„Ihr seid Götter!“

Die uns eigene zeitlose und raumlose Innerlichkeit ist niemand anderer als Gott.

Allen Lesern meines Blogs wünsche ich ein gesegnetes frohes neues Jahr! Es freut mich, dass der Blog im vergangenen Jahr gut angelaufen ist und ich bin gespannt, wie er sich in diesem Jahr weiter entwickeln wird – allen, die meine Artikel lesen und fleißig teilen, herzlichen Dank dafür!

Heute möchte ich euch zu Beginn des Jahres etwas mitgeben, was für den einen oder anderen ein alter Hut sein mag, sich für mich aber vor kurzem noch einmal in gänzlich neuer Tiefe und Intensität erschlossen hat: In einem abendlichen Adventgottesdienst, während dem Singen in der von Kerzen erleuchteten Dunkelheit, da war sie plötzlich da, eine neue, unerschütterliche Gewissheit, eine Art Mini-Erleuchtung, die mich nie wieder ganz verlassen wird.

Iсh erinnerte mich an einen Satz, den ich neulich bei Jim Marion gelesen und auf Anhieb geliebt habe. Jim Marion knüpft darin zunächst an eine Erfahrung an, die wir Menschen alle mehr oder weniger gut kennen: Dass ein Teil von uns, während wir aufwachsen und älter werden und unsere Erfahrungen machen, immer gleich zu bleiben scheint. Dieser Teil bleibt völlig unabhängig davon, was wir im Spiegel sehen, er bleibt auch eigentümlich unberührt davon, wenn wir auf einer anderen Ebene heftige Emotionen erleben wie Wut, Angst oder Schmerz, ja er scheint geradezu unfähig dazu, diese zu empfinden.

Dieser Teil von uns scheint zeitlos (und es ist auch tatsächlich). Er scheint auch raumlos (und ist es auch tatsächlich), da er sich nicht im Geringsten verändert hat, auch wenn wir jetzt in Kalifornien leben, unsere Kindheit dagegen in Illinois verbracht haben. Diese uns eigene zeitlose und raumlose Innerlichkeit (die der zeit- und raumlosen Innerlichkeit in allen anderen Menschen entspricht), ist niemand anderer als Gott.

(Jim Marion, Der Weg zum Christusbewusstsein, S. 192)

Und plötzlich – bang! – war Gott überall, in mir, in den anderen, im Fenster, in der Musik. Es ist so einfach und taucht doch alles in neues Licht, wenn es tief einsickert in uns.

Ich und viele andere integrale Christen glauben, dass Jesus aus einem tiefen Bewusstsein heraus gelebt hat, dass sein Wesenskern und Gott identisch sind.

Jesus sollte mit dem Tode bestraft werden, weil er sich selbst göttlich nannte:

Da hoben die Anwesenden wieder Steine auf, um ihn zu steinigen. Jesus hielt ihnen entgegen: »Ich habe im Auftrag des Vaters vor euren Augen viele gute Taten vollbracht. Für welche dieser Taten wollt ihr mich steinigen?« Die Juden antworteten ihm: »Wir steinigen dich nicht wegen einer guten Tat, sondern wegen Gotteslästerung: Du bist ein Mensch und gibst dich selbst als Gott aus.«

Jesus antwortete ihnen: »Steht nicht sogar in eurem Gesetz: ›Ich habe gesagt: Ihr seid Götter‹? (zitiert wörtlich Psalm 82,6)

Das Gesetz nennt also diejenigen Götter, an die Gott sein Wort richtete. Und die Heilige Schrift darf man ja nicht aufheben! Der Vater hat mich zu seinem Vertreter gemacht und in diese Welt geschickt. Wie könnt ihr mir Gotteslästerung vorwerfen, wenn ich sage: ›Ich bin der Sohn Gottes? Wenn das, was ich tue, nicht das Werk meines Vaters ist, dann braucht ihr mir nicht zu glauben. Wenn ich aber solche Taten vollbringe, dann glaubt wenigstens ihnen, wenn ihr mir schon nicht glauben wollt. An diesen Taten sollt ihr erkennen und immer sicherer werden: Der Vater ist in mir gegenwärtig und ich bin im Vater gegenwärtig.« Da versuchten die Anwesenden erneut, ihn festzunehmen. Aber er konnte ihnen entkommen.

(Johannes 10, Basis Bibel, www.die-bibel.de)

Jesus wusste: Ich bin Gottes Sohn. Doch er behauptete an keiner Stelle, dass er der einzige Sohn Gottes war. Indem kirchliche Lehre Jesus zum einzigen Sohn Gottes erklärt, verhindert sie bis heute erfolgreich, dass andere ihre Sohn- und Tochterschaft im vollen Sinne erkennen können. Auch wenn Menschen es ahnen, spüren, glauben – es darf ja nicht sein! Jesus ist immer irgendwie „mehr Gott“ als andere, der „einzig geborene Sohn“. Das geht so weit, dass manche bis heute an der Idee festhalten, Gott sei „männlich“, da er sich ja in einem Mann geoffenbart hat – wie wenn Gott da irgendwo hoch droben ein eindeutiges biologisches Geschlechtsmerkmal hätte 😉

Wir glauben irrtümlicherweise, dass Jesus – und nur Jesus – Gottes Sohn war und dass alle anderen Menschen darum geringer als Jesu sind. (Jim Marion, S.202)

Dem ist nicht so! Ja, als Persönlichkeit ist Jesus einzigartig: Nur er konnte das tun, was er getan hat und nur er hat es getan. Doch wir alle haben dieselbe menschlich-göttliche Natur, denselben Wesenskern, diese raum- und zeitlose Innerlichkeit. Durch JEDEN MENSCHEN FLIESST GOTTES ATEM GLEICHERMASSEN. Und jeder hat darin seinen Platz, seine Berufung, seine Funktion, seinen Sinn. Nur weil wir außerhalb von Raum und Zeit so untrennbar miteinander verbunden sind, kann Jesus überhaupt auf unsere Seele, unseren Wesenskern, Einfluss haben und uns erlösen – von den zahlreichen Verstrickungen in der Raumzeit. Und nur indem wir diese Verbundenheit erkennen, werden wir fähig dazu, jeden Menschen bedingungslos zu lieben.

In den orthodoxen Kirchen ist dieser Irrtum übrigens weit weniger ausgeprägt, da die „Vergöttlichung (Theosis)“ direkt angestrebt wird. Mir scheint bis heute, dass sie da irgendwie wesentlich mehr verstanden oder bewahrt haben…

Ich glaube nicht, dass Jesus uns klein machen wollte oder uns minderwertig fühlen lassen. Er hätte vermutlich kein Problem damit gehabt, wenn Petrus genauso auf dem Wasser gewandelt wäre wie er oder seine Jünger so viele Kranken geheilt hätten wie er – ganz im Gegenteil, er hätte sich gefreut. Sonst hätte er doch nicht folgendes gesagt:

Der Vater ist immer in mir gegenwärtig. Er vollbringt seine Taten durch mich. Glaubt mir: Ich bin im Vater gegenwärtig und der Vater ist in mir gegenwärtig. Wenn ihr das so nicht glauben könnt, dann glaubt es wenigstens wegen der Taten. Amen, amen, das sage ich euch: Wer mir (Änderung d.Verf.) glaubt, wird genau solche Taten vollbringen, wie ich sie vollbringe. Ja, er wird sogar noch größere Taten vollbringen, als ich sie vollbracht habe.

(Johannes 14, Basis Bibel, http://www.die-bibel.de)

Es ist unsere schöne und herausfordernde Aufgabe, die Göttlichkeit in uns und anderen Menschen zu erkennen und zu feiern. Aus welchem Grund sonst hätte Jesus sagen können: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25), wenn nicht aus diesem, dass wir im tiefsten Inneren eins sind, dass in unserer Innerlichkeit wir alle mit Gott selbst zusammenfallen.

Jim Marion – Christusbewusstsein

„Das erste Buch, das in aller Klarheit den gesamten spirituellen Weg des Christentums beschreibt“

Heute will ich euch das Buch „Der Weg zum Christusbewusstsein. Eine Landkarte für spirituelles Wachstum in die Tiefe der Seele“ von Jim Marion vorstellen.

Auf dem Buchrücken heißt es:

Gestützt auf das Werk des bekannten Bewusstseinsforschers Ken Wilber – der das Vorwort zu diesem Buch geschrieben hat – und auf das Modell der stufenweisen Bewusstseinsentwicklung, zeichnet der Verfasser unter Berücksichtigung der neuesten Erkenntnisse auf dem Gebiet der Psychologie, der auch des Neuen Testaments und so bedeutender christlicher Mystiker wie Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz eine Karte, die uns Schritt für Schritt zu dem Bewusstsein hinführt, das Jesus als das Reich Gottes bezeichnete – zur höchsten Stufe der spirituellen Entwicklung des Menschen.

Er selbst bezeichnet es in der Einführung als

das erste Buch, das in aller Klarheit den gesamten spirituellen Weg des Christentums beschreibt. (S. 15)

Ken Wilber stimmt dem in seinem Vorwort zu und erklärt, was es damit auf sich hat:

Das klingt zunächst recht grandios […] ist […] jedoch weit weniger grandios, als [es] klingt. Denn mit dem „gesamten Weg“ meint Jim Marion einen Weg, der nicht nur die grundlegenden Stufen spiritueller Entwicklung umfasst, die von den großen Weisen und Heiligen so unübertrefflich beschrieben wurden, sondern auch die psychologischen Entwicklungsstufen, die erst kürzlich von modernen Entwicklungspsychologen {wie Jean Piaget, Jane Loevinger, Robert Kenan, Lawrence Kohlberg und Carol Giligan) entdeckt wurden. Ein wirklich vollständiger Weg würde [diese Stufen, Erg.] miteinander verbinden. (S. 13)

Die Verknüpfung der Stufen und deren Bezeichnung übernimmt Jim Marion eins zu eins von Ken Wilber. Was sein Buch eigentlich erst originell macht, ist die Verknüpfung mit seiner extrem offen geschilderten Erzählung seiner eigenen spirituellen Biografie.

Jim Marion trat mit fünfzehn Jahren in ein katholisches Kloster ein, das er siebeneinhalb Jahre später wieder verließ. Danach machte er Karriere als Jurist. Lange Zeit rang er mit seiner Homosexualität, bis er schließlich seinen Frieden damit fand.

Die Kern-Thesen seines Buches sind:

  1. Jesus habe mit seiner Rede vom „Reich Gottes“ die höchste Stufe der spirituellen Entwicklung des Menschen gemeint – keinen Ort. Das Ziel eines jeden Menschen sei es, dieses Bewusstsein zu erlangen und so im Reich Gottes zu leben. In diesem wird keine Trennung mehr zwischen Gott und Mensch und zwischen Mensch und Mensch wahrgenommen.

Für Jesus und Mutter Teresa war die nicht-duale Schau dieser Welt keine Frage der Phantasie. Sie taten nicht nur so, als ob es zwischen ihnen und Gott oder zwischen ihnen und anderen Menschen keinerlei Trennung gäbe. […] In Wahrheit war es ihnen nicht möglich, auf andere Weise zu sehen

2. Die Kirche oder vielmehr die Menschen, aus der diese besteht, haben das bis heute häufig falsch gelehrt, weil sie noch nicht die Entwicklungsstufe erreicht haben, auf der sie fähig sind, diese Wahrheit zu erkennen. Jede Religion neige deshalb nach dem Tod ihrer Gründer zu einem Rückschritt.

Sie verstehen und interpretieren diese Mystiker immerzu falsch, weil die Stufe ihres eigenen spirituellen Bewusstseins noch nicht hoch genug ist, um erkennen zu können, wovon die Mystiker sprechen.

3. Jesus selbst habe vor zwei Problemen gestanden: Erstens übersteige das nonduale Bewusstsein den Verstand des Menschen und lasse sich deshalb mit Worten nicht hinreichend ausdrücken. Zweitens konnte nur derjenige Jesus richtig verstehen, der sich bereits selbst auf einer höheren Bewusstseinsstufe befand.

Selbst wenn die Schau des Reiches Gottes durch eine poetische oder metaphorische Sprache klar zum Ausdruck gebracht wird, können die Zuhörer oder Leser sie dennoch nur dann wirklich verstehen, wenn auch sie dieses nicht-duale Bewusstsein bereits verwirklicht haben.

4. Auf dem Weg zu diesem Ziel durchlaufe jeder Mensch einen Entwicklungspfad mit insgesamt neun Bewusstseinsstufen:

  1.  Archaisch
  2. Magisch
  3. Mythisch
  4. Rational
  5. Schau-Logik
  6. Medial
  7. Subtil
  8. Kausal
  9.  Non-Dual

5. In der Beschreibung dieser Stufen lehnt er sich eng an die Terminologie von Ken Wilber in dessen Eros, Logos, Kosmos an. Die ersten fünf Stufen stammen u.a. aus der Forschung zur kognitiven Entwicklung von Jean Piaget und den Kulturstudien von Jean Gebser. Die darauf folgenden noch höheren Stufen werden von Mystikern aller Traditionen beschrieben. Wenn euch das näher interessiert, werde ich sie hier demnächst ausführlich schildern.

6. Um den Übergang zum subtilen und schließlich kausalen Bewusstsein (auch Christusbewusstsein) zu beschreiben, bedient er sich Schilderungen aus der christlichen Tradition. Die „Dunkle Nacht der Sinne“ führt in das subtile Bewusstsein hinein, die „Dunklen Nacht der Seele“ schließlich in das Christusbewusstsein, die kausale Stufe. Diese bezeichnen äußerst schwierige Lebensphasen im Anschluss an eine intensive Meditation- und Gebetspraxis, in denen alte negative Emotionen und Neurosen frei werden.

Für mich war es das traumatischste Ereignis in meinem Leben. Das Entsetzen ist unbeschreiblich. 

7. Weil nicht jeder/kein Mensch in der Lage ist, innerhalb eines Lebens die neun Stufen des Bewusstseins zu durchlaufen, gäbe es die Reinkarnation.

Wer in diesem Leben die nicht-duale Bewusstseinsstufe nicht erreicht, muss in der Regel auf diesen oder auf einen anderen stofflichen Planeten zurückkehren, bis es ihm gelingt.

8. Jesus Christus sei als einziger Mensch bereits mit dem nondualen Bewusstsein zur Welt gekommen. Durch seinen Tod und seine Auferstehung habe er ein Sinnbild geliefert für den spirituellen Weg durch die dunkle Nacht der Seele hin zum nondualen Bewusstsein.

9. Für unseren eigenen Weg empfiehlt er eine konsequente, regelmäßige Praxis wie es die integrale Lebenspraxis sei.

10. Religion habe nur eine wesentliche Aufgabe, auf die sie sich zurück besinnen solle.

Die einzig grundlegende Aufgabe der Religion besteht darin, die Entwicklung des Bewusstseins zu beschleunigen.

Fragen, die mir bei der Lektüre spontan kamen, waren unter anderem:

  1. Der Autor scheint von der Praxis/Übungen christlicher Mystik (Jesus-Gebet, Herzensgebet, Sammlungsgebet etc.) äußerst wenig Kenntnisse zu besitzen und das im Jahr 2000. Sind diese immer noch derart unbekannt?
  2. Der Autor fügt im Anschluss an Ken Wilber die ersten fünf der kognitiven Entwicklung mit den letzteren vier der spirituellen Entwicklung zu neun Stufen zusammen. Diese Zusammenfügung ist eine spannende Idee und offensichtlich mit den Erfahrungen von Jim Marion kompatibel, aber derzeit wissenschaftlich nicht belegbar. Für den Bewusstseinsforscher Graves waren die Bewusstseinsstufen nach oben hin offen, da in der Zukunft liegend. Ist also des Rätsels Lösung, dass wir Jesus und andere Mystiker als Menschen der Zukunft verstehen, die uns vorgelebt haben, wie es mit der Menschheit als Ganzem weitergeht?
  3. Themen der heutigen Esoterik-Literatur, sind offenbar Themen der medialen Bewusstseinsstufe: Aura lesen, Channeling, Klarfühligkeit, Klarhörigkeit, Klarsichtigkeit etc. Ist das starke Interesse an Esoterik also eher als ein positives Zeichen zu werten, das davon zeugt, dass bereits viele Menschen sich dieser Ebene annähern (wollen)? Wie verhält sich das dann aber zu der Einschätzung von Spiral Dynamics, dass derzeit nur wenige Prozent der Menschheit die integrale Bewusstseinsstufe erklommen haben?
  4. Bei der Rede von der medialen Bewusstseinsstufe tauchen plötzlich wieder Engel, Luzifer, Dämonen etc. auf – wie lässt sich diese Rede von der auf einer prärationalen Stufe unterscheiden?

Ein wunderbares Interview von Janet Conner mit Jim Marion über sein Buch „Der Weg zum Christusbewusstsein“ und die Rolle, die Ken Wilber dabei gespielt hat, könnt ihr euch hier (auf Englisch) anhören:

https://www.unityonlineradio.org/soul-directed-life/jim-marion-author-putting-mind-christ-and-death-mythic-god

Modul GEIST: Wie erfahre ich Nondualität?

Der Begriff „Nondualität“ (im Englischen „Nonduality“) ist bisher im Deutschen kaum geläufig. Innerhalb der integralen Szene findet er jedoch ständig Verwendung, wenn es um spirituelle Erfahrung geht. Am tiefsten ist der Begriff in der Advaita-Tradition im Hinduismus verwurzelt.

Mit „Nondualität“ ist eine spezifische spirituelle Erfahrung gemeint, die jeder Mensch machen kann. Es ist keine außergewöhnliche, sondern alltägliche Erfahrung, der wir allerdings normalerweise keinerlei Bedeutung zumessen. Es ist die natürlichste und zugleich die tiefste Form der Mystik. Durch diese Erfahrungen kann uns klar werden, dass es nur eine Göttliche Realität gibt und dass keine fundamentale, wesenhaften Trennung zwischen Gott und Welt, Gott und Seele, Seele und Welt, oder Seele und Seele existiert.

Jeder Mensch macht die Erfahrung ständig, auch wenn er sich ihr nicht bewusst ist. Es ist die erste Erfahrung überhaupt, die Ur-Erfahrung, die Erfahrung, die aller anderer Erfahrung voraus geht. Bei dieser Erfahrung nehme ich wahr, ohne zu bewerten oder einzuordnen, was ich sehe: Ich bin eins mit dem, was ich wahrnehme.

Alles wird mir durch mein Bewusstsein vermittelt, kommt an diesem nicht vorbei: Ach die sogenannte objektive Realität. Alles, was ist, ist in mir, spielt sich in mir ab, taucht in mir auf. Die ganze Welt, die Bäume, die Straße, die Menschen sind zunächst nämlich nicht außen, sondern innen. Für den einen oder anderen mag das falsch klingen. Wir sind es gewohnt, uns und die Außenwelt als getrennt zu betrachten. Als zwei Dinge. Es ist ein tiefer Glaube, der allem, was wir tun, üblicherweise zugrunde liegt.

Beobachtet euch einmal dabei, wie ihr zum Beispiel einen Baum, eine Blume oder ein Haus anschaut, egal, was, sucht euch raus, was gerade vor eurer Nase ist.

Schon während ihr das tut, spaltet ihr euch auf in jemand, das wahrnimmt, und jemand der euch, den Wahrnehmenden, der den Gegenstand wahrnimmt. Als ob ihr zwei wärt.

Und jetzt fragt euch, wer ihr von den beiden seid. Die eine Erfahrung davon: „Der Beobachter“ ist primär, die zweite – ihr beobachtet euch quasi wie von außen – ist bereits ein Konstrukt des Gehirns. Weitere Konstrukte wären Kategorisierungen, Bewertungen, Überlegungen.

Der Konstruktivisten haben darauf aufmerksam gemacht, dass sich die Wirklichkeit und der Beobachter dieser nicht trennen lassen. Indem wir etwas wahrnehmen, verändern wir es bereits in unserem Kopf. Wir interpretieren ständig, bewusst oder unbewusst, was wir sehen, hören, riechen, schmecken etc.

Interpretieren in diesem Sinn heißt jedoch „trennen“: Die Welt und ich, der andere Mensch und ich, das Göttliche und ich. Ich und meine Gefühle. Wir sind das Subjekt und das/der/die andere ist das Objekt. Ich sehe meine Oma. Ich spüre den Regen. Da steht ein Baum. Das ist die dualistische Wahrnehmung.

Das Gegenteil davon ist die nondualistische. Wir nehmen einfach nur wahr, dass wir wahrnehmen. Es gibt kein außen und innen. Subjekt und Objekt fallen in eins. Die Gedanken stehen still. Ich bin einfach nur und alles ist in mir. Die nondualistische Wahrnehmung ist eine Einheitserfahrung. Wir „haben“ nicht Bewusstsein, wir sind bewusst. Das Bewusstsein selbst kann kein objektiver Gegenstand meiner Wahrnehmung werden. Sobald ich versuche, es dazu zu machen, erfahre ich, wer ich im tiefsten eigentlich bin: nämlich dieses Bewusstsein, das wahrnimmt. Diese Erfahrung kann das Ergebnis einer Selbsterforschung sein, was wir im tiefsten unter „Ich“ verstehen: Was ist dieses „Ich“, das bei jeder Erfahrung, die wir machen, gleich bleibt? Bin ich bewusst? (Siehe auch: Übung zur Erleuchtung).

Die Erfahrung kann uns aber auch geschenkt werden: In dem Erlebnis von Schönheit oder Liebe oder wenn eine Tätigkeit uns in einen tiefen Flow versetzt. Subjekt und Objekt verschmelzen.

Niemand erklärt so verständlich und einleuchtend, was mit dem Begriff „Nondualität“ gemeint ist wie Rupert Spira. Er hält weltweit Seminare, in denen er die nichtdualistische Weltsicht vermittelt.

Das passende Buch dazu: Rupert Spira, Bewusstsein ist alles: Über die Natur unserer Erfahrung, 2011.

Ergänzung: Für den deutschsprachigen Raum wurde ich auf Vincenzo aufmerksam gemacht, der es ebenfalls wunderbar versteht, zu erklären, um was es geht. Danke, Regina!

Aus einer nondualistischen Weltsicht folgt eine entsprechende Ethik: Wenn du und ich nicht getrennt sind, sondern eigentlich eins, weil jeder gleichermaßen diese Erfahrung macht, pures Bewusstsein zu sein, ist Jesu Regel: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ nicht mehr ein Gebot, dem ich Folge leisten sollte, sondern ein Verhalten, dass ganz natürlich der neuen Wahrnehmung der Wirklichkeit entspringt: Rassenideologie, ethnisches Denken, ja jede Form von herablassender Arroganz lassen sich nicht mehr aufrechterhalten, wenn ich im Anderen mich selbst sehe, wenn durch die Augen des anderen das selbe Bewusstsein scheint, durch das auch ich wahrnehme.

Hauptquelle: https://www.enlightened-spirituality.org/nondual-spirituality.html

Beten UND Handeln

Lange hatte ich ein klischeehaftes Bild im Kopf, das mich davon abgehalten hat, zu meditieren. Ich sah den untätig herumsitzenden Mönch oder die Nonne vor mir, die ihr Heil in der Stille und Einsamkeit suchen, aber nichts neues in die Welt bringen, keine Familie gründen, kein Unternehmen, keine Kunst schaffen, die Verhältnisse nicht verändern etc. Ich konnte nicht zusammenbringen, warum wir Menschen in der Welt sein sollten, mit einem Körper, Bedürfnissen, Gefühlen, Händen und Ideen, wenn der wahre Sinn des Menschseins darin läge, genau das Gegenteil davon zu suchen: Weg von Ego, weg vom Körper, weg von schmerzhaften Erfahrungen hin zum reinen, immer ausgeglichenen Beobachter. Hat so ein Mensch denn wirklich gelebt? Oder hat er nicht jede Menge verpasst?

Ein Extrembeispiel, das mich abgeschreckt hat, war das Bild eines – mittlerweile durch die Medien berühmten – Inders, der seit über vier Jahrzehnten seinen Arm ununterbrochen nach oben hält, um das Wunder der Willensstärke des Menschen zu demonstrieren.

Was ist denn, fragte ich mich, die Bestimmung des Menschen: Ein makelloser Heiliger zu werden oder ein aufregender Künstler?

Vermutlich liegt die Antwort – ihr ahnt es schon anhand der Überschrift – in dem so folgenreichen Wörtchen: „Und“.

Doch noch eine Befürchtung hatte ich lange Zeit:

Dass ich durch ein häufiges Meditieren den Bezug zur Welt und meinen Mitmenschen verlieren könnte. Ich hatte Angst, dann nicht mehr das tun zu können, was gerade nötig und angebracht wäre.

Doch von zeitgenössischen Mystikern durfte ich hören und lesen, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Erst durch eine regelmäßige kontemplative Praxis nehme ich die Wirklichkeit zunehmend weniger verzerrt war und lerne, entspannter und zielgerichteter zu handeln, zu agieren statt nur zu reagieren und in wichtigen Momenten das angemessene zu tun. Einer dieser Mystiker ist Richard Rohr.

Er ist ein US-amerikanischer Franziskanermönch, geistlicher Lehrer, Bestsellerautor, ein starker Kritiker seiner eigenen Kirche und leitet ein christliches „Zentrum für Aktion und Kontemplation“, wo er unter anderem auch integrale Theologie unterrichtet.

In seinem Buch mit dem Titel „Entscheidend ist das UND. Kontemplativ leben UND engagiert handeln“ betont er immer wieder die Bedeutung, das „Und“ zu denken und zu leben, da es uns vor Einseitigkeit und Oberflächlichkeit bewahrt. Wenn Aktion und Kontemplation eins seien, entstünden „immer Schönheit, Symmetrie und verwandelnde Form“. (S. 14) Da beides gleich wichtig sei, sei das „UND“ dazwischen das wichtigste, also die ständige Verbindung von beidem. Denn die Meditation, das Sitzen und Beten in der Stille, verändert uns und unsere Wahrnehmung und lässt uns anders denken und handeln. Meditation führe dazu, dass Menschen viel weniger in den Kategorien von „entweder-oder“ dächten, sondern zunehmend ein „sowohl-als-auch“ zuließen.

Im Anschluss an Ernst Friedrich Schumacher beschreibt er drei verschiedene Bewusstseinsstufen, die drei Teilen der hebräischen Bibel entsprechen: Gesetz, Propheten, Weisheitsbücher. Das erste steht für Struktur, Grenzen, äußere Autorität etc., dann kommt die Kritik aus einer inneren Autorität heraus, und schließlich folgt die Stufe von Paradox und Geheimnis. Auf dieser geht jegliche Eindeutigkeit verloren und scheinbar widersprüchliche Dinge kommen gleichberechtigt nebeneinander zu stehen. Jeder Mensch und auch jede Religion durchlaufen diese aufeinander aufbauenden Stufen der spirituellen Entwicklung.

Durch Kontemplation gelänge es dem Menschen nach und nach seine eigenen Gaben zu erkennen und diese auszuleben. Dabei hält er die Konzentration für bedeutend: „Wir müssen uns in unserem Leben für ein oder zwei Anliegen aus ganzem Herzen einsetzen.“ (S. 117) Klingt das nicht verheißungsvoll und zugleich entlastend? Wir müssen nicht alles tun, was getan werden müsste, sondern herausfinden, was von uns hier und jetzt getan werden kann wie von keinem anderen. 

Doch Richard Rohr malt keineswegs ein idealisiertes, romantisches Bild der Meditation:

Jede kontemplative Praxis (…) bleibt ein endloses Schattenboxen, immer ist sie harte Arbeit. (S. 104)

Denn wir selbst seien das Hauptproblem, nicht die anderen.

(Zu Schattenarbeit könnt ihr hier mehr lesen: Christliche Schattenarbeit)

Durch Kontemplation wird uns bewusst, dass es für heilsame Veränderungen eine langsame Transformation braucht, keine gewaltsame Revolution, ja nicht einmal eine Reformation. Denn die wahren Feinde sind nicht irgendwo da draußen, sondern in unserem Geist, dem individuellen wie dem kollektiven Bewusstsein. Es braucht deshalb mehr als alles andere Menschen, die bereit sind, sich selbst verwandeln zu lassen und dadurch die Welt zu verändern.

Marion Küstenmacher stellt in ihrem eben erst erschienen Buch „Integrales Christentum“ einen Zusammenhang der Thematik mit den Quadranten in Ken Wilbers Philosophie her.  In dem Quadranten oben rechts (individuell-objektiv) erschiene alles, was jemand ganz konkret tut.

In spiritueller Hinsicht ist dieser Quadrant daher der Lackmustest für jeden Glauben. Jesus hat immer wieder deutlich gemacht, dass nicht unsere Worte, sondern unser Handeln entscheidend ist. (S. 35)

Ein Beispiel wäre: Wenn jemand selbst der Ansicht ist, besonders rechtgläubig zu sein, und daher regelmäßig anderen ihren Abfall vom „wahren Glauben“ vorwirft, so fühlt sich dieser Mensch zwar (Quadrant oben links, individuell-subjektiv) extrem fromm, doch was er konkret tut (Quadrant oben rechts, individuell-objektiv), ist, dass er beständig negativ über andere Menschen richtet, sie dadurch verunsichert, verletzt oder ihnen schlicht auf die Nerven geht. Unter Umständen fällt auch auf, was er alles nicht tut: Er spendet wenig, er engagiert sich nirgendwo, stattdessen verbringt er viel Zeit allein mit seiner Bibel und sondert sich ab.

Deshalb ist es so wichtig, dass wir Meditation und Aktion miteinander verbinden. Was mir klar geworden ist, habe ich erst richtig begriffen, wenn ich dadurch in ein neues, anderes Tun gekommen bin.

Wir könnten vielleicht sogar noch drastischer sagen: Ohne unser Tun ist alles, was wir in der Kontemplation erfahren haben, sinnlos. Denn erst durch unser Tun wird der Geist Materie, erst dadurch sind wir wirklich Abbilder Gottes, der sich insbesondere durch seine Schöpferkraft auszeichnet. Erst durch ein Tun, das von der Stille und dem Innehalten her inspiriert ist, werden wir zu einzigartigen Individuen, zu faszinierenden Teilchen von Gottes Welt.

Jesus selbst war jedenfalls so ein Mensch, der sich unter die Menschen stürzte, um sich dann wieder zurückzuziehen, der immer hin und her pendelte zwischen Kontemplation und Aktion.

Was meint ihr?

Wenn ihr mehr dazu lesen wollt, werdet ihr hier fündig:

Zentrum für Aktion und Kontemplation: https://cac.org

MODUL GEIST: „Mystik to go“ – das immerwährende Jesusgebet

Es erstaunt mich immer wieder, wie viele Menschen ganz offenbar ein starkes Problem mit dem Warten haben. Oder mit dem Aushalten von Untätigkeit. Oder Stille.

Beispiel 1: Neulich an der Kasse im Supermarkt: drei Leute vor mir und zwei hinter mir. Eine ältere Dame klagt laut, bevor sie sich ebenfalls anstellt: „Oje, die Schlange wird ja immer länger.“ Sie jammerte so lange, bis ein Herr sie vorließ. Dabei war ich mir sicher, dass diese Frau aufgrund ihres Alters schon mindestens zehn Jahre lang in Rente sein musste. Dennoch: Auch so kurzes Warten war eine Qual für sie.

Beispiel 2: Ein einziges Mal erlaubte ich mir als Pfarrerin das Eingangsgebet, das bei uns üblicherweise laut vom Pfarrer vorgetragen wird und durch ein kurz gehaltenes Schweigen beendet wird, durch eine längere Schweigephase von einer Viertelstunde zu ersetzen. Vom Küster erfuhr ich hinterher, dass ein älterer Mann, regelmäßiger Kirchgänger, sich beschwert hatte und drohte, dass er nie wieder käme, wenn das noch einmal geschehen würde. Das Schweigen muss schrecklich für ihn gewesen sein.

Beispiel 3: Du kennst sicher auch Menschen mit der Angewohnheit, immer etwas sagen zu müssen. Vielleicht bist du selbst manchmal einer davon? Wenn jemand neben dir sitzt oder geht, bist du kaum eine Minute still. Du redest irgendetwas, meist oberflächliches Zeug, das weder dich noch den anderen wirklich interessiert, Hauptsache, es ist nicht still.

Es gibt einen Weg dieses Leiden in pures Glück zu verwandeln. Es ist das Jesusgebet – oder Herzensgebet „to go“.

Statt quälender und bedrohlicher Leere finden wir eine gigantische Fülle und Tiefe in uns vor, von der wir nie genug bekommen können.

In einem Klassiker der spirituellen Literatur, „Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers“ geht es genau darum: Das immerwährende Jesusgebet. Es geht dabei – siehe dazu einführend auch meinen Artikel „Ruhegebet“ – um die ständige, an den Atem angepasste, Wiederholung des Namens Jesu oder eines anderen Mantras in Gedanken.

Ein unbekannter Verfasser berichtet von seinen Gebetserfahrungen. Früh Witwer geworden, beginnt er zu pilgern. In einer Kirche hört er eine Lesung, die ihn mitten ins Herz trifft.

16 Seid allezeit fröhlich, 17 betet ohne Unterlass, 18 seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.

Brief an die Thessalonicher, 5, 17

Die Frage, was das bedeuten soll, lässt ihn nicht mehr los. Er sucht so lange, bis er einen geistlichen Vater findet, der ihm erklärt, wie das möglich ist und ihm ein Buch empfiehlt, das ihm dabei hilft, es zu erlernen: Die Philokalie, eine Sammlung von Schriften heiliger Väter, die in die Gebetsform einführen. Ab sofort fast ununterbrochen betend und die Schrift studierend, wird zum Schüler und schließlich selbst zum Lehrer für viele. Das Praktizieren des Jesusgebetes wird zu seinem Lebensinhalt und verwandelt ihn nach und nach in einen anderen Menschen. Ein lesenswertes Buch, das sich noch einmal ganz anders und intensiver liest, wenn man selbst mit der Gebetspraxis beginnt.

Häufig finden wir die Angabe, dass empfohlen wird, zweimal am Tag für zwanzig Minuten das Jesus/Ruhe/Herzensgebet zu sprechen.

Zunächst empfand ich diese Angabe befremdlich, denn in der östlichen Theologie habe ich derartiges nie gehört oder gelesen. Dann habe ich es eine Weile probiert, auch wenn es mir schwer fiel, dieses Ritual täglich um dieselbe Uhrzeit einzuhalten – dafür war ich immer zu beschäftigt und zu chaotisch. Mit Kleinkind klappte es dann gar nicht mehr und ich war ratlos. Deshalb bin ich umso glücklicher, dass ich auf das Buch von Prof. Sabine Bobert gestoßen bin: „Mystik und Coaching mit MTP – Mental Turning Point.“ Sie beschreibt darin ihr Konzept moderner Mystik – einer Mystik to go. Sie schreibt darin im Vorwort:

Das Christentum ist keine Lehre, sondern in erster Linie eine Lebenspraxis, die auf die Vereinigung des Menschen mit Gott zielt…Es geht um eine Mystik, die mitten im urbanen Kontext eingeübt werden kann…aus einer lebendigen Mystik wird ein undogmatisches Christentum geboren, bei dem jeder seine Erfahrungen in eigene Worte fassen kann… Die neuen Mystikerinnen und Mystiker lassen den Streit über Begriffe hinter sich, weil sie durch Erfahren begreifen.

Das Jesusgebet wird nicht zu bestimmten Gebetszeiten gesprochen, sondern immer, wenn es möglich ist, auch an der Kasse, im Wartezimmer, vor dem Schlafengehen und und. Endlich kann also auch ich das Gebet wieder pflegen – viel länger und öfter als jemals zuvor und das trotz einem Kleinkind, das nahezu meine ständige Aufmerksamkeit einfordert.

Woher stammt dann aber die Empfehlung fester, zeitlich begrenzter Gebetsphasen?

Es geht darum, dass es tatsächlich möglich ist, es mit dem Gebet zu übertreiben. Dann drohen Gefahren auf dem Weg: Gesundheitliche und psychische Probleme bis hin zum Wahnsinn. Zum Glück gibt Prof. Bobert eine Liste von Anzeichen, an denen wir erkennen können, ob wir uns bereits in einer solchen Gefahrenzone bewegen. Wenn wir diese an uns bemerken, rät sie dazu, uns an einen erfahrenen Lehrer zu wenden und nur mit dessen Begleitung weiter zu praktizieren. Das finde ich eine wunderbare Lösung, die mich zu einem mündigen Menschen macht: Ich darf so viel beten, wie ich will, und mir wird zugetraut, selbst erkennen zu können, wann es zu viel des Guten war und Hilfe aufzusuchen. Denn das Problem ist nicht, dass viel Beten an sich schädlich werden könnte – ganz im Gegenteil wirkt es sogar äußerst positiv auf unsere Gesundheit -, sondern darum, dass die Entwicklung, die durch das Mantrabeten bei uns angestoßen wird, uns überfordern und überrennen kann. Wenn das Tempo unser Entwicklung durch das Non-Stop-Beten zu hoch wird, kann es sein, dass es uns nicht mehr gelingt, das Alte, was in uns hoch kommt, und das Neue, das entsteht, zu verarbeiten.

Ich kann deshalb nur dazu raten, dieses Buch zu kaufen, bevor ihr mit dem „Jesusgebet to go“ startet. Neben der besagten Liste findet ihr darin zahlreiche andere wertvolle Tipps, Erläuterungen und Hinweise sowie Erfahrungsberichte von Übenden. In Prof. Boberts Konzept ist das Jesusgebet nur ein, wenn auch der wichtigste Pfeiler, spiritueller Praxis. Während dieses den Geist/das Denken trainiert, gibt es zwei weitere Übungen innerhalb ihres Konzepts, einmal für den Umgang mit Gefühlen, einmal für die Stärkung des eigenen Willens, die ebenso mühelos in den Alltag integriert werden können. Ich berichte gerne an anderer Stelle über meine Erfahrungen damit.

Hier eine kurze Einführung durch Prof. Bobert selbst:

Warum lohnt es sich, es mit dem Jesusgebet zu versuchen?

Ganz einfach: Die meisten, die einmal ernsthaft damit angefangen haben, wollen nicht mehr damit aufhören. Das Jesusgebet bringt uns relativ schnell in einen Zustand, aus dem wir am liebsten nicht mehr herauskämen. Und nach und nach verändert es uns und unser Leben in einem positiven Sinn: Es verbessert nachweislich unsere Gesundheit, es macht uns psychisch heil und stabil, lässt uns in der Gegenwart ankommen und führt uns auf dem mystischen Entwicklungspfad über die Reinigung zur Erleuchtung.

Und im Gegensatz zu TM (Transzendentaler Meditation) müssen wir nicht erst Unsummen an Geld ausgeben, um darin geschult zu werden. Wenn wir uns je doch einen Lehrer wünschen oder ihn brauchen, dürfen wir einfach im Gebet um diesen bitten und können darauf vertrauen, dass er zur richtigen Zeit in unser Leben kommt.

Das Buch findet ihr hier:

https://www.vier-tuerme-verlag.de/religion-und-spiritualitaet/gebet-und-kontemplation/42/mystik-und-coaching-mit-mtp-mental-turning-point

Die kleine Philokalie und die „Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers“ findet ihr u.a. hier:

https://edition-hagia-sophia.de/index.php/kleine-philokalie-betrachtungen-der-monchsvater-uber-das-herzensgebet.html

https://edition-hagia-sophia.de/index.php/aufrichtige-erzahlungen-eines-russischen-pilgers.html

Was meint ihr?

Die Eine Welt – das Eine Christentum!? Teil II

Dies ist die Fortsetzung von „Die Eine Welt – das Eine Christentum!? Teil I“

Ich gehe davon aus, dass all unseren Religionen ähnliche spirituelle Erfahrungen vorausgehen. Doch diese Erfahrungen sind unterschiedlich intensiv und tief. Für das im Geiste Geschaute und mit dem Herzen Begriffene wird nach passenden Wörtern und Ausdrucksweisen gesucht und gerungen. So forscht man gemeinsam danach, ob man auch dasselbe erfahren hat. Entdeckt man Ähnlichkeiten, entstehen Glaubensbekenntnisse, die gemeinsam gesprochen werden.

Die Begriffe für das Erlebte und die daraus abgeleiteten Theorien und Gedankengebäude fallen allerdings – dem völlig anderen Umfeld entsprechend – unterschiedlich aus.

So haben sich über die Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg zahlreiche Frömmigkeitsstile und – praktiken entwickelt. Aus einer Gewissheit, die aus einer Begegnung mit Gott geboren wurde, bildete sich eine Ansammlung von Lehren und Spekulationen. Erfahrungen wurden dadurch leicht mit einer Meinung verwechselt, über die man streiten könne.

So wittert der eine in den Worten des anderen überall die Häresie, ein Abkommen von der „reinen“ Glaubenslehre, eine Entstellung dessen, was er selbst für wahr und richtig hält.

Schwierig wurde und wird es, wo die Wahrnehmung der Andersartigkeit dazu führt, dass ein Christ, eine Kirche sich über einen anderen Christen, eine andere Kirche erhebt oder ihm und ihr gar das Christ bzw. Kirche-Sein abspricht.

Beispiele dazu gibt es zuhauf. Denken wir nur an den Dreißigjährigen Krieg, die Verfolgung der Hugenotten in Frankreich, die Inquisition in Spanien, der Nordirlandkonflikt oder einfach an den alltäglichen Ausschluss anderer Konfessionen vom Abendmahl.

Auf dem 2. Vatikanischen Konzil wird in dem sog. Dekret über den Ökumenismus behauptet:

Denn nur durch die katholische Kirche Christi, die das allgemeine Hilfsmittel des Heiles ist, kann man Zutritt zu der ganzen Fülle der Heilsmittel haben…

Unterschiede in den Glaubenslehren lassen sich an den Bekenntnissen, Lehrtexten und der gepredigten Theologie ablesen. Aber werden diese Inhalte auch von den einzelnen Gläubigen so geglaubt und könnten diese ihn so in Worte kleiden, dass ein anderer verstünde, worin der Unterschied zu seinem Glauben liegt?

Aber nicht nur die Gedanken, auch die Erfahrungswelten entwickelten sich auseinander. 

Das kann jeder bestätigen, der einmal den Gottesdienst einer amerikanischen Baptistengemeinde mit einer griechisch-orthodoxen Liturgiefeier vergleichen konnte. Andere Schwerpunktsetzungen führen zu unterschiedlichen Ritualen und Gebräuchen, die wiederum unterschiedliche Sinneseindrücke und veränderten Erlebnischarakter besitzen. Bei diesen so unterschiedlichen Festen mutet es an wie ein Wunder, das beide Male Jesus – ein und derselbe Mensch – verkündigt und gefeiert wird.

Unterschiede in Kleidung, Gebräuchen und Gottesdienstformen und -ablauf sind weit offensichtlicher als dahinter stehende Überzeugungen.

Vertraute Formen sind vielen mindestens ebenso wichtig wie von früh auf gelernte Glaubenssätze. Sie bilden eine Art „spirituelle Heimat“. Doch die Auseinandersetzung mit dem Fremden kann ungeahnte spirituelle Erlebnisse hervorrufen und unseren Geist weiten. Plötzlich fragen wir uns vielleicht das erste Mal:

Warum bist du eigentlich evangelisch oder orthodox oder reformiert oder Baptist oder oder oder?

Und warum überhaupt bist du Christ? Und nicht Hinduist, Buddhist, Moslem, Agnostiker oder Atheist?

Der russische Religionsphilosoph Simon Frank merkt zu Recht an:

Wenn ich nur deshalb Christ bin, weil ich in einer christlichen Familie und in einer von christlicher Kultur geprägten Umwelt geboren und aufgewachsen bin, mich an sie gewöhnt und sie lieb gewonnen habe, und wenn alle andere allein aus diesem einzigen Grund bei ihren diversen anderen Glaubensbekenntnissen bleiben, dann werden alle Bekenntnisse auf der Welt leer und bedingt, ein zufälliges Ergebnis der historischen Umstände, und wir haben keinerlei Garantie dafür, dass eines von ihnen wahr wäre. (Auszug aus: Simon Frank. Mit uns ist Gott. Drei Betrachtungen. In eigener Übersetzung aus dem Russischen.)

Eine Vision von mir – ein Lebenstraum sozusagen, der einzig an fehlenden finanziellen Mitteln scheitert – ist es, ein Museum, ein Haus der Weltreligionen und Konfessionen zu gründen, wo durch moderne Erlebnispädagogik ein Hauch von dieser Vielfalt sichtbar, fühlbar und spürbar für die Besucher werden könnte; außerdem ein Haus, wo Raum wäre für direkte Begegnung und Dialog im Geiste der gegenseitigen Wertschätzung.

Denn ich glaube, dass ein richtig integrales Christentum nur auf der Basis einer gründlichen Auseinandersetzung mit dem Vorausgehenden und einer echten Versöhnung der Konfessionen entstehen kann. Nur dann kann von einer gelungenen „Integration“ aller Aspekte und Teile von „Kirche“ die Rede sein. Andernfalls entsteht lediglich eine weitere Kirche neben anderen.

 

Wo ist die Mystik hin?

Als ich vorletztes Jahr bei einem Abend der Landfrauen auf dem Dorf einen Vortrag halten durfte, verwendete ich die Worte „Mystik“ und „mystisch.“ Niemand fragte nach, doch eine Woche später erzählte mir eine Frau am Telefon, dass ihr – und auch einigen anderen – dieser Begriff übel aufgestoßen sei. „Mystik“ – da denke sie an „Mystery Thriller“ und dergleichen. Damit könne sie gar nichts anfangen, meinte sie hörbar empört. Ich bedankte mich für ihre, wenn auch etwas verspätete, Offenheit. Mir wurde klar, wie wenig selbstverständlich die Verwendung des Begriffes „Mystik“ in seiner ursprünglichen Bedeutung heute in unserer Sprache geworden ist. Auch innerhalb der Kirche. Keiner redet mehr – fast keiner weiß offenbar mehr etwas von den „Mystikern“.

Der Dekan fand wenig später an meiner Predigt zum Thema „Mystik“ auszusetzen, dass doch nur sehr wenigen Menschen solche Erfahrungen zuteil würden und ich deshalb doch bitte noch über Erfahrungen sprechen solle, die jeder und jede kennt.

Das halte ich für einen fatalen Irrweg. Diese Gipfelerfahrungen, diese Erfahrungen von Einheit, göttlicher Liebe und Nähe, von Glückseligkeit und tiefem Frieden etc. lassen sich eben gerade nicht mit Alltagserfahrungen vergleichen.

Nicht umsonst kommt das Wort von dem griechischen „Mysterion“, Geheimnis.

Sie bleiben unaussprechlich, unbeschreibbar. Sie durchbrechen unseren Alltag und unser gewohntes Denken. Sie tragen uns in andere Dimensionen des Seins und verändern uns grundlegend: unsere Einstellungen, unser Lebensgefühl, unser Verhalten. Diese Erfahrungen Einzelner liegen unseren Religionen zugrunde. Diese lassen uns die heiligen Schriften anders verstehen. Keine Predigt kann diese ersetzen – im Gegenteil: Jede Predigt müsste auf diese Erfahrungen verweisen und zu ihnen hinführen und anleiten! Denn zu einem Geheimnis gehört jemand, der einen in das Geheimnis einweiht.

Mysterium heißt auch Geheimlehre, Geheimkult.

Denn auch wenn ich mystische – wir können auch spirituelle sagen – Erfahrungen jederzeit machen kann, ohne dass ich dazu die Hilfe von jemandem bräuchte, so hilft es mir doch, wenn ich diese hinterher mit jemandem zusammen deuten und einordnen kann, jemandem, der ähnliche Erfahrungen ebenfalls kennt.

Und wenn ich mich danach sehne, derartige Erfahrungen häufiger zu machen und diese intensiver zu erleben, so brauche ich jemanden, der mir eine Praxis, der mir bestimmte Techniken dazu vermittelt.

Einen Mystagogen, einen „ins Geheimnis Einführenden“.

Einen geistlichen Vater, eine Begleiterin. Heute, so scheint mir, wurde diese Funktion fast vollständig von Coaches übernommen. Viele moderne Coaches lehren den Weg nach innen und das viel spannender und überzeugender als die meisten Pfarrer unserer Kirche. Ich frage mich, ob diese derzeit nicht eher die modernen Geistlichen sind? In der Kirche lehne ich mich zurück und lasse einen „quatschen“, im Coaching, für das ich extra Geld bezahle, strenge ich mich an, um in meinem Leben vorwärts zu kommen?

Es gibt nur einen Weg zu Gott, Unserem ewigen Vater, den Weg nach innen. Als Jesus von Nazareth sagte Ich: „Das Reich Gottes ist inwendig in euch.“ Wer dieses innere Reich erlangen möchte, der muß den Läuterungspfad beschreiten, der ausschließlich nach innen geht; zum Urlicht der Seele, zur Gottheit im Menschen. (…)

Es bedarf großer Mühe, beständiger Selbstkontrolle und äußerster Selbstdisziplin, um die inneren Kräfte, die Kräfte der Seele, zu entwickeln. Der auf dem Weg nach innen Wandelnde muß unermüdlich an sich arbeiten und an seinem eigenen Ich rütteln. Dieser Weg nach innen, zum Reiche des Lebens, wurde zu allen Zeiten vom ewigen Geist gelehrt. Aber die Masse der Menschen wie auch die kirchlichen Obrigkeiten bejahten diesen Weg nach innen nicht, da sie nicht bereit waren, die Läuterung und Reinigung der Seele auf sich zu nehmen. All jene, die die Welt mehr liebten als Gott, ihren Vater, taten den Weg zum inneren Reich des Lebens als nichtexistent ab.

Gabriele Wittek, Mysterienschule

Die Theologieprofessorin Sabine Bobert weist auf ein interessantes Phänomen hin, wenn sie in ihrem Aufsatz „Mystik als Gegenstand nichttheologischer Wissenschaften“ schreibt:

Während die gelebte Spiritualität als akademisches Thema in der Theologie eher ein Randdasein fristet, boomt das wissenschaftliche Interesse daran in anderen Wissenschaftszweigen seit den 1990er Jahren. Vor allem Psychologie und Neurowissenschaften interessieren sich für kontemplative Erfahrungen.

Tatsächlich ist das Interesse an christlichen Meditationsformen in der evangelischen Theologie eher rar.

Als einer meiner ehemaligen Kollegen es auf einer Pfarrerfortbildung zum Thema „Seelenruhe“ wagte, das Wort „Meisterschaft“ in den Weg zu nehmen, erntete er heftigen Widerstand. Das widerspräche der Lehre, das wir vor Gott alle gleich seien und bis an unser Lebensende unperfekt blieben. So richtig letzteres sein mag, so richtig ist gleichzeitig jedoch die Erfahrung, dass dem eben gleichzeitig doch nicht so ist: Nicht jeder Mensch, sondern im Gegenteil nur sehr wenige scheiden aus diesem Leben vollständig versöhnt, selig und glücklich. Einigen jedoch gelingt es, einige erlangen schon zeit ihres Lebens „Seelenruhe“ und strahlen diese auch aus. Der Heiligenschein ist Zeugnis von diesem Phänomen, denn er symbolisiert das strahlende Licht, das von einem solchen Menschen ausgeht. Die Heiligenverehrung hat – jenseits ihres Missbrauchs – eine tiefe Berechtigung, denn wir Menschen brauchen Vorbilder, Bilder, die uns zeigen, was für uns Menschen alles möglich ist. Ein Mensch, in dem sich Schönheit, Güte und Liebe manifestiert hat, wird andere Menschen dazu animieren, diese Qualitäten ebenfalls anzustreben. Und das viel wirksamer als jede Predigt es je könnte.

Als Bild zu diesem Beitrag habe ich deshalb ein Porträt gewählt, das ich nach einem Foto eines orthodoxen Mönches angefertigt habe, der auf seinem Sterbebett liegt und mit einer nahezu faltenfreien Haut in die Ewigkeit zu blicken scheint. Ein schönes Bild für mich – eine Vision, an der ich mein Leben ausrichten kann: So friedlich und erwartungsvoll zu sterben.

Ja, wir sind alle gleich viel wert, aber deshalb nicht gleich. Der Mensch entwickelt sich, und er entwickelt sich nicht nur körperlich und geistig, sondern auch spirituell. Und dazu braucht es eine passende Gemeinschaft, den richtigen Nährboden, damit der Same aufgehen kann und nicht verdorrt.

Wenn wir nicht darüber sprechen, was mystische Erfahrungen sind, was sie auszeichnet und wie man diese öfter erleben kann, fehlt uns das elementare Verständnis dafür, was unserer Religion zugrunde liegt. Über derartige Erfahrungen zu sprechen könnte uns einander näher bringen, tieferes Verständnis aufschließen und zuletzt sogar euphorisch stimmen.