Wir alle sind ein Mensch

Ja, auch wenn sich der Satz „wir alle sind ein“ grammatikalisch falsch anhört, soll es im Folgenden um genau das gehen: Die Idee, dass wir nicht viele, voneinander getrennte Wesen sind, sondern dass wir über alle Zeiten hinweg eine Einheit bilden, ein Mensch sind.

Habt ihr euch schon einmal die Frage gestellt, warum ein Mensch, Jesus, es geschafft haben soll, alle Menschen durch seinen Tod von der Macht der Sünde, dem Getrenntsein von Gott zu befreien?

Oder andersherum: Warum angeblich alle Menschen unter den Folgen von etwas leiden sollen, was ein Mensch, Adam, irgendwann einmal getan hat?

Oder wie der Ausspruch Jesu: „Und was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan“, richtig verstanden werden kann?

Der Kirchenvater Gregor von Nyssa hat das dadurch erklärt, dass es in Wirklichkeit nicht viele, sondern nur einen Menschen oder nur eine Menschennatur gäbe, an der alle teilnehmen. Erst dadurch wird verständlich, warum durch einen sündlosen, perfekten Menschen alle frei von Sünde werden können.  Und im unserem Mitmenschen haben wir das allen Menschen gemeinsame Selbst, die gemeinsame Menschennatur, bekleidet und besucht.

Es hat mich überhaupt nicht gewundert, dass es meinen Grundschülern während meiner Lehrprobe schwer fiel, diesen Spruch Jesu zu begreifen – mir scheint, selbst die meisten Theologen nehmen ihn nicht wirklich ernst, denn – seien wir doch ehrlich, er hat etwas zutiefst beunruhigendes.

Ich und dieser zottelige, ungewaschene Berufsbettler, der den halben Tag an der Ampel sitzt, sollen in Wirklichkeit irgendwie eins sein? Oder gar ich und diese völlig inkompetente und saudoofe Frau in der Behörde, in der ich zuletzt Papiere abgeben musste?

Dennoch beantwortet diese Idee des Kirchenvaters eine Frage, die ich schon immer in Bezug auf das Christentum hatte, nämlich, wie das Leben und der Tod Jesu eine existentielle Bedeutung für mein jetziges Leben haben können. Ich könnte ja auch denken: Toll, dass Jesus so perfekt war und es gut mit der Menschheit meinte – aber was ändert das an dem Mist, in dem ich heute stecke.

Hans Ulrich von Balthasar schreibt dazu:

Christus hat, indem er individueller Mensch wurde, zugleich diese allgemeine Menschennatur angenommen und vergöttlicht, und durch sie stehen alle Menschen gleichsam in unmittelbarer, seinshafter Kommunion mit ihm. So zerbrechen die geschlossenen Monaden und werden von innen geöffnet für den Strom der vergöttlichenden Gnade. Die Menschwerdung wird also erst völlig vollzogen sein, wenn die gesamte Menschennatur, in all ihren Gliedern, durchlässig geworden ist für die Gnade der Menschwerdung, wenn aus dem Leibe ‚Adams‘ der mystische Leib Christi geworden ist.

Am stärksten wurde dieser Gedanke in der russischen Philosophie aufgegriffen. Allen voran von W.S.Solowjow mit seiner Idee von der Alleinheit. Mehr dazu findet ihr zu einem späteren Zeitpunkt hier auf diesem Blog. Versprochen!

Wie aber lässt sich nun diese Verbundenheit der gesamten Menschheit denken?

In einer Erzählung von F.M. Dostojewskij mit dem Titel „Der Traum eines lächerlichen Menschen“ stößt die Hauptperson aus Gleichgültigkeit ein kleines Mädchen in Not von sich und erkennt plötzlich in einem Traum, wie diese seine Sünde mit der Sünde aller Menschen zusammenhängt. Der eine stößt den anderen von sich weg und so geht es immer fort und fort vom einem zum anderen… und der „lächerliche Mensch“ beginnt zu verstehen, dass er  nicht nur die Schuld für sein eigenes Vergehen, sondern die Schuld für alle Vergehen der Menschen, alles Leid der Welt trägt– er ist sich plötzlich sicher, dass er allein, durch seine Tat, nicht nur eine Sünde begangen hatte, sondern überhaupt er, als ein Mensch, der einen anderen Menschen abgewiesen hatte, verantwortlich war für den Sündenfall und für alles, was danach kam. Und der „lächerliche Mensch“ zieht aus, um zu predigen und die Schuld aller auf sich zu nehmen und eben diese alle halten ihn für verrückt und belächeln ihn milde– sie nehmen ihn nicht ernst, er aber liebt sie dafür nur um so mehr!…

Dostojewskij versucht hier zu beschreiben, dass alle Menschen zwangsläufig aufeinander einwirken, nicht nur unmittelbar, sondern über Kontinente, über Generationen hinweg. Alles wird weitergegeben, jedes Verhalten, jeder Gedanke. Die integrale Theorie geht davon aus, dass geistige Inhalte, Informationen, sich ebenso wie Organismen oder wie die DNA fortpflanzen. Es gäbe demnach also eine doppelte Verbundenheit: Die über die Biologie und die über den Geist.

So ist meiner Meinung nach auch Paulus Bild von dem einen Leib zu verstehen. Paulus schreibt in seinem Brief an die Römer im 5. Kapitel:

Genauso, wie eine einzige Verfehlung allen Menschen die Verdammnis brachte, bringt eine einzige Tat, die erfüllt hat, was Gottes Gerechtigkeit fordert, allen Menschen den Freispruch und damit das Leben. Genauso, wie durch den Ungehorsam eines Einzigen alle zu Sündern wurden, werden durch den Gehorsam eines Einzigen alle zu Gerechten.

Doch kommen wir mit all dem selbstverständlich an unsere denkerischen Grenzen. Auch das Ego wehrt sich mit voller Macht: Ich will nicht mit dieser/diesem schrecklichen/blöden/grausamen etc. Mann/Frau verbunden, gar noch eins sein!

Voll und ganz wird diese Einheit wohl nur in der mystischen Erfahrung erlebt und als wahr erkannt werden können, in der wir nichts als Liebe und Frieden spüren.

Was meint ihr dazu? Ein ganz abwegiger Gedanke oder tiefe Wahrheit?

 

Modul GEIST: Ruhegebet

Ich möchte euch eine Gebetspraxis vorstellen: Das Ruhegebet. Im Osten eher Herzensgebet, im Westen Jesusgebet genannt. Es gibt sowohl im West und Ost verschiedene Schulen. Gemeinsam ist, dass der Name Jesu wie ein Mantra wiederholt wird. Am häufigsten geschieht das in der Form: „Jesu, Sohn Gottes, erbarme dich meiner“, doch auch zahlreiche Kurzformen wie „Jesu, erbarme dich“ oder „Christe eleison“ sind möglich. Peter Dyckhoff, Autor zahlreicher Bücher zum Ruhegebet, schlägt selbst vor, die Formel intuitiv auszuwählen, da sie dann am ehesten zum Beter passt. Ich habe damit persönlich gute Erfahrungen gemacht.

Die Wiederholung der Gebetsformel wird teilweise mit der Konzentration auf den Atem verbunden. Tatsache ist jedoch, dass der Atem durch die Fokussierung auf das Gebet sich ohnehin verlangsamt und gleichmäßiger wird.

Zwar ist der Satz als Bitte formuliert, doch es handelt sich nicht um ein Bittgebet, das zum Ziel hätte, Gott Bitten oder Wünsche vorzutragen. Ziel des Gebets ist die Erlangung eines Zustandes, einer tiefen inneren Ruhe, im griechischen Sprachraum Hesychia, Ruhe/Stille, genannt. Die Bewegung, die sich dieser Gebetspraxis widmet, nennt sich Hesychasmus. Es geht ums Loslassen, Gelassenheit und den Seelenfrieden und schlussendlich um eine direkte persönliche Gotteserfahrung. Das Zentrum dieser Bewegung war im Mittelalter die Mönchsgemeinschaft auf dem Berg Athos. Eine theoretische Erklärung für die zahlreichen Lichtvisionen, die als Folge der Gebetspraxis auftraten, formulierte im 14. Jahrhundert der Theologe Gregorius Palamas. Zwar sei Gottes Wesen schlussendlich für uns Menschen unergründlich, doch seine Energien – und damit auch das göttliche Licht – könnten durchaus direkt wahrgenommen werden. (Aus dieser Annahme folgen eine Reihe knifflicher Streitpunkte zwischen Ost und West, auf die ich an dieser Stelle nicht eingehen will.)

Die biblische Begründung für die Praxis findet sich im 1. Thessalonicher 5, wo Paulus die Christen auffordert, „ohne Unterlass“ zu beten.

16 Seid allezeit fröhlich, 17 betet ohne Unterlass, 18 seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.

Entscheidender als dieses Wort dürfte aber die praktische Weitergabe einer Tradition sein, die sich immerhin bis auf die Wüstenväter zurückverfolgen lässt.

Wer zum ersten Mal von einer solchen Gebetsweise hört, dem kann ich die Bücher von Peter Dyckhoff oder Emmanuel Jungclaussen empfehlen. Peter Dyckhoff beruft sich in seinen Werken zum Ruhegebet auf Johannes Cassian, einen Kirchenvater des 5. Jahrhunderts, der das Gebet nach Aufenhalten bei den Wüstenmönchen auch in der Westkirche bekannt machte. Jungclaussen hingegen bezieht sich auf die Praxis in der Ostkirche.

Ohne irgendeine Anleitung oder, was noch besser ist, eine persönliche Begleitung, draufloszupraktizieren, ist keine gute Idee. Dabei kann schnell die Freude vergehen. Viel besser ist es, das Ganze behutsam und langsam anzugehen und das Erlebte im Gespräch oder durch ein gutes Buch zu verarbeiten.

Von der Meditation unterscheidet sich das Gebet dadurch, dass es sich direkt an eine Person richtet und damit dialogisch orientiert ist. Ansonsten können wir hier mit gutem Recht von einer christlichen Meditationsform sprechen, wenn wir „Meditation“ als eine Praxis verstehen, die uns in andere Bewusstseinszustände versetzt. Oft begegnet uns in diesem Zusammenhang der Begriff „Versenkung“, der es meiner Erfahrung nach gut trifft, da es sich wirklich wie ein immer tieferes Fallenlassen in etwas/jemanden anfühlt. Die körperlichen Auswirkungen sind ebenfalls vergleichbar mit denen einer buddhistischen Meditationspraxis. Es gibt also keinerlei zwingenden Grund, als Christ fremde Traditionen nachzuahmen. (Auch wenn es uns selbstverständlich frei steht, diese auszuprobieren. 😉)

Zunächst geht es darum, die vielen lärmenden und uns bedrängenden Gedanken 1. erst einmal wahrzunehmen, 2. sie dann sanft weiter ziehen zu lassen und 3. in eine Stille einzutauchen, die uns wohltut und beruhigt. Besondere Erfahrungen, wie Lichtschau oder  Visionen, die in der Folge möglich sind, oder Auswirkungen auf unsere Person über die Gebetszeiten hinaus, kommen meist erst nach einer längeren Zeit andauernden Praxis.

Um diese Zustände schneller zu erreichen und in tiefere Bewusstseinszustände zu kommen, sind regelmäßige Gebetszeiten wichtig. Dyckhoff empfiehlt zweimal am Tag 20 Minuten lang. Als Mutter eines kleinen Kindes kann ich sagen, dass es besser ist, überhaupt zu praktizieren als gar nicht, auch wenn es durch die Umstände bedingt zeitweise nicht möglich ist, einen solchen strikten Tagesablauf einzuhalten.

Eine moderne Form des Gebetes finden wir bei Sabine Bobert, Professorin für Theologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, in ihrem Werk „Mystik und Coaching“ von 2011. Ich habe das Buch bisher nicht gelesen und ihre Methode daher nicht selbst ausprobiert, habe aber vor, darüber zu berichten, sobald ich dazu komme.

Hat eine/r von euch schon Erfahrung mit dieser Gebetsweise gemacht?

 

 

Integral Christianity. The Spirit’s Call to Evolve

Heute stelle ich euch ein Buch vor, auf das mich ein Kollege aufmerksam gemacht hat. (Dafür an dieser Stelle ausdrücklich herzlichen Dank, Christian Schmill!)

Kaum hatte ich die ersten Seiten gelesen, konnte ich es schon kaum erwarten, euch dieses wunderbare Buch vorzustellen und habe erst mal viel Zeit mit Lesen verbracht. Es geht um „Integral Christianity. The Spirit’s Call to Evolve“ von Paul Smith.

Es erschien 2011 und ist bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt worden – ich denke aber, es ist nur eine Frage der Zeit, bis dies passiert.

Das Buch hat sich für mich auf jeden Fall gelohnt. Es ist eines der wenigen Bücher, die mich richtig glücklich gemacht haben, ich hatte viele Aha Effekte, viel Lächeln auf den Lippen beim Lesen.

Der Autor ist Pastor und Gründer einer integralen Gemeinde – vermutlich der ersten dieser Sorte weltweit.

Nun der Versuch einer – selbstverständlich subjektiven – Zusammenfassung der zentralen Gedanken des Buches. Es beginnt mit den Worten: „Ich liebe Gott. Ich liebe Jesus. Ich liebe die Kirche. Dies ist ein Buch über diese drei Lieben.

Ein Leben lang habe er einen Kampf mit der bestehenden Kirche geführt. In seinem Buch versuche er, ein neues Modell des Christ- und Kirche-seins vorzustellen

„Ich will Gott sehen und erfahren, wie es Jesus getan hat. Das ist die Seele dieses Buches.

In Anlehnung an das Navigationssystem GPS nennt er seinen Ansatz SNS (spirituelles Verortungssystem). Dieses gliedert er – inspiriert durch Ken Wilbers Philosophie – in fünf Punkte, die er Satelliten nennt. Diese sind: 1. Ebenen der Bewusstseinsentwicklung, 2. Bewusstseinszustände, 3. Die drei Gesichter Gottes, 4. Schattenarbeit, und 5. Schritte zur Weiterentwicklung. (Im Englischen heißen sie stages, states, standpoints, shadow work, steps und beginnen damit alle mit dem buchstaben S). Diese sollen helfen, sich spirituell zu verorten und zu wachsen

Eine ideale Kirche ist für ihn nun diejenige, in der sich Menschen in allen diesem Punkten gemeinsam weiterentwickeln können.

Wenn Smith von Ebenen der Bewusstseinsstufen spricht, bezieht er sich weder auf Spiral Dynamics noch auf Ken Wilber, sondern das Buch „Integrales Bewusstsein“ von Steve McInthosh (das ich noch nicht kenne). Doch die beschriebenen Stadien sind in all diesen Fällen ähnlich. Es gibt die übergeordnete Bewegung von einem egozentrischen über einen ethnozentrischen zu einem weltzentrischen Standpunkt. Darüber hinaus unterscheidet er sechs Ebenen: Stamm, Krieger, traditionell, modern, postmodern und integral.

Ausgehend von diesen unterscheidet und beschreibt er die jeweils einer Ebene entsprechenden Kirchen, Gottesvorstellungen, Jesusbilder, das Verständnis von Sünde, Gebetsweisen. Anschließend weist er auf deren jeweilige Stärken und Schwächen hin. Die Schwächen sind dabei ausschlaggebend zur Weiterentwicklung, die Stärken dagegen werden auf der nächsthöheren Ebene integriert.

Warum Menschen von einer Ebene zur anderen übergehen, erklärt er beispielsweise so:

„Der Tornado fegte durch unser Gebiet und tötete dabei fünf Menschen. Aber Gott hat uns verschont.“ Das ist ein komfortabler Gedanke für jeden mit Ausnahme der Familien derer, die dabei ums Leben kamen.

Das nenne ich: Genial und kurz erklärt. Herrlich!

Der Glaube entwickle sich zunächst 1. von dem an einen Stammesgott, der bestraft, belohne und beschütze, über den 2. an einen Kriegsgott, der zornige Rache übe und über seine Feinde richte hin zu dem 3. an den traditionellen Gott als gerechter Richter und Regent und persönliches Gegenüber. Der Mystik gegenüber herrscht Misstrauen.

Die traditionelle Kirche denkt solange hoch von Mystikern, solange sie tot sind. Je länger sie bereits tot sind, desto besser. Vielleicht sind die einzig wirklich gesicherten die, die in der Bibel vorkommen, wo man sie als einmalig ansehen kann.

Darauf komme der 4. moderne und liberale Glaube, der ein neues Gottesverständnis fordert, wissenschaftliche Bibelauslegung betreibt, die Bibel als eine Sammlung von Mythen und Legenden ansieht und Jesus „nur noch“ als besonderen Menschen und Vorbild verehrt. Auf der 5. postmodernen Stufe werde erkannt, dass alles durch das Bewusstsein vermittelt sei und es keine absoluten Werte mehr gäbe, alles also relativ und andere Religionen gleichwertig seien. Werden mystische Erfahrungen davor noch als Halluzinationen angesehen, werden sie nun neu gesucht. Eine Schwäche sei hier jedoch die völlige Ablehnung jeglicher hierarchischen Ordnung. An vorerst letzter Stelle steht 6. die integrale Stufe, die als erste den Entwicklungsweg erkennt und jede darin enthaltene Etappe wertschätzt.

Von einem integralen Standpunkt aus läse sich die Bibel als ein einzigartiges Zeugnis von spiritueller Entwicklung der Menschheit. Jesus offenbare sich als einen integralen Denker, der um die verschiedenen Ebenen spiritueller Entwicklung weiß.

Viele Begebenheiten mit Jesus lassen sich anders verstehen, wenn wir ausgehen, dass er sich aufgrund dauerhafter spiritueller Praxis und Erleuchtung dauerhaft in anderem Bewusstseinszustand befand, einem tiefen Wissen um die Verbundenheit mit Gott. Deshalb konnte er beispielsweise heilen, Gedanken lesen oder mit Toten sprechen.

Auch seine Jünger und die Christen seien bis heute fähig, solche besonderen Bewusstseinszustände selbst zu erleben. Die Selbstdefinition der frühen Christen erfolgte über gemeinsame Erfahrungen dieser Art, nicht über Lehrsätze. Erst später wurde die Kirche als Verbündete des Staates selbst der größte Feind von individuellen spirituellen Erfahrungen. Sie begann Dogmen zu lehren statt zu Gebetstechniken anzuleiten.

Der Autor berichtet an dieser Stelle über seine eigenen spirituellen Erfahrungen, die über die Jahre immer reicher und tiefer wurden und ermutigt uns, eigene Praktiken auszuprobieren.

Der Autor unterscheidet die drei Gesichter Gottes:

Jesus spoke about God, to God, and as God. Jesus redete über Gott, zu Gott und als Gott.

Diese Gesichter Gottes seien auch für uns ein Modell für eine ideale Gottesbeziehung. Im Westen sei man es gewohnt, über oder zu Gott zu reden, doch das dritte Gesicht bereite vielen große Schwierigkeiten. Es ginge darum in seinem tiefsten Inneren auf das Göttliche, das wahre Selbst, zu treffen, durch das wir alle eins sind. Das bedeute aber auch, dass wir den Glauben, dass Jesus der einmalige und einzige Sohn Gottes sei, aufgeben müssten. Anstatt Jesus als Mensch zu sehen, der seine Göttlichkeit entdeckt habe, sähe man Jesus häufig als Gott, der zu den Menschen hinabgestiegen sei, um den Zorn Gottes über die Sünden der Menschheit auszutilgen. Die Lehre der Ostkirche, die Theosislehre, entspräche eher der biblischen Botschaft, wonach Gott Mensch geworden sei, damit der Mensch vergöttlicht (vereint mit Gott) werde.

Schließlich beschreibt er jeden Menschen als ein Fraktal Gottes, also als einen Teil, der gleichzeitig immer auch das Ganze in sich trage. Das Reich Gottes sei das Leben auf dieser höchstmöglichsten Bewusstseinsstufe, die diese Wahrheit, ein Teil Gottes zu sein, tief verinnerlicht habe.

Um spirituelles Wachstum zu beschreiben, bedient er sich des Bildes einer Rolltreppe: Jeder kann in seiner Religion Stockwerk für Stockwerk nach oben reisen. Ein Religionswechsel sei dazu unnötig, wenn nicht sogar kontraproduktiv, da die Gefahr bestehe, dass man sich nur die Rosinen rauspicke, an den eigentlichen Herausforderungen aber vorbeigehe. Viel sinnvoller sei es, die eigene Tradition nach und nach immer besser verstehen und kennen zu lernen.

Weiter entwirft er eine Vision für die integrale Kirche und zählt derzeit existente Trends in und außerhalb der Kirche auf. Dabei setzt er sich intensiv mit der New Age Bewegung – von ihm „Spirituell, aber nicht religiös“-Bewegung genannt – auseinander. Als Modell für eine integrale Kirche beschriebt er seine eigene Kirche, die Broadway Church.

Auf vielfache Anfrage möchte ich noch folgendes ergänzen:

Die markantesten Unterschiede des Buches zu Gott 9.0 aus meiner Sicht:

Zwar werden jeweils verschiedene Ebenen voneinander unterschieden, doch beschreibt Smith lediglich sechs Ebenen, und damit weniger als bei Graves/SD und folglich auch bei Gott 9.0, es fehlt sowohl nach unten hin das Äquivalent zu beige als auch nach oben zu Türkis und Koralle. Während in Gott 9.0 noch jeweils die Beschreibung der beigen, purpurnen etc. Gesellschaft erfolgt, konzentriert sich Smith voll und ganz auf die religiösen Inhalte. Besonders aufschlussreich und äußerst treffend fand ich hier die beschriebene Entwicklung davon, was jeweils unter „Sünde“ und jeweils unter „Mystik“ verstanden wird.

Die große Stärke des Buches sehe ich in noch einem anderen Punkt: Es ist das sehr persönliche Zeugnis eines Leiters einer Gemeinschaft, die sich unter seiner Leitung zu einer integralen Gemeinde entwickelt hat. Deshalb bekommen die wichtigsten Fragen, die sich dabei unweigerlich stellen, Raum: 1. Die der Hermeneutik. Wie können integrale Christen die Bibel neu lesen? Und 2. die der Ekklesiologie. Wie kann eine integrale spirituelle Praxis konkret in der Gemeinde und im Gottesdienst gelebt werden?

Mein Fazit: Dem Autor ist eine hervorragende Übertragung von integralem Gedankengut auf das Christentum gelungen. Er stellt sich – als ein authentisches Gegenüber – allen diesbezüglich bedeutsamen Fragen und Zweifeln. Dadurch gelingt ihm eine Art einzigartige Versöhnung von Christentum und New Age. Wem diese Art Vermischung allerdings zu synkretistisch ist, sei von dem Buch abgeraten.

Ein Kritikpunkt meinerseits ist momentan:

Der Autor erklärt, dass man beim Übergang von einer Bewusstseinsebene zur nächsten einiges an Ballast loswerden müsse. Das mag sein, doch was genau da jeweils ist, darüber wird man sich streiten müssen. Für ihn gehört dazu vor allem die traditionelle Trinitätslehre und Soteriologie. Hier fehlt mir eine gelungene Integration der wichtigen Wahrheiten und Erkenntnisse, die diese Lehren mit sich bringen. Mit einem „einfach über Bord werfen“ macht man es sich m.E. zu leicht.

Der Autor hat große Probleme damit, Jesus als einmalig zu bekennen, weil es uns angeblich die Chance raube, unsere eigene Göttlichkeit zu erkennen und auszuleben. Das mag sich in der Realität häufig so auswirken. Gleichzeitig geht es mir so, dass ich (und andere scheinbar auch, der Autor eingeschlossen) (vielleicht auch deshalb) wirklich noch keinen anderen Menschen getroffen hätten, der wie Jesus voll und ganz vergöttlicht gewesen wäre. Deshalb bleibt er für mich der einzigartige und erste Sohn Gottes. Auch die klassische Trinitätslehre enthält für mich in ihrer Tiefe zu viel Weisheit, als dass ich sie durch die vergleichsweise primitive Redeweise von den drei Gesichtern Gottes ersetzen lassen wollte.

 

Was meint ihr dazu?

 

Ihr findet die Homepage der Gemeinde hier:

https://www.broadwaychurchkc.org/beliefs

Und über den Autor erfahrt ihr hier etwas:

http://www.revpaulsmith.com