Wiedergeburt denken

Ist der Reinkarnationsgedanke urchristlicher Glaube – und wenn ja, inwiefern?

Immer wieder höre ich den Vorwurf, die Kirche habe die Lehre von der Wiedergeburt unterdrückt und verboten, obwohl dies ein urchristlicher Glaube sei.

Ein derzeit prominenter Vertreter dieser These ist Franz Alt. In seinem Buch „Was Jesus wirklich gesagt hat“ bezieht er sich dazu auf die Rückübersetzung von bekannten Sprüchen Jesu aus dem Griechisch der Bibel in Jesu Muttersprache, das Aramäische, nachzulesen bei: Günther Schwarz: „Worte des Rabbi Jeschu: Eine Wiederherstellung.“

Ein Film zu den Hintergründen des Buches seht ihr hier:

Das Jesu Wort aus Johannes 3,3

Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.

lautet bei Schwarz:

Wenn jemand nicht wiederholt geboren wird, so kann er nicht wieder eingelassen werden in das Königtum Gottes.

Für Franz Alt bedeutet das:

Wiedergeburt heißt, dass es keinen Tod gibt, sondern Verwandlung, Reinkarnation und Erneuerung. […] Damit ist die Wiedergeburt eine große Entwicklungschance […] (Franz Alt, Was Jesus wirklich gesagt hat, S.136)

Wirklich viel Belege kann er für seine Interpretation allerdings auch nicht anführen.

Unsere Kirchen lehren offiziell alle: Auferstehung ja, Wiedergeburt nein.

Häufig lese ich Sätze wie:

Der christliche Glaube an die Auferstehung der Toten und die Vorstellung von Karma und Reinkarnation schließen sich gegenseitig aus.

Andere werfen der Kirche vor:

553 n. Chr. wurde die Wiedergeburt von 165 Kirchenleuten verdammt. Zuvor war sie ein Fundament christlicher Lehre (z.B. https://www.zeitenschrift.com/artikel/reinkarnation-die-grosste-luge-der-kirche)

Wer hat denn jetzt Recht? Oder haben wieder „alle Recht“, zumindest teilweise (Motto Ken Wilbers)?

Warum ich persönlich angefangen habe, über Wiedergeburt nachzudenken:

Zunächst ganz einfach: Weil es viele Menschen weltweit gibt, die davon überzeugt sind, auch Christen, obwohl es nicht offiziell gelehrt wird. Haben sie alle schlicht unrecht, fantasieren sich etwas zusammen?

Sind die Wahrheiten, die unseren östlichen und westlichen Religionen zu Grunde liegen also doch so gegensätzlich, so unvereinbar, dass nur eine der beiden Traditionen Recht haben kann?

Irgendwann tauchte in mir die Frage auf, ob nicht ein liebender Gott jedem Menschen eine zweite Chance einräumen würde – wenn ein Mensch sein Leben also ziemlich „verbockt“ oder in den „Sand gesetzt hat“, warum sollte der dann nicht eine zweite Chance bekommen können, ein zweites, drittes oder auch viertes „besseres“ Leben zu führen? Es spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, ob ich glaube, dass Gott jemanden nach einem kurzen vermurksten Leben bis in alle Ewigkeit bestraft oder ihn begnadigt. Denn eine Begnadigung ist sicherlich nicht befriedigend für jemanden, der selbst einsieht und spürt, dass er seine einzige Chance verspielt hat.

Es geht also auch um die Frage: Wie oft würde ein Mensch wohl leben wollen, wenn er es immer wieder probieren dürfte? Unendlich oft – oder würde er nach dem fünften Mal sagen: „So, jetzt bin ich zufrieden mit dem Ergebnis?“

Und dann war da die Sinnfrage. Die Frage nach dem Sinn meines Lebens, dem Sinn von menschlicher Geschichte überhaupt, von Leben in Raum und Zeit, von einem in eine unbekannte Zukunft gelebten Leben, das abgelöst wird von einem anderen Leben und wieder einem Leben und…

Mich wundert es immer noch, dass diese Frage so wenig Christen zu beunruhigen scheint. Da heißt es: „Jesus ist für uns gestorben, damit wir gerettet werden.“

Da bleibt doch immer noch die drängende Frage, wozu wir eigentlich gerettet sind? Dieser Glaube – „ich war verloren, jetzt bin ich gerettet, Halleluja!“ – sagt überhaupt nichts darüber aus, wozu ich und die anderen eigentlich da sind, wozu wir Finger, Füße und Zehen haben und Erfahrungen machen. Der scheinbar zentrale Glaubensinhalt – der manchmal wirkt, als hätte Gott nur einen Fehler in seiner Schöpfung nachträglich ausgebügelt – blendet die Sinnfrage gänzlich aus!

Anders bei der integralen oder evolutionären Spiritualität, die sagt, dass wir Menschen wesentlich dazu da sind, Erfahrungen zu sammeln und dadurch zu wachsen, sowohl als einzelner als auch als Menschheit insgesamt. Doch gerade diese Idee wirft die Frage auf, was es dem Steinzeitmädchen Lisa bringen soll, wenn die Oma Luise ihre Lehre aus den Erfahrungen des zweiten Weltkriegs zieht?!

Und dann scheint es so willkürlich oder ungerecht, dass der eine auf der Südhalbkugel geboren wird, im ärmsten Viertel, dazu bestimmt, sein Leben auf der Müllhalde zu verbringen und jämmerlich an Vergiftung zu sterben, während ein anderer in einer gut betuchten Familie aufwächst, eine Firma erbt und jedes Jahr Urlaub in einem anderen Land der Erde machen kann, weil ihm das so großen Spaß macht. Warum stecke ich in einem gesunden Körper, mein Vater in einem kranken?

Wäre es da nicht eine verführerisch einfache Erklärung, Wiedergeburt und die Auswirkung von schlechtem Karma anzunehmen? Dann könnten wir sagen: Selbst schuld – du hast einfach was falsch gemacht in deinem letzten Leben, das hast du jetzt davon, viel Spaß.

Manche sehen die Welt als eine Art Schulungsort. Mit jedem neuen Leben könnten wir zeigen, dass wir aus alten Fehlern gelernt haben. Jedes Leben hält seine Entwicklungsaufgabe für uns bereit. Aber wo bleibt da die Gnade, die sagt: Schwamm drüber?

Franz Alt nennt die Vorstellung von der Wiedergeburt eine „Entwicklungschance“. Doch hört sich das nicht an wie ein „Entwicklung-Zwang“?:

„an unseren Fehlern müssen wir schon selbst arbeiten. […] Die Reinkarnation nimmt uns in die Pflicht. Diese Chance haben wir mehrfach […] Wir sind hier, um zu lernen. Entweder wir wollen lernen. Oder wir müssen leiden.“ (Was Jesus wirklich gesagt hat, S.136f.)

Seiner Beschreibung nach muss sich der Mensch erst würdig erweisen, durch die schmale Pforte zu kommen, sonst muss er „noch mal“. Als ob einer nach zig immer moralisch einwandfreieren und immer spirituelleren Leben plötzlich den Zustand erreicht hätte, ins Reich Gottes einzugehen. Legt Gott etwa ein Maßband an: Du darfst, du noch nicht?

Wenn die Welt ein Schulungsort wäre, müssten wir dann nicht immer und immer wieder leben? Da ist diese – in meinen Augen – Horrorvorstellung einer ewigen Wiederkehr, des sogenannten Samsara, der ewige Kreislauf von Leben, Tod und Wiedergeburt. Noch schlimmer: Einer Wiederkehr abhängig von einem irgendwie gearteten Karma-Konto. Warst du böse, wirst du ein Schuhputzer oder noch schlimmer: Eine Stechmücke. Benimmst du dich als Stechmücke dann schön anständig, schaffst du es vielleicht wieder bis zum Elefanten und so weiter. Allzuleicht lässt sich eine solche Lehre dazu missbrauchen, bestehende Ungerechtigkeit in Stein zu meißeln und Menschen für eigene Zwecke zu manipulieren. Und philosophisch überzeugen kann sie auch nicht, da überhaupt nicht klar ist, was es überhaupt genau ist, was von dem Wechsel von Kuh zu Mücke wiedergeboren wird.

Hier ein interessantes Video eines jungen You-Tubers, der auf den manipulativen Charakter und logischen Ungereimtheiten der Reinkarnationslehre innerhalb des hinduistischen Kastensystems eingeht. Er lädt dazu ein, Reinkarnation als etwas anzusehen, was jeden Tag stattfindet: Wir seien jeden Tag eine neue Person.

Manche dehnen diese Geschichte wenigstens etwas aus, damit sie nicht so unbarmherzig klingt. Sie erzählen von vielen Himmeln, einer ganzen Himmel-Hierarchie, eine Art Fortsetzung von verschiedenen Bewusstseinsebenen. Wer nach dem Tod den ersten Himmel für den einzigen hält, bleibt da so lange, bis er die Fühler nach noch höheren Welten ausstreckt und so weiter und so fort. Und wer noch einmal leben will, lebt nochmal. Evolution ins unendliche Eins-Sein-mit-Gott. Damit hätte zumindest jeder Mensch die Chance, sich in seinem Tempo zu entwickeln, ganz unabhängig davon, in welchem Zustand er stirbt: Als Säugling, als verbitterter Greis oder mitten im Leben stehend.

Warum eigentlich ist Wiedergeburt so ein schwieriges und umstrittenes Thema?

Weil es so schwer ist, sie zu DENKEN. Wer oder was wieder geboren oder wandert weiter von einem Körper in den nächsten? Wer könnte dieses „Ich“ sein, dass in Schulung geht? Oder das freiwillig entscheidet, noch einmal auf die Welt zu kommen?

Haben wir uns nicht bereits damit befasst, dass das Ego und all seine Identifikationen, Name, Aussehen, Biografie etc. durch meditative Praxis schwächer wird und unter Umständen ganz verschwindet – und zurück bleibt allein das Gefühl des „(Ich) Bin/Es ist“? Was kann denn dann noch wandern?

Viele fügen zwischen „Ego/Mind“ und „wahrem Selbst/GEIST“ noch die „Seele“ als Zwischenkategorie ein. Das wäre dann so etwas wie die individualisierte Form Gottes. Die „Seele“ gehört in den Bereich der „subtilen Energien.“ Deshalb spricht man ja auch von „Seelenwanderung.“ Die Seele wandert so lange in ihrem subtilen Körper herum, bis sie sich wieder mit einem grobstofflichen Körper vereint und wieder geboren wird.

So auch Ken Wilber. Er stellte sich die Frage: Wie könnte Reinkarnation gedacht werden, damit sie möglich wäre? (Unabhängig davon, ob es sie nun gibt oder nicht), nachzulesen in dem 2004 erschienenen „Auszug G“ aus dem zweiten Band seiner Kosmos Trilogie, Ken Wilber, Excerpt G: Toward A Comprehensive Theory of Subtle Energies. http://www.integralworld.net/de/excerpt-G-de.html.

Auf die Erklärung will ich hier nicht genauer eingehen, weil das ohne den Kontext des Textes zu verwirrend wäre.

Eine ganz andere Erklärung der Reinkarnation habe ich bei Walter Russell gefunden, einem amerikanischen Universalgenie, der erzählt, dass er in seinem Leben in regelmäßigen Abständen Offenbarungen von Gott erhielt. Egal, was man von dieser Geschichte halten mag, seine Erläuterungen finde ich zumindest bedenkenswert, weil sie noch einmal andere, wichtige Aspekte für das Thema liefern. (Zu Russell gerne an anderer Stelle mehr, denn ich habe entdeckt, dass sein Denken viele integrale Momente aufweist)

In seinem Buch „Die Botschaft der Göttlichen Iliade“ stellt er fest:

Das große Hindernis zum Verständnis der Reinkarnation ist der verbreitete Glaube, dass unsere Individualität und Persönlichkeit getrennt von allem anderen seien, während in Wirklichkeit jeder einzelne ein Teil aller anderen ist. (S. 256)

Er erklärt diese Verbundenheit aller mit allen auf zweierlei Wegen:

Körper wiederholen sich durch den Samen, aber der Geist wiederholt sich durch den Geist. (S. 250)

Mit „Samen“ meint er die Erbinformation, die von Generation zu Generation weitergegeben wird, wir verorten diese heute üblicherweise in der DNA. Auf diese Weise reinkarnieren wir Eltern uns beispielsweise in unserem Sohn. (Und oh ja, da ist durchaus etwas dran! :-)) (Aber auch die Großeltern, Urgroßeltern und so weiter)

Mit „Geist“ ist gemeint, dass, wenn ein Mensch (zum Beispiel du) sich für den Geist eines anderen Menschen öffnet (zum Beispiel, wenn du Mozart hörst oder Nietzsche liest), du in diesem Moment eins mit diesem Geist wirst: Du machst Mozarts Musik zu einem Teil von dir. Reinkarnation funktioniert hier auf dem Wege der Inspiration, der Weitergabe von Gedanken, Wissen, Wünschen, Gefühlen.

Unsere (scheinbar existierende) Individualität ist nichts anderes als das Ergebnis des Zusammenwirkens aller mit allen und allem mit allem:

Jede ihrer Gedanken hing mit anderen Menschen zusammen, lebenden oder toten, mit ihrer unmittelbaren Umgebung oder mit der Natur insgesamt. Ihre Mutter, ihr Vater, Brüder und Schwestern, Freunde und Lehrer formten die ersten Grundlagen ihrer Gedanken. Diese Menschen wurden ein Teil von ihnen, indem sie ein Teil ihrer Gedanken wurden. […] Wenn sie siebzig geworden sind, werden die großen Denker der Welt ebenfalls ein Teil von Ihnen geworden sein, indem sie ihr Wissen mit Ihnen teilen. […] In dem Ausmaß, wie Jesus ein Teil Ihres Denkens wird, lebt er in Ihnen als ein Teil von Ihnen, so wie er in all jenen lebt, deren Denken mit seinem eins geworden ist. […] Behalten Sie immer im Bewusstsein, dass es nicht zwei voneinander getrennte Menschen auf der Erde gibt. Es gibt nur einen – denn jeder ist eine Erweiterung des anderen. (S. 253 f.)

Das, was andere „Karma“ nennen, erklärt er mit einem einen einfachen Ursache-Wirkungszusammenhang. Ungleichgewicht an der einen Stelle bringt Ungleichgewicht an einer anderen hervor:

der Mensch erleidet die Wirkungen seiner Gesetzesbrüche, individuell und kollektiv, in Form zerbrochener Freundschaften, verlorener Gesundheit, geschäftlicher Misserfolge, häuslichen Auseinandersetzungen, Feindseligkeiten und zahllose andere schlimme Auswirkungen, die aus seinen eigenen Schöpfungen folgen. (S. 66)

Was bringt es also Steinzeitmädchen Lisa, wenn die Oma Luise ihre Lehre aus den Erfahrungen des zweiten Weltkriegs zieht? Ganz einfach: Wenn Lisa stirbt und in die geistige Welt zurückkehrt, kann sie auf alle Erfahrungen der gesamten Menschheit in Vergangenheit und Zukunft zurückgreifen, sie ist nicht mehr nur Lisa, sie ist eins mit allen Menschen.

Wie denkt ihr darüber? Glaubt ihr auch als Christen an Wiedergeburt und wenn ja, wie stellt ihr euch diese vor?

Die spirituelle Rolltreppe

Die Entwicklung des christlichen Glaubens

Im Folgenden habe ich für euch den Versuch unternommen, die Entwicklung der spirituellen Linie durch die Ebenen innerhalb des Quadranten für unseren Kulturkreis durchzuspielen.

Bei den Ebenen habe ich das Modell von Spiral Dynamics zugrunde gelegt.

Spirituelle Linie bedeutet, dass es mir hier nur um die Entwicklung des Glaubens/der spirituellen Intelligenz geht, die relativ unabhängig von der Entwicklung der Kognition oder anderen Kompetenzen erfolgen kann.

Quadrant bedeutet in diesem Fall, dass ich oben links mit innen-Einzahl beginne (Mein Glaube, wie ich ihn erlebe), und unten links über innen-Mehrzahl (Unser Glaube, wie wir ihn erleben) und oben rechts außen-Einzahl (Mein Glaube äußert sich nach außen dadurch) zu unten rechts außen-Mehrzahl (Unser Glaube äußert sich nach außen dadurch) gelange.

Klingt zunächst möglicherweise etwas verrückt oder kompliziert, war für mich aber eine durchaus interessant-spaßige Geschichte.

Inspiriert wurde ich dazu vor allem durch eigene Erfahrungen und deren Reflexion, sowie Spiral Dynamics, Marion Küstenmacher, Paul Smith und Arnd Cords (danke euch allen!).

Sehr aufschlussreich fand ich, dass mir während dem Schreiben immer klarer wurde, wann ich in meiner Biografie den Schwerpunkt auf welchem Mem hatte. Und ebenso wurde mir klar, dass ich immer noch unaufhörlich bewusst, vor allem aber unbewusst zwischen den Ebenen switche. Es ist wirklich ein bisschen wie bei einer Rolltreppe in einem Kaufhaus. (Dieser Vergleich stammt von Paul Smith)

Sehr gerne nehme ich in diese Sammlung eure Rückmeldungen auf, wenn euch etwas wichtiges gefehlt hat oder auch etwas wichtiges (oder auch lustiges ;-)) dazu einfällt.

Und jetzt… viel Spaß beim Lesen!

Der Glaube im purpurnen Mem (Sippe)

Mein Glaube, wie ich ihn erlebe:

  • Überall lauern Geister, Gespenster, Engel und Dämonen
  • Mein Talisman, Stofftier, Ikone o.ä. schützt mich
  • Ich bin abergläubisch, habe z.B. Angst vor einer schwarzen Katze

Unser Glaube, wie wir ihn erleben:

  • Wir vertrauen auf Wunder wirkende Ikonen und heiliges Wasser
  • Der Wein beim Abendmahl kann dem Alkoholiker nicht schaden, da er sich tatsächlich in das Blut Christi verwandelt
  • Wir müssen uns vor dem Einfluss von bösen Dämonen schützen

Mein Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Ich stelle meinen Honig vor eine Ikone, um ihn zu weihen
  • Ich trage Edelsteine oder ähnliches am Körper
  • Wir lassen unser Kind bald nach seiner Geburt taufen, damit ihm nichts passiert
  • Ich schlage willkürlich die Bibel auf, um einen Orakelspruch von Gott zu empfangen

Unser Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Wir pilgern zu heiligen Orten, um dort Maria um Heilung oder Fruchtbarkeit anzurufen
  • Wir küssen Reliquien und die Särge Heiliger
  • Wir bringen unser Auto zum Priester, damit dieser es weiht
  • Wir grenzen uns von Menschen ab, die nicht „orthodox“ sind wie wir
  • Während dem Gottesdienst bekreuzigen wir uns alle gleichzeitig
  • Wir betreiben Exorzismus
  • Vetternwirtschaft ist normal

Der Glaube im roten Mem (kriegerisch)

Mein Glaube, wie ich ihn erlebe:

  • Die Welt ist oft ungerecht und grausam
  • Wenn ich krank bin, ist das, weil Gott zornig auf mich ist – warum, weiß ich aber nicht
  • Gott steht auf meiner Seite, wenn ich für die gerechte Sache kämpfe
  • Gott rächt sich an meinen Feinden
  • Ich stehe für meinen Glauben ein und riskiere es, dafür gehasst oder gar getötet zu werden
  • Alles, was in der Bibel steht ist Wort für Wort richtig und muss geglaubt und befolgt werden
  • Wenn ich Gott treu bleibe, komme ich in den Himmel – wenn nicht, werde ich bestraft

Unser Glaube, wie wir ihn erleben:

  • Wir müssen gemeinsam gegen andere kämpfen, um die Wahrheit zu verteidigen
  • Wir sind für die Todesstrafe
  • Die, die gegen uns sind, werden eines Tages von Gott dafür bestraft werden

Mein Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Ich bin ein „cooles“ Mitglied einer Gang
  • Ich räche mich für Gemeinheiten, die mir andere angetan haben
  • Ich bete für gute Noten und dass es meinen Feinden schlecht geht
  • Ich sage „Gott will dies und das (nicht)…!“

Unser Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Wir protestieren laut gegen Menschen, die etwas machen, was Gott nicht will, z.B. gehen wir auf Homosexuelle los oder Frauen, die Abtreibung gutheißen
  • Wir stehen an der Straße, um die Verlorenen zu bekehren
  • Wir betreiben Inquisition, Hexenverbrennung, Zwangsbekehrung, Exorzismus und Kreuzzüge

Der Glaube im Blauen Mem (Traditionell)

Mein Glaube, wie ich ihn erlebe:

  • Ich glaube an einen allmächtigen Gott und eine absolute Wahrheit
  • Nur eine wörtliche Interpretation der Bibel ist richtig: Durch die Autoren der Bibel spricht Gott zu uns.
  • Der Exodus, die Landnahme, Jesu Geburt in Bethlehem usw. ist historisch wahr
  • Zweifel sind Prüfungen Gottes
  • Gott sorgt für einen gerechten Ausgleich: Nach dem Leben kommen die einen in den Himmel, die anderen in die Hölle
  • Es gibt richtig und falsch
  • Jesus ist der einzige Sohn Gottes, der für meine Sünden gestorben ist

Unser Glaube, wie wir ihn erleben:

  • Wir beten in Bibelkreisen füreinander und trösten uns gegenseitig mit Bibelworten
  • Durch das Hören der Predigt und den Besuch der Beichte stärken wir uns im Glauben
  • Gott segnet unsere Kirche, unsere Familie, unser Land
  • Wir lieben den Status quo und hassen jede uns aufgezwungene Veränderung
  • Wir sind allesamt verloren und nur durch Jesus gerettet
  • Nur wir Christen erhalten das ewige Leben

Mein Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Ich gehe sonntags in die Kirche
  • Ich halte mich an bestimmte Regeln, z.B. warte mit dem Sex bis zur Ehe und lasse mich nicht scheiden
  • Ich mache etwas, weil es so üblich ist oder meine Rolle erfordert, z.B. spreche ich „Amen“ beim Abendmahl oder gebe dem Pfarrer die Hand

Unser Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Unsere Institution Kirche ist streng hierarchisch organisiert und wird von bürokratischen Behörden geleitet
  • Die Liturgie folgt einem festen Ablauf
  • Unsere Dogmen und Lehrsätze können von jedermann nachgelesen werden
  • Andersdenkende, Unangepasste und Gesetzesübertreter werden ausgeschlossen
  • Wir grillen zusammen und sammeln Geld für unseren Kirchturm

Der Glaube im Orangenen Mem (modern)

Mein Glaube, wie ich ihn erlebe:

  • Ich habe eine skeptische Grundhaltung
  • Ich neige zu Materialismus, Atheismus und Religionskritik
  • Alles kann wissenschaftlich erklärt werden
  • Was nicht gemessen werden kann, existiert nicht
  • Die Autoren der Bibel wussten es nicht besser, sie hatten ein „mythologisches Weltbild“, da es damals noch keine Naturwissenschaft gab und sie waren naiv, weil sie an Wunder glaubten
  • „Engel“, „Dämonen“, „Hölle“ sind Bilder, keine Realitäten
  • Jesus ist vor allem ein ethisches Vorbild

Unser Glaube, wie wir ihn erleben:

  • Wir diskutieren heftig über die Theodizeefrage und mögliche Lösungsansätze
  • Es kann immer nur einer Recht haben
  • Wir halten uns gegenseitig dazu an, selbstständig denken und glauben zu lernen, unsere eigene Wahrheit zu finden und diese begründen zu können
  • Ein gutes Leben ist, wenn jemand äußerlich sichtbaren Erfolg hat

Mein Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Ich suche mir die Gemeinde, den Pastor, die/der mir am besten gefällt und der mich intellektuell herausfordert
  • Ich gehe nur noch selten in den Gottesdienst, zu Konzerten, zu Weihnachten oder wenn Freunde heiraten
  • Ich lasse mein Kind nicht taufen, damit es später selbst entscheiden kann
  • Ich mache Karriere (in der Kirche), weil ich so selbstreflektiert, intelligent und teamfähig bin

Unser Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Theologie an der Universität bedient sich wissenschaftlicher Methoden
  • Die Kirche rechtfertigt ihr Dasein durch ihren Nutzen für die Gesellschaft
  • Unser Pfarrer analysiert die biblischen Texte unter Berücksichtigung des zeitlichen Kontextes, den Originalsprachen Hebräisch und Griechisch, der Absicht des Verfassers usw.
  • Unsere Gemeinde probiert moderne Gottesdienstformen aus mit einer Lobpreisband, PowerPoint, freier Form usw.

Der Glaube im Grünen Mem (postmodern)

Mein Glaube, wie ich ihn erlebe:

  • Ich bin spirituell, aber nicht religiös
  • Es gibt nur relative, keine absolute Wahrheiten
  • Es gibt keine Fakten, nur Interpretationen davon
  • Eine Predigt muss mich existentiell und emotional ansprechen
  • die „Hölle“ und der „Himmel“ sind seelische Zustände
  • Wunder sind möglich und erforschbar, die ganze Welt ist ein einziges Wunderwerk, das zum Staunen anregt
  • Gott ist in allem und alles ist in Gott
  • Gott ist nicht allmächtig, sondern mächtig in den Schwachen
  • Nahtoderfahrungen usw. weisen darauf hin, dass es mehr gibt, als ich sehe und der Tod nicht das Ende ist (New Age)
  • Sünde ist Entfremdung oder Schaden anrichten

Unser Glaube, wie wir ihn erleben:

  • Wir tauschen uns gegenseitig über unsere spirituellen Erfahrungen aus
  • Wir deuten die Bibel tiefenpsychologisch, befreiungstheologisch oder feministisch
  • Wir genießen es, dass wir so reich an unterschiedlichen Erfahrungen sind und machen uns gegenseitig keine moralischen Vorschriften oder Vorschriften darüber, wie jemand zu denken hat
  • Wir lehnen die Institution Kirche ab, weil sie autoritär und unbeweglich ist und unnötig erscheint
  • Wir lehnen den Sündenbegriff ab, weil er dazu gebraucht wurde, Menschen zu manipulieren und „klein“ zu halten
  • Gott hat keine Hände außer die unseren
  • Sünde ist strukturelle Sünde

Mein Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Ich ändere mein Verhalten zugunsten der Umwelt und den Benachteiligten in der Welt, z.B. vermeide ich Plastik, kaufe Fair-Trade- und Bio-Produkte, ernähre mich vegetarisch/vegan und mache Car-Sharing
  • Ich probiere verschiedene Meditationsformen aus, gehe auf Zeit ins Kloster (auch gern in ein buddhistisches) oder mache einen Dunkelretreat, ich gehe pilgern, faste oder lege Tarot-Karten

Unser Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Wir behandeln uns wie Schwestern und Brüder.
  • Unsere Strukturen sind demokratisch und hierarchiefeindlich.
  • Wir beten in leichter und gendergerechter Sprache, die alle einschließt.
  • Wir sehnen uns nach Frieden und Gerechtigkeit auf der Welt
  • Wir sprechen gemeinsame Schuldbekenntnisse und verstehen, dass wir mit schuld sind am Elend auf der Welt
  • Wir lesen zusammen den „Kurs in Wundern“ und singen „Taizè-Lieder“
  • Wir engagieren uns für andere: gründen Fair-Trade-Läden, essen vegetarisch/vegan, beten mit Menschen anderer Religionszugehörigkeit und nehmen an gewaltfreien Aktionen teil

Der Glaube im Gelben Mem (integral)

Mein Glaube, wie ich ihn erlebe:

  • Gott ist das Zusammenfallen der Gegensätze
  • Ich kenne die drei Gesichter Gottes aus eigener Erfahrung:
  • Ich habe Erfahrungen mit dem Göttlichen als dem allumfassenden Kosmos, mit Jesus als einem Gegenüber und meinem wahren göttlichen Wesenskern gemacht
  • Entwicklung/Evolution liegt allem zugrunde
  • Gott als das Wahre, Schöne und Gute
  • Meine Lebensaufgabe ist Ko-Kreation
  • Ich überblicke meinen bisherigen Glaubensweg und schätze jede Etappe davon wert
  • Jesus ist der Prototyp der Menschheit
  • Sünde ist die Illusion abgetrennt zu sein von Gott und die (falsche) Identifikation mit dem Ego
  • Jegliche Erfahrung ist per se wertvoll

Unser Glaube, wie wir ihn erleben:

  • Alle haben (teilweise) recht
  • Wir fühlen und wissen die Menschheit, das Universum als ein großes Ganzes
  • Unsere Gemeinschaft ist eine große Chance für neue Erfahrungen und unsere Weiterentwicklung
  • Wir streben gemeinsam nach mehr Christusbewusstsein
  • Wir machen Schattenarbeit
  • Wir lesen die Bibel als eine gigantische Sammlung von spiritueller Erfahrung und Deutung von den verschiedenen Bewusstseinsstufen aus
  • Wir sind verschiedenen Bewusstseinszuständen (mystische Versenkung, Ekstase, Visionen) selbst gegenüber aufgeschlossen und deuten die Bibel von diesen aus neu
  • Das Reich Gottes ist ein erhöhter Bewusstseinszustand

Mein Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Ich suche Gleichgesinnte übers Internet und auf Seminaren, um mich auszutauschen und dazu zu lernen
  • Ich praktiziere verschiedene Gebet- und Meditationsformen im Rahmen einer integralen Lebenspraxis
  • Ich lebe mein Christ-Sein von der Stufe aus, die jeweils der Situation angemessen ist und werde den „blauen ein blauer, den orangenen ein orangener, den grünen ein grüner“ Christ

Unser Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Wir beten mit den drei Gesichtern Gottes
  • Wir mixen frei Traditionen und Praktiken so, wie es zum gegenwärtigen Zeitpunkt angemessen erscheint
  • Die Gestalt der Kirche ändert sich (wie genau, ist wohl noch offen)

Eine englischsprachige Übersicht über existierende Gemeinden auf den verschiedenen Ebenen findet ihr hier:

http://www.andyatwood.com/integral-church-and-christianity.html

„Spirituell, aber nicht religiös“ – Menschen auf dem postmodernen Level

Unterschied, aber auch die Verbindung von Spiritualität und Religion

Paul Smith äußert sich in seinem Buch „Integral Christianity“ zu einer Bewegung, die er „Spirituell, aber nicht Religiös“ nennt. Einer Umfrage zufolge definiere sich einer von fünf Amerikanern auf diese Weise.

Er beruft sich dabei auf eine Vermutung in dem gleichnamigen Buch von Robert C. Fuller aus dem Jahre 2001 „Spiritual, but not Religious. Understanding Unchurched Amerika.“ Dieser beschäftigt sich darin mit der Frage, was die Amerikaner damit meinen, wenn sie sich selbst so bezeichnen. Ein Teil davon sehe in der organisierten Religion geradezu den Feind der authentischen Spiritualität, zumindest sei sie nicht notwendig. Sie wiesen damit auf die Gefahr hin, dass die persönliche spirituelle Erfahrung bei dem Befolgen bestimmter Rituale, Wiederholen von Glaubensinhalten etc. auf der Strecke bleibe.

Die Bewegung – früher auch „New Age“ genannt – resultiere daraus, dass Menschen auf dem postmodernen Bewusstseinslevel (entspricht „Grün“ in Spiral Dynamics) damit anfingen, ihre Glaubensinhalte und spirituellen Praktiken selbst auszuwählen.

Das führe zwangsläufig zu Kritik an der traditionellen Kirche, da diese es versäume, bestimmte Themen ernst zu nehmen – wie bspw. verschiedene Bewusstseinszustände.

Eine Schwäche sieht er in dem häufig anzutreffenden Glaubenssatz, wonach jeder Mensch seine Realität selbst schaffe. Diese Sicht konzentriere sich einseitig auf die Perspektive der 1. Person (subjektiv) und blende die 2. und 3. (intersubjektiv und objektiv) völlig aus. Doch die Realität sei ebenso das Ergebnis des Bewusstseins aller anderen Menschen sowie das Ergebnis natürlich gegebener Bedingungen.

In dem unten verlinkten Video erläutert der Jesuit und Priester David McCallum, worin er den Unterschied, aber auch die Verbindung von Spiritualität und Religion sieht.

Der Priester McCallum ist ein Experte im Bereich Erwachsenenbildung, Persönlichkeitsentwicklung und Leadership. Er beschäftigt sich schon lange mit der integralen Theorie.

Eine gesunde Religion schaffe eine Menge Raum für vielfältige Formen an Spiritualität, denn sie sei der ständige Versuch der Rückbindung an eine spirituelle Ursprungserfahrung. Der Gründer des Jesuitenordens Ignatius von Loyola habe – im Gegensatz zu den evangelischen Reformatoren – beschlossen, seine Kirche durch spirituelle Praxis von innen heraus zu transformieren, statt sich von ihr zu trennen. Dies sei der eigentlich schwerere Weg, denn es sei leichter das Störende und Unvollkommene zu verlassen, statt es weiterhin ertragen und aushalten zu müssen.

Diese Gedanken finde ich in Bezug auf die heutige Situation der Kirche mit ihren zahlreichen Austritten als wesentlich.

Statt sich selbst zu engagieren und seine Stimme für etwas zu erheben, treten viele aus der Kirche aus, weil sie sich über dieses oder jenes ärgern und sich damit nicht identifizieren können. Oder statt in einen Gottesdienst oder zu einer Veranstaltung zu kommen, wo sich zwangsläufig sehr unterschiedliche Charaktere und Meinungen begegnen – was extrem anstrengend und herausfordernd sein kann – beten und/oder meditieren viele lieber mit Gleichgesinnten im Yoga-Kurs oder bei sich daheim etc. Aus meiner Sicht offenbart sich durch ein solches Verhalten häufig der Unwille, an etwas Neuem, Fremdem und Störendem zu wachsen und zu reifen, als eine tatsächliche Überlegenheit. Dazu kommt, dass die Anbindung an eine Gemeinschaft auch Ansprüche an uns selbst stellt wie z.B. früher aufstehen, bestimmte Rituale erlernen und mich regelmäßig daran beteiligen, mich sichtbar und damit angreifbar machen und ähnliches. Trauriger Höhepunkt davon sind Aussagen wie „Mein Glaube geht niemanden etwas an.“ oder „Ich habe meinen Glauben.“ oder das völlige Ausspielen von Privatglauben einerseits und öffentlichem Glauben andererseits. Das ist die EINE Seite.

Die ANDERE ist jene, auf die sowohl McCallum als auch Smith anspielen: Wenn die Gemeinschaft, der ein Mensch innerhalb der Kirche(n) vor Ort begegnet, extrem weit von dem entfernt ist, wie er denkt und lebt, – also mehrere Bewusstseinsstufen dazwischen liegen – sehnt er sich verständlicherweise nach einem Umfeld, das ihn nicht stagnieren, sondern wachsen und lernen lässt. Das ist es, was vermutlich McCallum meint, wenn er davon spricht, dass die Kirche mit „Erwachsenen“ umgehen können muss, also Menschen, die selbst fähig sind, spirituelle Erfahrungen zu reflektieren, Menschen ab der Stufe orange aufwärts.

Quellen: Paul Smith: Integral Christianity: The Spirit’s Call to evolve, 2011.

https://sacredstory.net/about/fr-david-mccallum-s-j-ed-d/