„Ihr seid Götter!“

Die uns eigene zeitlose und raumlose Innerlichkeit ist niemand anderer als Gott.

Allen Lesern meines Blogs wünsche ich ein gesegnetes frohes neues Jahr! Es freut mich, dass der Blog im vergangenen Jahr gut angelaufen ist und ich bin gespannt, wie er sich in diesem Jahr weiter entwickeln wird – allen, die meine Artikel lesen und fleißig teilen, herzlichen Dank dafür!

Heute möchte ich euch zu Beginn des Jahres etwas mitgeben, was für den einen oder anderen ein alter Hut sein mag, sich für mich aber vor kurzem noch einmal in gänzlich neuer Tiefe und Intensität erschlossen hat: In einem abendlichen Adventgottesdienst, während dem Singen in der von Kerzen erleuchteten Dunkelheit, da war sie plötzlich da, eine neue, unerschütterliche Gewissheit, eine Art Mini-Erleuchtung, die mich nie wieder ganz verlassen wird.

Iсh erinnerte mich an einen Satz, den ich neulich bei Jim Marion gelesen und auf Anhieb geliebt habe. Jim Marion knüpft darin zunächst an eine Erfahrung an, die wir Menschen alle mehr oder weniger gut kennen: Dass ein Teil von uns, während wir aufwachsen und älter werden und unsere Erfahrungen machen, immer gleich zu bleiben scheint. Dieser Teil bleibt völlig unabhängig davon, was wir im Spiegel sehen, er bleibt auch eigentümlich unberührt davon, wenn wir auf einer anderen Ebene heftige Emotionen erleben wie Wut, Angst oder Schmerz, ja er scheint geradezu unfähig dazu, diese zu empfinden.

Dieser Teil von uns scheint zeitlos (und es ist auch tatsächlich). Er scheint auch raumlos (und ist es auch tatsächlich), da er sich nicht im Geringsten verändert hat, auch wenn wir jetzt in Kalifornien leben, unsere Kindheit dagegen in Illinois verbracht haben. Diese uns eigene zeitlose und raumlose Innerlichkeit (die der zeit- und raumlosen Innerlichkeit in allen anderen Menschen entspricht), ist niemand anderer als Gott.

(Jim Marion, Der Weg zum Christusbewusstsein, S. 192)

Und plötzlich – bang! – war Gott überall, in mir, in den anderen, im Fenster, in der Musik. Es ist so einfach und taucht doch alles in neues Licht, wenn es tief einsickert in uns.

Ich und viele andere integrale Christen glauben, dass Jesus aus einem tiefen Bewusstsein heraus gelebt hat, dass sein Wesenskern und Gott identisch sind.

Jesus sollte mit dem Tode bestraft werden, weil er sich selbst göttlich nannte:

Da hoben die Anwesenden wieder Steine auf, um ihn zu steinigen. Jesus hielt ihnen entgegen: »Ich habe im Auftrag des Vaters vor euren Augen viele gute Taten vollbracht. Für welche dieser Taten wollt ihr mich steinigen?« Die Juden antworteten ihm: »Wir steinigen dich nicht wegen einer guten Tat, sondern wegen Gotteslästerung: Du bist ein Mensch und gibst dich selbst als Gott aus.«

Jesus antwortete ihnen: »Steht nicht sogar in eurem Gesetz: ›Ich habe gesagt: Ihr seid Götter‹? (zitiert wörtlich Psalm 82,6)

Das Gesetz nennt also diejenigen Götter, an die Gott sein Wort richtete. Und die Heilige Schrift darf man ja nicht aufheben! Der Vater hat mich zu seinem Vertreter gemacht und in diese Welt geschickt. Wie könnt ihr mir Gotteslästerung vorwerfen, wenn ich sage: ›Ich bin der Sohn Gottes? Wenn das, was ich tue, nicht das Werk meines Vaters ist, dann braucht ihr mir nicht zu glauben. Wenn ich aber solche Taten vollbringe, dann glaubt wenigstens ihnen, wenn ihr mir schon nicht glauben wollt. An diesen Taten sollt ihr erkennen und immer sicherer werden: Der Vater ist in mir gegenwärtig und ich bin im Vater gegenwärtig.« Da versuchten die Anwesenden erneut, ihn festzunehmen. Aber er konnte ihnen entkommen.

(Johannes 10, Basis Bibel, www.die-bibel.de)

Jesus wusste: Ich bin Gottes Sohn. Doch er behauptete an keiner Stelle, dass er der einzige Sohn Gottes war. Indem kirchliche Lehre Jesus zum einzigen Sohn Gottes erklärt, verhindert sie bis heute erfolgreich, dass andere ihre Sohn- und Tochterschaft im vollen Sinne erkennen können. Auch wenn Menschen es ahnen, spüren, glauben – es darf ja nicht sein! Jesus ist immer irgendwie „mehr Gott“ als andere, der „einzig geborene Sohn“. Das geht so weit, dass manche bis heute an der Idee festhalten, Gott sei „männlich“, da er sich ja in einem Mann geoffenbart hat – wie wenn Gott da irgendwo hoch droben ein eindeutiges biologisches Geschlechtsmerkmal hätte 😉

Wir glauben irrtümlicherweise, dass Jesus – und nur Jesus – Gottes Sohn war und dass alle anderen Menschen darum geringer als Jesu sind. (Jim Marion, S.202)

Dem ist nicht so! Ja, als Persönlichkeit ist Jesus einzigartig: Nur er konnte das tun, was er getan hat und nur er hat es getan. Doch wir alle haben dieselbe menschlich-göttliche Natur, denselben Wesenskern, diese raum- und zeitlose Innerlichkeit. Durch JEDEN MENSCHEN FLIESST GOTTES ATEM GLEICHERMASSEN. Und jeder hat darin seinen Platz, seine Berufung, seine Funktion, seinen Sinn. Nur weil wir außerhalb von Raum und Zeit so untrennbar miteinander verbunden sind, kann Jesus überhaupt auf unsere Seele, unseren Wesenskern, Einfluss haben und uns erlösen – von den zahlreichen Verstrickungen in der Raumzeit. Und nur indem wir diese Verbundenheit erkennen, werden wir fähig dazu, jeden Menschen bedingungslos zu lieben.

In den orthodoxen Kirchen ist dieser Irrtum übrigens weit weniger ausgeprägt, da die „Vergöttlichung (Theosis)“ direkt angestrebt wird. Mir scheint bis heute, dass sie da irgendwie wesentlich mehr verstanden oder bewahrt haben…

Ich glaube nicht, dass Jesus uns klein machen wollte oder uns minderwertig fühlen lassen. Er hätte vermutlich kein Problem damit gehabt, wenn Petrus genauso auf dem Wasser gewandelt wäre wie er oder seine Jünger so viele Kranken geheilt hätten wie er – ganz im Gegenteil, er hätte sich gefreut. Sonst hätte er doch nicht folgendes gesagt:

Der Vater ist immer in mir gegenwärtig. Er vollbringt seine Taten durch mich. Glaubt mir: Ich bin im Vater gegenwärtig und der Vater ist in mir gegenwärtig. Wenn ihr das so nicht glauben könnt, dann glaubt es wenigstens wegen der Taten. Amen, amen, das sage ich euch: Wer mir (Änderung d.Verf.) glaubt, wird genau solche Taten vollbringen, wie ich sie vollbringe. Ja, er wird sogar noch größere Taten vollbringen, als ich sie vollbracht habe.

(Johannes 14, Basis Bibel, http://www.die-bibel.de)

Es ist unsere schöne und herausfordernde Aufgabe, die Göttlichkeit in uns und anderen Menschen zu erkennen und zu feiern. Aus welchem Grund sonst hätte Jesus sagen können: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25), wenn nicht aus diesem, dass wir im tiefsten Inneren eins sind, dass in unserer Innerlichkeit wir alle mit Gott selbst zusammenfallen.

Jim Marion – Christusbewusstsein

„Das erste Buch, das in aller Klarheit den gesamten spirituellen Weg des Christentums beschreibt“

Heute will ich euch das Buch „Der Weg zum Christusbewusstsein. Eine Landkarte für spirituelles Wachstum in die Tiefe der Seele“ von Jim Marion vorstellen.

Auf dem Buchrücken heißt es:

Gestützt auf das Werk des bekannten Bewusstseinsforschers Ken Wilber – der das Vorwort zu diesem Buch geschrieben hat – und auf das Modell der stufenweisen Bewusstseinsentwicklung, zeichnet der Verfasser unter Berücksichtigung der neuesten Erkenntnisse auf dem Gebiet der Psychologie, der auch des Neuen Testaments und so bedeutender christlicher Mystiker wie Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz eine Karte, die uns Schritt für Schritt zu dem Bewusstsein hinführt, das Jesus als das Reich Gottes bezeichnete – zur höchsten Stufe der spirituellen Entwicklung des Menschen.

Er selbst bezeichnet es in der Einführung als

das erste Buch, das in aller Klarheit den gesamten spirituellen Weg des Christentums beschreibt. (S. 15)

Ken Wilber stimmt dem in seinem Vorwort zu und erklärt, was es damit auf sich hat:

Das klingt zunächst recht grandios […] ist […] jedoch weit weniger grandios, als [es] klingt. Denn mit dem „gesamten Weg“ meint Jim Marion einen Weg, der nicht nur die grundlegenden Stufen spiritueller Entwicklung umfasst, die von den großen Weisen und Heiligen so unübertrefflich beschrieben wurden, sondern auch die psychologischen Entwicklungsstufen, die erst kürzlich von modernen Entwicklungspsychologen {wie Jean Piaget, Jane Loevinger, Robert Kenan, Lawrence Kohlberg und Carol Giligan) entdeckt wurden. Ein wirklich vollständiger Weg würde [diese Stufen, Erg.] miteinander verbinden. (S. 13)

Die Verknüpfung der Stufen und deren Bezeichnung übernimmt Jim Marion eins zu eins von Ken Wilber. Was sein Buch eigentlich erst originell macht, ist die Verknüpfung mit seiner extrem offen geschilderten Erzählung seiner eigenen spirituellen Biografie.

Jim Marion trat mit fünfzehn Jahren in ein katholisches Kloster ein, das er siebeneinhalb Jahre später wieder verließ. Danach machte er Karriere als Jurist. Lange Zeit rang er mit seiner Homosexualität, bis er schließlich seinen Frieden damit fand.

Die Kern-Thesen seines Buches sind:

  1. Jesus habe mit seiner Rede vom „Reich Gottes“ die höchste Stufe der spirituellen Entwicklung des Menschen gemeint – keinen Ort. Das Ziel eines jeden Menschen sei es, dieses Bewusstsein zu erlangen und so im Reich Gottes zu leben. In diesem wird keine Trennung mehr zwischen Gott und Mensch und zwischen Mensch und Mensch wahrgenommen.

Für Jesus und Mutter Teresa war die nicht-duale Schau dieser Welt keine Frage der Phantasie. Sie taten nicht nur so, als ob es zwischen ihnen und Gott oder zwischen ihnen und anderen Menschen keinerlei Trennung gäbe. […] In Wahrheit war es ihnen nicht möglich, auf andere Weise zu sehen

2. Die Kirche oder vielmehr die Menschen, aus der diese besteht, haben das bis heute häufig falsch gelehrt, weil sie noch nicht die Entwicklungsstufe erreicht haben, auf der sie fähig sind, diese Wahrheit zu erkennen. Jede Religion neige deshalb nach dem Tod ihrer Gründer zu einem Rückschritt.

Sie verstehen und interpretieren diese Mystiker immerzu falsch, weil die Stufe ihres eigenen spirituellen Bewusstseins noch nicht hoch genug ist, um erkennen zu können, wovon die Mystiker sprechen.

3. Jesus selbst habe vor zwei Problemen gestanden: Erstens übersteige das nonduale Bewusstsein den Verstand des Menschen und lasse sich deshalb mit Worten nicht hinreichend ausdrücken. Zweitens konnte nur derjenige Jesus richtig verstehen, der sich bereits selbst auf einer höheren Bewusstseinsstufe befand.

Selbst wenn die Schau des Reiches Gottes durch eine poetische oder metaphorische Sprache klar zum Ausdruck gebracht wird, können die Zuhörer oder Leser sie dennoch nur dann wirklich verstehen, wenn auch sie dieses nicht-duale Bewusstsein bereits verwirklicht haben.

4. Auf dem Weg zu diesem Ziel durchlaufe jeder Mensch einen Entwicklungspfad mit insgesamt neun Bewusstseinsstufen:

  1.  Archaisch
  2. Magisch
  3. Mythisch
  4. Rational
  5. Schau-Logik
  6. Medial
  7. Subtil
  8. Kausal
  9.  Non-Dual

5. In der Beschreibung dieser Stufen lehnt er sich eng an die Terminologie von Ken Wilber in dessen Eros, Logos, Kosmos an. Die ersten fünf Stufen stammen u.a. aus der Forschung zur kognitiven Entwicklung von Jean Piaget und den Kulturstudien von Jean Gebser. Die darauf folgenden noch höheren Stufen werden von Mystikern aller Traditionen beschrieben. Wenn euch das näher interessiert, werde ich sie hier demnächst ausführlich schildern.

6. Um den Übergang zum subtilen und schließlich kausalen Bewusstsein (auch Christusbewusstsein) zu beschreiben, bedient er sich Schilderungen aus der christlichen Tradition. Die „Dunkle Nacht der Sinne“ führt in das subtile Bewusstsein hinein, die „Dunklen Nacht der Seele“ schließlich in das Christusbewusstsein, die kausale Stufe. Diese bezeichnen äußerst schwierige Lebensphasen im Anschluss an eine intensive Meditation- und Gebetspraxis, in denen alte negative Emotionen und Neurosen frei werden.

Für mich war es das traumatischste Ereignis in meinem Leben. Das Entsetzen ist unbeschreiblich. 

7. Weil nicht jeder/kein Mensch in der Lage ist, innerhalb eines Lebens die neun Stufen des Bewusstseins zu durchlaufen, gäbe es die Reinkarnation.

Wer in diesem Leben die nicht-duale Bewusstseinsstufe nicht erreicht, muss in der Regel auf diesen oder auf einen anderen stofflichen Planeten zurückkehren, bis es ihm gelingt.

8. Jesus Christus sei als einziger Mensch bereits mit dem nondualen Bewusstsein zur Welt gekommen. Durch seinen Tod und seine Auferstehung habe er ein Sinnbild geliefert für den spirituellen Weg durch die dunkle Nacht der Seele hin zum nondualen Bewusstsein.

9. Für unseren eigenen Weg empfiehlt er eine konsequente, regelmäßige Praxis wie es die integrale Lebenspraxis sei.

10. Religion habe nur eine wesentliche Aufgabe, auf die sie sich zurück besinnen solle.

Die einzig grundlegende Aufgabe der Religion besteht darin, die Entwicklung des Bewusstseins zu beschleunigen.

Fragen, die mir bei der Lektüre spontan kamen, waren unter anderem:

  1. Der Autor scheint von der Praxis/Übungen christlicher Mystik (Jesus-Gebet, Herzensgebet, Sammlungsgebet etc.) äußerst wenig Kenntnisse zu besitzen und das im Jahr 2000. Sind diese immer noch derart unbekannt?
  2. Der Autor fügt im Anschluss an Ken Wilber die ersten fünf der kognitiven Entwicklung mit den letzteren vier der spirituellen Entwicklung zu neun Stufen zusammen. Diese Zusammenfügung ist eine spannende Idee und offensichtlich mit den Erfahrungen von Jim Marion kompatibel, aber derzeit wissenschaftlich nicht belegbar. Für den Bewusstseinsforscher Graves waren die Bewusstseinsstufen nach oben hin offen, da in der Zukunft liegend. Ist also des Rätsels Lösung, dass wir Jesus und andere Mystiker als Menschen der Zukunft verstehen, die uns vorgelebt haben, wie es mit der Menschheit als Ganzem weitergeht?
  3. Themen der heutigen Esoterik-Literatur, sind offenbar Themen der medialen Bewusstseinsstufe: Aura lesen, Channeling, Klarfühligkeit, Klarhörigkeit, Klarsichtigkeit etc. Ist das starke Interesse an Esoterik also eher als ein positives Zeichen zu werten, das davon zeugt, dass bereits viele Menschen sich dieser Ebene annähern (wollen)? Wie verhält sich das dann aber zu der Einschätzung von Spiral Dynamics, dass derzeit nur wenige Prozent der Menschheit die integrale Bewusstseinsstufe erklommen haben?
  4. Bei der Rede von der medialen Bewusstseinsstufe tauchen plötzlich wieder Engel, Luzifer, Dämonen etc. auf – wie lässt sich diese Rede von der auf einer prärationalen Stufe unterscheiden?

Ein wunderbares Interview von Janet Conner mit Jim Marion über sein Buch „Der Weg zum Christusbewusstsein“ und die Rolle, die Ken Wilber dabei gespielt hat, könnt ihr euch hier (auf Englisch) anhören:

https://www.unityonlineradio.org/soul-directed-life/jim-marion-author-putting-mind-christ-and-death-mythic-god