sufi-Bewegung, mit einbezieht. Außerdem entwirft er selbst ein eigenes Stufenmodell der „Weltsichten“, das Ähnlichkeiten mit Spiral Dynamics aufweist, der Moralentwicklung, der Entwicklung der Spiritualität sowie der Kunst. Denn nicht nur der einzelne Mensch entwickelt sich, sondern auch die Kultur, in die er jeweils eingebunden ist, Stichwort „soziokulturelle Evolution“, von dem Jäger-Sammler-Dasein zur Informationsgesellschaft.
Um alle Erkenntnisse und Forschungsbereiche in ein größeres Ganzes einzuordnen, unterscheidet Ken Wilber Ebenen der Entwicklung, Linien der Entwicklung und Zustände.
Dabei sind Ebenen hierarchisch aufgebaut, während Linien parallel zueinander verlaufen. Bsp.: Die kognitive Entwicklung durchläuft bei jedem Menschen ähnliche Ebenen (Vertikale, von unten nach oben), doch neben dieser gibt es zahlreiche andere Bereiche (Horizontale), in denen Entwicklung stattfindet: Moral, Spiritualität, Gefühle, Bedürfnisse, Sexualität usw. Vollkommen offensichtlich ist, dass ein Mensch sich innerhalb dieser Linien unterschiedlich schnell entwickeln kann: Jemand kann kognitiv sehr weit sein, moralisch oder emotional dagegen noch in den „Kinderschuhen“ stecken.
Zustände sind zeitlich begrenzt, wohingegen veränderte Strukturen Entwicklung anzeigen. Im Hinblick auf Spiritualität heißt das: Jede/r kann einmal ein außergewöhnliches Erlebnis des Göttlichen haben, doch die wenigsten haben dieses dauerhaft. Und: Je nachdem auf welcher Stufe/Ebene ein Mensch steht, wird er diese außergewöhnliche Erlebnis unterschiedlich interpretieren: Beispielsweise hört ein Mensch eine Stimme. Er denkt je nachdem: Das war eine Halluzination/ein Engel/Gott/mein höheres Selbst.
Bedeutsam zum Verständnis von Ken Wilber erscheint mir noch eine Erkenntnis der Entwicklungspsychologie: Dass Entwicklung nur dann gelingt, wenn frühere Ebenen „integriert“ werden.
Ein Beispiel aus der Forschung von E. Erikson: Bei ihm ist jede Ebene durch den Widerstreit zweier Grundstimmungen gekennzeichnet, die sogenannten „psychosozialen Krisen“. Am Anfang Grundvertrauen gegen Grundmisstrauen, dann Autonomie gegen Scham und Zweifel, dann Initiative gegen Schuldgefühl und so fort. (Ich verzichte an dieser Stelle auf das Detail, weil es mir auf etwas anderes ankommt) Es versteht sich nahezu von selbst, dass ein Mensch, um vorwärts zu kommen, jeweils beides braucht: Vertrauen wie Misstrauen. „Von jedem das richtige Maß“ würde man sagen oder „gesundes Vertrauen/Misstrauen“.
Ken Wilber spricht von einer „Differenzierung“ und „Integrierung“. Ein Kind muss zuerst lernen, sich und seine Außenwelt zu unterscheiden, um später zu einem „gesunden“ Körpergefühl zu gelangen.
Jede Stufe schließt ihre Vorläufer ein und fügt dann ihre eigenen definierenden und auftauchenden Qualitäten hinzu: Sie transzendiert und umfasst.
(S. 173)
Pathologien oder Störungen in der Entwicklung entstehen immer dann, wenn ein Mensch auf einer Ebene stehen bleibt, d.h. etwas nicht gelingt zu „integrieren“. Das Ganze gilt selbstverständlich auch in Bezug auf die Entwicklung eines „gesunden“ und reifen Glaubens. Jede Stufe hat darin ihr gutes Recht, ihren Platz und Sinn. Probleme entstehen immer dann, wenn der Inhalt der Stufen als Ganzes verworfen wird oder eine Auseinandersetzung erst gar nicht für nötig befunden wird.
Beispiel Wunderglaube: der Unterschied zwischen den Aussagen „es gibt keine Wunder“ und „ich halte Wunder durchaus für möglich, verstehe sie aber anders als früher“ ist gigantisch. In einem späteren Artikel will ich mich damit noch eingehender in Bezug auf das Verhältnis der gegenwärtigen Konfessionen befassen.
Literatur: Ken Wilber, Integrale Psychologie, 2016 (5. Auflage)

Spirituelle Intelligenz

Howard Gardner ist dafür bekannt, in den 80er Jahren eine neue Intelligenztheorie aufgestellt zu haben, da ihm die klassische IQ-Test zu einseitig war.

Bist du intelligent? Und wenn ja, worin? Sprachlich-linguistisch, mathematisch-logisch, musikalisch-rhythmisch, körperlich-kinästhetisch, bildlich-räumlich, inter- oder intrapersonell, naturalistisch… oder spirituell-existenziell?
Howard Gardner ist dafür bekannt, in den 80er Jahren eine neue Intelligenztheorie aufgestellt zu haben, da ihm die klassische IQ-Test zu einseitig war. Er stellte eine Theorie der „multiplen Intelligenzen“ auf. Jemand ist also nicht einfach nur „intelligent“, sondern er ist intelligent in einem bestimmten Bereich, auf einem bestimmten Gebiet. Er unterschied deshalb neun verschiedene Arten von Intelligenz. Die neunte ist die „existenzielle“ oder „spirituelle Intelligenz“.
Dabei handelt es sich um die Fähigkeit, grundlegende Fragen der Existenz zu erfassen und zu durchdenken. Herausragende Vertreter wären große Denker, religiöse und geistige Führungspersonen.
Die Bestsellerautorin und Wirtschaftsberaterin Danah Zohar hält Seminare zu der Spirituellen Intelligenz bei globalen Unternehmen und hat zusammen mit Ian Marshall ein Buch verfasst: „IQ? EQ? SQ!: Spirituelle Intelligenz – das unentdeckte Potenzial.“
Sie schreibt auf ihrer Homepage, dass die Spirituelle Intelligenz leider häufig beim Coaching oder der Persönlichkeitsentwicklung übersehen werde. Es gehe nicht um Religion, sondern um den Teil des Gehirns, der es uns erlaube, zu hoffen, zu träumen, zu visualisieren und uns mit unserem Sinn im Leben zu verbinden. Sie treibe uns dazu an, nach Bedeutung und nach einem größeren Gut zu streben, indem wir gut und böse unterschieden. Es sei die Intelligenz, die uns ganz mache, die uns Integrität verleihe. Es sei die Intelligenz unseren wahren Selbst, die uns fundamentale Fragen stellen lasse und uns zu verwandeln imstande sei.

Indikatoren dafür, in welchem Maße jemand über diese Intelligenz verfügt, seien Sinn für Moral, die Werte einer Person, ein offener Geist, das Potential zu einem visionären Führungsstil, kritisches Denken, Reflektion, Intuition. Dazu gehöre auch die Fähigkeit, sich selbst zunehmend der eigenen niederen Motivationsgründe (z.B. Angst, Gier, Macht, Ego), bewusst zu werden und diese in höhere umzuwandeln (Kreativität, Dienen).

Mehr dazu auf: http://danahzohar.com

In diesem kurzen Video, einem Ausschnitt einer Rede von Ken Wilber, spricht dieser über die spirituelle Intelligenz.
Er unterscheidet dabei zwischen spiritueller Intelligenz und spiritueller Erfahrung. Ein Mensch könne eine hohe spirituelle Intelligenz besitzen, aber wenig spirituelle Erfahrung und umgekehrt. Für die spirituelle Intelligenz verwendet er den Ausdruck „growing up/ aufwachsen“, für die Erfahrung den Begriff „waking up/ erwachen“. So kann ein Mensch eine Erleuchtungserfahrung erleben, ohne dass er das Reflektionsvermögen besitzt, diese im Anschluss in einen größeren Kontext einzuordnen oder in geeignete Worte zu kleiden, um diese Erfahrung mit anderen zu teilen oder diesen zugänglich zu machen.
Laut Ken Wilber befindet sich die Menschheit, was ihre Spirituelle Intelligenz betrifft, noch auf einem sehr niedrigen Level. Wäre diese allgemein höher, könnten wir Menschen ganz anders miteinander umgehen und miteinander leben.
Das trifft selbstverständlich ebenso auf unsere christlichen Gemeinschaften zu. Während diese dazu dienen könnten, spirituelle Erlebnisse zu teilen und gemeinsam in unserer spirituellen Intelligenz zu wachsen, tun sie nicht selten das Gegenteil. Das hängt damit zusammen, dass wir es in unseren Kirchen viel mit blau und orange zu tun haben. In mehrheitlich blau werden kritische Fragen gern ganz ausgeblendet, da sie für Irritation und Zweifel sorgen und im „schlechtesten“ Fall gar zu dem Verlust des (bisherigen) Glaubens führen oder gegen Formulierungen der Glaubensbekenntnisse verstoßen. Der Pfarrer wird es schon „wissen, wie es richtig ist“. Schattenarbeit findet – wenn überhaupt – ganz im privaten statt.
Oder die Zweifel dienen in orange als Mittel und Zweck, ausführlich und intellektuell miteinander zu diskutieren und über das Göttliche zu referieren, von einer unmittelbaren Begegnung gibt es aber wenig zu erzählen. Das persönliche tritt in den Hintergrund.
Das durch Lehrsätze, traditionelle Handlungen und Verhaltensweisen oder gemeinsame „Schulen“ (Lutheraner, Pietismus, Barth-Anhänger etc.) hergestellte Zusammengehörigkeitsgefühl scheint stärker zu binden als das Streben nach Wahrheit und die Sehnsucht nach einer echten Gotteserfahrung. Doch gerade der Zweifel, die Unzufriedenheit und der Widerspruch gehören zu einem Glauben dazu, der sich weiterentwickelt.
Was meint ihr dazu?