Die negativen Folgen von Meditation

Begleiterscheinung spirituelle Krise

Ja, ihr habt richtig gelesen!

Eine Freundin von mir hat vor einiger Zeit eine Ausbildung zur Yogalehrerin gemacht. Wenn von Meditation oder Yoga die Rede ist, dann wird häufig von den positiven Folgen gesprochen für die Gesundheit, die Fitness und für die Konzentrationsfähigkeit. Das Meditation aber eigentlich immer auch noch andere Folgen nach sich zieht, darüber wird weniger gesprochen. Und deshalb überraschte es meine Freundin, wie müde und anstrengend die Ausbildung sie manchmal machte. Manchmal kamen auch starke Gefühle hoch…

Durch regelmäßige Praxis können Themen aus dem Unbewussten nach oben kommen oder neue Ängste und Krisen entstehen. Das ist nicht nur unerwartet anstrengend, ermüdend, sondern kann mitunter sogar gefährlich für unsere psychische Gesundheit werden.

Extrembeispiel ist die „dunkle Nacht der Seele.“ Das ist der Titel einer Schrift von Johannes vom Kreuz, einem spanischen Mystiker im 16. Jahrhundert. Wikipedia schreibt: „In der psychologischen und populärpsychologischen Literatur wird „die dunkle Nacht der Seele“ auch als Metapher für die Depression verwendet.“ Und das kommt nicht von ungefähr.

Der Psychoanalytiker Roberto Assagioli thematisiert für den sehr weit fortgeschrittenen mystischen Verwandlungsprozess einen „mystischen Tod“, den er ähnlich charakterisiert wie Johannes vom Kreuz die „dunkle Nacht des Geistes“ und auf den er sich auch direkt in seinen Beschreibungen bezieht. Diese Phase ist durch intensive Leiden und durch Symptome gekennzeichnet, die einer starken Depression ähneln. Es handle sich um eine „seltsame und schreckliche Erfahrung“, die „allem Anschein zum Trotz kein pathologischer Zustand [ist]; sie hat spirituelle Hintergründe und einen großen spirituellen Wert“.

(Sabine Bobert, Transformierte Sicht auf Mystik)

Roberto Assagioli verglich den Transformationsprozess, dem ein Mensch sich auf dem spirituellen Weg unterwirft, mit den Erfahrungen des Reisenden in Dante Alighieris „Göttliche Komödie.“

Wenn ihr dieses Werk kennt, so wisst ihr, dass Dante darin zuerst eine Reise in die Hölle beschreibt, bevor er allmählich in das Paradies aufsteigt. Es geht also zuerst runter – und nicht hoch! Ganz anders also, als man naiv erwarten könnte: „Jetzt meditiere ich viel, dann geht es mir stetig besser…“

Spirituelle Krisen sind normale Begleiterscheinungen einer ernsthaften Praxis. Die „dunkle Nacht der Seele“ ist dabei nur das Extrembeispiel.

„Vor der dunklen Nacht der Seele […] ist man nichts anderes als ein Klumpen Eisen, der während des Tranformationsprozesses ins Feuer geworfen wird, wieder und wieder erhitzt, wieder und wieder beschlagen, jahrelang, mit größter Wucht und größter Sorgfalt, sodass am Ende, wenn alles gut geht, ein scharfes, glänzendes Schwert entsteht.“

Tanja Braid auf ihrem Blog neoterisches-bewusstsein.com

Der transpersonale Psychologe Stanislav Grof, der u.a. auch ein Buch über spirituelle Krisen geschrieben hat, wies als einer der ersten darauf hin, dass es sich bei einigen Erfahrungen und ungewöhnlichen Bewusstseinszuständen, die von der klassischen Psychiatrie als eine Geisteskrankheit diagnostiziert und behandelt wurden, in Wirklichkeit um Krisen handelt, die mit der persönlichen Transformation auf einem spirituellen Pfad zusammenhängen – die Psychose müsse also von einem mystischen Zustand unterschieden werden.

Zu den möglichen Symptomen einer spirituellen Krise gehören alle möglichen körperlichen Symptome, innere Unruhe, die Unfähigkeit, Erlebnisse mit dem bisherigen Weltbild in Einklang zu bringen, Ängste, depressive Zustände, aber auch parapsychologische Phänomene, Probleme, Spiritualität und Alltagsleben unter einen Hut zu bringen u.v.m.

„Spirituellen Krisen können zum einen in der spirituellen Praxis selbst auftauchen (unsachgemäße Anleitung oder ungenügende innere Vorbereitung und psychische Stabilität des Betroffenen), zum anderen können sie auch durch spontane spirituelle Erlebnisse entstehen (z.B. paranormale Erlebnisse, Nahtodeserfahrungen oder plötzliches Erwachen der „Kundalinienergie“, die die Betroffenen in ihr Weltbild nicht einordnen können.)

(Netzwerk für spirituelle Entwicklung und Krisen, http://www.senev.de)

Ken Wilber weist nachdrücklich und mehrfach darauf hin, dass zu einer integralen Lebenspraxis unbedingt auch Schattenarbeit gehört. Meditation könne den Schatten sogar noch verstärken. Deshalb hätte auch fortgeschrittene Meditierende oft viele Schattenanteile, die nicht verschwänden. (z.B. Integrale Spiritualität, S. 182)

Zwei Gründe, den Weg nicht allein zu gehen, sondern in Begleitung.

In der orthodoxen Kirche ist der Brauch, sich einen geistlichen Vater zu suchen, wesentlich weiter verbreitet als in der evangelischen oder katholischen Kirche – so jedenfalls mein Eindruck. Ich glaube jedoch, dass, je mehr Christen sich auf den Weg der Mystik begeben und eine ernsthafte Transformation ihres Lebens anstreben, der Bedarf nach professioneller geistlicher Begleitung zunehmen wird. Nicht nach Seelsorge im klassischen Sinn, sondern nach Begleitung durch eine Person, die dazu fähig ist, spirituelle Krisen zu erkennen, einzuordnen und ggf. rechtzeitig an einen geeigneten Therapeuten zu verweisen.

Eine Idee, die ich deshalb vor kurzem hatte, war, hier auch Menschen vorzustellen, die ihr kontaktieren könnt, wenn ihr euch eine geistliche Begleitung oder einen spirituellen Coach wünscht. Was haltet ihr davon?

Hier noch ein paar interessante Quellen für euch:

Die Bloggerin Tanja Braid über die „dunkle Nacht“ und Kundalini und hilfreichen Literaturtipps:

https://www.neoterisches-bewusstsein.com/dunkle-nacht-der-seele-kundalini/

Die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross teilt in ihrem Buch „Über den Tod und das Leben danach“ ihre persönliche Erfahrungen der „Dunklen Nacht der Seele“ und in Folge darauf des Einheitsbewusstseins mit dem Göttlichen, die sie nach der Teilnahme an einem wissenschaftlichen Experiment über außenkörperliche Erfahrungen hatte. Ihr könnt sie euch auf YouTube anhören. Sie beginnt ab 2 h 15 Min.

Wenn ihr Hilfe braucht:

Netzwerk für spirituelle Entwicklung und Krisen, http://www.senev.de

Verein zur Förderung und Entwicklung ambulanter Krisenbegleitung: http://www.frei-raum-berlin.de/index.php

Christliche Schattenarbeit

Schattenarbeit ist das Bemühen darum, sich diesem Unbewussten wieder bewusst zu werden, zu stellen und es auf eine gesunde produktive Art zu reintegrieren.

Heute will ich mich mit euch einem der wichtigsten Themen der integralen Praxis widmen: Der Schattenarbeit. Ich bin der festen Ansicht, dass die christliche Tradition uns hier einen überreichen Schatz zur Verfügung stellt, der viel zu selten gehoben wird.

Zunächst allerdings zum Begriff „Schattenarbeit“ für alle, die damit noch nichts oder nur wenig anfangen können. Der erstmalige Verwendung des Begriffs „Schatten“ in dem Sinn, wie wir ihn hier verwenden, wird üblicherweise dem Psychologen C.G. Jung zugeschrieben. Der Schatten eines Menschen enthält nach Jung, was seinem positiven Selbstbild und seiner Darstellung nach außen entgegensteht und deshalb ins Unbewusste verdrängt wird. Nach außen sichtbar wird lediglich in Form von Projektionen, wie z.B. dem Hass auf Charaktereigenschaften eines anderen Menschen oder heftigen emotionalen Reaktionen, die in keinem adäquaten Verhältnis zur Situation stehen.

Schattenarbeit ist das Bemühen darum, sich diesem Unbewussten wieder bewusst zu werden, zu stellen und es auf eine gesunde produktive Art zu reintegrieren. Es bedeutet also eine intensive, unter Umständen bis an die Grenzen gehende Herausforderung, sich den dunklen, ungeliebten Stellen in den Tiefen unserer Psyche zu stellen, um sie schließlich liebevoll zu umarmen.

Die Kirchenväter und auch die Seelsorger heutiger Tage verwenden dazu seltener den Begriff „Schattenarbeit“, sondern sprechen von einem Kampf mit den Dämonen. Je nach Ebene wird dieser Kampf allerdings unterschiedlich gedacht: Einmal als reale Besessenheit von außen, und einmal bildlich, also so, dass es sich bei den „Dämonen“ um Teile unserer Selbst handelt, mit denen wir ringen. Je nachdem lesen wir selbstverständlich auch die biblischen Geschichten über Versuchung anders.

Werfen wir zunächst einen Blick darauf, welche Methoden der Schattenarbeit uns in der Bibel begegnen. Später will ich auf spätere Formen und Möglichkeiten zu sprechen kommen.

Nach seiner Taufe im Jordan zieht sich Jesus zurück. Er nimmt Abstand von der Gesellschaft, Abstand von dem, was geschehen ist, Abstand vom Alltag. Diesen Rückzug machen ihm später zahlreiche Menschen nach, ob als Eremiten, Mönche, Nonnen, Kloster auf Zeit.

Er nimmt sich Zeit. Ganze vierzig Tage.

Als Ort wählt er die Wüste. Die Weite und Leere der Wüste scheint ein perfekter Ort dafür, das eigene Innere nach außen zu projizieren und damit zu ringen. Manchmal gibt es nichts Schwierigeres, als mit sich selbst allein zu sein. Keine Zerstreuung, kein Gesprächspartner.

Während er in der Wüste weilt, fastet er zudem. Er verzichtet eine Zeit lang auf das Essen als Ablenkung, Vertröstung, Kraftverschwendung. Alles dient der Fokussierung.

Und er ringt mit dem Teufel. Wir könnten auch sagen, mit all den vielen verschiedenen Stimmen in sich, die ihm helfen, durch Abgrenzung zu sich selbst zu finden. Kaum werden wir leise, hören wir sie umso lauter: Unsere ständig kreisenden, plappernden Gedanken und Überlegungen. Und je länger wir alleine sind, desto mehr Macht gewinnen sie über uns. Jesus verlässt die Wüste gestärkt und selbstbewusst.

Jesus sitzt auch nach seinem Wüstenaufenthalt regelmäßig in der Stille. Allein. Auch kurz vor seiner Verhaftung im Garten Gethsemane. Seine Gebetspraxis ist gleichzeitig die effektivste Schattenarbeit. Es gelingt ihm gleichzeitig, den kleinen, ängstlichen und lebenshungrigen Mann in sich zu umarmen, der am liebsten fliehen würde und alles rückgängig machen, was zu seiner Kreuzigung geführt hat – und sich dem großen, unbegreiflichen Gott gegenüber fallen zu lassen, der unsagbares mit ihm vorhat.

Wenn wir unseren Schatten kennenlernen wollen, geben uns unsere Projektionen wertvolle Hinweise.

In Mt 7,3 rät Jesus uns dazu, den Balken im anderen Auge als eigene Projektion zu erkennen. Der Balke in unserem eigenen Auge ist es, der überhaupt erst macht, dass uns der Balke im anderen Auge stört.

1 Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.

2 Denn wie ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden.

3 Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?

4 Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen! – und siehe, ein Balken ist in deinem Auge?

5 Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.

Der Mediziner und Bestsellerautor Rüdiger Dahlke bringt es auf seinem Blog (http://blog.dahlke.at/schattenarbeit-im-beziehungs-alltag/) auf die einfache Formel: „Was immer uns stört hat mit uns zu tun.“ Schattenarbeit könne deshalb wunderbar im Beziehungsalltag integriert werden. Was uns am Partner stört, gibt uns Anhaltspunkte dafür, woran wir uns an uns selbst noch stören. Die Ehe sei deshalb die beste Psychotherapie. Tatsächlich gilt die Ehe in der katholischen Kirche als Sakrament, in der orthodoxen als Mysterion/Geheimnis als ein Weg der Heiligung. Was für die Ehe gilt, trifft selbstverständlich für jede andere engere Gemeinschaft ebenfalls zu.

Darüber hinaus hindert uns die Beschäftigung mit dem Balken im Auge des anderen daran, uns auf uns selbst zu konzentrieren und an uns zu „arbeiten“. Es ist der beste Weg, jede Verantwortung und Schuld von uns wegzuschieben. Damit aber leider auch der beste Weg, uns selbst zu verfehlen.

Jesus rät uns in der Bergpredigt Mt 5 dazu, unsere Feinde zu lieben. Dieser Rat enthält mehrere hilfreiche Aspekte. In unserem Kontext bedeutet er, dass wir es unseren Feinden zu verdanken haben, zu wissen, wer wir sind und wer wir nicht sind. Sie verhelfen uns dazu, unsere Grenzen kennenzulernen und zu definieren. Ohne unsere Feinde wären wir nicht „wir“.

Bei der Schattenarbeit geht es nicht darum, mit zerknirschtem Gesicht unsere Schuld zu bekennen. Leider ist das die einzige verdrehte Form der Schattenarbeit, die ich in unseren evangelischen Gottesdiensten beobachten kann. Da wird zum Beispiel in einer Predigt freimütig gestanden, dass er, der Pfarrer, möglicherweise zu Narzissmus neigt, da er so gerne zu anderen rede. Das ist keine echte Schattenarbeit. Denn diese hat nicht die Zerknirschung oder das Bekenntnis irgendeiner Schuld zum letztendlichen Ziel, sondern die liebevolle Integration des Unvollkommenen und Bösen in uns mit dem Ergebnis echten inneren Friedens.

Was meint ihr? Ihr dürft gerne weitere Aspekte ergänzen, die euch dazu einfallen.